Heimatkunde – Geografie – Geschichte – Neu erleben


Vor zweiundsiebzig Jahren gab es in der Schule das Fach Heimatkunde. Ganz klein fing es an, dass wir Zweitklässler (damals in der 7.Volksschulklasse) im Unterricht unseren Heimatort kennen lernten.

So viel Spannendes erfuhren wir. Und der Kreis der Heimat wurde nach und nach größer. Es war noch friedlich in unserer Welt. Noch konnten wir mit unserem Vater Radtouren durch den Kreis Teltow unternehmen, wobei das in der Schule so wunderbar ergänzt, untermauert wurde.

Im dritten Schuljahr ging es mit dem Unterricht raus in die Mark Brandenburg. Eine Dampferfahrt mit der ganzen Klasse von Schmöckwitz nach Woltersdorfer Schleuse, eine schöne Rundfahrt auch über den größten See bei Berlin zeigte uns die Natur, die wir im Klassenzimmer so ganz klein auf der Landkarte studieren konnten.

Und da haute uns der Krieg in unseren Lehrplan gewaltig rein. Zu den Landkarten über Deutschland gesellten sich jetzt die Landkarten von den Kriegsschauplätzen. Und da irgendwo in Polen machte man aus unserem Vater einen Soldaten. Ich war nicht alleine, der den Vater vermisste und nicht mehr von ihm lernen konnte.

Unser Vater landete im Wehrmeldeamt II in Jüterbog. Ein Schreibstuben-Job, der nebenbei auch was einbrachte: Vater nahm die schon wieder hinfällig gewordenen Landkarten aus der Propaganda und schnitt nach einer Schablone Briefumschläge, innen das Stück vom Kartenabdruck und außen weiß.

Da kamen die Zeitschriften „Die Wehrmacht“ und „Der Adler“ mit so tollen Bildern ins Haus, und wir verschlangen die Berichte – Propaganda? Was das bedeutet, wussten wir nicht, eben nur wenn Soldaten mit dem Ärmelzeichen „Propaganda-Kompanie“ beim Kino auftauchten, dann musterten wir sie, wir die Pimpfe.

Inzwischen wechselten viele von uns in die Oberschule über. Wir hatten schöne lange Ferien: das Schuljahr 1940/41 endete zu Ostern, das Schuljahr 1941/42 begann im Herbst. In diesen Ferien durfte ich mal weiter weg von Berlin und der Mark Brandenburg die Welt betrachten: es ging zur Großmutter in den Harz.

Irgendwann gab es diese abgelegten Landkarten nicht mehr, oder hatte Vater keine Zeit mehr zum Zuschneiden der Umschläge? Er landete dann in Berlin in der Greifswalder Straße, saß wieder in der Schreibstube, war vom Schützen über den Oberschützen und Gefreiten zum Obergefreiten befördert worden.

Da es hier draußen in Eichwalde keinen Frisör mehr gab (ich weiß nicht, warum Frauen damals keinen Herrenschnitt ausführten), fuhr ich zu Vater regelmäßig in die Kaserne in der Greifswalder Straße, dort schnitt mir ein Soldat auf der Achtmannstube die Haare, Militärschnitt. Danach musste ich (in Pimpfen-Uniform) zum Kompaniechef, mich dort richtig melden.

Bei den Lehrern wanderten die jungen ins Feld, ältere, schon pensionierte kamen in die Klassen. War da ein „Professor“ (soll ein Österreicher gewesen sein), der uns von Krieg 1916 in Vorderasien erzählte, wo er teilgenommen hatte. Die große Landkarte zeigte noch das Osmanische Reich. Und wir nicht faul – der Alte Herr möge uns posthum verzeihen – ballerten mit unseren Zwillen (Katapult) die kleinen Kastanien auf die Karte, immer dann, wenn er sich zur Karte gewendet hatte.

Im Unterricht wurde der Rhein besprochen. Aufgepasst habe ich nicht. Und den geforderten Aufsatz über das Ganze habe ich auch nicht abgeliefert. Ich weiß nicht, ob es dafür einen Eintrag im Klassenbuch gegeben hat. (Ich habe an dieses Manko auch noch denken müssen, als wir zehn Jahre später in Bonn am Rhein landeten und ich die Radtour rheinaufwärts unternahm).

Die Mutter fuhr mit mir mit dem Zug durch die Mark und Schlesien ins Glatzer Bergland. Bis Mittelwalde ging’s, von dort mussten wir 5/4 Stunden marschieren. Berge, so hoch hatte ich sie noch nicht erlebt. Das Altvatter-Gebirge. Wir sind viel gewandert. Doch die Bahnfahrten und die Stadt Glatz waren so markante Punkte.

Der Krieg brachte die Fliegeralarme, also viel Zerstörung und schlaflose Nächte. Der zweite schwere Angriff, unter dem Eichwalde etwas auf’s Dach bekam, war für unsere Mutter Zeichen, sich mit uns Kindern in den Odenwald zu evakuieren. Wieder ein Stück auf der Landkarte, das wir von Deutschland kennen lernten. Besonders aber waren es Kursbuch und Eisenbahnkarte, die wir studierten.

Der Krieg war zu Ende. Nach dem Potsdamer Abkommen und der Reise der Mutter zur Großmutter im Harz, wo sie erfuhr, wo unser Vater nach seiner Verwundung in Dänemark dann abgeblieben war, ging Mutter mit uns Kindern in ein Flüchtlingslager in Berlin im Britischen Sektor. Britische Soldaten fuhren uns mit Militärfahrzeugen in die Britische Zone.

Von da ab öffnete sich für uns ein ganz neuer Atlas – wir waren im Westen, der zu der Zeit noch dreigeteilt war, wir hatten den Osten, die sowjetisch besetzte Zone verlassen. Erst war Niedersachsen für vier Jahre unsere neue Heimat. Dann aber landeten wir in Bonn. Fahrrad, Moped, Bahn waren für Jahre erst einmal unsere Reisegefährten.

Dann kam das Auto dazu, Deutschland-West war Reisefläche, na ja auch die Anrainer-Staaten wurden bereist. Landkarten und Atlanten waren schnell veraltet, mussten rechtzeitig erneuert werden. Dienstlich ging es oft auch mit schnellen Zügen durch die Republik. Spannend wurde es, als Dienstreisen über den Großen Teich mit den Jets anstanden. Ein Auto-Atlas aus den Staaten zeigt noch Markierungen von mit dem Auto gefahrenen Strecken.

Und nun? Naja, für nahezu drei Jahre haben der ICE und das Auto uns in großen Strecken zusammen geführt. Zum Jahresende lande ich für immer (??) wieder am Ausgangspunkt, in Berlin. Ich freue mich darauf.

ortwin

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Kommentare (6)

ortwin Ja, im Augenblick hat's mich nieder gehauen. Da ist das an diese Zukunft denken in den Wirrwar von Krankheit und Umzug so verwurschtelt.
Dieser "letzte Urlaub" in Berlin wird überschattet von Dingen, die zum Nachdenken gereichen. Kaum angekommen kamen Tropfnase und Auswurf auf mich zu - nun ist es eine Lungenentzündung, das ergaben die Röntgenaufnahmen - morgen wollen wir die Ärztin fragen, ob es angebracht ist, ins Bw-Krankenhaus zu gehen. Oder reicht die Verschiebung der Heimreise um eine Woche aus, mich reisefähig zu machen. ZU Hause kann ich es dann langsam angehen lassen, sind doch z.B. Kartons zu ordern und so nach und nach bei frischer Luft die Bücher einzupacken.
Dann erwischt mich hier in dieser Schwäche die Nachricht über den Tod meines Freundes Lee Bishop in Las Vegas. Und gestern kam auch noch aus Bayern die Nachricht über den Tod unseres langjährigen Spießes im Lechfeld, ein Mann, der sich 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin Lorbeer erkämpft hatte, ihn hat's in Sekunden "umgehauen".
Man empfindet solche Nachrichten wohl viel sensibler, wenn man nicht auf dem Damm ist, als wenn die Nachrichten so zwischen zwei Haltestellen hereinplatzen.
Und gerade kam wieder eine Hiobs-Botschaft herein: am ABX Schönefelder-Kreuz, ganz in der Nähe des neuen Großflughavens, ist ein Polnischer Reisebus verunglückt, es gab viele Tote.
Da halten wir Beide uns ganz fest und hoffen, dass im November Alles gut über die Bühne gelaufen ist und von da an der Weg zu einander nur noch kurz ist.
Z.Zt. empfange ich so viel Liebe und Zuwendung wie ehrich nie zu vor.

ortwin
tilli † Lieber Ortwin!
Wir kennen uns jetzt schon eine Weile ich hoffe,das dieses Treffen mit deinen Kindern staatfindet.Hoffentlich wirst du uns es erzählen. Das wird eine wahre wunderbare Geschichte werden.
Ivch grüße dich herzlich Tilli
omasigi strategisch vorgeplant.
Alle Achtung lieber Ortwin.

So bleibt man anscheinend jung?
gruessle
omasigi
ortwin Ich schreibe und schreibe, so, wie es mir einfällt. Und konserviere das Geschriebene erst einmal in PDF-Dateien (der Quellkode bleibt mir zur Verbesserung erhalten). Aber wann ist ein Buch fertig? Doch eigentlich erst dann, wenn ich den Griffel weglege.
Und wer ist mein Lektor ? Wer reiht das einmal so zusammen, dass es im Ganzen lesbar ist, dass ich es meinen Geschwistern, meinen und ihren Kindern vorlegen kann?
Ich brauche da schon fünfzig Exemplare. Da kostet's schon etwas.
Zur Zeit muss ich für meinen Umzug und den Neuaufbau meiner künftigen Wohnung die Gröschelchen zusammen halten.
Heute, wo meine zweite Tochter an Mutter's 101ten Geburtstag ihren fünfzigsten Geburtstag hat (auch mitten im Umziehen), habe ich an meine vier Kinder zu meinem nullten Genurtstag im Februar 2011 die Einladung verschickt, dass ich sie dazu alleine einlade: seht selbst...
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Meine lieben Kinder,
liebe Christiane,
lieber Ulrich,
liebe Berolina,
liebe Eveline,

heute wird Berolina fünfzig Jahre alt – wie schnell ist doch die Zeit vergangen. Und nun steht sie im Stress des Umzuges, so, wie ich mich ab dem 29ten auch in die Tortur des Packens für den Umzug nach Berlin begebe.

Heute morgen habe ich Berolina schon telefonisch gratuliert. Wollen wir hoffen, dass die Familie Walther den Umzug bald überstanden hat und sich doch auch am neuen Standort wohl fühlt.

Ich weiß nicht, ob Ihr wisst, dass ich im kommenden Jahr auch „nulle“. Und dazu möchte ich meine vier Kinder mal ganz alleine zu mir in mein neues Zuhause in Berlin einladen. Ich möchte sie für einen Augenblick ganz für mich haben, ihnen in die Augen schauen dürfen und ihnen alleine zuhören.

Sowas will von langer Hand und rechtzeitig geplant sein. Für jeden von Euch möchte ich die Fahrkarten buchen. Wenn es dieses Angebot noch weiterhin gibt – je Fahrt und Person geht das für 29 € - die ich rechtzeitig (drei Monate voraus ist Verkaufsbeginn) im Internet abrufen kann.

Und dann können meine Kinder sich in die gebuchten Züge setzen – ein Stück Deutschland durchfahren – und hier in Berlin ankommen. Auch dazu habe ich mal so eben etwas die Fahrpläne durchgesehen – zum 13.12.2010 kann man das z.Zt. noch machen – so sind die jetzigen Versuchsballons nur ein Ansatz, denn allzu viel wird bei den Taktverkehren kaum verändert.

Wie stelle ich mir das Ganze vor?

Alle kommt Ihr in Berlin-Hauptbahnhof an. Die „Südländer“ kommen in Berlin Hbf tief an, die „Westwärtigen“ kommen oben im Hbf an. Ich habe das Treffen so „eingerichtet“, dass wir ungefähr (2 Minuten Zeitunterschied) alle auf dem S-Bahn-Perron zusammentreffen können. Denn wir müssen mit der S-Bahn weiterfahren, erst bis Ostkreuz, da müssen wir hochklettern zu den Nord-Süd-Zügen. Jeder S-Bahnzug (außer den Ringzügen) bringt uns bis zur S-Bahnstation „Plänterwald“. Und nun noch fünf Minuten maximum bis zur n-Straße 13 1.OG lks.

Die herausgesuchten Zugverbindungen gelten für heute, sind vielleicht dann ebenso gültig zum Anreisetag „X“.

Stellen wir uns vor, der Anreisetag ist Samstag, der 19.Februar 2011:
Berolina und Uli RE 3384
Augsburg Hbf Gl 8 Nord 09:18
Nürnberg Hbf Gl 6 10:25
umsteigen ICE 108
Nürnberg Hbf Gl 7 10:33
Berlin Hbf tief 15:10

Eveline ICE 557
Köln Hbf Gl 2 10:48
Berlin Hbf Gl 12D-C 15:08

Christiane ICE 547
Dortmund Hbf 11:48
Berlin Hbf Gl 12-DC 15:08

Dann wäre ein Sonntag zum Staunen über Berlin.
Da spielt das Wetter mit, was wir so angreifen.
Und am Montag wäre dann besagter Nulltag.
Und da Ihr gewiß bald wieder nach Haus wollt, müsstet Ihr mir Euren Rückfahrtermin rechtzeitig (also bis zu drei Monate voraus) mitteilen – ich komme termingerecht darauf zurück.

Nun kaut mal den scharfen Tobak, den ich Euch hier vorgesetzt habe, heute, wo Berolina zum fünften Mal nullt.

Ich grüße Euch recht herzlich
Vater

Mittwoch, 22. September 2010
Gruß kommt aus Johannisthal

ortwin
omasigi unsere Tilli kraeftig unterstuetzen.
Lieber Ortwin,
auch ich lese die Geschichten gern, die Du hier herein stellst.
Du schreibst es so, dass die nach uns geborenen eine Vorstellung
bekommen wie es frueher einmal war.

Wuensche Dir eine gute Woche
gruessle
omasigi
tilli † Lieber Ortwin!
Ich habe dir schön öfters geschrieben.Jetzt schreibe ich dir es noch einmal. Deine Geschichten aus der Jugendzeit,Kindheit,Elternhaus.Deine Reisen und Erlebnisse, hast du uns in vielen Blogs vorgestellt.Ich kenne dich besser, als manche Verwandte. Du schreibst viel und du hast was zu erzählen. Dazu kannst du mit deinen Worten gut umgehen.Alles liest sich wie eine Vorstellung der Jahre die vergangen sind. Ja, und es ict wichtig, das man sie nicht vergißt.
Ein Verlag wie BOD ist eine Gesellschaft die uns unsere Bücher bringen kann, mit wenig Geld. Ein Buch von dir. mit allen deinen Heimatgeschichten, das wäre doch eine Erinnerung für dich, deine Familie und die User die dich lesen.
Das Buch würde ich nennen "Heimatgeschichten und Erinnerungen "
Ich grüße dich herzlich und denke mal nach.
Tilli.

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