Himmlisch wirkende Kräfte



Schöllkraut.jpg


Himmlisch wirkende Kräfte

Genügsam in der Mauerritze,
dort auch versteckt
zwischen Schotter und Stein,
erblüht im Mai aus kleiner Spitze
ein hellgelbes Sternchen, strahlend und fein.

Den Menschen ist‘s seit Urzeit vertraut
als Augenkraut, Hexenmilch, Goldwurz, Jölk,
verbreitet kennt man es als Schöllkraut
bei allen Freunden der Heilkräuterwelt.

Bitter ist der oranggelbe Saft,
der aus gebrochenem Stängel vorquillt,
darin enthalten wirksame Kraft,
als Arkanum vitae* sie Heilern gilt.

Dies wusste schon Aristoteles*,
auch Plinius* konnte er gut taugen
und der Grieche Dioskurides*
heilte mit ihm Verdunklung der Augen*.

Selbst etliche Hauterkrankungen
lassen sich gut mit dem Saft verarzten,
zudem ist es recht
oft gelungen,
rasch weg zu bringen hässliche Warzen.

Das Kraut enthält Alkaloide*,
vor allem Berberin* und Coptisin*,
diese Stoffe wirken solide
leicht spasmolytisch* und cholagogen*.

Altehrwürdigen Alchimisten
galt Schöllkraut als Materia prima,*
denn viele dieser Meister wussten
es recht zu nutzen im Zauberschema.

Maria Treben* liebte das Kraut,
denn mehrfach hat sie es angewendet
und den heilenden Kräften vertraut –
das Ungemach war stets rasch beendet!

............................

Drum achte man die goldnen Blüten,
die sich am versteckten Orte zeigen,
dem Schöllkraut – wie wir heute wissen –
sind himmlisch wirkende Kräfte eigen.


© Syrdal 2020

…………………………….

Erklärungen:
*Arcanum vitae = Heilmittel mit lebensverbessernder und lebensverlängernder Wirkung; Nektar der Unsterblichkeit
*Aristoteles (* 384 bis † 322 v. Chr.) = griechischer Universalgelehrter
*Plinius der Ältere (* etwa 23 bis † 79 ) = römischer Gelehrter, Verfasser der Enzyklopädie zur Naturkunde „Naturalis historia“
* Dioskurides (* 40 bis † 90 n.Chr.) = griechischer Pharmakologe und Arzt, verfasste in fünf Bänden die "Materia medica", in der er über 600 Arzneipflanzen beschrieben hat
*Verdunklung der Augen = Augentrübung, „grauer Star“ (Katarakt)
*Alkaloide = hauptsächlich pflanzliche stickstoffhaltige Moleküle
*Berberin = medizinisch nützliches Pflanzenalkaloid
*Coptisin = Hauptalkaloid des Schöllkrautes mit zytostatischer, antimikrobieller und antiphlogistischer Wirksamkeit
*spasmolytisch = krampflösen
*cholagogen = die Galle antreibend
*Alchimist = mittelalterlicher Chemiker
*Materia prima = Ursubstanz, mit der die Bereitung des Steins der Weisen, der ultima materia, beginnt.
*Maria Treben = österreichische Pflanzenkundlerin mit alternativen Behandlungsmethoden in der Tradition von Pfarrer Sebastian Kneipp
 

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Kommentare (6)

Tulpenbluete13

Lieber Syrdal,

da hast Du Dir ja wieder ganz schön viel Mühe gemacht, danke dafür, aber Du hast recht das Schöllkraut ist sehr genügsam beim Aufwachsen und dabei so eine tolle Arzneipflanze. Aber selber verarzten würde ich mich doch nicht- obwohl es bei mir in mehreren Büscheln wächst.

Ich glaube es ist dann doch besser man holt sie die Pflanzenwirkstoffe in der Apotheke..
aber das kann ja jeder so machen wie er möchte.

Nochmal Dankeschön für Deine Hommage an das Schöllkraut...

eine schöne Woche wünscht Dir
Angelika

Syrdal

@Tulpenbluete13
 
Was die Mühe betrifft, liebe Angelika, kann diese durchaus Freude bereiten, wenn man sich ernsthaft und mit Interesse einer Sache widmet. Und das ist bei Pflanzen, insbesondere bei Heilpflanzen, recht schnell in entsprechender Weise gegeben.

Recht hast du, wenn du mit der Anwendung von Pflanzenheilstoffen vorsichtig bist, denn auch da muss man wissen w i e sie zur Anwendung gelangen dürfen, um die beabsichtigte Wirkung zu haben. Und das ist eine spezielle Wissenschaft für sich, man denke nur an Digitalis (Fingerhut) als eine hochwirksame Pflanze in der Kardiologie, aber in zu hoher Dosierung kann der Saft der schönen Pflanze tödlich sein. – Ja früher wusste man mit Pflanzenheilstoffen sehr wohl umzugehen, vor allem die „Kräuterweiblein“ hatten umfangreiche Kenntnisse, die uns aber nicht mehr zugänglich sind… leider!

Danke für dein Interesse!
Liebe Grüße für sonnige Spätfrühlingstage von
Syrdal
 

Monalie

hallo Syrdal was du so weißt,ich bin erstaunt. jetzt sehe ich dieses Blümchen in einem anderen Licht, Heilkräfte soll es haben,wie wenig ich weiß,danke für dein schönes Gedicht gern gelesen von Mona

Syrdal

@Monalie

...und das, liebe Mona, ist ja doch nur eines von überaus vielen Kräutern und Blumen und Pflanzen, die ganz tolle Heilstoffe in sich haben. Früher wusste man das alles ganz genau – man denke nur an die alten Kräuterweiblein, die dann oft als Hexe verschrieen wurden. Aber auch der Apothecarius und viele heilkundige Ärzte, damals oft Bader genannt, kannten sich mit der Kräuterheilkunde (vor allem in der Klostermedizin) bestens aus. Nicht umsonst heißt es: Gegen jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen.

Es freut mich, dass dir mein Heilkräutergedicht gefällt.
Einen frohen Pfingsttag wünscht dir
Syrdal
 

henryk

Drum achte man die goldnen Blüten,
die sich am versteckten Orte zeigen,
dem Schöllkraut – wie wir heute wissen –
sind himmlisch wirkende Kräfte eigen.

Lieber Syrdal..Du bist nicht nur ein grosser Poet..aber auch ein Wissenschaftler der Natur..Gratulation....VG Henryk


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Syrdal

@henryk
 
Lieber henryk, das ist eine wirklich feine Belobigung und ich weiß, dass du sie ehrlich meinst… Danke!
Aber wenn man sich gerne in der Natur bewegt, sie liebt, aufmerksam betrachtet und sich dann auch mit einzelnen Pflanzen ein wenig näher befasst, wird man immer wieder staunen, welch ein ungeahnter Reichtum uns damit geschenkt ist. Und gerade das kleine Schöllkraut mit seinen schönen goldenen Blüten wird kaum beachtet oder als „Unkraut“ angesehen. Dabei ist es voll von „himmlisch wirkenden Kräfte“, wir brauchen sie nur zu in rechter Weise nutzen…

Mit Dank und Freude grüßt dich zum Pfingstfeiertag
Syrdal
 


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