Termine oder irgendwelche dringliche Vorhaben habe ich heute nicht. Na gut, ich könnte auch saugen, Fenster putzen oder sonstigen hausfraulichen Tätigkeiten frönen; muss aber nicht sein. Was habe ich denn sonst schon lange nicht mehr gemacht? Ikea! Das gehörte zwar nicht unbedingt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, mir da die Füße platt zu laufen, aber ich war ewig nicht mehr dort. Gut, fahre ich zu Ikea!

Als ich ins Auto steige, stelle ich den Kilometerzähler ein: Mal sehen, wie viele Kilometer es bis dorthin sind; nur mal so, aus Jux und Dollerei. Der Verkehr hält sich in Grenzen; diverse Baustellen müssen ja wohl sein, schließlich ist Sommer, da wird gerne getiefbaut. Da die Sommerferien aber noch nicht ausgebrochen sind, ist es auch nicht sonderlich problematisch, einen Parkplatz vor dem riesigen Möbelhaus zu finden. Bevor ich es betrete, nehme ich mir fest vor: Keine überstürzten größeren Anschaffungen, auch keine Schnickschnackkäufe, bloß kucken.

Um mich fit zu machen vor dem Einfädeln in den Parcours durch die Abteilungen Wohnen, Schlafen, Kind, Küche, Bad, Büro, Sonstiges, suche ich sicherheitshalber erst noch mal die am Eingang gelegenen Toiletten auf. Wer weiß, ob ich die später noch mal wiederfinde.

Danach folge ich dem breiten Gang und den anderen Schau- und Kaufwilligen. Noch halte ich mich an den mir selbst verordneten Bummelschritt. Nach fünf Minuten sitze ich erst Probe auf ledernem „Klippan“ und dann auf einem lila bezogenen Dreisitzer, über dessen Lehne etwas Unabdingbares und Hochnützliches hängt, das sich „Knörre“ oder so ähnlich nennt und eine Aufbewahrungsvorrichtung aus grobem Stoff ist - für die Fernbedienung des Fernsehers, des Videorecorders, der Stereoanlage und der Brille. Das ist doch wirklich praktisch – Schluss mit dem Suchen, ein Griff über die Seitenlehne des Sofas und schon ist alles griffbereit! Vorausgesetzt natürlich, man legt diese Utensilien auch dort ab.

Die Schlafzimmerabteilung kann flott, ohne anzuhalten durchschritten werden...Ach nee, ich könnte ja mal nach einem Nachttischchen Ausschau halten. Meins ist zwar noch relativ neu, aber Verbesserungen soll man ja nicht übersehen. Oh, da hinten ist Bettwäsche im Angebot! Ob die vielleicht solche schönen altmodischen Bezüge haben, die ich so gerne leiden mag? Ich spurte mal eben rüber! Ach, die Grössen passen nicht, ich brauche 155x200, nicht 140x200, auch nicht 155x220.... Macht nichts, die Muster gefallen mir sowieso nicht.

Den Sektor Kindermöbel kann ich nun wirklich auslassen und durcheilen. Im Bad fehlt es bei mir auch an nichts. Halt! Ein neuer Spiegelschrank wäre nicht schlecht. Mit einem Auge bei den Spiegelschränken (schon ein bisschen anders als die üblichen Aliberts, aber sooo begeisterungswürdig denn nun auch nicht), mit dem anderen bei den Handtüchern, die Füße spurten derweil weiter in Richtung Büromöbel. Erst als ich mich unwillig brummelnd an einem Paar vorbeidrängele, das sich über irgendwas nicht einig werden kann und in eine Diskussion versunken den Weg zu den Schreibtischstühlen blockiert, merke ich, dass ich längst in gehetzten Stechschritt verfallen bin. Ey, ich wollte doch durch Ikea bummeln!! Ich bremse ab, doch spätestens in der Abteilung „Marktplatz“ mit den vielfältigen Angeboten verfalle ich wieder in hektischen Kaufrausch: Bilderrahmen kann ich doch immer einsetzen.... Mensch, dieses Schuhaufbewahrsystem kann man auch prima als Mülltrennbehälter umfunktionieren! Oh ja, das kauf ich! Ganz sicher! Gibt es bestimmt kurz vor der Kasse noch mal, warum also jetzt damit abschleppen? Ach Geschirr... Was war das noch, was mir neulich fehlte? Komme ich jetzt angesichts der sich darbietenden Vielfalt einfach nicht drauf. Egal, ich wollte ja sowieso nur kucken und nichts kaufen. Die Kuscheltiere sind ja toll! Am besten gefallen mir diese riesengroßen Eisbären. So einen hab ich aber schon. Vielleicht noch etwas Nettes, Kuscheliges für den Enkel? Vergiss es, der spielt nicht mit Kuscheltieren!

Ich huppe von Stand zu Stand, von diesem zu jenem.
So langsam spüre ich jetzt aber schmerzhaft meine Füsse; es drängt mich zum Ausgang. War ich eben noch höchst angetan von all den Begierde und Kauflust anstachelnden Angeboten und süchtig nach Mehr-Mehr, so denke ich nun im Endspurt auf die Kasse „Nix wie weg! Das ist ja entsetzlich hier!“ Endlich die Kasse in Sicht! Zwei Teile klemmen unter meinem Arm: eine beschichtete Pfanne (Und dafür musstest du zu Ikea fahren, meine Liebe?) und eine hölzernes Menschenmodell mit beweglichen Gliedmassen, das ich schon immer haben wollte. Bevor ich mich auf die Suche nach meinem Auto mache, brauche ich was zu trinken. Mit dem Pappbecher in der Hand setze ich mich in mein Gefährt und atme durch: Den Stress des Durch-die-Abteilungen-Hastens – wie konnte ich das vergessen haben?? Zumindest habe ich mich nicht dumm und dusselig gekauft – brav gemacht!

Zuhause mach ich erst mal Siesta. Meine Füße dampfen. Mein Kopf dröhnt. Ruhe, bitte nur Ruhe!

Nach 1 Stunde Abtörnen machen sich die Spätfolgen des Ikea-Shoppings bemerkbar: Wenn ich diesen einen Bilderrahmen mit dem restlichen Metallic-Autolack blau sprühe, dann passt das supergut zu diesem einen Bild, das ich da habe... Und diese entsetzlichen Pappkartons könnte ich auch aufpeppen mit ebendiesem Lack....

Und schon ist die Terrasse mit Plastikfolie ausgelegt, schon sind die Kartons auf kleine Podeste gesetzt, schon ist die Sprühdose im Anschlag und los geht es! Das Ergebnis ist nicht perfekt geworden, aber ich bin zufrieden; sieht jedenfalls erheblich besser aus als zuvor. Was mich allerdings ganz und gar nicht zufrieden stimmt, ist die Frage: Wieso haben die Terrassenplatten jetzt einen leichten Blaustich?

27.6.02
©ajs/tergea


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