In Krisenzeiten kochen die Emotionen


"Hau ab" schrien ehemals friedliche Nachbarn an der Ostsee, um die letzten Touristen zu vertreiben.

Es kommt immer mehr Wut auf bei den Bürgern.

Auch bei mir, und man kann sich innerlich nicht richtig dagegen wehren. Ich habe es selbst erlebt.

Ich gehe spazieren und mir kommen Menschen entgegen, die das selbe tun wie ich. Man hält Abstand, grüßt sich schüchtern und geht dann aneinander vorbei.
Diese Achtsamkeit verbindet uns miteinander. Wir wissen, wir halten uns an die gleichen Regeln, gehen auf Distanz, aus Respekt für das Leben.

Dann biege ich um die Ecke. Dort stehen vier Menschen in einer Gruppe zusammen, Vater, Mutter und zwei Kinder, mitten auf dem Bürgersteig. Ich verlangsame meinen Schritt, muss warten, bis ein Auto von der Strasse an mir vorbei gefahren ist um einen großen Bogen um diese Gruppe machen zu können.
Vater und Mutter waren mit dem Handy beschäftigt, die Kinder tobten auf dem Bürgersteig, ein kleiner Hund wuselte dazwischen.

Mal abgesehen davon, dass ich das nicht leiden kann, wenn die Eltern ins Handy schauen, wenn ihre Kinder dabei sind und alle vier wirklich sehr freundlich wirkten und die Kinder sehr süß waren, auch den Hund mochte ich gerne, war ich genervt.
Genauso, wie gestern im Supermarkt an der Kasse. Hinter mir auch Jugendliche, zusammen mit ihren Eltern, fröhlich quatschend ganz dicht hinter mir.
Am liebsten hätte ich mich umgedreht und sie angeschrien, geht zurück, haltet bitte Abstand.
Aber ich atmete tief durch und blieb ruhig. 
Aber in mir verspüre ich vermehrt  eine Aggression, die mir bisher völlig fremd war.
Ich versuche, zu verstehen, was gerade in mir passiert.
Es ist klar, wir haben Angst. Aber diese Angst löst auch Wut aus. 
Wir erleben Ablehnung gegenüber Geflüchteten, dessen Anderssein uns bedrohlich vorkommt, wie alles Unbekannte für uns beängstigend ist.
Sich sicher fühlen, das ist das Gegenteil von Angst. Bei Angst können wir kämpfen, fliehen oder uns totstellen. Das sind grundsätzliche Reaktionen, die uns die Natur mitgegeben hat.
Aber vor dem Virus können wir nicht fliehen, uns nicht totstellen. Wir möchten kämpfen, es geht aber nicht.
Also werden wir wütend.
Jede Gefahr führt dazu, dass unser Grosshirn nach Gründen für diese Emotionen sucht und sie findet. Auch wenn sie nicht die wirkliche Ursache dafür ist. Das ist eine Gefahr, in der wir gerade schweben. 
Das Virus ist nicht zu sehen, aber unser Verstand kann begreifen, dass wir uns seinetwegen so ausgeliefert fühlen, bestimmt und gereizt fühlen.
Wir sollten uns diese Wut eingestehen. Sonst werden unserere Partner, unsere Kinder, oder die vier Menschen, dort auf dem Bürgersteig, oder die fröhlichen Jugendlichen hinter mir zum Auslöser und möglicherweise zum Opfer unserer Wut.

Bewegen hilft, Sport hilft. Und wenn es gar nicht mehr geht, ruhig mal im Badezimmer laut schreien.
Das ist tausendmal besser, als jemanden anderen anzuschreien.
Und darüber sprechen, wenn und wie wütend wir sind. Das tut ungemein gut.
So wie ich jetzt gerade.
Danke, dass ihr zugehört habe.


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Kommentare (2)

Manfred36


Du hast Recht, liebe Brigitte, hilflose Angst löst Wut aus. Unser limbisches System speichert Emotionen und Triebverhalten. Unserer Vernunftareal, der präfrontale Cortex, ist aber mit dem limbischen System, diesem Sitz der Gefühle, verschaltet und kann Emotionen unter Kontrolle halten. Wenn, wie du sagst, dass Angst Wut auslöst, dann kann das in einem Moment durchbrechen. Grundsätzlich vertrauen sich aber Viele (auch Mit-ST-ler) einer führenden und schützenden Macht an, sozusagen einem Schutzengel, der auch in der Lage ist, Milde auszulösen. „Ablenkung“ mag dabei helfen. Wir können jedoch immer unseren Tag einigermaßen „verantwortungsvoll“ gestalten.

Ganz herzlich wünscht deinem „Inneren“ Kind:
Bleibe gesund ! - Manfred
 

werderanerin

So ist es wohl momentan bei einigen, liebe Gitte, das hast du gut geschildert. Wenn man selbst in sich geht, das habe ich auch bei mir festgestellt, erlebt man, dass man sich anders verhält, anders guckt, anders reagiert, anders läuft, anders einkauft..ich finde es schon erstaunlich, wie in kürzester Zeit Dinge in einem passieren, die man so gar nicht kennt.

Du hast es beschrieben, es ist Angst...vor einem unsichtbaren Virus.
Ich denke dadurch , dass es nunmehr ja alle und jeden treffen kann, reagieren sehr viele angespannt und anders als sonst.
Wir sind es nicht gewöhnt, Abstand zu nehmen, sind Menschen mit Emotionen und Gefühlen aller Art, nur Abstand ist doch etwas, was nicht gut ist.

Ich denke, dass momentan vieles zusammen kommt...ein schrecklicher Virus umkreist uns..., wir sehen ihn nicht, Ausgangsbeschränkungen sind ganz tiefe und fühlbare Einschnitte in unser Leben..., wir können fast nichts mehr machen, sehen unsere Lieben nicht mehr..., das schafft erstens mal Angst aber auch Wut , weil wir unser Leben nicht mehr selbst im Griff haben und dem Jetzt nicht entfliehen können.

Eines haben wir aber für uns gefunden, nichts Neues ... aber die Natur hilft ungemein, sich gut abzulenken. Einfach anziehen und los...zum Glück können wir das bei uns !

Es hilft !!!


Kristine


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