INGES BANANE

INGES BANANE

Vor vielen Jahren, als ich noch überzeugt war, man könnte die Umwelt retten, besuchte ich eine Tagesschule. Dort fand eine Weiterbildung statt, die Kaufleute qualifizierte, in den Bereichen der Recycling- und Entsorgungswirtschaft zu arbeiten.

Nach bestandener Prüfung stellten wir aber leider alle fest, dass die Welt noch nicht reif war für uns Umweltkaufleute, denn niemand hatte auf uns gewartet.

Trotzdem war es mit das schönste und abwechslungsreichste Jahr, dass ich je erlebt habe. Gerne denke ich dabei auch an die Mitschülerin Inge zurück. Sie  vermutete ständig hinter jeder Ecke Umweltbanausen, oder mindestens deren Hinterlassenschaften vorzufinden.

Als die gesamte Klasse einmal zur Winterzeit komplett erkältet war, und das Husten, Niesen und Röcheln gar kein Ende finden wollte, war für Inge sofort alles klar. Hierbei konnte es sich nur um eine eindeutige Vergiftungserscheinung handeln. Sicher hatte man die Holzverkleidungen der Wände mit Formaldehyd bearbeitet. Sie wollte tatsächlich schon das Umweltamt informieren, um diesen Fall zu melden.

Doch alle Klassenkameraden überlebten den vermeintlichen Anschlag recht gut und wurden auch ganz schnell wieder gesund. Aber Inge passte weiterhin gut auf. Wir amüsierten uns natürlich köstlich über ihre Panikmacherei.

Immer um 9.30 Uhr fand die große Frühstückspause statt, und die Kaffeemaschine und der Wasserkocher liefen sofort auf Hochtouren in unserer kleinen Teeküche. Ich holte schon mal die Banane aus meiner Tasche, um sie zu verspeisen. Bei ihrem braungefärbten Äußeren fiel mir ein, dass ich sie wohl schon 1-2 Tage in der Tasche herum getragen hatte. Oder noch länger? Aber egal, man konnte sie ja noch essen.

Doch dann sah ich sie...eine goldgelbe Schönheit, die Königin aus dem Chiquita-Land! So makellos von Farbe und Design, als hätte Colani sie gerade frisch entworfen. Mit Abstand die schönste Banane, die ich wohl je gesehen hatte. Unschuldig und rein lag sie auf Inges verwaisten Platz. 

Vor Überraschung hielt ich die Luft an...und tauschte schnell die Bananen aus. Eigentlich war ich das gar nicht, denn der Bewegungsablauf geschah fast wie fremdgesteuert. Endlich hielt ich die schöne Frucht in den Händen, und meine "Gammelbanane" lag jetzt auf Inges Platz. Ich peilte kurz zur Teeküche, und sah sofort Inge, die gerade mit vollem Kaffeebecher zurückkam.

Inge bekam bestimmt den Schock ihres Lebens, als sie das braune Etwas auf ihrem Tisch entdeckte. "FORMALDEHYD!" schrie sie laut. "Kommt mal alle her, die Farbe hat sich hier gerade total verändert. Schaut euch das mal an! Ich wusste es doch schon immer!"
Inge besaß damals schon ein kleines Klapp-Handy, und ließ es geräuschvoll aufklappen. So aufgebracht hatten wir sie noch nie erlebt. Unser anfängliches Grinsen verging uns allen schlagartig, denn Inge war wirklich im Begriff Polizei, Feuerwehr und Umweltamt anzurufen.
Es dauerte natürlich eine Weile bis wir sie gemeinsam beruhigen konnten, und sie mir dann endlich meinen Streich verziehen hatte.
Aber immer wenn ich später in Inges Nähe war, schrieb sie vorsichtshalber mit Kugelschreiber ihren Vornamen auf die Frühstücksbanane. Nun, sicher war sicher. 😉

Rosi65





 


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Kommentare (10)

Rosi65


Ein kleines Dankeschön sende ich heute an alle Schreiberinnen, die mir nette Rückmeldungen zu dieser Geschichte gaben, und natürlich auch an HeCaro, Juttchen, nnamtor44, Virginia, Edit und Muscari für die geschenkten Herzchen.💕

   Herzliche Grüße
        Rosi65

banane.jpg"Blüte einer Bananenpflanze" (aus Wikipedia)

floravonbistram

Herrlich...eine so fröhlich wunderbare Geschichte. Danke

Rosi65

@floravonbistram

 Liebe Flora,
 dank Dir schön für Deinen netten Kommentar. 😊

 Beste Grüße
   Rosi65

Rosi65

Liebe Andrea,

gerade habe ich mal unter Google nachgesehen, ob es denn mittlerweile aktive Umweltkaufleute gibt. Nein, wohl nicht. Dafür erscheint aber unter diesem Stichwort meine ST-Geschichte: Inges Banane!😳 Meine Güte, damit habe ich ja gar nicht gerechnet!

Freue mich natürlich sehr, dass Dir die Geschichte gefallen hat (Die schönsten Geschichten schreibt ja bekanntlich das Leben). 😉

Herzliche Grüße
   Rosi65

Muscari

@Rosi65  

Tja, es ist sehr oft so, dass unsere und auch andere Beiträge immer auch unter Google erscheinen.
Was wieder mal beweist:
"Big Brother is watching you".
Wem das unangenehm ist, kann seine Beiträge ja auch löschen. Mir ist das aber völlig egal.
😄
Andrea

Muscari



Liebe Rosi65,

wunderbar, denn seit langem habe ich hier keine so amüsante Geschichte mehr gelesen. Was war doch die Inge für ein seltsames Wesen.😄
Und tatsächlich denke ich bei Bananen an die Zeit nach dem Krieg, als diese Früchte noch nicht, oder erst ganz langsam bekannt wurden.
Dazu passte damals auch ein Bilderwitz in der Zeitung, wo ein vornehmer Herr auf einer Bananenschale ausrutschte.
Ist schon seltsam, dass mir diese Zeichnung in Erinnerung geblieben ist.
Heute völlig belanglos.
Mit herzlichem Dank und liebem Gruß von
Andrea

Juttchen

Liebe Rosi65,
herzlichen Dank für diese amüsante Geschichte. Das habe ich auch noch nicht erlebt, dass jemand seinen Namen auf eine Banane schreibt. Was es alles gibt...😆😆😉
Einen sonnigen Gruß von
Jutta

Rosi65

Liebe Jutta,

als ich gestern meine drei Bananen als Vorlage für Manfreds Malblog benutzte, fiel mir diese alte Geschichte wieder ein. Sofort hatte ich aber alles bildlich wieder vor Augen, als wenn es erst kürzlich gewesen wäre. 😊 So ist dann spontan diese Geschichte entstanden. Schön, dass Dir die kleine Anekdote gefallen hat.

Herzliche Grüße
   Rosi65  

Christine62laechel


Liebe Rosi,

da ist es schon so, dass eine Versuchung, Witze zu machen, da erscheint, wo es jemand etwas zu ernst betrachtet. :) Vor allem betrifft das natürlich junge Leute: Da lacht man so gerne, und denkt oft gar nicht daran, dass es für eine/n vielleicht peinlich sein kann. Doch andererseits: Man sollte auch über sich selbst lachen können. Solange man kein "Opfer" in einem Milieu wird, kann man ja einfach mitlachen. An Stelle deiner Freundin Inge würde ich aber wohl auch all meine Bananen unterschreiben... ;)

Mit herzlichen Grüßen
Christine

Rosi65

Liebe Christine,

zu meiner Entschuldigung möchte ich noch nachtragen, dass Inge kein "Sensibelchen" war, sondern eine taffe Frau, die mit beiden Beinen mitten im Leben stand. Ich hatte sie auch sehr gern. Bei einer anderen Person hätte ich mir diesen Scherz sicher nicht erlaubt.
Danke für Deine Zeilen.

Herzlichen Gruß
    Rosi65


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