Iss schneller!

Zu meinem allergrößten Leidwesen, gab es an diesem Tag Hammelfleisch, das ein schnelles Essen verlangte, wie mir immer wieder deutlich gemacht wurde. Meine Mutter hatte mir schon mehrmals eindringlich erklärt, dass unzählige Menschen alleine deswegen gestorben seien, weil sie Hammelfleisch zu langsam gegessen hätten. Der kalte Talg sei in ihrem Magen geronnen, was zu ihrem qualvollen Tod geführt hätte.
Von großer Angst getrieben, schlang ich das Fleisch fast unzerkaut herunter, war aber trotzdem wieder der Langsamste. Noch während ich die übliche Standpauke wegen meiner angeblichen Mäkelei bekam, wurde mir schlecht. Sofort packte mich die nackte Angst, dass ich nun das Schicksal der erwähnten bedauernswerten Hammelfleisch-Langsamesser teilen würde. Also machte ich mich auf mein unmittelbar bevorstehendes Ableben gefasst. Ich überlegte, ob ich ein Testament schreiben sollte, denn ich wollte, dass mein Freund Karlchen meine schönen Spielsachen bekommen sollte. Am Schreiben wurde ich jedoch gehindert, denn ich musste unbedingt erst einmal mein gesamtes Mittagessen wieder von mir geben.
Als ich mit dem Erbrechen fertig war, durfte ich mir weitere Vorhaltungen anhören, die den Tenor hatten, dass dies eine Vorwarnung vom lieben Gott gewesen sei. Wenn ich das nächste Hammelfleisch wieder so langsam essen würde, wäre jedoch mein sofortiger Tod unvermeidbar.
So schlecht wie es mir gerade ging, war ich mir allerdings gar nicht sicher, ob ich wirklich die bessere Wahl getroffen hatte. Vielleicht wäre Sterben sogar angenehmer gewesen.

Aus dem Buch "Was für ein Milieu!" von Wilfried Hildebrandt


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Kommentare (3)

Muscari

Himmel, wie grausam !
Es erinnert mich an ähnliche Erfahrungen.
Zum Abendessen gab es immer Griesbrei. Ich hasste Griesbrei, und ich aß nur aus Angst, weil neben dem Teller der Holzlöffel lag. Wenn ich zögerte, dann ...
„Wenn du jetzt nicht sofort isst, kriegst du eins drüber.“
Einmal hatte ich wirklich eins drübergekriegt.
So ging das jeden Abend, bis ich mich übergeben musste.
Ab da gab es Vanillepudding.
Doch der für meine Nase widerliche Vanillegeruch verstärkte meine Abneigung nur noch mehr. Lieber verzichtete ich auf das Abendessen und ging zur Strafe hungrig ins Bett, als mir dieses süße Brei-Spektakel anzutun.

Noch heute hasse ich Griesbrei und alles was mit Vanille zu tun hat.
😌
So denke ich aber, dass auch Du heutzutage das essen kannst, was Dir schmeckt.
Mit herzlichen Grüßen von
Andrea

Claudine

Da kommen auch bei mir üble Erinnerungen hoch, lieber Wilfried.
So war das aber damals! Auch meine Eltern hatten da so ihre Tricks, um mich zum Essen zu zwingen. Ich hasste beispielsweise rote Beete. Trotzdem würgte ich sie hinunter, weil ich sonst keinen Schokopudding bekommen hätte. Beides zusammen im Magen, allein bei der Vorstellung musste ich schließlich trotzdem k....
Hoffentlich musst du dir jetzt nicht von allen Lesern deines Beitrags solche unappetitlichen Geschichten anhören, lach. Sorry!!!
Liebe Grüsse und schönes Wochenende ohne Hammelbraten
Claudine

Rosi65


Bäh!😝 Was für eine grässliche Tortur!
Bei Deiner Schilderung dieser extremen Schnell-Völlerei wird mir ja beim Lesen schon übel. Das muss man keinem Kind antun.
Nur gut, lieber Wilfried, dass Du jetzt als Erwachsener die große Freiheit hast Deine Speisenauswahl und Verzehrgeschwindigkeit selbst zu bestimmen.😊

Viele Grüße
    Rosi65


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