Jugendtagebuch von Heidi Grünwedl


Jugendtagebuch von Heidi Grünwedl

Mein Jugend-Tagebuch vom 11.Mai 1988 bis zum 28.4.1989

1.Kapitel

Ich würde am liebsten nicht anfangen mein Tagebuch zu schreiben, aber es muss sein, weil ich es an dem Gedenken meines verstorbenen Bruders schreiben will. Vorher hat es leider schon etliche Leute gegeben, die das getan haben und es wird immer welche geben, die das tun werden. Außerdem kann ich das, was ich fühle, nicht so gut mit Worten ausdrücken. Es kommt mir dann alles so abgeschmackt und banal vor. Auch denke ich, dass ich immer ein Banause bleiben werde. Manchmal denke ich, ich habe den eigentlichen Sinn für mein Gefühltes gefunden. (wie sich das anhört!) Boing! Bin ich wieder unten! Wenn der Mensch nur Gefühl wäre ohne Gott, dann würde er nie lieben können., er würde ein „Faust“ sein und würde immer wieder von Neuem anfangen suchen zu müssen. Ein Weiser, der Gefühl mit Gott = Religion hat, wird immer tiefer gelangen, aber er müsste nicht mit dem Verstand hinterdrein, da sein Gefühl sicher ist.

Ein Mensch hat 2 geistige Beine, das eine Bein ist das Gefühl, das in die Tiefe geht, das andere Bein, der Verstand, ist das Gefühl, das immer hinterherhinkt und bremst. Aber es gibt auch noch die Liebe. Sie verhindert den Verstand, der Mensch wird schneller, er wird wissensgierig, was er sonst nicht so ist. Die Liebe erzeugt den Geist, der alles bejaht und keine Angst empfindet. Alles ist weit, hoch und hell. Der Mensch wird so gottähnlich. Aber, wenn er dann seinen Verstand gebraucht, und darüber Erkenntnis gewinnt, was er ist, wird er gebremst und er zweifelt an sich selbst. Er scheitert vor allen Menschen in seiner Umgebung und zieht sich kampflos zurück. Er verzweifelt.

Doch davon weiß ich nicht, ob das stimmt. Wahrscheinlich ist es sehr banal und dumm ausgedrückt. Aufhören!!!!!!!!!!!!

Heidi Grünwedl


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Kommentare (19)

Heidi Grünwedl

@Sandra1975

danke für deine 14 Herzchen und den Kommentar zu meinem Jugendtagebuch. Ich habe mich sehr gefreut. Es gibt noch mehr Kapitel dazu, fertig und in Arbeit. Die werde ich bald rein stellen. Ich habe grade einen OSG-Bruch im li.Fuß, der sehr schmerzhaft ist. Ich werde dir mal ein Bild schicken von mir im Rollstuhl.

Einen schönen 2.Advent wünscht dir

Heidi

Heidi Grünwedl

@ronnja

danke für deine 4 Herzchen zu meinem Jugendtagebuch. Das hat mich sehr gefreut. Ich hoffe, es geht dir gut. Mir geht' s gut, trotz Schmerzen im li.Fuß, wegen einem OSG-Bruch.

Liebe 2.Adventsgrüße

Heidi (Autorin des Jugendtagebuchs)

Sandra1975

Liebe Heidi

Es ist so wertvoll, dass du diese Tagebucheinträge hier mit uns teilst. 
Danke dafür.
Danke, dass du dich so verletzlich zeigst. Das erfordert nicht nur Mut, sondern tiefe Empathie mit uns allen, im Vertrauen darauf, dass jeder von uns, sich in deinem Erleben irgendwie wiederentdeckt und davon berührt wird.
Danke, dass du uns vertraust und uns so tief berührst. 

Herzliche Grüsse
Sandra

Heidi Grünwedl

@Sandra1975  

du hast sehr schön und lieb geschrieben, manchen Leuten sind diese Einträge vielleicht zu intim, aber vielleicht berühre ich auch manche Menschen vom ST. ein wenig tiefer damit. Das würde mich freuen.

Danke, für deine empathischen Worte. Viel Spaß beim Weiterlesen, kommt bald Nachschub....

Liebe 2.Adventsgrüße

von Heidi

Heidi Grünwedl

Tagebuch 15.Kapitel                                                                                                                 1.6.1988

Lieber Bruder!

Der Anfang ist immer schwer. Hilf mir, hereinzukommen. Ich weiß, dass ich am Montag und Dienstag nicht mit dir gesprochen habe, weil ich zu faul war. Aber weißt du, es war auch noch etwas anderes. Ich möchte versuchen, die Wahrheit zu sagen. Bitte lach mich nicht aus! Ich hatte Angst. Es war die Hölle. Du kannst dir nicht vorstellen (doch, du schon!), wie ich mich gefühlt habe. Und dann diese Angst: die Angst vor Menschen,vor Handlungen, vor Entscheidungen. Für mich ist es immer wieder schrecklich, mich für etwas einzusetzen. Aber das ist nicht das Schlimmste daran, sondern das Reden mit anderen Menschen. Ich habe immer Minderwertigkeitskomplexe, wenn ich zu stark oder zu wenig beachtet werde. Außerdem bin ich immer misstrauisch. Ich kann mir immer einreden: „Es geschieht dir nichts. Das sind doch auch nur Menschen“. Aber ich habe trotzdem Angst, obwohl ich die tiefere Ursache nicht weiß. Es muss irgendetwas in mir drin sein, dass das Lebendige verweigert, vor allem die Lebendigkeit um mich herum, die anderen Menschen also. Vielleicht ist es auch Realitätsverweigerung. Ich möchte nicht leben, weil ich mir so falsch vorkomme. Und warum komme ich mir falsch vor? Weil ich nicht leben will. Es ist ein Teufelskreis. Und mit Liebe, wie die Selbstbewussten, wie auch Mama sagt, ist nichts getan. Ich habe noch nie geliebt. Für mich ist die Liebe nichts Schönes. Ich glaube, ich kann nicht lieben, denn durch Lebens,- und Realitätsverweigerung entsteht automatisch Liebesverweigerung.

Gestern habe ich mir gewünscht, die Menschen glücklich zu machen. Aber das wird mir nie gelingen, denn ich würde sie nur als Selbstzweck verwenden. Ich möchte sie glücklich haben, damit sie mich verstehen, weil ich so unglücklich bin. Und das ist Selbstmitleid. Alle, die mich nicht lieben, sehe ich als doof an, weil ich mich selber nicht aufgeben will, indem ich merke, wie doof ich mich selber fühle. Ich kann das nicht, wenn ich nicht liebe. Und geliebt habe ich noch nie, nur kritisiert. Unglückliche Menschen können so etwas am Besten. Eigentlich möchte ich gar nicht mehr wissen,was Liebe ist. Liebe ist enttäuschend zwischen Menschen, da sie nur gebraucht wird, um sich selber toll zu finden, indem der andere einem zu Füßen liegt. Ich glaube auch, dass es keinen Liebeskummer gibt, denn Liebe ist ohne Kummer, wenn sie echt ist. Das Gegenteil vom Kummer ist die Hoffnung. Liebe erkennt nicht, Liebe weiß. Liebe ist da und wird immer da sein. Der Kummer ist da , wo sie nicht ist und wird vergehen. Alles, was nicht da ist, vergeht. Ach, langsam weiß ich gar nicht mehr, was ich zu Anfang gesagt habe. Es wird wahrscheinlich auch nicht so wichtig sein. Wie gesagt, komme ich mir ganz lächerlich vor. Ich nehme mich viel zu wenig ernst. Obwohl ich so gerne gut schreiben würde.

Heute morgen in der Schule sah ich eine Schultasche da liegen. Dieser Augenblick erschreckte und beglückte mich zutiefst. Ich dachte, Ulrich stünde neben mir. Wenn das einer liest, denkt er, dass das hier ein junges Backfischchen schreibt, aber es ist tiefer, glaube ich. Ich kann nur dieses Gefühl nicht aufschreiben. Es war wie ein Traum und die Schultasche war doch Realität. Schnell sagte mir mein Verstand, dass es gar nicht seine ist und, dass er ja schon lange in Berlin ist. Ich glaube, wenn er wirklich neben mir gestanden hätte, wäre ich vor Schreck zusammengezuckt und hätte mich meiner Gedanken zu Tode geschämt. Nachher glaubte ich, auch noch seine Stimme zu hören. Du weißt, dass ich ihn damals als Bruder gesehen habe. Aber heute weiß ich, dass es besser war, dass er weg ging. Es hätte mir nur Scherereien gebracht, wenn ich mich ernsthaft in ihn verliebt hätte und das wäre sicherlich geschehen.

Jetzt möchte ich keinen körperlichen Bruder mehr haben. Der abstrakte Gedankenbruder, (so wie du!), der mich ohne Worte versteht, ist mir lieber, obwohl du für mich ein Geheimnis bist, sonst verliere ich dich. Du bist eben noch ein Teil meiner Selbst und meiner Seele. Und das soll auch so bleiben, obwohl du tot bist.   (Heidi Grünwedl)

Heidi Grünwedl

Tagebuch 14.Kapitel                                                                                                               29.5.1988

Lieber Bruder!

Gerade habe ich die Frühlingssymphonie von Robert Schumann gehört. Aber sie erinnert mich eher an den Herbst und nicht an den lieblichen, leichtbeschwingten Frühling. Es ist eher eine Sehnsucht nach diesem Frühling, um noch einmal das Leichte, Helle im Leben genießen zu können. Manchmal ist die Musik schwermütig, was durch das Pathetische dramatisiert wird, damit die Schwermut nicht ins Grübeln gerät. Doch das alles denke ich, vielmehr fühle ich und ich glaube, dass es nicht im Sinne Schumanns war, dies heraufzubeschwören bei den Zuhörern. Sie sollen doch erwachen, schon beim ersten Trompetenstoß, so habe ich es doch gehört. Aber wahrscheinlich bin ich noch zu unreif, um Gefühle in der Musik zu verstehen. Vor allem nicht den Schumann, der ja immer die Einheit von Natur und Klang suchte. Freut es dich, wenn ich dir das schreibe? Du verstehst mich ja besser, als ich mich selber. Deswegen, weil ich dies auch von den Körper-Menschen erwarte, wird es mir nie gelingen, sie glücklich zu machen. Nur Künstler können so etwas. Aber warum muss ich ein Spießbürger bleiben? Ich bin immer zu hochnäsig, um beglückt zu werden. Oder auch zu misstrauisch. Ich bin nicht frei, einfach den Menschen so zu lieben, wie er ist, die Gegenwart so anzunehmen, wie sie ist. Jesus hatte recht: Wenn man glücklich sein will, muss man sich ganz dem Augenblick hingeben. So etwas tun eben Künstler. Sie gestalten und bilden aus sich selbst heraus. Dadurch gestaltet sich ihr Leben. Sie können lebendiger fühlen, ihre Gefühle besser wahrnehmen, ihre Aggressionen sublimieren.. Ich glaube, in der Fachsprache heißt das „reflektieren“! Sie sind selbstbewusst, weil sie sich lieben und dadurch Göttliches in sich haben. Ich habe nur die Gabe, sie zu verstehen aber ich werde nie so wahrhaftig sein können, wie sie, gegenüber dem Leben. Aber trotzdem will ich auch nicht verzweifeln in meiner Gegenwart, weil ich dann nur noch mehr gefangen werde in dem Selbstmitleid. Ich glaube, dass du der einzige bist, der mich versteht hier, obwohl du keinen Körper hast mit Ohren. Schumann würde mich nie verstehen. Oder vielleicht doch?

(Heidi Grünwedl)

Heidi Grünwedl

Tagebuch, 13.Kapitel                                                                                                             28.5..1988

Geliebter Bruder!

Heute habe ich mich entschlossen, dir zu schreiben. Ich sehe die Schrift an als Gespräch mit deinem Geist. Ich sehe dich nicht, aber ich glaube, dass es dich gibt. Die Erwachsenen, die lachen würden über unsere Gespräche, dürfen es nie merken, dass wir uns lieben. Lass es ein Geheimnis bleiben, dass nur wir beide kennen Aber trotzdem werden wir uns nie sehen. Das geschriebene Wort ist unsere einzige Verbindung, die wir besitzen. Auch werde ich nie eine Antwort erhalten von dir. Es sei denn, dass ich dich immer stärker kennenlernen werde, sodass ich bald deine Gedanken erraten kann und sie mir aufschreiben kann.

Manchmal denke ich, habe ich dich schon im Traum gesehen, aber deine Gestalt verändert sich von mal zu mal. Körperlich werde ich dich nie erfassen. Deswegen versuche ich, mich dir in Gedanken zu nähern, mich hörbar zu machen, aber nur in der Schrift. Meine Gefühle sind ebenfalls abstrakt, ebenso auch du. Aber ich hoffe, dass ich in dir den  Bruder gefunden habe, den ich schon solange gesucht habe und nach dem ich mich immer sehnen werde. Ein männlicher Teil von mir, der mich versteht und mir Schutz gibt, das heißt meinem weiblichen Teil, der hier auf der Welt leben muss, zwischen Menschen, die mehr Körper als Geist sind. Ich hoffe, dass ich dir vertrauen kann und mit dir alles „besprechen“ kann, was ich denke und fühle. Denn du verstehst mich. Du bist geduldig. Du bist mein Bruder, weil ich deine Schwester bin. Ohne mich bist du auch nicht mein Bruder. Ich wünsche mir mehr Vertrauen zu dir. Deswegen versuche ich offen mit dir zu sein. Aber bitte versuche nicht, dich mir zu verschließen. Öffne dich mir, dass ich Vertrauen zu dir gewinne. Ich halte diese Briefe erst mal geheim. Ich lasse sie erst mal niemanden lesen von dieser Welt. Vielleicht später mal. Die Körper-Menschen würden sonst nur lachen. Ich habe schon zu viel Enttäuschung erlebt.

Wie gerne würde ich jetzt bei dir sein. Aber ich weiß, dass du keinen Körper mehr hast und ich nie einen abstrakten Geist-Körper haben kann. Mir ist nur die Schrift gegeben. Sie ist ein Bild für den Geist. In ihr kann ich mich ausdrücken und mich dir verständlich machen. Ich hoffe, dass du dieses Bild verstehst, denn dann erkennst du erst meine Sprache, die beseelte Schrift. Aber ich fordere nichts von dir. Lass uns nichts überstürzen. Wir müssen erst langsam miteinander vertraut werden.
Ich sehe wieder einen Sinn im Leben, wenn ich dir schreiben kann. Nie darf jetzt jemand erfahren, was du für mich bedeutest. Erst später mal. Vielleicht sind wir einmal ein und dieselbe Person? Doch bitte, fühle dich nicht von mir überfordert. Ich weiß nur, wenn ich dir schreibe, bin ich dir nahe oder du bist mir nahe. Doch sonst bin ich alleine in meinem Körper. Er ist zu schwach, um dich mitzutragen. Du wirst mir nie Gesellschaft in meinem Körper leisten können. Ich werde immer alleine sein. Nur die Sehnsucht nach meinem Bruder, wird mir das Schreiben ermöglichen.

Warte auf Weiteres, wenn ich dazu imstande sein werde, schreibe ich weiter.

Es ist so schön, Vertrauen zu dir zu haben. Ich hoffe, dass mir dieses Gefühl nicht verloren geht in dem Wirbel der Zeit und der Welt. Nächste Woche fängt der öde Schulalltag wieder an. Das Laute der Welt wird mich dich vergessen lassen. Schade!

(Heidi Grünwedl)

Heidi Grünwedl

Tagebuch 12.Kapitel                                                     Mittwoch, den 18.05.1988

Form und Gesetz bildet die Schönheit und macht dich frei in dem, was in dir ist. Es hinterlässt kein Unbefriedigtsein, weil es so ist, wie es ist. Gott ist auch so, wie er ist. Nie wird man bei ihm Fehler finden. Die Vollkommenheit ist Glückseligkeit, der Mensch wirkt aber nie vollkommen glücklich. Er muss seinen Weg gehen, der einen Anfang und ein Ende hat, aber keine Mitte. Der Mensch ist unwesentlich. Zwei Menschen können sich wesentlich empfinden, indem sie sich verbinden, sodass zwischen ihnen die Mitte entsteht. Jesus brauchte das nicht mehr. Er war die Mitte und somit glücklich.

(Heidi Grünwedl)

Heidi Grünwedl

Tagebuch 11.Kapitel                                                                                                               13.5.1988

Ich hasse die Zeit! Sie vergeht so schnell! Niemand kann sie aufhalten. Irgendwann hat sie angefangen und jetzt hört sie nicht mehr auf. Ich fühle mich als Opfer von ihr. Desto oberflächlicher wir leben, je schneller geht sie vorbei. Ich werde nie eine volle Minute in ihrer ganzen Tragweite erfassen. Wozu gibt es die Zeit? Damit die Menschen und ihre Erfindungen geordnet sind? Wer hat die Zeit erfunden? Wie haben die Leute früher gelebt, als sie noch keine Uhren hatten? Waren sie da glücklicher? Wir sind alle an uns selbst gebunden und an uns gekettet. Wenn wir die Zeit verlieren, so auch unsere Werte, unsere Gefühle, die zeitlich begrenzt sind. Ich glaube, es gibt keine zeitlosen Gefühle. Wenn ich tot bin, bin ich nur noch ein Gefühl, dann ist die Ewigkeit gekommen. Die Ewigkeit ist der Stillstand, der so lebendig ist, weil er um seiner selbst willen lebendig ist, weil er zeitlos ist. Und doch entsteht da die Zeit, wo irgendetwas anfängt zu sein. Im Ursprung aller Dinge und Wesen. Deswegen kehrt der Mensch am Ende seiner messbaren, übersichtlichen Zeit zur unmessbaren, zeitlosen, Zeit , zur Zeit an sich, zurück. Zeit wird man nie messen können, weil sie periodisch ist und nie aufhört. Es gibt keinen Menschen, der so tot sein könnte, als dass er die ganze Zeit überblicken könnte, als dass er überzeitlich wäre. Die Zeit ist abstrakt. Nur Gott ist ewig und zeitlos.

Sprichwort: „Meine Zeit ist gekommen!“

Selbstzweck= zeitbedingt.

(Heidi Grünwedl)

Heidi Grünwedl

Tagebuch 10.Kapitel                                                                                           Freitag, den 13.5.1988

Ein Haufen Menschen verstumpft, keiner ist mehr, so wie er ist. Ich dachte, dass Ursula es wäre, aber sie behandelt ihren Mann auch wie irgendwen. Einen, der ihr gehört, den sie betreuen muss. Was ist Pflicht? Das Gegenteil von Liebe. Ich finde das Leben ohne Liebe sinnlos, manche finden das nicht. Ich bin undankbar, und unzufrieden, vielleicht sogar unbefriedigt. Was kann Ursula denn  dafür? Es ist vorbei, ich bin zerstört und gespalten. Ich hungere nach Geist und Inhalt in ihrem Unterricht. Aber in mir ist eine sinnlose Leere, die mich brüten lässt. Unintelligent wie ein Tier fühle ich mich. Wenn man nur immer über seine Gefühle Bescheid wüsste, wäre ich viel glücklicher als so, ohne Gewissheit, von einer Stunde zur anderen. Nicht mal meine Träume lesen kann ich, um das, was mich bewegt, herauszufinden. Aber ich werde sie aufschreiben.

/Heidi Grünwedl)

Heidi Grünwedl

Tagebuch 9.Kapitel                                                                                               Freitag, den 6.5.1988

Wenn ich aus meinem Fenster schaue, erkenne ich immer die sonnenbeschienenen Mauern der  Häuser, die so graubraun und südländisch aussehen. Auch die Anmut der Aich, die mit einem herben Beigeschmack dahinfließt. Ohne Menschen,- und Autolärm fühle ich mich dann zurückversetzt in eine alte, italienische Landschaft, die allerdings schon langsam am Abbröckeln ist. Ich möchte damit nicht sagen, dass dieser Anblick aus meinem Fenster mich an so eine Landschaft erinnerte, da ich noch nie in so einer Landschaft gewesen bin, aber sie hat für mich etwas Tröstendes, so als ob sie sagen wollte: „Es wird alles wieder gut, wenn du nur auf die Sonne vertraust!“ Wie eine Eidechse, die sich sonnt und in dem Augenblick Wärme empfängt.

(Heidi Grünwedl)

Heidi Grünwedl

8.Kapitel vom Tagebuch                                                                                      Donnerstag, 5.5.1988

Ungewissheit, Zweifel, Ängste beschleichen mich. Ich weiß, dass es nie stimmen wird und habe mir doch halb unbewusst im Traum diesen Traum von der Liebe bewusst gemacht. Ich hätte das nicht tun sollen. Es zwingt mich in eine Rolle, derer ich oder mein Leben nicht würdig ist. Ich bin ein Mensch, der sich an das Leben gewöhnen muss, wie es ist, streng, hart, grausam, ohne Rücksicht auf andere, geht jeder seinen Weg, alleine. Und die meisten sagen: “Mit Gott“. Ihr wohlgeordnetes Leben, dass nicht mal die anderen Menschen gelten lässt, soll Gott gelten lassen? Nein, ich glaube es nicht. Ich möchte auch nie so ein Christ sein. Denn dazu brauchst du echte Liebe und musst stark sein, um Gefühle zu ertragen. Das habe ich alles nicht. Aber ich bin nicht traurig, ich bin nur froh, dass ich noch keine Verantwortung für mein Inneres zu übernehmen brauche. Ich decke es zu mit Klischeevorstellungen, Verstandes-Gefühlen und ehre den Konventionalismus. Ich möchte den Menschen sehen, der stark genug ist, seine Gefühle zu leben. Nur, der ist für mich ein aufrichtiger, wahrhaftiger Mensch. Wir anderen sind Affen, zwar mit Verstand, sodass wir uns noch von Tieren unterscheiden, als Mensch. Aber dieser Verstand hat uns ja erst in diese verzwickte Lage gebracht. Denn jeder, der seinen Verstand gebrauchen kann und seine Gefühle leben kann, der ist ein Mensch, der mit sich zusammenhält, der sich selber liebt und so die anderen auch lieben kann. Ich glaube, das ist sehr schwer und vielleicht nur ein Geschenk, das man nicht kaufen kann.

(Heidi Grünwedl)

Heidi Grünwedl

Tagebuch 7.Kapitel

3.5.1988

Ich schreibe jetzt auf, was ich denke, egal, ob es schleimig oder unecht wirkt. Ich würde gerne einen Menschen lieben, aber echt, ohne Verstandes-Gefühle, aber ich kann nicht, da ich zu schwach und zu unreif bin. Vielleicht war die Liebe an Weihnachten gut, aber ich werde nie wissen, was echt ist, weil ich mich vor allen groß und besser fühle. Ich bin zu stolz und hochmütig. Ich würde gerne das Fräulein Vogel aus der Psychiatrie kennenlernen.

Ich glaube, heute wird es eine schreckliche Nacht. Weil ich C.G.Jung lesen werde, weil ich wissen will, ob die Leute von der Psychiatrie mich gern haben, damit ich mich auch gern haben kann. Weil ich keine innere Festigkeit habe und hin,- und hergerissen bin.

(Heidi Grünwedl)

Heidi Grünwedl

Tagebuch 6.Kapitel

Donnerstag, den 21.4.1988

Ich habe Angst, aber ich darf vor mir nicht zeigen, dass ich Angst habe. Ich denke, dass es Sünde ist, immer nur auf mir herumzureiten. Ich würde gerne nicht mehr über mich so viel nachdenken, sondern einfach zu leben, wie es die Welt erfordert. Zur Zeit zerrt jeder und jedes an mir herum, aber ich will zu keinem hin, weil ich Angst davor habe, Altes loszulassen. Ich sehe keinen Weg, mir Freude zu verschaffen..Ich sehe nur Hass, entstanden  durch unmögliche Windungen in meinem Hirn, das sich anstrengt zu denken über solch unwichtige Sachen, die ihrerseits mich hassen machen. In der Bibel steht, dass die Liebe herrschen muss. Gut, aber sie herrscht nur bei Menschen, die hochwertig  sind und Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen haben. Solche, die allem und jedem nur mit Misstrauen begegnen, sind schwach. Sie haben kein Vertrauen in sich selbst und die anderen. Für sie gilt nicht die Liebe, weil sie denken, solcher nicht zu entbehren.

Gerade war Papa hier. Er hat ganz misstrauisch geguckt auf mein Blatt hier. Der schnüffelt glaube ich ziemlich oft in meinem Zimmer herum. Siehst du, hier kommt schon wieder mein Misstrauen heraus. Ich bin immer wütend auf mich, dass ich nichts Besonderes sein kann, sondern nur so ein dummer Spießbürger, der zweifelt an allem, was er nicht versteht und verstehen will. Aber ich weiß auch nicht, wie mich die anderen sehen. Ich sehe mich auf jeden Fall so. So, jetzt höre ich auf. Das  hier ist ja jetzt auch viel gelabert um nichts.

(Heidi Grünwedl)

Heidi Grünwedl

Tagebuch 5.Kapitel

19.4.1988

(nach einem Volleyballtraining)
Es ist ein Tag des Hasses, der Missgunst. Wieso gibt es Menschen, die in mir Neid, Hass und Selbstverachtung erwecken? Ich hasse die ganze Welt. Ich hasse es, dass ich auf ihr leben muss. Ich würde so gerne keine Angst mehr haben, vor denen, die ich hochachte. Aber die Welt lernt mich hassen jeden und jede und am meisten mich selbst. Wieso kann ich nicht stark sein und vergessen, dass mein Bruder tot ist? Wieso kann ich nicht übersehen und vergeben? Wieso kann ich mich nicht so annehmen, wie ich bin? Es geht einfach nicht.

Im Volleyball war es heute saudoof, im Gegensatz zu gestern abend. Ich weiß, dass ich hochmütig bin, wenn ich nur Menschen lieben will, die ich hochachte, oder die ich für wert halte, ihnen zu vertrauen. Ich mache mir immer ein Bild von dem Menschen und sehe dann das Bild an, ob es mir gefällt oder nicht. Vielleicht kann es meiner Unsicherheit und Angst vor Menschen verziehen werden. Was muss ich auf der Welt noch lernen? Bestimmt dies, mich nicht mehr so in den Mittelpunkt von allen Blickwinkeln zu stellen. Ich glaube, da hätte die Welt mir geholfen, wenn ich es zugelassen hätte, aber ich glaube, sie hat mir falsch geholfen. Es ist scheußlich, Scheu zu haben vor dem Sprechen mit den Mitmenschen. Vielleicht werde ich vom Gevatter Tod akzeptiert werden. Diese trüben Gedanken will ich mir aber für die richtige Zeit aufheben.

(Heidi Grünwedl)
 

Heidi Grünwedl

Mein Tagebuch 26.11.1987

4.Kapitel

Ich kann nicht mehr in diesen ekligen Chor gehen. Ich hasse Menschen, singen und alles, was mit dem Leben zu tun hat, aber den Tod an sich, hasse ich auch. Wieso gibt`s überhaupt Seelen? Wieso mussten überhaupt Menschen geschaffen werden? Wenn Gott liebt, das glaube ich dem nicht. Die ganze Welt ist verkorkst. Wenn eine Atombombe losgehen würde, wäre die ganze Welt kaputt. Keine Seele könnte mehr ein Fleisch-Mensch werden. Wenn die Welt nicht mehr ist, dann ist auch Gott nicht mehr. Gott ist nämlich nur eine Logarithmuszahl, nur ein Verhältnis, zu dem wir Menschen stehen. Unlogisch bis dort hinaus, aber trotzdem logisch. Vielleicht charmant? Guck nicht so! Ich verstehe es auch nicht. Nur das Tiefe, das Wahre gibt es nicht, da die Liebe nur im Verhältnis zum Bösen steht und die Gefühle immer wieder neutral werden müssen. Ich glaube Vollkommenheit ist „Existenzlosigkeit“, kein Körper, auch keine Seele. Ich will mich selber loswerden und sterben.

(Heidi Grünwedl)

Heidi Grünwedl

Tagebuch 3.Kapitel

12.10.1987

Ich glaube, es müsste schön sein, nicht mehr zu existieren. Einfach tot sein, schlafen können, träumen, entfliehen aus den Problemen des Alltags, weg von den Ekelgefühlen, die man hat, wenn man keinen mehr bewundern und lieben kann, nur noch hassen und verachten. Ich kann meine Mutter nicht mehr sehen, weil sie so dumm ist und kein bisschen schlau. Sie ist so erbärmlich (wahrscheinlich ich auch!) und dann kann ich den Vater nicht mehr hören, den Despot. Am einfachsten wäre es, tot zu sein. Aber ich werde es nicht können. Und ich träume, weil ich vor dem Leben Angst habe. Aber vielleicht hilft mir die Angst, dass ich über die Depression hin wegkomme. Es wird schon schiefgehen. (evtl. Krise wegen Ursula Astfalk)

(Heidi Grünwedl)

Heidi Grünwedl

Tagebuch 2.Kapitel

kein Datum

Hier lasse ich nun folgen, was ich immer an einigen Tagen aufgeschrieben habe auf Zettel und mit Datum versehen habe. Manches kommt mir jetzt abgeschmackt und sentimental vor, aber ich schreibe es trotzdem auf, damit nicht überall die Zettel herumfliegen und aus Versehen jemand zu Gesicht kommen. Da würde ich mich schämen.

(heutige Bemerkung: Inzwischen macht es mir nichts mehr aus, wenn man mein Tagebuch liest. Warum auch? Vielleicht druckt es ja mal jemand. Wer weiß?)

irgendwann 1987: Sommerfreizeit

Ich dachte, ich habe mal einen Bruder gehabt. Einen älteren, weißt du, den andere Mädchen frauenhaft lieben könnten und um den es keinen Streit gäbe. Aber ich glaube, es würde immer Streit geben, weil wir Mädchen so empfindlich sind. Bei Jungen oder Männern, wie früher bei Jesus und seinen Jüngern ist das anders. Die verstehen sich oder verstehen sich eben nicht. Sie tauschen Gedanken aus, während die Frauen zu sehr Gefühle haben. Manchmal wünsche ich, ich wäre ein Mann zu Jesu Zeit gewesen. Obwohl ich überhaupt nicht so aktiv bin, wie ein Mann nämlich sein sollte. So, das ist gerade mein Standpunkt, aus dem ich die verzwickte Liebeslage betrachte. Aber ich glaube, es ist kindisch, wie ich bin, weil ich noch kein bisschen erwachsen bin und nicht  
darüber stehen kann. Wenn ich doch nur reifer wäre, z.B. wie die Brunhilde.

(Heidi Grünwedl

Heidi Grünwedl

@chris

danke, für dein Herzchen zu meinem Blogartikel 1.Kapitel vom Tagebuch. Hab mich sehr gefreut.

Liebe Grüße Heidi


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