Nach langer Zeit habe ich wieder mal in Etty Hillesums "Das denkende Herz" geblättert. Das ist ein eindrückliches Tagebuch über das Leben einer erwachsenen Jüdin in Hitlerdeutschland, kurz bevor sie und ihre Familie deportiert wurden. 

Mich hat in diesem Buch vor allem eines fasziniert: Dass die Autorin oder genauer: die Erzählstimme sich als "durch und durch gesund" bezeichnet, trotz der ständigen Anfeindungen und Bedrohungen, denen sie ausgesetzt ist. Das ist faszinierend. Wie schafft man es, unter krankmachenden Bedingungen doch noch gesund zu bleiben? Und zwar "durch und durch gesund"? Das heisst: Wie muss ein Ich beschaffen sein, dass es diesen Schutzraum in sich aufbauen kann, ohne sich darin einzubunkern und sich gänzlich von der Aussenwelt zu isolieren?

Bei Anne Frank spürt man die Quirligkeit und Ungeduld der heranwachsenden Jugendlichen. Sie lenkt sich im Amsterdamer Versteck ab, durch Büffeln, Tagebuchschreiben, Träumen und Erinnern. Hillesums Tagebuch ist von ganz anderer Art. Da kommt die erwachsene Besonnenheit zum Ausdruck, eine ruhige Nachdenklichkeit, die alles sieht und auch an sich heranlässt, aber die ganze Negativität fast augenblicklich in etwas Positives umwandelt. Da ist eine Frau, die innerlich nicht davonläuft, sondern bleibt und beobachtet. 

In der Szene mit dem fauchenden NS-Soldaten wird das besonders deutlich. Der Soldat schreit Etty an, als sie aus der Apotheke kommt. Juden hätten da nichts verloren usw. Und Etty haut nicht etwa zurück, sondern tritt in ihrem Tagebuch in einen inneren Dialog mit diesem Mann: "Hat dein Mädchen dich verlassen?" Sie möchte verstehen, wie es zu einer solchen Wut kommen kann. 

Man kann unterschiedlich auf Negativität reagieren. Ein anderer Weg hat die Hauptfigur im jüngst verfilmten Stück "The Boys in the Band" gewählt. Michael, so heisst er, ist ein schwuler Schriftsteller in den USA der späten 60-er Jahre, dessen Antwort auf die Feindseligkeit rund um ihn herum Verzweiflung, Selbsthass und Selbstzerstörung sind. Das Stück enthält Anklänge an Sartres "Hui clos", in dem vier Figuren in einem Raum eingeschlossen sind und die Augen nicht mehr zumachen können. "Die Hölle sind die Anderen", ist die Schlussfolgerung des Stücks, denn man ist Tag und Nacht dem fremden Blick ausgesetzt. 

Mart Crowley, der Autor von "The Boys..." hat seine Figuren auch in einen einzigen Raum verschanzt. Es geht aber darin nicht um gegenseitige Überwachung, sondern um Aufrichtigkeit. Michael organisiert eine Überraschungsparty für einen seiner Freunde, zu der auch ein alter heterosexueller Bekannter eingeladen ist. Neun Männer agieren im Laufe des Abends, Frustrationen, Lebenslügen, Aggressionen und damit einhergehende Verletzungen aus. Es geht dabei nicht um tiefschürfende psychologische Analysen, sondern eher um ein Spiel, der die Wahrheit über jeden einzelnen ans Licht befördert: Einen Freund anrufen, den man liebt, gibt einen Punkt, ihm die Liebe zu gestehen gibt zwei Punkte und so fort. 

Die Ähnlichkeit zwischen "The Boys..." und Hillesums Tagebuch finde ich verblüffend. In beiden Fällen geht es um Unterdrückung, Selbsthass und wie aus Lebenslügen heraus Sündenböcke entstehen, auf die man die eigenen Frustrationen projiziert. Spannend finde ich auch, dass diese Erkenntnisse jeweils in der Abgeschiedenheit stattfinden: Bei Michael ist es das Telefonspiel, bei Hillesum das Schreiben, das einfach mal irgendwo beginnt und je weiter man es treibt, unvermutet zur Wahrheit führt. Das Leben als Spiel eben. 

Diejenigen, die dieses Prinzip missverstehen, wenden ein, dass es durchaus den Ernst des Lebens gebe. Man könne nicht leichtfertig damit umgehen. Johan Huizinga hat ein sehr schönes Buch, ein Klassiker inzwischen, geschrieben, der dieses Missverständnis schnell aufklärt. "Homo ludens", heisst das Werk, in dem der menschliche Spieltrieb als historische Tatsache belegt wird. Das Spiel schafft Tatsachen. Es ist nicht das Gegenteil des Ernstes, sondern das Spiel ist der Ernstfall des Lebens. 

Aus diesem Grund, dem dem Spiel innewohnenden existenziellen Ernst, muss man (muss ich) Platon widersprechen, wenn er schreibt, dass die Dichter zu viel lügen. Für Platon ist die Dichtung schädlich, weil sie, im Gegensatz zur Philosophie, nicht zur Wahrheit führt. Angesichts von Huizinga, Hillesum und Crowley muss man feststellen, dass die Dinge anders liegen. Dichtung, Kunst überhaupt, ist etwas Hochpolitisches. Sie hält uns als Individuen und als Gesellschaft den Spiegel vor. Ich bin von daher eher Aristotelikerin. In seiner Poetik spricht Aristoteles, der ja Platons Schüler war, von der Katharsis, von der reinigenden Kraft der griechischen Tragödie, die sich durch Identifikation mit dem tragischen Helden ereigne. Ja, im Spiel der Fiktion werden wir ein Stück an uns selbst herangeführt. 

Übrigens ist Aristoteles nicht der einzige, der so gedacht hat. Um die Jahrhundertwende schrieb ein Hans Vaihinger das monumentale Werk zur "Philosophie des Als Ob", mit zahlreichen Alltagsbeispielen dafür, wie aus einer Fiktion Ernst werden kann. 

Inzwischen weiss auch die Neurowissenschaft, dass unser Gehirn uns ständig irgendwelche Geschichten vorgaukelt und es an uns liegt, ob wir uns darauf einlassen oder nicht. Unser Gehirn und auch die Welt machen uns Spielangebote: Machen wir mit? Das ist die entscheidende Frage. 

Meine Mutter ist heute besonders grantig. Sie möchte runter, zur Nachbarin im ersten Stock, um sich über ihre Pflanzen zu beschweren. Das da unten sei eine Terrasse und kein Wintergarten, sagt sie, mit rot angelaufenem Kopf. Wenn das so weitergehe, werden wir im Haus noch Kakerlaken haben. 

Ich versuche, es so wie die Hillesum zu machen. Beobachten, verstehen. Das Spiel als solches durchschauen. Und die bestmögliche Wahrheit daraus herausholen. 
 


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Kommentare (1)

Syrdal


Beobachten, Verstehen… eine fast überall abhanden gekommene Tugend, die heutzutage kaum noch zählt…. Leider!

...meint Syrdal


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