Kennst du die Uwatschi-Insel? (16)



Der Käse-Uwatsch beim Käse-Uwatsch


Am nächsten Morgen erhob sich der Käse-Uwatsch von seiner Matte und hat­te Kopfschmerzen. Er fühlte sich so klein wie eine Mücke, und wenn er an die wei­ße Welt da drüben dachte, fühlte er sich noch kleiner. 
Nach einer Weile ging er vor seine Hütte, um frische Luft zu schnappen. Als er ins Freie trat, ging ein Ruck durch den Uwatsch. Er blieb stehen, guckte, rieb sich die Augen, guckte und machte sich kerzengerade. Er hatte das Gefühl, als müsse er sich selber guten Morgen sagen. Da stand er nämlich. Er. Der Käse-Uwatsch. Stand sich selbst gegenüber.
Stand er wirklich dort? Etwas stand da. Es musste so ein Etwas sein, das Amad – Bild genannt hatte. Das war vor seiner Hütte aufgestellt. Alles in diesem Bild passte so zusammen, dass ein Käse-Uwatsch daraus wurde, dachte der Graukopf. Er zog die Luft in die Nase ein. Dann trat er einen Schritt näher an das Bild heran. Und wieder wollte er sich selber guten Morgen sagen. Er tat es. Er begrüßte sich mit einer Verbeugung. Er hätte gern mit dem Bild gesprochen. Wollte es fragen: Willst du König werden? Das Bild nickte. Dem Uwatsch kam es so vor, als habe ihm das Bild gerade zugenickt. Dann fiel ihm auf, dass der Käse-Uwatsch in dem Bild die eine Augenbraue höher angehoben hatte als die andere. Der Käse-Uwatsch vor dem Bild machte es sofort genauso. Ja, er half beim Hochziehen sogar nach. Mit dem Daumen. Und es war ihm, als sei er im gleichen Augenblick ein Stück größer geworden. Oder? Ja! Das Bild hatte wieder genickt. Der Käse-Uwatsch ging noch einen Schritt näher heran. Ging um das Bild herum, und nun sah er: Anders herum war das Bild ein Hemd. Ein Hemd über Stöcke gespannt mit einer Stütze dahinter. Sofort machte der Käse-Uwatsch einen Schritt um das Hemd herum und einen Riesenschritt nach vorn, und nun sah er wieder den Uwatsch mit der angehobenen Augenbraue. Und er dachte, dass er sich selbst noch nie so gesehen hatte. Und dass er von nun an sich immer so sehen wollte.
Unterdessen waren auch die anderen Grauköpfe vor ihre Tür getreten. Für keinen war dort ein Bild aufgestellt. Und keiner beachtete den Käse-Uwatsch. Alle hatten Kopfschmerzen und wollten frische Luft schnap­pen, um sich dann gleich wieder aufs Ohr zu legen. Aber plötzlich – wie auf einen Pfiff – guckten alle zum Käse-Uwatsch hinüber.
Der hatte tatsächlich gepfiffen. Der Pfiff war ihm herausgerutscht. Als er näm­lich auf dem Bild den Hut bemerkte, der ihm beim ersten Hinschauen gar nicht aufgefallen war. Er wusste noch nicht, dass dieses Ding auf dem Uwatsch-Kopf ein Hut sein sollte. Aber er wusste etwas anderes, und darum hatte er auch gepfiffen: Das Ding da oben – wie sollte er es sagen? – es sah geradezu königs­haft aus!
Die Grauköpfe kamen neugierig heran und scharten sich um den Käse-Uwatsch. Um beide. Der Uwatsch auf dem Bild machte auf alle einen gewaltigen Eindruck. Die Wortsammlerin meinte, der sehe sogar wirklicher aus, als der wirk­liche Käse-Uwatsch. Das meinten schließlich alle. Und insgeheim fragten sie sich, ob sie auch so wirklich aussehen konnten. 
«Was ist das da auf dem Kopf?» wollten sie wissen.
«Das ist …» – der Käse-Uwatsch suchte für das Ding auf dem Kopf einen königs­haften Namen.
«Ein Hut!» sagte Amad. Er hatte am Abend zuvor das Bild mit Holzkohle gemalt und dem Käse-Uwatsch vor die Tür gestellt. Nun kam er hinter der Hütte hervor, wo er heimlich alles beobachtet hatte.
«Ein Hut ist das!» murmelten die Grauköpfe. Und der Käse-Uwatsch murmelte: «Ein Hut muss her!» Und schon schlüpfte er in seine Hütte und kam einen Augenblick später mit einem Hut auf dem Kopf langsam wieder heraus. Es war ein Hut, den er sich blitzschnell aus einem Hosenbein zusammengedreht hatte. Das Hosenbein hatte zu einer Uwatsch-Hose gehört. Und die hatte der Käse-Uwatsch kurzerhand auseinandergerissen.
«Erstaunlich!» murmelte der Tagrufer, als der Käse-Uwatsch mit dem Hosen­beinhut auf dem Kopf durch die Tür trat. «Erstaunlich!» murmelte auch der Nachtrufer. Alle fanden, dass der Käse-Uwatsch auf einmal erstaunlich aussah.
«Jetzt bin ich König!» sagte der Käse-Uwatsch und guckte in die Runde.
Die Grauköpfe blickten ihn bewundernd an. Ja. Der da mit dem Hut, das war wirklich nicht mehr der Käse-Uwatsch, wie sie ihn kannten. «Ist er jetzt König?» fragten sie Amad.
«Er muss eine Erfindung machen, die wir gut gebrauchen können», antwortete Amad.
«Ist es so da drüben?» 
«Ja.»
«Eine Erfindung …!» murmelte der Käse-Uwatsch. Er griff mit beiden Händen nach seinem Hut. Hielt sich daran fest. Und es kam ihm so vor, als sei das Erfinden unter dem Hut ganz leicht.
«Wollt ihr Kokosnüsse?»
Irgendjemand hatte gerade gefragt: «Wollt ihr Kokosnüsse?» 
Der Eisen-Uwatsch! 
Plötzlich stand er da! «Ich kann nicht allein sein», sagte er.
Alle guckten ihn an. Wie lange hatten sie keine Kokosnüsse mehr gegessen! Da stand er und hielt eine in der Hand! Bückte sich, schlug die Nuss an einem Stein auf, brach sie auseinander, schlürfte den herausströmenden Saft und … die Uwatschi konnten nicht länger hinsehen. Drehten sich weg. Es tat ihnen weh. Und in ihren Mägen rumorte es. 
Amad bot sich an, ein Omelett zu machen, aber der Eisen-Uwatsch packte ihn am Ellenbogen und schob ihn beiseite. Dann reichte er von der Kokosnuss kleine Stücke herum, hatte sogar noch mehr Nüsse, nickte den Grauköpfen aufmunternd zu, setzte sich, und schon hockten sich alle im Kreis zusammen und machten Kokosnussfrühstück. Und wollten gar nicht mehr damit aufhören! Nur der Käse-Uwatsch – der war mit einem «Ha!» davonmarschiert. Keiner kümmerte sich mehr um ihn.

Am Nachmittag gellten Pfiffe über die Insel. Und lautes Rufen war zu hören. Die Grauköpfe saßen noch immer beim Frühstück – und von irgendwoher rief jemand: «Vooooorwärts!» Der Käse-Uwatsch! Ein ums andere Mal! Dann wieder Pfiffe. Die Uwatschi guckten sich an. Was machte er da? Neugierig standen sie auf und gingen dem Lärm nach. 
Und plötzlich sahen sie die Alte. 
Die rollte mit ihrem Kopf den Balkon vor sich her. 
Rollte ihn zum Frühstücksplatz. 
Oben auf dem Buckelpanzer saß der Käse-Uwatsch. 
Er trieb die Alte mit Pfiffen an, schlug die Füße gegen ihren Panzer und schrie: «Vooooorwärts!» 
Dann rief er: «Haaaaalt!» Und ließ sich hinuntergleiten. 
Die Alte zog mit einem Schmerzenslaut den Kopf ein, und langsam watschte sie davon.
«Meine Erfindung!» sagte der Käse-Uwatsch und deutete der Schildkröte hinterher. Er rückte seinen Hut zurecht, der ihm über die Stirn gerutscht war. «Meine Erfindung! Und wie ihr gesehen habt: Die können wir gut gebrauchen!» 
Die Uwatschi guckten ihn wortlos an. Ojo fragte: «Hat die Alte das so gewollt?» 
«Ich kann noch mehr erfinden!» entgegnete der Käse-Uwatsch und hielt sich an seinem Hut fest.
«Du hörst auf damit!» knurrte der Eisen-Uwatsch. «Und diesen … diesen Balkon! Den werde ich wieder verstecken!»
«Ho…ho!» rief da der Käse-Uwatsch. Er hatte eigentlich Haha! rufen wollen, aber es wurde ein verwackeltes Ho-ho. Dann drehte er sich auf dem Absatz herum und rannte zu seiner Hütte. Kam im Blitzschritt wieder zurück und brachte sein Bild mit. Das stellte er oben auf den Balkon. «Der König ist über euch!» trompetete er.
Die Grauköpfe schauten vom Käse-Uwatsch unten zu dem Bild nach oben, und auf einmal wollte jeder so ein Bild haben. Wollte es auch oben auf den Balkon stellen. 
«Du bist noch nicht König!» sagten sie. «Wir erfinden auch!» Und sofort dachten sie darüber nach, wie sie mit dem Erfinden anfangen wollten. Nur Ojo nicht. Er ging der Schildkröte hinterher, denn er hatte gesehen, dass sie am Kopf blutete. 
Um den Eisen-Uwatsch kümmerte sich jetzt keiner mehr. Der stand grollend ein paar Schritte abseits, und irgendwann ging er weg.

Am Abend kam ein Windboot über das Meer. Ein Windboot so klein wie ein Schuh. Ojo entdeckte es, als er am Ufer saß.
Langsam schob sich das kleine Boot heran, und eine Welle setzte es in den Ufersand. Ojo nahm das Boot, rannte zu den Hütten und zeigte es herum. Eine Papierrolle war in dem Boot festgemacht. Lorna hatte einen Brief über das Meer geschickt. 
Amad las den Brief vor:
«Lieber Amad, lebst du noch? Wir wissen es nicht. Es hat ausgesehen, als habe das Meer dich verschluckt. Mein Vater meint, er werde sich niemals in so ein Windboot setzen. Viel zu gefährlich. Trotzdem hat deine Erfindung den Leuten gut gefallen. «Er hätte König werden können», sagen sie, «aber nun ist er tot.» Ich glaub’ es nicht, und deswegen schicke ich dir einen Brief. Wir wohnen immer noch im Palast. Bis nächstes Jahr soll mein Vater König bleiben, dann wird ein neuer ge­wählt. Der Konstrukteur hat es nicht geschafft, weil die Leute sagen: Das Wind­boot hast schließlich du erfunden! Später einmal will mein Vater auf Entde­ckungs­reise gehen. Ich weiß nicht, wohin. Und er weiß noch nicht, womit. Jeden Tag verkriecht er sich in seinem Erfinder­zimmer. Oder im Geräteschuppen. Den schließt er sogar ab. Und du? Ich stell mir vor, du hast es bis zu den Uwatschi geschafft, weil ich mir etwas anderes gar nicht vorstellen kann. Na, und die Uwatschi? Die müssen vor Schreck grüne Haare gekriegt haben, als du plötzlich aus dem Meer gestiegen bist! Sag allen einen schönen Gruß von mir. Von der Köchin auch. Ach, so: Mein Vater baut ein größeres Fern­rohr. Wenn es fertig ist, guck ich euch beim Frühstück zu. Auf Wiedersehen.»
Nachdem Amad den Brief zu Ende gelesen hatte, war es eine Weile still. Dann murmelte die Wortsammlerin: «Sie gucken uns an!» Alle nickten. 
Und jetzt wollten alle, dass sofort einer König wurde. Denn es sollte genauso sein wie bei denen da drüben, wenn sie guckten.
Der Käse-Uwatsch hielt sich wieder an seinem Hut fest und verkündete: Er werde nun die größte Erfindung der Welt machen. 
Der Tagrufer konnte sogar schon eine Erfindung vorweisen. «Ich habe den Klappstuhl erfunden!» behauptete er.
Den Grauköpfen stand der Mund offen.
«So ein Klappstuhl hat zum ersten Mal in meiner Hütte gestanden. Das wisst ihr doch!»
Keiner wusste es.
«Wer soll ihn denn sonst erfunden haben?»
«Vielleicht ich», meinte der Topfmacher.
«Du? Du hast immer nur Lehm geknetet!»
«Ich habe die Hütte erfunden!» behauptete da der Schreiner-Uwatsch.
Eine gewaltige Erfindung, dachten alle und kratzten sich am Kopf.
Aber Ojo meinte, dass noch keiner irgendetwas erfunden habe. «Die Hütte ist keine Erfindung», sagte er, «die gehört schon immer zu uns.» 
«Und die Handschuhe?» fragte die Frau des Schneider-Uwatschs.
«Was ist das?»
«Etwas, das wir gut gebrauchen können.»
«Kannst du es zeigen?»
Die Uwatsch-Frau nickte. «Ich muss es nur noch erfinden.»

Fortsetzung folgt …
 

Anzeige

Kommentare (0)


Anzeige