Kennst du die Uwatschi-Insel? (17)



K … k … konstruktionsfehler


«Ich muss es nur noch erfinden!» – das war von jetzt an jeden Tag zu hören. Jeder Uwatsch sagte es. Jeder wollte nun eine gewaltige Erfindung machen, und Amad wurde von allen bedrängt und ausgefragt. Jede Erfindung, die Amad in der weißen Welt gesehen hatte, musste er genau erklären. Immer wieder von vorn. «Wenn die da drü­ben das Fernrohr erfinden können», sagten die Grauköpfe, «erfinden wir das Nah­rohr!» Und sofort fing einer damit an. Er setzte sich vor seine Hütte, hielt sich an seinem Hut fest – einen Hut trug nun jeder Uwatsch auf dem Kopf – guckte auf sein Bild, das vor der Hütte aufgestellt war, und glaubte fest daran, dass ihm die Erfindung des Nahrohrs schon bald gelingen werde. 
Amad hatte für jeden Uwatsch ein Bild gemalt. Sie waren mit Tüchern zu ihm gekommen, die sie über Stöcke gespannt hatten, und alle wollten mit ihrem Hut gemalt werden. «Wenn du kannst», hatten sie gesagt, «auch mit dem königshaften Auge!» Die Frau des Schreiner-Uwatschs bestellte sogar königshafte Ohren, denn sie hatte sich vorgenommen, die Ohrenringe, wie sie ihren Einfall nannte, zu erfinden. Nur Ojo wollte kein Bild. Einen Hut zum Festhalten hatte er sich auch nicht gemacht. 
Der Käse-Uwatsch wohnte nicht mehr in seiner Hütte. An jenem Abend, als das kleine Windboot gekommen war, hatte er seine Schlafmatte genommen, hatte sie vor dem Balkon ausgelegt, und dort saß er von nun an mit dem Hosenbein­hut auf dem Kopf und wollte über die größte Erfindung der Welt nachdenken. Kam einer zu ihm und fragte: «Wie weit bist du?» – wackelte der Käse-Uwatsch mit dem Hut und antwortete: «Ganz nah dran!»
Nur einer tat gar nichts: der Eisen-Uwatsch. Der hatte sich in seine Hütte ver­krochen und wartete darauf, dass jemand zu ihm kam. «Warum haben sie keine Angst?» Das fragte er sich immer und immer wieder. Er konnte nicht verste­hen, warum sich die anderen vor denen da drüben nicht fürchteten. Seine Angst – die hörte nämlich überhaupt nicht auf! Manchmal nachts war es ihm, als seien die von da drüben alle schon herübergekommen! Einmal hörte er ein Geräusch. Er drückte den Fensterladen einen Spalt weit auf und sah den Nachtrufer. «Kommst du zu mir?» fragte er ihn. Da verwandelte sich der Nachtrufer mit einem Flüsterwort in einen von denen da drüben! «Nasenbohrer!» flüsterte er. Dem Eisen-Uwatsch fuhr es eiskalt über den Rücken, und seine Angst stieg ins Unermessliche. Am nächsten Morgen nahm er alle Kokosnüsse, die er noch hatte, und machte sich auf den Weg zum Frühstücksplatz. Dort wollte er sich hinhocken bis ans Ende seiner Tage. Er wollte nicht mehr allein sein.
Die Insel war an diesem Morgen von dunklen Wolken zugedeckt. Wind fegte über die Hütten.
Als der Eisen-Uwatsch zum Frühstücksplatz kam, spähte er zu dem Felsbro­cken hinüber, den die anderen Balkon nannten: Dort hockte der Käse-Uwatsch auf seiner Matte. Der hatte sich in einen von denen da drüben verwandelt!
Der Eisen-Uwatsch lud die Kokosnüsse ab und setzte sich dem Käse-Uwatsch gegenüber.
Später kam Ojo und fragte: «Was machst du hier?»
«Ich halte alles aus!» antwortete der Eisen-Uwatsch und guckte mit verbissenem Gesicht auf den Käse-Uwatsch.

Gegen Abend wirbelten heftige Windstöße über die Insel. Fernes Donnern war zu hören, das rasch näher kam. Und plötzlich – gerade war ein Windstoß dem Käse-Uwatsch pfeifend unter den Hut gefahren – plötzlich stand der Käse-Uwatsch mit einem «Ha!» auf. Machte sich kerzengerade und guckte den Balkon an. Dann kletterte er hinauf. Sein Bild kippte um, als er sich oben aufrichtete, aber er achtete nicht darauf. «Jetzt bin ich …!» rief er, so laut er konnte, und holte tief Luft … und hatte vergessen, was er rufen wollte. Aber beim nächsten Luftholen fiel es ihm wieder ein. «König!» brüllte er. Holte wieder Luft und brüllte es noch einmal. 
Die Uwatschi, als sie das Gebrüll hörten, kamen alle zum Balkon gelaufen. Alle mit ihrem Hut, an dem sie sich festhielten.
Der Topfmacher kam mit einem Hut aus Lehm, den er sich bis über die Ohren geknetet hatte. Die Wortsammlerin hatte sich aus kleinen Zweigen einen Wörterhut gemacht. Der Tagrufer trug einen Grasbüschelhut, und der Nachtrufer kam mit einem Hut aus Eulenfedern. Auch Toff kam mit einem Hut: Er hielt die Hände über den Kopf gestülpt, dass es aussah, als trage er einen Hut aus Runzelfingern.
Der Käse-Uwatsch fragte in die Runde: «Hat einer etwas erfunden, das größer ist?»
«Was hast denn du erfunden?» fragten die Grauköpfe.
Der Käse-Uwatsch hob eine Augenbraue und sagte: «Ich fange die Welt von vorne an!»
Die Uwatschi guckten sich an. Oh weh!, dachten sie, so etwas wäre uns niemals eingefallen! Und alle waren froh, dass sie nun nichts mehr erfinden mussten. Denn die Köpfe taten ihnen seit Tagen weh wie noch nie in ihrem Leben.
Die Wortsammlerin fragte sich, ob der Käse-Uwatsch auf einmal eine andere Sprache hatte. «Und wer es wünschet, wie ich», hatte er gerade gesagt, «für den wäre ich König!»
Es donnerte.
Der Käse-Uwatsch kletterte vom Balkon herunter und fing an … ja, was war das, was er jetzt machte? Er fing an … den Boden festzutrampeln. Um den Balkon herum. Und dann weg vom Balkon geradeaus. Die Grauköpfe liefen ihm neugie­rig hinterher – auch der Eisen-Uwatsch hatte sich aufgerappelt und kam ihnen nach. Lag ein Stein im Weg, oder stolperte der Käse-Uwatsch über ein Wurzelstück, trat er den Stein beiseite und riss das Wurzelstück aus dem Boden. Nach einer Weile blieb er stehen, drehte sich um und sagte: «Alle Wege führen geradeaus!» – und trampelte weiter. Dann stand ihm eine Hütte im Weg. Der Käse-Uwatsch hielt an und hob eine Augenbraue: In dieser Hütte hatte er selbst einmal gewohnt. Er warf sich gegen die Tür. «Ha!» bellte er. Und warf sich noch einmal dagegen. Guckte sich nach den anderen um und bellte: «Warum hilft mir denn keiner? Soll ich die Welt alleine anfangen?» Wieder warf er sich gegen die Tür. Und mit einem Tritt hatte er sie aus den Angeln gestoßen.
«Aufhören!»
Noch ein Tritt. Das Hüttendach senkte sich nach unten.
«Aufhören!» brüllte der Eisen-Uwatsch.
Wieder ein Tritt. Das Hüttendach senkte sich tiefer.
«Aufhören!»
Das Hüttendach stürzte ein.
Da hatte der Eisen-Uwatsch den Käse-Uwatsch an der Schulter gepackt und zerrte ihn von der Hütte weg. «Du sollst aufhören!» keuchte er und hob gegen ihn die Hand. 
«Nein!» schrie Ojo.
Im gleichen Augenblick zerkrachte über allen ein Donnerschlag.
Mit dem Donnerschlag guckten die Uwatschi alle zum Himmel hoch. Denn von dorther hatten sie eine Stimme gehört. Und jetzt hörten sie diese Stimme wieder: «Ich kann das Steuer nicht halten!»
Eine zweite Stimme rief: «Da steht er!»
Die erste Stimme: «Wir sinken!»
Die zweite Stimme rief: «Huhuuu! Aaamad!»

Hoch über allen Köpfen beugte sich König Tullio über die Gondel seines Flugballons, der vom Wind auf die Uwatschi-Insel zugetrieben wurde. Lorna guckte durch das Fernrohr und winkte nach unten. 
Die Geister kommen! … wollte der Eisen-Uwatsch rufen. Wollte es Ojo zu­schrei­en und ihn schützend in die Arme nehmen. Aber so sehr er sich auch an­strengte, auf einmal brachte er keinen Laut mehr heraus. Die Angst war ihm wie ein Stoß in den Kopf gefahren und hatte ihm die Sprache weggenommen. Er fiel auf die Knie, und die Geister kamen immer näher.
«Das ist Lorna!» rief Amad.
Der Käse-Uwatsch stand wieder oben auf dem Balkon. Wie festgenagelt. Er hatte sich dorthin geflüchtet, guckte in den Himmel, sah etwas herunterschweben, und das war riesengroß. Es hatte viele Stimmen. Dann war es mit einem Krachen unten angekommen und deckte die ganze Welt zu. Der Käse-Uwatsch schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, sah er einen Geist auf sich zukommen. Mit wehendem Haar. Und das war schwarz.
«Guten Tag», sagte Lorna. Sie fing den Käse-Uwatsch auf, der langsam zu ihr heruntergerutscht kam.
Der Flugballon war mit einem Aufschlag gelandet. König Tullio und Lorna hatten sofort die Gondel verlassen, und jetzt wollte der König den Ballon irgend­wo festmachen. Hielt ihn am Seil, schaute sich um, aber plötzlich hob ein Wind­stoß den Flugballon an, das Seil sauste dem König durch die Hand, und der Ballon bäumte sich in die Wolken hinauf.
Nach einer Weile hatte sich die Wortsammlerin von ihrem Schrecken erholt. Sie schob die Hutzweige auseinander, die ihr im Gesicht hingen, und langsam trat sie auf den König zu. Sie deutete in den Himmel, und ganz leise fragte sie: «Da oben … ist da noch eine Welt?»
«Wir haben keine gesehen», antwortete der König. 
«Ich bin die Wortsammlerin.»
Der König machte eine Verbeugung. «Ich bin König Tullio. Ich wollte mit mei­ner Tochter den Flugballon ausprobieren. Ein Rundflug um den Palast, mehr sollte es nicht werden. Aber dann ist eine Weltreise daraus geworden.» Der König lächelte schief. «Die Steuerung hat versagt. Bei diesem Sturm! Glück für uns, dass es uns nicht aus der Gondel gerissen hat. Tja, Ein Konstruktionsfehler.»
«K…konstruktionsfehler», murmelte die Wortsammlerin. 
«K…konstruktionsfehler», murmelten die anderen, und das Wort klang ihnen wie ein Himmelsgeräusch in den Ohren.
 «Das … das betrübet uns erheblich», sagte die Wortsammlerin. Sie hatte kurz überlegt, wie sie zu dem König sprechen sollte. Und ihr war die neue Sprache eingefallen, die sie vom Käse-Uwatsch gehört hatte.
 «Jetzt ist er weg!» rief im gleichen Augenblick Amad. Er zeigte über den Kopf. Der Flugballon war hinter einer Wolke verschwunden.
«Wir sind bei Ihnen eingedrungen», sagte König Tullio zur Wortsammlerin, «dafür entschuldige ich mich. Natürlich wollen wir wieder nach Hause. Aber ohne den Ballon … für eine Weile möchten wir Ihre Gäste sein, wenn wir dürfen, bis mir etwas eingefallen ist.»
«Das möchten wir ebenso», entgegnete die Wortsammlerin.
«Ebenso …», murmelten die anderen. Sie hatten nun alle ihren Schrecken über­wunden und kamen näher. Alle hatten eine Augenbraue angehoben. Der Käse-Uwatsch zog sogar beide Augenbrauen mit den Daumen hoch, und König Tullio fragte sich, ob man womöglich auch von ihm diese Art der Begrüßung erwartete.
«Wir haben einen Balkon!» sagte der Käse-Uwatsch.
Alle nickten. 
Da kam der Eisen-Uwatsch nach vorn. Er machte eine Verbeugung, wie er sie von König Tullio gesehen hatte, und wollte etwas sagen. Er strengte sich gewaltig an, aber kein Wort brachte er heraus. Hilfesuchend guckte er zu Ojo. Der wandte sich an den König.
«Ihr seid groß», sagte Ojo, «und ihr könnt über den Himmel fliegen. Wir können das nicht.» Er deutete auf den Käse-Uwatsch. «Der auch nicht! Und drum soll er aufhören mit der Umräumerei!»
Der Käse-Uwatsch stampfte mit dem Fuß auf. «Das werden wir ja sehen!» rief er, und mit einem «Ha!» drehte er sich auf der Ferse herum und stelzte zum Balkon.
«Was hat er denn?» fragte Lorna.
«Er ist bei uns König!» entgegnete die Wortsammlerin. 
«Wo bleibt ihr denn?» hörte man da den Käse-Uwatsch rufen. «Euer König besteigt den Balkon und erwartet euch!»
Da verbeugte sich die Wortsammlerin vor König Tullio und sagte: «Wenn ihr uns begleiten tätet!» 
Der Käse-Uwatsch war wieder auf den Felsbrocken geklettert und hielt sich sein Bild vor den Bauch. Als alle herangekommen waren, trompetete er vom Balkon herunter: «Hier ist bei uns die Mitte!» Dann hob er sein Bild über den Kopf und setzte hinzu: «Eine Galerie haben wir auch!» 
Die Uwatschi nickten. Liefen zu ihren Hütten und kamen gleich darauf mit ihren Bildern wieder. Stellten sich vor dem Balkon auf und hielten sich die Bilder über die Köpfe. Ein paar Schritte weiter weg stand der Eisen-Uwatsch und starrte, mit den Zähnen knirschend, auf das Schauspiel.
Der Käse-Uwatsch stellte sein Bild neben sich, winkte vom Balkon herunter und verkündete, er, der Käse-König, habe begonnen, die Welt von vorne anzufangen. Ob er, der weiße König, dieses sich anschauen wolle.
«Doch, doch», antwortete König Tullio, «vielleicht morgen.» Und entschuldi­gend fügte er hinzu: «Wir haben eine anstrengende Reise hinter uns. Wenn Majestät erlauben, möchten wir uns erst ein wenig ausruhen.»
«Ich erlaube!» entgegnete der Käse-König. Und mit einem Blick auf die Grauköpfe unter ihm fügte er hinzu: «Ihr seid jetzt auch müde! Ich erlaube es!» Dann befahl er, dass die Schlafmatten um den Balkon herum ausgelegt werden sollten. Auch für Lorna und König Tullio wurden Matten gebracht. Und mit erho­bener Augenbraue erklärte der Käse-König: «Bei uns schläft man in der Mitte!» 
König Tullio bedankte sich und meinte, er freue sich darauf, dass nun der Nachtrufer vorbeikommen werde. Und als der dann kam, rief er allen das Wort Konstruktionsfehler in den Schlaf. 

Fortsetzung folgt …
 

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