Kennst du die Uwatschi-Insel? (18)


 

Zur Muschelwiese


«Aufwachen, ihr Schnarchbäuche, wacht auf!» war am nächsten Morgen zu hören, und König Tullio dachte: So möchte ich immer geweckt werden. Er gähnte, legte die Hände unter den Kopf und wollte noch eine Weile vor sich hin dösen.
Aber das Wecken war schon zu Ende, und jemand rief: «Nunmehr ist es so weit!» 
König Tullio richtete sich auf. Blinzelte in die Sonne. Guckte und sah … was war denn da los? Die Uwatschi standen um ihn herum – alle mit einer hochgezogenen Au­gen­braue! Alle mit ihrem Hut auf dem Kopf! Und der Käse-Uwatsch verkün­dete, dass er nunmehr die Welt weiter von vorne anfangen werde. Jetzt sofort. Ob ihm der weiße König dabei zuschauen wolle? 
König Tullio murmelte ein «Jaja» und gähnte hinter der vorgehaltenen Hand. Lorna, die sich aufgesetzt hatte, murmelte, sie habe gerade von einem wunder­vollen Kokosnussfrühstück geträumt.
«Kokosnüsse haben wir nicht», entgegnete der Käse-Uwatsch, «weil …» – sein Blick ging zu dem umgestürzten Frühstücksbaum.
«Oh!» rief Lorna. «Wie habt ihr denn das geschafft?»
Da kam der Eisen-Uwatsch gelaufen. Mit Kokosnüssen. Und legte sie wortlos vor Lorna und König Tullio auf den Boden. Auch Ojo kam und sagte: «Mehr haben wir nicht! Aber ihr seid groß! Ihr macht für uns den Baum wieder ganz!»
«Das können wir nicht», meinte Lorna.
«Ihr müsst es aber können!» entgegnete Ojo. Und mit einem Blick auf den Eisen-Uwatsch fügte er hinzu: «Weil … ohne den Baum kann er nicht sprechen!» 
Der Eisen-Uwatsch nickte heftig.
Da fiel Lorna das Bild ein, das sie einmal von der Uwatschi-Insel gemalt hatte. Sie trug es immer bei sich. In ihrer Rocktasche. Es war ihr Lieblingsbild. Sie holte die kleine Papierrolle heraus, zog sie auf, zeigte sie dem Eisen-Uwatsch und fragte: «Gefällt Ihnen der Baum auch so?»
Der Eisen-Uwatsch nahm die Rolle und betrachtete das Bild. Etwas wie ein … ein runder Stein war darauf. Und ein … Frühstücksbaum ragte hoch über den Stein hinaus mit … mit Hütten darunter, so sah es aus. Und zwischen den Hütten – der Eisen-Uwatsch zögerte – führten da Wege über den Stein? So etwas wie Wege? Ja … dahin und dorthin! Und über allem war der Himmel wie ein blaues Tuch gespannt. Der Eisen-Uwatsch guckte das Bild lange an. Es gefiel ihm. Dann hielt er es hoch, dass alle es sehen konnten.
Die Grauköpfe fragten: «Was ist das?»
Der Eisen-Uwatsch guckte hilfesuchend zu Ojo. 
«Die Welt wie bei uns!» sagte Ojo, nachdem er sich das Bild angeschaut hatte. 
Da nickte der Eisen-Uwatsch. «Wie bei uns!» murmelte er glücklich. 
Alle starrten auf das Bild.
«Und wo ist der Melonengarten?» fragte einer.
«Davon hat uns Amad nichts erzählt!» meinte Lorna. 
«Aber den haben wir auch!» rief Ojo. «Der muss da noch rein!»
Das Bild verzauberte die Uwatschi. So hatten sie ihre Welt noch nie gesehen. Die Welt wie bei uns, dachten sie – der Käse-König kann sie uns nicht wegnehmen. Davor hatten sich alle gefürchtet. 
Der Käse-Uwatsch aber meinte, so sei die Welt falsch. Und schon fing er wieder an zu trampeln. «Mir nach! Geradeaus!» brüllte er. Trampelte um den Balkon herum und wollte den geraden Weg weitertrampeln. Doch Ojo hatte ihn am Arm gepackt und sagte: «Du hörst auf! Erst muss die Welt in dem Bild sein! So, wie sie jetzt ist! Mit dem Melonen­garten! Und kei­n Blatt darf fehlen! Und keine Muschel!» Und mit verkniffenen Lippen setzte er hinzu: «Auch keine Mücke, wenn sie bei uns fliegt!»
Die Uwatschi nickten. So war es gut. So wollten sie es haben. «Du holst alles in das Bild», sagten sie zu Lorna, «auch die Mücken! Und dann kann der Käse-König die Welt von vorne anfangen, wenn er will!» 
Aber der Käse-Uwatsch ließ sich nicht aufhalten. «Hier geht der gerade Weg!» rief er schneidend und trampelte wieder los. Bückte sich, wollte einen Strauch aus dem Boden reißen, der ihm den geraden Weg verstellte – da aber waren sie alle neben ihm, und der Eisen-Uwatsch packte ihn an den Schultern. Und Ojo rief: «Erst muss der Strauch in das Bild!»
Lorna versprach, den Strauch später zu malen. Aber der Eisen-Uwatsch wollte, dass sie es sofort machte und fuchtelte ihr mit der Papierrolle vor den Augen herum.
 «Wir malen den Strauch in Gedanken da rein und alles, was noch fehlt!» schlug Ojo vor. «Und später macht sie es dann wirklicher!»
Das gefiel den Grauköpfen, und sofort fingen sie mit dem Gedankenmalen an. Es war eine anstrengende Arbeit.
Der Käse-Uwatsch aber riss den Strauch aus dem Boden – in Gedanken! Denn Ojo hatte noch hinzugefügt: «Und erst, wenn der Strauch wirklich in dem Bild ist, kannst du ihn auch wirklich ausreißen!» 
So wurde kein Halm ausgerissen, und kein Stein fortgetreten. Alles blieb, wie es immer gewesen war, und alle malten ihre Welt in Gedanken. Der Käse-Uwatsch aber trat in Gedanken alles nieder und riss alles aus dem Boden. Und am Nachmittag dröhnte ihm der Kopf vor lauter Gedankenausreißerei. Erschöpft verlangte er Melonen. «Den König hungert!» jammerte er. 
Der Eisen-Uwatsch stampfte mit den Füßen auf. Er wollte nicht, dass auch nur eine Melone geholt wurde. Doch Ojo meinte: «Was wir essen, müssen wir nicht malen.» Die Grauköpfe stimmten ihm zu, denn alle hatten auf einmal Hunger, und sie beschlossen, sich auf den Weg zum Melonengarten zu machen.
Der Käse-Uwatsch verkündete sofort, er werde sich zusammen mit seinen Untertanen – «ein königliches Wort, das mir gerade eingefallen ist!» – mit allen seinen Untertanen wolle er sich weiter die ganze Welt anschauen, um herauszufinden, wo er die geraden Wege ziehen müsse. «Man folge mir!» forderte er die Grauköpfe auf. Auch König Tullio und Lorna zeigte er mit einer Handbewegung an, dass ihm zu folgen sei. «Wir gucken uns die Welt an, dann wissen wir, wie wir sie von vorne anfangen!» 
Und so gingen jetzt alle dem Käse-König hinterher. König Tullio hatte seiner Tochter heimlich zugeflüstert: «Aus Höflichkeit müssen wir mitspielen, auch wenn es dir vielleicht verrückt vorkommt.» 

Am Nachmittag hatten die Uwatschi im Melonengarten eine kurze Rast gemacht. Dann hatte sie der Käse-König zur Eile angetrieben, und sie erreichten schließlich die Muschelwiese. Hier führte sie der gerade Weg bis zum Spiegel, und der Käse-König, der allen vorauslief, rannte auf den Spiegel zu, bremste mit einem «Ha!» davor ab und warf den Spiegel in Gedanken um.
Die Uwatschi waren hinter ihm stehengeblieben. Alle schauten nun in den Spiegel. Kein Uwatsch lachte. Sie erkannten sich nicht. Die Gesichter, die ihnen da entgegen­guckten, die hatten sie noch nie gesehen. Die Wortsammlerin wackelte mit dem Kopf, weil sie herausfinden wollte, welcher von den Köpfen im Spiegel zu ihr gehörte. Der Nachtrufer fing an zu weinen. Er wusste nicht, warum, und es war ihm auch egal. Das Weinen machte die Gesichter im Spiegel undeutlich, und so erschreckten sie ihn nicht. Lorna guckte Amad im Spiegel an, und der betrachtete eine Locke, die ihm in die Stirn gefallen war. König Tullio entdeckte Toff, der sich mit seinen Runzelfingern wieder Hüte auf den Kopf zauberte. Ojo suchte im Spiegel den Eisen-Uwatsch. … War er das? … Der da? … Der Eisen-Uwatsch hatte die Augen geschlossen. Und als er sie nach einer Weile ganz langsam öffnete, fing er an zu husten. Ein Hustenanfall schüttelte ihn durch. Der Husten wurde zum Gelächter. Und der Eisen-Uwatsch lachte, dass es gewaltig über die Muschel­wiese schepperte. Und steckte alle mit seinem Lachen an. Der Käse-Uwatsch fing an zu gackern wie ein Huhn, riss sich den Hosenbeinhut vom Kopf und warf ihn dem Käse-König ins Spiegelgesicht. Der Tagrufer umarmte den Nachtrufer, und die Wortsammlerin gab Ojo einen Kuss. Alle warfen ihre Hüte in den Spiegel, schüttelten einander die Hände, lachten und wollten gar nicht damit aufhören.
Dann kam die Dunkelheit, und sie lachten noch immer. Und irgendwann schliefen alle vor dem Spiegel ein. 

Das Ende der Geschichte folgt
 

Anzeige

Kommentare (0)


Anzeige