Kennst du die Uwatschi-Insel? (19)


Mit Kapitel 19 geht die Uwatschi-Geschichte zu Ende. Eine Geschichte, an der ich gut vierzig Jahre lang gearbeitet habe. Nicht durchgehend, wär‘ ja noch schöner! – gelegentlich, an Regentagen, an Feiertagen. Aber vielleicht ist die Geschichte ja noch immer nicht zu Ende geschrieben, wer weiß.


An einem Montagmorgen

 
Der nächste Tag war so himmelblau wie alle Tage. Als die Sonne schon hoch über der Insel stand, lagen die Uwatschi noch in tiefem Schlaf. Nur Toff war schon wach und rieb sich die Augen.
Toff machte den Rücken lang, als plötzlich ein langgezogenes Gähnen zu hören war. Nach einer Weile rappelte sich der Tagrufer auf, kam auf die Beine und gähnte die Sonne an. 
«Aufwachen!» rief er. «Leute, wacht auf!»
Der Graukopf machte eine Kniebeuge, dass es in den Gelenken knackte, ging ein paar Schritte, hielt die Hände wie eine Tüte vor den Mund und rief den Tag aus: «Aufwachen, ihr Schnarchbäuche, wacht auf! Wollt ihr einen schönen Tag verschlafen? Da, die Sonne! Habt ihr jemals so die Sonne gesehen? Wie ein großer, gelber Käse hängt sie am Himmel!»
Der Tagrufer holte tief Luft und wollte sich sofort wieder aufs Ohr legen. Er hockte sich auf den Boden, der Kopf sank ihm auf die Brust … und mit einem Knurren im Magen fuhr der Uwatsch wieder auf. Der Frühstückshunger hatte ihn gepackt. 
«Toff», rief er, «bring mir eine Kokosnuss!»
Toff verknotete den Schwanz. Das hieß: Ich versteh dich nicht.
Jetzt wurde es laut auf der Insel. Gähnend, die grauen Haare im Gesicht, rieb sich die Wortsammlerin den Schlaf aus den Augen. Der Eisen-Uwatsch rollte beim Aufwachen über den Käse-Uwatsch, der neben ihm gelegen hatte. Und es dauerte eine Weile, dann wollten sich alle zum Frühstück unter den Kokosnussbaum setzen.
«Tja … !» Dem Eisen-Uwatsch war dieses Tja herausgerutscht. Und alle dachten an den Frühstücksbaum. Der war weg!
Da schlug der Käse-Uwatsch vor: «Wir machen Frühstück mit Omelett!»
Alle nickten.
Es wurden Eier gesucht, und das Frühstück dauerte lange. Der Eisen-Uwatsch, der zum ersten Mal von so etwas wie einem Omelett probierte, verzog den Mund und brummte: «Riecht wie Gift!» – und ließ es sich dann schmecken.
Nach dem Frühstück ging jeder Uwatsch zu seinem Lieblingsplatz. Dort setzte er sich auf den Boden, schloss die Augen, und wenn Glücklichsein vom Himmel fallen kann, fiel es jetzt in die Herzen der Uwatschi. 
Auch König Tullio hatte sich einen Lieblingsplatz gesucht. Er lag im Schilfgras und fragte sich, warum er noch kein Uwatsch geworden war.
Amad ging mit Lorna über die Muschelwiese und zeigte ihr einen Salamander, den er unter einem Stein gefunden hatte. «Feuersalamander heißt er bei uns», sagte Lorna. 
Später dann, als die Uwatschi wieder zu ihren Hütten zurückgekehrt waren, wurde der große Felsbrocken, den sie einmal Balkon genannt hatten, auf seinen alten Platz gerollt. Und am nächsten Tag halfen alle dem Käse-Uwatsch, eine neue Hütte zu bauen. Todmüde fielen sie schließlich auf ihre Schlafmatten, und der Nachtrufer ging an die Arbeit und rief ihnen leise das Wort «Flugballon» in den Schlaf. 

Tage und Tage vergingen, und alles war wieder, wie es immer gewesen war. 
Lorna und König Tullio wohnten nun beim Eisen-Uwatsch. Er hatte es sich so gewünscht. Es war eng in seiner Hütte, und darum erfand Amad eines Tages das obere Stockwerk. Und wollte es dem Eisen-Uwatsch aufs Dach setzen. Der aber ließ das nicht zu. «Das ist nicht wie bei uns!» brummte er. 
An einem Montagmorgen – Amad hatte angefangen, die Uwatschi-Zeit in Tage einzuteilen – ganz früh an einem Montagmorgen fuhr Amad aus dem Schlaf auf. In seinem Traum war er in der weißen Welt gewesen, und als er gleich darauf zur Hüttentür hinausblinzelte, ging ihm ein neues Wort durch den Kopf. Beim Frühstück sagte er es zu Lorna: «Langweilig.»
Am Dienstagmorgen erkundigten sich die Uwatschi, was das neue Wort langweilig bedeute. Amad versuchte, es ihnen zu erklären, aber sie verstanden ihn nicht. 
Am Dienstagabend stand Amad mit Lorna und König Tullio am Ufer der Insel. Sie sprachen über das Windboot. Der König hatte große Bedenken, damit über das Meer zu fahren, aber er sehnte sich nach seinem Erfinderzimmer. «Du hast die Reise immerhin überlebt», sagte er zu Amad, «es wird schon schief gehen!»
Am Mittwochmorgen versprach Lorna, sie werde, wenn sie wieder zu Hause war, eine große Papierrolle über das Meer schicken, auf der die ganze Welt gemalt war: Die Welt wie bei den Uwatschi und die Welt wie gegenüber.
Am Mittwochabend feierten alle ein großes Fest mit Omelett und Melonen. Und König Tullio schenkte den Grauköpfen sein Fernrohr.
Am Donnerstagmorgen, als die Uwatschi noch schliefen, fuhren Amad, Lorna und König Tullio mit dem Windboot zurück in die weiße Welt. Ein Windstoß blähte das Segel, und das Boot schoss mit der Strömung voran. 
Amad hielt eine Hand über die Augen. Er zitterte vor Aufregung. Konnte es gar nicht erwarten, hinter den Morgennebeln die weiße Welt wiederzusehen. 
Nach einer Weile warf er einen Blick über die Schulter zurück zur Uwatschi-Insel. Sie sah jetzt aus wie ein kleiner grauer Teller, der langsam im Meer unterging. 
War das Ojo, der da am Ufer stand?
Guckte er ihnen durchs Fernrohr nach?

Ojo wollte nicht aufhören, durch das Fernrohr zu gucken. Bis zum Abend stand er am Ufer der Insel und guckte. Suchte mit dem Fernrohr die weiße Welt, die in der Dämmerung unsichtbar geworden war. 
In der Nacht träumte Ojo, er sei ein Vogel, der flog über das Meer, ein großer Vogel, der eine lange Leine im Schnabel hinter sich herzog. An der Leine waren unzählige Flugballons festgemacht, mit Gondeln darunter, in denen es sich die Grauköpfe bequem gemacht hatten. Weil sie alle in die weiße Welt verreisen wollten. 

 

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Kommentare (3)

omasigi

les grad ist das letzte Kapitel.

omasigi

wie lange geht die Geschichte noch ?

pewe

@omasigi  Die Geschichte ist zu Ende. Wenn noch etwas fehlt, muss es sich jede Leserin und jeder Leser selbst ausdenken. 
Gruß pewe


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