Komm näher, meine Kleine oder: Das richtige Wort zur richtigen Zeit...


Komm, meine Kleine, komm näher!
So setz´ Dich doch ein wenig zu mir und hilf einer armen, alten Frau, sich die Zeit zu vertreiben! - Ja, so ist’s brav!
Ah, ich sehe, Du machst Dir Gedanken! Brav! Brav! - Gedanken, he?!
Nun, das kannst Du ja; das sollst Du auch; ich weiß sogar, daß Du es mußt!
Ja, schau mich nur an mit Deinen klugen, offenen Augen! Es ist so: Du mußt es; und weißt Du auch, warum?!
Nein? - Dann werd´ ich es Dir sagen: Weil ich es so wollte, weil ich die Worte benutzt habe dazu! -
Nein! Keine Angst bekommen vor der alten Frau! Tu Dir nichts böses an, vertraue mir!
Sieh mal, meine Worte stehen geschrieben, im Buch Der Worte, diesem magischen Buch. - Nie davon gehört?
Macht nichts, macht gar nichts! Du nichtsnütziges Ding!
Worte! Worte!
Weißt Du eigentlich, was das ist? Worte?
Neiiiin!!! Das weißt Du nicht, das ahnst Du nicht einmal! Du wagst Dir nicht vorzustellen, welche Macht hinter Worten steckt.
Ich, ja, ich kann Dir mit Worten befehlen!
Ich schreibe das Wort auf, - Du liest es, - und Du tust es!
Ja, Du mußt es tun!
Du mußt es glauben! Du kannst Dich nicht entziehen!
Und je geschickter ich die Worte wähle, desto mehr verstrickst Du Dich in meine Phantasie!
Ja, - nun werden Deine Augen größer, nicht wahr?! Nun bekommst Du Angst vor der armen, alten Frau, die die Macht kennt, die sie sich zunutze macht mit ihren magischen Worten!! Ja, zittere nur vor so viel Vorstellung von so viel Möglichkeiten der Beeinflussung und Führung, in den Himmel oder in die - Hölle!!!
Warum fliehst Du nicht?
Warum läufst Du nicht davon?
Willst Du etwa mehr hören? Mehr von den kleinen und doch so gewaltigen Dingern, die man aus Buchstaben zusammensetzen kann?!
Nun, wenn Du Dich entspannst und mehr Deine törichten Tränen unter Kontrolle hältst, dann verrate ich Dir auch etwas von der Gegenseite, von der Gefahr der Worte - für den, der sie schreibt.
Willst Du es hören?! Dann sitz still und lausche meinen Worten, aber wage es nicht, hörst Du, wage es nicht, es gegen mich zu verwenden!!! Dann wäre mein Tod, - auch der Deine!
Was? - Wie? - Du schaust mir rätselhaft wißbegierig und gelehrig aus...
Sei, wie es will!
Bevor ich das Wort niederlege, bevor ich es manifestiere, muß ich bedenken! Es kann mich nämlich verraten!
Es kann mich bloßlegen und für jedermann einsichtig machen...
Ich kann mit meinen Worten die Macht erzeugen und mache mich gleichzeitig verwundbar!
Das ist der Preis der Macht!
Ich kann all die Mühe auf mich nehmen, das richtige Wort zur richtigen Zeit schreiben zu wollen, die Reaktion vorauszusehen bemüht sein, Zweifel vorwegahnen und ausräumen, Kritik absehen und umgehen, Stimmungen, Du Göre, Stimmungen aufbauen und spannungsreich vergrößern und doch Gefahr laufen, erkannt und durchschaut zu werden.
Und dann bin ich mit meinen Worten festgelegt!
Ich kann nicht mehr zurück!
Gesagt ist gesagt, geschrieben ist geschrieben! Jederzeit und für jedermann nachlesbar, beweisbar das Papier geschwärzt! Und wie ein düsterer, gefährlicher, brennender Bumerang, ein Meisterwerk an Treffsicherheit, ein Geist, den ich selbst rief, trifft es mich und mag mich sogar, - vernichten!
Es muß nicht wahr sein, aber es muß wahr sein können! Es muß nicht geschehen sein, aber in jedermanns Geist muß der Weg für die Möglichkeit entstehen, muß es probeweise, wie unter Zwang, geschehen.
Dann war das Wort richtig gewählt!
Führt der Weg aber wieder zu mir zurück, - wehe mir!!!
Du zitterst ja schon wieder! Komm näher, will Dir doch keine Angst machen! Oder - am Ende, hast Du gar keine Angst?! Spürst Du letztlich nur Deine Chance? Mich zu erwischen etwa?! Mich zu schlagen wohl?!
Was?!
Spinnst Dich gelehrig in mein Geflecht aus Intrigen und Schaurigkeiten ein und kommst mir mit meinen eigenen Mitteln etwa noch zuvor?
In Dreiteufelsnamen!
Welche Macht hat der Leser!!!
Er liest das, was zwischen den Worten steht und ich liege bloß! Ich bin zu sehen! Ich werde zur gläsernen Puppe, die man so klar und deutlich sehen kann wie im Sonnenlicht oder bei Vollmond!
Und ich muß dann die Rache fürchten!
Ja, Kind, die Rache von denen, die ich dorthin geleitet habe, wo sie nicht hinwollten, wo es ihnen wehtat, wo sie weich wurden.
Sie katapultieren sich von diesem ungewollten Ort wieder hinweg, indem sie einfach mich vernichten!
Spalten, sezieren, analysieren werden sie mich, zerhacken und jedes einst so mächtige Wort werden sie ohne das Links und Rechts auf die Waagschale legen.
Dabei mußte ich doch fertig werden mit der Auswahl meiner Worte. Gute Zauber sind kurze Zauber!
Spann den Boden nicht zu weit, sonst vergeht zuviel der Zeit!!
Zeit!! Oh größtes aller Zauberworte! Hab´ ich solche Angst vor Dir?? - - -
Was!? - Oh, ja! Verzeih, daß ich Deinen Arm so gedrückt habe!
So sind alte, arme Frauen!
Hilflos letztlich, verletzbar und schwach. -
SCHWACH?????????
Ich und schwach?!
Wer war das? Wer pflanzte die Selbstzweifel in mein geniales Hirn?!
Du, das kannst nur Du gewesen sein!
Mit Deinen treuherzigen Augen, mit Deinen reinen, untrüglichen Gedanken, nur Du kannst mich so verunsichert haben, mir meinen Glauben an mich und meine Lieblinge zu nehmen versucht haben.
Ich werde sie sagen, ich werde sie schreiben und ich werde sie Euch allen hinwerfen, meine Zauberworte!
Und Ihr werdet sie am Ende lesen, hören und im Herzen tragen, ooooh jaaaaa!
Es ist der einzige Weg für meine Stimme!
Hört Ihr?!
Hörst Du, Du, - Du, - Kind!
Ich werde es weiter tun, ich werde das Wagnis für mich oder gegen mich eingehen, um Euch allen das Abenteuer zu bringen!
Gefährlich für den einen, lapidar für den anderen; zum Verschlingen für den einen, viel zu kurz, hätte gerne mehr davon gehabt, zum Weinen oder verängstigt Niederkauern; zu langatmig, langweilig und immunisierend für den anderen.
Und nun sag mir, Kind, Göre, die Du meine Worte an den Kopf geworfen bekommst:
Ist es das Wagnis für mich wert?!
Ist es die Zeit und Mühe wert, die das erwählte Wort verschlingt wie ein roter Drache das Unrecht?!
Werde ich es finden, das richtige Wort zur richtigen Zeit???
Sag nichts falsches, Süße, sonst zerfällst Du augenblicklich zu Staub und verschmutzt nur meine edlen Schuhe!!!

WN
aus der Zeit der alten Rechtschreibung...

© Werner N.


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Kommentare (7)

meli
ich denke, da hast Du absolut recht. Gegen das Urvertrauen ist kein Ankommen, egal wie heftig es zugehen mag. Wer das hat, wird sich nicht fürchten, nachts gut schlafen, muss nicht verletzen und ist sich in vielen Situationen des Lebens selbst genug. Er geht einfach seines Weges, was für viele andere Menschen, die hiervon leider in früher Kindheit nicht genug erwerben konnte, unfassbar ist.
Danke nochmals, dass Du uns an diesen Deinen Gedanken teilhaben lässt.

Ganz liebe Grüße zu Euch dat Meli
leuchtturmwaechter
leuchtturmwaechter
Mitglied

Die Selbstzweifel werden gesponnen aus den feinen Fäden, mit denen die Wörter verbunden sind. In diesem zarten, aber harten Geflecht bleiben all die Erinnerungen hängen, die die alte Frau mit Scham, Peinlichkeit und Angst verbindet. Es gibt ein Messer, das diese Fäden zerschneiden kann und die Schneide dieses ungeheuer scharfen Messers besteht aus dem Urvertrauen, tief in sich drin nicht antastbar zu sein, den Glauben an wenigstens eine kleine gute Fähigkeit, die man selbst hat.

Denkt
der
Leuchtturmwaechter
nasti
nasti
Mitglied

und Kind

wage ich Dir zu sagen das ich Dich trotz meiner Dummheit verstanden habe und stark bewundert, und wage mir auch eine freche Frage stellen aus Deinem eigenen Text:

"Wer pflanzte die Selbstzweifel in mein geniales Hirn?"

Wer war das? Kinder dürfen alles fragen, du gehörst mit deine literarische Sprache zum genialen.

Nasti
pelagia
pelagia
Mitglied

für viel Geschriebenes/ Gelesenes/ Verstandenes in der letzten Zeit kann Deine Geschichte sein.
Auch Menschen, die die gleiche Sprache sprechen, sprechen nicht immer die gleiche Sprache. Das hat Jean Paul so ausgedrückt: Die Sprache ist ein Gewölke, an dem jede Phantasie ein anderes Gebilde erblickt.
Du regst mit Deiner Sprache meine Phantasie an und hast in ihr eine tiefe Wahrheit versteckt. Eine sehr gute Geschichte.
cariha
cariha
Mitglied

wenn ich jetzt schreibe, daß ich beim Lesen deines Textes immer größere Augen bekommen habe, dann würde ich mich nur wiederholen, also lasse ich es.

Die Macht der geschriebenen - aber auch gesprochenen Worte -ist nicht zu unterschätzen. Damit hast du vollkommen recht. Dein Text regt sehr zum Nachdenken an, dafür danke ich dir.

Ganz liebe Grüße am morgen schicke ich dir und auch deinem Hexlein - Conny

Ach so, lesen werde in deinen Text garantiert noch etliche Male.........
senhora
senhora
Mitglied

Gehirn-Jogging der feinen Art, jedenfalls für mich. Interessante Wortspielerei, der ich gern gefolgt bin.
Assoziationen der unterschiedlichsten Art sind mir bei diesen Zeilen durch den Kopf geschossen, ist sicher auch so gewollt.
Danke für den gelungenen Text.

Senhora
meli
ich sitze hier am sehr frühen Morgen vor meinem Arbeitsbeginn und bin ganz sprachlos!
Das ist wunderbar - ich danke Dir, dass ich das lesen durfte.
Die Macht und die Wechselwirkung der Worte - einfach großartig.
Ganz liebe Grüße Dir und Deiner Liebsten
schickt Dir
dat Meli

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