Leise Töne aus der Vergangenheit


Leise Töne aus der Vergangenheit
»J’aime papa, J’aime maman,
Mon p’tit frère, mon p’tit chat.
J’aime papa, J’aime maman,
Mon p’tit chat, mon p’tit chien,
Et mon grand éléphant !« (¹)


Ich verstehe es einfach nicht. Dieses alte französische Kinderlied schwirrt mir oft in meinem Kopf herum. Würde mich jemand fragen, ich wüsste nicht woher solch ein Auslöser kommen könnte.
Meine Gedanken schweifen zurück in eine Zeit, als die Welt noch anders zu sein schien, obwohl ich es von heute gesehen bestimmt falsch beurteile. War es anders, ruhiger, friedvoller? Mit Sicherheit nicht!
     ***
     Ein Blick auf meine Armbanduhr. Vier Uhr, die grünen Leuchtziffern zeigen mir an, dass meine Ablösung kurz bevor steht. Seit langer Zeit war die Nacht mal wieder ruhig, ungewöhnlich ruhig eigentlich. Ab und zu steigt nun über den Pinienwäldern im Norden eine rote Leuchtkugel in den dunklen Morgenhimmel, der am Horizont schon mit hellen Rändern den neuen Tag anzeigt. Im frühen Morgengrauen zeigen sich die Reisfelder rechts und links des Pfades noch als graue Flächen, die von schmalen Wasserläufen durchzogen sind.
     
         Es ist noch sehr kalt an diesem Morgen, diese Temperaturunterschiede, machen uns jetzt im August sehr zu schaffen, 35 Plusgrade mit einer Luftfeuchtigkeit von über 80% sind keine Seltenheit, während es nachts empfindlich kalt ist. Angeblich gewöhnt man sich an alles? Na - ich weiß nicht so recht.
»Bonjour camarade, les Gibbons se sont déjà réveillés !« (²)
Marcels raue Stimme bringt mich in die Wirklichkeit zurück.
»Salut, mon Sergent. Tout est bien et calme ici. Peut-être un miracle?«
»Un miracle? Certainement pas!« (³)

      Ich zucke mit der Schulter. Ist mir irgendwie auch völlig einerlei. Ich will nur noch schlafen. Dann, auf dem Weg ins Camp, höre ich plötzlich ganz in der Nähe die Töne eines Liedes. Ich bleibe stehen, nehme die MP von der Schulter und streife das Gehölz neben mir mit der Hand zur Seite. Stehe dann wie erstarrt. Die alte Hütte ist mir zwar schon bekannt, ich wusste aber nicht, dass sie noch bewohnt ist.LPN2.jpg
      Vor dieser Hütte sitzt ein etwa 5jähriges Mädchen in einem sarongähnlichen Rock auf einer Bambusmatte, streichelt ein Kätzchen und singt dazu eine kleine Melodie in französischer Sprache. Ich frage mich insgeheim, woher sie dieses Lied wohl kennt? Haben ihre Eltern vielleicht früher bei einem Pflanzer gearbeitet?
Dann allerdings ist das sehr gefährlich für das Kind, denn die Vietminh kennen kein Pardon, wenn jemand aus dem eigenen Volk französisch spricht!
      Die Kleine erschrickt, bricht ihren Gesang ab als sie mich sieht. Eine ältere Frau erscheint in der Tür der Hütte und redet aufgeregt auf mich ein, ich verstehe kein Wort. Mache ihr dann klar, dass ich nichts Böses im Sinn habe. Sie entspannt sich, verneigt sich einige Male und verschwindet dann mit der Kleinen in der Hütte.
      Ich marschiere weiter, noch etwa 50 Meter sind es zum Camp. Unerwartet unterbricht heulendes Krachen die Stille des nahenden Morgens, ich werfe mich blitzschnell ins Gebüsch an der rechten Seite des Pfades. Mehrere Granaten schlagen rechts und links von mir ein; Äste und Steine fliegen durch die Luft, ich vergrabe meinen Kopf tief in das Gewirr der dichten Büsche, atme dann tief ein, als der Lärm wieder abebbt.
      Urplötzlich ist es genau so ruhig, wie vorher. Von der Stelle aber, an der ich vor drei Minuten die kleine Hütte auf der Lichtung fand, höre ich lautes Weinen. Ich robbe zurück, immer im Schutz der seitlichen Büsche, suche die kleine Hütte. Nur noch Holztrümmer und Bambusstangen liegen dort durcheinandergewürfelt, zwischen ihnen sitzt die Frau und wiegt ein Bündel in ihren Armen.
»J’aime Papa, J’aime Maman«

Von Zeit zu Zeit weckt dieses Liedchen immer wieder mein Bewusstsein und erinnert mich daran, wie sinnlos jeder Krieg ist ...
 
(¹)
Ich liebe Papa, ich liebe Mama,
Meinen kleinen Bruder, meine kleine Katze .
Ich liebe Papa, ich liebe Mama,
Meine kleine Katze, meinen kleinen Hund,
Und meinen großen Elefanten!


(²)
"Hallo Kamerad, die Gibbons sind schon aufgewacht!"
 
(³)
"Hallo, Sergeant. Hier ist alles schön ruhig und friedlich. Vielleicht ein Wunder?"

  "Ein Wunder? Sicher nicht!"



©2020 by H.C.G.Lux

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Kommentare (4)

WurzelFluegel

...wie sinnlos jeder Krieg ist...und doch geht es irgendwo auf der Erde immer weiter mit dem Morden und Zerstören

wenn ich so etwas lese überkommt mich Trauer, so viel unnötiges Leid und Elend...ich werde es nie begreifen

nachdenklichen Gruß
WurzelFluegel

Manfred36

Warst du mit 20 bei der Légion Étrangère? Ich erinnere mich an die Schlacht bei Dien Bien Phu 1956 noch deutlich, an die spärlichen aber einprägsamen Nachrichten? Ich hatte damals mit der französischen Garnison in Speyer, wo ich mich aufhielt, Kontakt.
Mit Sicherheit hast du mit deinem guten Schreibstil noch mehr darüber geschrieben.
Guß   Manfred
 

Pan

Oui, je ne peux le nier, mon ami ... 
ISBN-13: 978-1549800498, (deuxième édition,by amazon)

Salutation, Pan 💨

 

Syrdal


Oh Pan… das sind keine" leise Töne", mir stockt der Atem! Vor allem, wenn ich nach dieser Schilderung an meine Kinder und Enkel und all die Menschen nach uns denke... an all das, was kommen wird… – Nein! Undenkbar!

Syrdal
 


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