Seit einiger Zeit habe ich E-Mail-Kontakt zu einem älteren Mann, den ich auf Youtube "kennengelernt" habe. Er besprach ein Video zur Einführung ins Christentum. Die Tatsache, dass er Naturwissenschaftler ist, machte mich neugierig. Also hörte ich rein und hinterliess anschliessend einen Kommentar. Der Referent antwortete mir und so entspann sich allmählich ein Austausch, der mich immer ratloser werden liess. 

Ich bin zunächst davon ausgegangen, dass man als Naturwissenschaftler, wie bei uns in den Literaturwissenschaften, das kritische Denken beigebracht bekommt. Kritisches Denken heisst nicht, dass ich aus Prinzip gegen alles bin, was irgendwo geschrieben steht, sondern, dass ich erstmal mein eigenes Verstehen infrage stelle. Habe ich auch richtig verstanden, was da geschrieben steht? Und was heisst "richtig verstanden"? Wie habe ich es denn verstanden und wo nehme ich meine Verstehenskategorien her? So hat man es uns jedenfalls beigebracht.

Manche Leute mögen das nicht. Sie möchten lieber Mantren oder geflügelte Worte, die sie gelegentlich zitieren. Das ist auch o.k. so. Wem es hilft, soll das machen. Die Katholische Kirche ist da nicht anders. Man übernimmt einfach das, was der Papst vorgibt. Als Gläubiger hat man nichts zu vermelden, denn die Deutungshoheit der Bibel liegt bei den Angehörigen des Klerus. Man muss einfach glauben. 

Interessanterweise steuert der Uni-Betrieb spätestens seit der Bologna-Reform in eine ähnliche Richtung. Man muss für die Prüfungen einfach den Wortlaut des Professors wiedergeben. Selber denken sieht anders aus. Dabei stellt man sich als Heranwachsender die grossen Fragen des Lebens. Es ist bestimmt kein Zufall, dass die grossen Denker der europäischen Avantgarde, Nietzsche, Baudelaire, Rimbaud, Rilke, Heisenberg, Einstein und so fort alle relativ jung waren, als sie für ihr geistiges Werk gefeiert wurden. Nietzsche wurde mit 24 Professor in Basel und Heisenberg war ungefähr im selben Alter als er habilitiert wurde. Was wäre gewesen, hätte man diese Leute in die engen Korsetts der heutigen akademischen Programme gezwängt? Vielleicht hätte das nicht viel ausgemacht, denn Genie ist Genie. Vielleicht aber doch. 

Ich habe diesem Mann, den ich jetzt einfach mal Max nenne, auseinanderzusetzen versucht, dass er aus der Religion etwas macht, was sie nicht ist. "Schauen Sie sich doch das menschliche Auge an", sagt er, "Brauchen Sie noch mehr Beweise dafür, dass es einen allmächtigen Schöpfer gibt?". Ja, natürlich, schreibe ich zurück. Ich lebe im 21. Jh. Ich möchte VERSTEHEN, wie das Auge funktioniert. Und ich möchte auch VERSTEHEN, warum der Hund von gegenüber allenfalls das Fenster runterfallen würde, wenn er verrutscht, anstatt in den Himmel hinaufzuschweben. Wegen der Schwerkraft, ja. Und nun kann ich entscheiden, was ich aus dieser Info mache: Ich kann die Schwerkraft als Zufallsprodukt hinnehmen oder ich kann daraus ableiten, dass die Schwerkraft an sich Ausdruck eines wie auch immer beschaffenen transzendenten Prinzips ist, zu dem ich aber, weil ich ein irdisches Wesen bin, das von der Schwerkraft abhängig ist, nie einen Zugang haben werde. Ich bin, so gesehen, ein Spielball der Schwerkraft oder was dann dasselbe wäre, Kind eines Gottes, der aus irgendeinem Grund entschieden hat: vom Balkon runterfallen ist Tod, in den eigenen vier Wänden bleiben ist Leben.  

Mit anderen Worten: Wie kann ich die Frage nach Gott stellen, wenn ich - vorausgesetzt es gibt diesen Gott - als Lebewesen schon Ausdruck von dessen Existenz bin. Alles, was in mir geschieht, wäre dann gottgewollt und somit auch die Tatsache, dass ich mir diese Frage stelle. Auch krebskranke Kinder und auch ein atemberaubender Sonnenuntergang. Entweder Gott ist der Urheber von alledem oder eben nicht. Einen anderen Gottesbeweis gibt es nicht. Es ist von daher eher eine Schlussfolgerung, eine Annahme, die man treffen kann oder auch nicht. Wie sagte eine Bekannte von mir so schön: "Du glaubst nicht an Gott? Keine Sorge, ich tue es." Auch die Freiheit wäre letztlich gottgewollt. Und die Irrwege und Irrtümer. Ein ewiges Höllenfeuer deswegen? Unwahrscheinlich. 

Der gute Max kann oder will einfach nicht verstehen, was ich meine. Er wiederholt einfach mantraartig: Es gibt einen Schöpfer und dieser Schöpfer ist Liebe. Und noch etwas, fügt er hinzu: Das Reich Gottes ist nahe. 

Wirklich?

Ja. 

Was ist das Reich Gottes?

Das Reich Gottes eben. Wo die Guten von den Bösen getrennt werden. Ein ewiges Reich der Liebe und der Gerechtigkeit. 

Nun ja. Zufällig weiss ich, dass das so irgendwo in der christlichen Bibel steht. Und somit hat mein lieber Max das einfach auswendig gelernt und eins zu eins in die E-Mail an mich hineingeschrieben. Copy-Paste eben. Genau wie an der Uni heutzutage. 

Ich bin enttäuscht. Wir haben seinerzeit so viel Energie aufgewendet, um genau dem vorzubeugen, was heute stattfindet. Wir wollten den Texten, seien diese literarisch, religiös oder was immer, auf den Grund gehen. Schon die Römer, die zu Jesu Zeiten lebten, verstanden Bahnhof, wenn man ihnen mit dem Reich Gottes kam. Das ist ein jüdischer Begriff. Man muss erklären, was es damit auf sich hat. Man muss seine Geschichte kennen, um nachzuvollziehen, was das Revolutionäre an Jesus war. Schade, dass Max nichts davon wissen will. Schade, dass er, ein in Deutschland top ausgebildeter Wissenschaftler, einfach blind glaubt. 

Meine Erfahrung mit dem Glauben ist eine ganz andere. Ich komme erst durch Hinterfragen dazu. Wenn ich irgendein Phänomen, sei dies ein Buch, die Schwerkraft oder einen Begriff auseinandernehme, so wie die Quantenphysiker um Max Planck herum die Materie bis in ihre kleinsten Teilchen zerlegen wollten, komme ich irgendwann in einen Bereich hinein, den man wohl am besten als "Ahnung" bezeichnen könnte. Da sind alle Fragen gestellt, die man stellen kann und alle Antworten gegeben, die man geben kann. Mehr liegt für uns Menschen nicht drin, das ist meine Überzeugung. Die grossen und allzu vollmundigen Theorien darüber, was die Welt und das Leben und Gott sei, dienen nur noch der Ideologie. Der Kundenfängerei. Wir Menschen können höchstens Fragen stellen und vorsichtig bleiben, wenn es darum geht, sie zu beantworten. 

Der Kontakt zu Max ist jetzt seit längerer Zeit eingeschlafen. Ich glaube, er will nicht weiter fragen, er will sich an der Bibel berauschen, so als wäre sie eine Droge, die den Alltag erträglicher machen soll. Schade irgendwie, aber es ist seine Freiheit, das so zu machen. Ich selber finde, dass das Lesen auch der unwahrscheinlichsten, abstrusesten Geschichten letztlich nicht von der Wirklichkeit weg- sondern zu einem tieferen Verständnis der Welt hinführt. Man sollte einfach üben, Fragen zu stellen und nicht bei den einfachen Antworten stehen bleiben. 


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Kommentare (3)

Distel1fink7

Sandra1975

Das verstehe ich, bei mir ist das ähnlich. Ich habe ein brennendes
Thema, solange bis ich geschrieben habe ,nicht nur hier.
Ein Konzept mache ich mir nicht, ich lasse es einfach kommen
und schreibe aus dem Herzen,.

Herzlichst Distel1fink7

Distel1fink7

Sandra1975

Da hast Du Dir viel Mühe gegeben mit diesem Bericht.Vieles versteh ich,, stimme mit Dir überein, vieles bin ich anderer Meinung. Z.B. die Sache mit dem Glauben,Papst etc.  Das führt jetzt aber zu weit.

Interessant finde ich, dass alle dieser wunderbaren Schriftsteller,
ihre Bücher, im Nationalsozialismus , geächtet wurden,. Ihre Werke
allerdings sind unsterblich,.

Gruß Distel1fink7

Sandra1975

@Distel1fink7  
So viel Mühe auch wieder nicht, liebe Distelfink7. Wenn ich zu schreiben anfange, weiss ich im Allgemeinen nicht, wohin das führt. Die Gedanken entstehen im Schreibprozess selbst. 
Ja, allerdings: Diese Dichter und Denker haben unter denkbar ungünstigen Bedingungen ein unsterbliches Werk erschaffen. 
Viele Grüsse
Sandra


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