Letzte Furcht

Für dieses lange, erfüllte Leben,
für jeden Tag darf ich dankbar sein,
es wurde mir viel Gutes gegeben,
nie lag auf dem Weg ein großer Stein.

Zu allen Zeiten lief alles normal,
verschont wurde ich von schwerer Not,
erleiden musste ich keinerlei Qual,
auch fehlte niemals das täglich Brot.

Doch gibt es etwas, das ich sehr fürchte
bevor ich geh‘ in den Himmel ein,
bei fortschreitendem Verlust der Würde
ein Mensch zu sein ohne Mensch zu sein.

© Syrdal 2020

 


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Kommentare (15)

Anabell23

Ich habe bei einer mir sehr nahestehenden Person mit ansehen
müssen, daß sie in einer Pflegeeinrichtung, die eigentlich einen
guten Ruf hatte, von einer Pflegerin vollkommen würdelos behandelt
wurde und das ist noch gelinde ausgedrückt.
Gleich zu Anfang wurde ihr das Haar,- es handelte sich um eine Tante,
die noch im Alter sehr schönes und volles Haar hatte, bis auf die
Kopfhaut abrasiert, damit die Pflegerin keine zusätzliche Arbeit mit
Kämmen und Waschen hätte, wie sie meinte. Ich war sprachlos und
mir kamen fast die Tränen, allerdings aus Wut und das war erst der
Anfang. Für die alte Dame war seit Jahren ihr Haar ihr ganzer Stolz,
da es noch so schön und voll war.

Dann bei Einlieferung konnte die alte Dame noch alleine zur Toilette gehen.
Nach einiger Zeit aber, brauchte sie Hilfe, die ihr allerdings verweigert
wurde, mit der Begründung, da könne ja jeder kommen, täglich ständig
mit einer Demenzkranken auf's Clo gehen zu müssen. Diese Zeit hätte sie
nicht. Also bekam sie ab diesem Zeitpunkt und nach kurzer Zeit schon eine
Windel verpaßt, die noch dazu nur sehr selten gewechselt wurde. Einmal
konnte man schon von weitem riechen, daß die Windel voll war. Bei jedem
Besuch wurde ich mehr wütend und konnte soviel Gleichgültigkeit und
Herzlosigkeit überhaupt nicht verstehen. Ja, hier handelte es sich um eine
mehr als robuste Pflegerin, die von Mitgefühl noch nie etwas gehört hatte.

Dann erlebte ich dieselbe Pflegerin, bei meinem nächsten Besuch bei der Tante,
wie sehr viel Zeit sie doch bei Kaffee und Kuchen, -den ein Ehemann für seine zu
pflegende Frau und das Personal- mitgebracht hatte, aufwenden konnte. Es
handelte sich um fast 2 Stunden, die sie mit dem Besuch in bester Laune
verbracht hatte. Da war ihre schlechte Laune, die sie ständig an den Patienten
ausließ, völlig verflogen.

Ich möchte wirklich nicht alle Pflegekräfte -ich weiß, sie leisten harte Arbeit- 
und Pflegeeinrichtungen über einen Kamm scheren; aber leider hört man solche
Dinge des öfteren.
Zum Glück bekommen es diese armen Menschen, bei fortschreitender Demenz,
nicht mehr wirklich mit, bis vielleicht auf wenige wache Momente.

Seither habe ich jegliches Vertrauen in solch eine Einrichtung verloren und
bete seit Jahren schon täglich darum, nicht so enden zu müssen.
Ich finde schon lieber Syrdal,  daß einem so jegliche Würde genommen wird,
man ist einfach nur noch ausgeliefert.
Sie war leider wirklich nur noch ein Mensch ohne Mensch zu sein!

Liebe Grüße
Uscha




 

Syrdal

@Anabell23  

Liebe Uscha, leider gibt es diese und ähnliche Beobachtungen immer wieder und man ist mehr als sprachlos und verstört über soviel Herzlosigkeit, die sicher vielfach begründet ist. Solch eine "Betreuung" möchte man niemendem wünschen... Und weil auch ich solche Situationen als Beobachter „erlebt“ habe, bete ich tagtäglich, nicht auch einmal in solche eine vertrakte Lage zu geraten, was ja leider jeden Moment geschehen kann…

In herztiefer Hoffnung auf eine würdevolle Endstrecke grüßt ohne Worte
Syrdal
 

lillii


ich denke, dass ein Mensch,
der zeitlebends die Würde anderer geachtet hat,
seine Würde nicht verlieren kann,
sie bleibt ihm bis in den  Tod,
ich bin mir gewiss.

nachdenklich machende Worte,
danke dafür

Gruß Luzie

Syrdal

@lillii
 
Liebe Luzie, das habe ich ebenso gesehen, bis ich (beruflich) erschreckenden Einblick bekommen habe, wie in manchen Pflegeeinrichtungen mitunter mit Menschen umgegangen wird, die dort als „völlig abwesend“ betrachtet werden, da – wie man meinte – diese armen Geschöpfe ja ohnehin nicht mehr mitbekommen, was mit ihnen geschieht. Das aber möchte ich hier nicht weiter ausführen, es würde nur noch nachdenklicher machen… Ich jedenfalls kann all das nicht wieder vergessen!
Die Würde aber besteht über den Tod hinaus, ewig!

Abendliche Grüße
Syrdal
 

lillii

@Syrdal  
In den Fällen, lieber Syrdal,verlieren die  Pflegenden ihre  Würde, nicht die zu Pflegenden,
Immer wieder ist von Missständen in Pflegeeinrichtungen zu lesen oder zu hören und das macht mich sehr traurig.
Gutem Personal fehlt häufig die zur Pflege benötigte Zeit und in den Einrichtungen  wird dringend mehr Hilfe benötigt.
Die Ungewissheit für uns, die wir dem entgegen gehen, bleibt.

Gute Nacht
einen lieben Gruß Luzie
 

indeed

@lillii  

Liebe Luzie,

so einfach ist es nicht, liebe Luzie. Das Pflegepersonal verliert nicht die Menschenwürde, nur weil sie sich an die Vorgaben *von oben* halten müssen.
Unter diesem ständig ausgesetzten Stress, den lange nicht alle auf Dauer standhalten können, ist man auch menschlich sehr gefordert, nach allen Seiten gerecht zu werden. Bis hierhin stimmen wir beide überein.
 
Wenn der Patient, aus welchem Grunde auch immer, unwürdig angesprochen und/oder behandelt wird, dann passiert genau das, nämlich dem Patienten wird die Würde genommen, die im GG verankert ist. Dabei muss man noch nicht einmal Patient in der Geriatrie sein.

Demenzkranke im letzten Stadium bekommen es nicht mehr mit, der Weg dahin ist oft entwürdigend und das ist hier angesprochen. Angehörige dieser erkrankten Menschen sind oft fassungslos. Es kann nur geändert werden, wenn die Pflegekassen, die Verwaltung der jeweiligen Einrichtungen 
ihre Einstellung dahingehend ändern, dass nicht der Profit im Vordergrund steht. Hier muss angesetzt werden von allen beteiligten Seiten.

Auch die *Plump-Vertrauliche* Ansprache wirkt oftmals befremdend. Aber das ist ein anderes Thema. 

Wenn ein schwer Erkrankter selber keine Lobby hinter sich hat, dann hat er es schwer. Dagegen habe ich oft gekämpft und habe mit Argusaugen
über die Behandlung gewacht. Wenn nötig bis hin zum Chefarzt.

Alles Liebe für dich und gehe ins Wochenende mit frohen Gedanken.
Ingrid

 

lillii

@indeed  

liebe Ingrid, eigentlich habe ich genau das gemeint,
aber kann man einem Menschen die Würde wirklich nehmen ?
Ist die Behandlung auch entwürdigend...er behält sie für mich trotzdem,
es wirft ein entwürdigendes Bild auf den zu Pflegenden, (die zu wenig Zeit haben und in der Regel überfordert sind und sich dabei sicherlich nicht gut fühlen) sie werden allein gelassen....wie Du schon schriebst.
Ich weiß aber, was Du gemeint hast und schätze das so ein wie Du,
eine Enkelin von mir ist mit Leib und Seele als Altenpflegerin tätig und was die zu leisten haben wird viel zu gering eingeschätzt.

ich schicke liebe Gedaanken zu Dir mit herzlichem Gruß
Luzie

Christine62laechel


Lieber Syrdal,

dein - schönes ja - Gedicht hat mich beim Lesen echt traurig gemacht. Als ich aber deine Antworten auf die Kommentare gelesen hatte, wurde es mir besser - es waren Gedanken nur, die weder dich, noch die Mitlesenden allzusehr betreffen sollten.

   Die Gedanken, wenn mal echt, können übrigens mal schlimmer sein, als das Problem selbst. Solange bewusst, kann man brav sein. Wenn dann nicht mehr - na ja, an etwas glaubt man gewöhnlich, das auch dann einen - und seine Menschenwürde - beschützen sollte...

Und zum Schluss ein Kompliment: Solange du so gut aussiehst, wie in der Aufnahme von Margits schönem Vortrag, solltest du an Altersprobleme gar nicht denken. :)

Mit Grüßen
Christine

Syrdal

@Christine62laechel


Ja nun, liebe Christine, darf ich mich vorerst für das schmeichelnde Kompliment bedanken. Ich selbst habe mich ja nicht sehen können bei Margits schönen Vortrag. Aber es ist ja doch so, dass man für seine Erscheinung nichts kann, höchstens diese zu pflegen und adrett zu halten. Und da bemühe ich mich redlich…

Nun zu dem Gedicht: Nein, es sollte niemanden traurig stimmen, aber sehr wohl zum Nachdenken anregen. Recht hast du, dass Gedanken (Vorstellungen) oft weit grauslicher sind als die irgendwann eintretende Realität. Aber – ich habe das schon weiter unten geschrieben – halte ich es durchaus für gut und wichtig, sich auch mit den letzten Dingen zu beschäftigen. Ich tue vorbehaltlos das in aller Ehrlichkeit und Offenheit. Das liegt aber vielleicht auch begründet in meinem individuellen Naturell, denn ich war nie ein unbedarfter „Traumtänzer“, der unvorbereitet und blauäugig in alles einfach so hinein stolpert.

Dir wünscht mit Dank für deine Worte ein schönes Wochenende mit lieben Grüßen
Syrdal
 

indeed

Lieber Syrdal,

beide Vor-Kommentatoren haben einen guten Kommentar geschrieben.

"Ein Mensch zu sein ohne Mensch zu sein" diese Vorstellung ist auch für mich ein Horror.

Du meinst sicherlich die Demenz-Kranken in einem Stadium, wo sie in eine vollkommen eigene Welt versetzt leben (müssen). Dann bekommt man nichts mehr mit. Schlimm ist es, wenn dann wiede kurze gute Phasen sie in die reale Welt entlassen, wenn auch nur für Momente. Davor habe ich auch Angst. 
Wie Roxanna schon schrieb, das Gefühl Menschen ausgeliefert zu sein, aus welchem Grund auch immer, ist furchtbar. Selber habe ich schon viel gekämpft für andere und auch für mich, gegen Respektlosigkeit und die Würde des Menschen zu erhalten.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass du Demenz erleben wirst. Du hältst deinen Geist wach und so wie du schreibst, bist du noch meilenweit davon entfernt. Auch wenn das eine oder andere vom Kurzzeitgedächtnis nicht gespeichert werden sollte. Diese Aussetzer haben viele Menschen sogar in jungen Jahren und mit dem Alter häuft es sich etwas mehr. Das ist aber noch lange keine Demenz.  Machen wir uns frei von der Angst, die nur ein Negativum in uns auslöst.

Wenn man für jeden Tag dankbar bist, hat man einen guten Weg für sich gefunden, meine ich.

Wir müssen nicht mehr alles, wir dürfen (fast) alles, was in unseren Mächten ist. Es befreit ungemein, sich von allen Unzulänglichkeiten nicht runterziehen zu lassen.

Wir haben hier Regen, Regen, Regen und es ist kalt. Heizung läuft - wir brauchen nicht zu frieren . . . wie gut haben wir es doch.

Herzliche, aufmunternde Grüße in den Tag und ins Wochenende hinein wünscht dir
Ingrid


 

Syrdal

@indeed

Liebe Ingrid, all deine Gedanken sind so lebenserfahren zutreffend und ich sage sehr herzlich Danke.
Ein Zeitlang habe ich – es ist zwar schon etliche Jahre her – wissenschaftlich auf dem Gebiet der Demenzforschung gearbeitet. Und so weiß ich, dass es jeden treffen kann, auch wenn man sich ganz bewusst körperlich und vor allem geistig fit hält.

Ein Freund von mir, Hochschul-Professor, immer beweglich, stets interessiert und nie müßig, ist mit Anfang 80 innerhalb weniger Monate in eine hochgradige Demenz gelangt mit allen Defiziten, die ich weiter unten schon angesprochen habe.

Ja, ich fühle mich „noch“ recht nah am Tagesgeschehen und bin auch sehr dankbar und froh, mich selbst und meinen gesamten Haushalt ohne Fremdhilfe tiptop zu halten. Möge es mir vergönnt sein, es weiterhin so tun zu können. Und ja, ich genieße in bewusster Dankbarkeit die wunderbare Freiheit des Alters – auch jetzt in den uns allen aufoktroyierten Zeiten der partiellen Zurückgenommenheit. Dennoch ist es sicher nicht verkehrt – so meine ich – sich auch den letzten Fragen nicht zu verschließen, um sich so gut es möglich ist seine ganz persönliche Form der Endstrecke zu bereiten.

Mit ungetrübter Lebensfreude grüßt – dringend auf Regen wartend -
Syrdal
 

Roxanna

Sehr gut verstehe ich, lieber Syrdal, was du hier zum Ausdruck bringen willst. Hat diese Befürchtungen nicht jeder Mensch, in seiner letzten Phase krank und abhängig zu werden und sich vielleicht wieder wie ein Kind versorgen lassen zu müssen und vielleicht auch so behandelt zu werden? Manchmal denke ich, dass es doch gnädig ist, wenn man von einem Moment zum anderen gehen darf. Aber, es liegt nicht in unserer Hand. Die Würde, die ich mir selbst gebe, kann mir keiner nehmen und werde ich von jemandem würdelos behandelt, so ist das dessen Problem. Wichtig ist, und da muss ich selber erst hinwachsen, Vertrauen zu haben, dass ich immer und zu jederzeit getragen und behütet bin.

Herzlichen Gruß
Brigitte

Syrdal

@Roxanna  


Ob ein jeder diese Befürchtung hat, liebe Brigitte, vermag ich nicht zu sagen… Ich kenne Leute, die sich darüber keinerlei Gedanken machen, andere hingegen finden sich umsorgt und geborgen in der noch existierenden (Groß-)Familie, die es aber selbst auf dem Land immer seltener gibt.
Gerne aber gehe ich mit, wenn du sagst „
Die Würde, die ich mir selbst gebe, kann mir keiner nehmen…“ Und doch kann man sich selbst im Vertrauen auf die immerwährend tragende Kraft des Himmels im Irdischen restlos verlieren, auch wenn es mitunter bewundernswert ist, in welcher unerschütterlichen Behütetheit diese Menschen den Übergang annehmen.

Solche Beobachtungen und Überlegungen bewegen – weshalb auch immer –
Syrdal

Mit Dank für deine Betrachtungen zu dieser Frage liebe Grüße zu dir...

 

Manfred36


„Würde“ ist es, was bei dir mir einfällt.
In aufrechter Form zu dir selber zu stehn.
Wenn das Schicksal hier sein gesetztes Wort hält,
wirst du ihr niemals verlustig gehen.

Ich falle zurück in ganz vielen Dingen,
die früher zum Selbstbewusstsein gehörten.
Gedankenbogen mir nicht mehr gelingen,
und Aussetzer wirken, die früher nicht störten.

Doch eines weiß ich: Ich bin, der ich war.
Meine Würde von außen her mag verblassen.
Der Geist, der verbleibt, ist indes sich klar:
Mein Kernselbst, mein Ich, es wird mir belassen.
 

Syrdal

@Manfred36

Aber das, lieber Manfred, ist es ja, was ich meine… nämlich dass irgendwann der ewigen Seele das „Kernselbst“ zwar belassen bleibt, aber weit voraus geht und sich dadurch im noch Irdischen ein Spalt öffnet zwischen dem unvergänglichen Selbst und der noch lebenden Materie, die dann deutlich abnehmend die Autarkie verliert, also sich rundum selbständig zu versorgen. Ich muss hier keine Beispiele aufführen. Manche noch Lebenden bauen oft innerhalb relativ kurzer Zeit mental derart ab, dass sie ihren langjährigen Lebenspartner, die leiblichen Kinder und sogar sich selbst nicht mehr erkennen… bis hin zur irreparablen Würdelosigkeit.
Aus nah erlebter Erfahrung spricht
Syrdal
 


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