Mein erstes Auto
war ein VW-Standard. Wann gebaut, weiß ich nicht, muß in den Fünfzigern gewesen sein. Hatte noch Seilzugbremsen, die im Winter immer mal einfroren. Dafür konnte man im Sommer die Heizung nicht ausstellen. Aber der Wagen lief wie geschmiert. Wenn man es darauf anlegte, hängte man jeden VW-Export ab. Insofern war ich als Außendienstmann recht zufrieden mit dem Gefährt, das ich ja jeden Tag für die Kundenbesuche im nördlichen Schleswig-Holstein benötigte. Wenn da nicht noch eine Schwachstelle gewesen wäre: er wollte bei niedrigen Temperaturen partout nicht anspringen.
Wir wohnten in einem kleinen Dorf in Angeln zur Miete und hatten keine Garage zur Verfügung. Also mußte das Auto auch in dem recht strengen Winter 1962/63 draußen nächtigen. Und jeden Morgen gegen 7:30 Uhr dann das gleiche Theater: nach fünf Minuten erfolglosem Anlasserjodler mußte ich zur gegenüber liegenden Meierei und einige Bauern bitten, mich mal an zu schieben. Wäre ja nicht weiter schlimm gewesen, nur die beifälligen Kommentare gingen manchmal doch etwas unter die Haut.
„Schall ik di mol anschleppen?“ fragte eines Tages ein Nachbar von der anderen Straßenseite. „Ober gern, wenn du so fröh all Tied hest!“ Er hatte, denn es war der Dorfbäcker, der dann seine Brötchen und auch sonstiges schon fertig hatte. Und er hatte einen DKW – Zweitakter, der natürlich mein Problem überhaupt nicht kannte.
Und somit war ein allmorgendlicher Vorgang ins Leben gerufen, an dem bald das halbe Dorf mit großem Vergnügen teilnahm, natürlich nur bei kaltem Wetter: pünktlich um 7:30 Uhr erschien ich auf dem Hof, enteiste die Scheiben meines VW, setzte mich rein und drehte den Startschlüssel. „Ob er`s heute wohl tut ?“ war die große Frage bei allen, die den Anlasserjodler mitbekamen. Auch bei den Milchlieferanten an der Meierei, die alle aufmarschiert waren und zu mir rüberschauten. „Er“ tat es meistens nicht. Und Erwin, das war der erwähnte Bäcker, war schon bereit, mit hoher Bäckermütze und freundlichem Lächeln auf dem runden Gesicht. Sein DKW stand schon längst vor der Garage und stieß weiße Qualmwolken aus dem Auspuff: dumm-de-dumm-de-dumm. Ich mußte jetzt nur noch wieder aussteigen, das war für ihn das Zeichen, das er vorspannen sollte.
Kurze Begrüßung: „Na, denn sett di man rin!“ Kurz das Seil einhaken und schon bewegte sich der kleine Korso im gemäßigten Tempo entlang der Dorfstraße. Erwin begrüßte in der ihm eigenen jovialen Art die Anwohner, die oftmals extra raus gekommen waren, mindestens aber aus dem Fenster schauten, um das morgendliche Ritual mit zu erleben. Ich bekam davon nicht viel mit, denn ich hatte genug zu tun, mir ein Guckloch frei zu hauchen, weil die Scheiben natürlich bald wieder beschlagen waren.
Am Ende der Straße, nach ca. 150 Meter, gab es einen Wendepunkt. Kurz davor sprang der Motor meistens an. Einmal Vollgas, zwei Mal hupen und Erwin und das halbe Dorf wußten Bescheid. Hannes, der Dorfschmied hatte schon in langer Lederschürze und mit breitem Lächeln auf uns gewartet, um das Schleppseil auszuhaken. Ein freundliches Moin-Moin und ein Dankeschön und schon fuhren wir, Erwin und ich, jeder selbstständig wieder zum Ausgangspunkt zurück.
So gab es in dem Dorf an jedem Morgen das gleiche Spiel, jedenfalls an kalten Tagen. Als die Witterung zum Frühjahr hin umschlug, waren alle enttäuscht, – und als ich im nächsten Jahr von der Firma mit einem VW-Export bedacht wurde, nahm man das mit ehrlichem Bedauern zur Kenntnis.
Klostermeier

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Kommentare (5)

Britt ...fährst du einfach zur Prüfung, schon nach 6 Stunden, ha ha...
Wer hat dir den Käfer vor die Tür gestellt?
Kannst du auch radeln?
Gruß von der Radl-Britt


finchen es käfert immer wieder............
Bevor ich den Führerschein hatte, war der Käfer schon vor der Tür. Ich bin damit zur Fahrschule gefahren und meine 7-te Fahrstunde war die Prüfungsstunde.
Es war 04.04.1963.
Liebe Käfergrüße
das Moni-Finchen
Britt denn in dieser Zeit habe ich just mit diesem Käfer auf Feldwegen das Autofahren geübt. Nicht leicht war es, die Kupplung zu bedienen, hieß die Aktion Zwischenkuppeln oder Zwichengas, da war doch was... Ach ich rieche noch die Blumen im Feld und hatte 19 Fahrstunden, dann kam die Prüfung und ich habe sie bestanden, war 20 Lenze jung.
Liebe Grüße und danke für diese Erinnerungsstücke,
Britt
finchen schau mal in meinen Blog - so auf Seite 10 - dort findest Du auch eine Käfergeschichte.
Diese Dinger sind immer einer Geschichte wert.
Lieben Gruß und weitermachen............
das Finchen
stefanie Aber doch hat der VW standard ein ehrendes Andenken bekommen durch das Photo,wo man
zu meiner Freude noch die kleinen Rundscheiben sehrn kann.Den Innenraum habe ich als sehr beengt in Erinnerung. Aber wie stolz war man,ein Auto zu besitzen meint stefanie

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