Monsieur l'Aumonier - der Religionslehrer


Monsieur l'Aumonier - der Religionslehrer
Er mochte wohl um die 60 Jahre alt gewesen sein, hatte eine Stirnglatze und war dünn wie eine Holzlatte. Jeden Morgen las er die Messe, und das in einem atemberaubenden Tempo, sodass die Messe nach 20 Minuten zu Ende war. Auch die Handlungen waren sparsam und ließen jede Andacht vermissen. Das stieß nicht nur mich ab. Wie ich einmal hörte, hatten sich sogar die Schwestern  vergeblich bei ihm beklagt.
Von einigen Schülerinnen wurde er als „Zahnbürste“ bezeichnet. Warum und weshalb ist mir immer schleierhaft geblieben. Jedenfalls reichte meine Fantasie nicht so weit, seine Figur mit einer Zahnbürste zu vergleichen.
Morgens und abends machte er mit seiner Haushälterin eine Runde durch den Park, wobei die "Dienerin des Herrn", wie es sich gehörte, immer einige Schritte hinterher lief.
Und – er erteilte uns Mädchen Religionsunterricht. Für uns Deutsche fast immer eine Art Event, denn dabei setzte er sich regelmäßig in Szene mit seinen im Krieg erworbenen Deutschkenntnissen.
Eines Tages ging es beispielsweise um die deutschen Worte „Wahrheit“ und „Wahrhaftigkeit“ (vérité und véracité). Die schienen es ihm besonders angetan zu haben. Denn beim ein wenig konfusen Versuch, auch uns drei deutschen Mädchen den Unterschied klarzumachen, schrieb er zunächst das Wort „Wahraftigkeit“ an die Tafel. Es schien niemanden zu stören, dass das Wort falsch geschrieben war. Aber mir war der Anblick des falsch geschriebenen Wortes unerträglich.
Ein wenig zaghaft hob ich den Finger.
„Bitteschön?“ fragte er.
„Pardon, Monsieur l’Aumonier, da fehlt ein h.“
Er sah hin und wurde sehr verlegen, lächelte dann und meinte:
„Ah oui, merci. Merci bien. Das ängt zusammen, dass man im Französisch diese ‚asch‘ nicht ört.“
Zum Glück grinsten nur wir drei, denn die anderen verstanden die deutsche „Spezialerklärung“ schon gar nicht.
Und ich bezweifle, ob allen überhaupt der Unterschied zwischen beiden Worten wirklich klar geworden war.

 

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Kommentare (9)

Tulpenbluete13

Liebe Andrea,

da ich hier im ST nicht immerzu "was" suche- wäre mir diese Geschichte bald durch die Lappen gegangen- weil Du sie gut versteckt hast. Das wäre ja schade gewesen, denn sie erzählt wieder ein Erlebnis aus Deiner Schulzeit im Internat..Ich finde das total interessant was wahrschinlich daran liegt, daß ich nur in einer ganz normalen "popeligen" Schule auf dem Land gewesen war und erst später in die Kreisstadt kam.

Ich kam mit dem "h" der Franzosen in Kontakt als meine -Tochter im Rahmen ihres Französisch-Unterricht eine kleine temperamentvolle Französin als "lebendigen Schüleraustausch" als Gast bei uns zu Hause hatte. Das war total lustig und trug viel zur "Völkerverständigung" bei. Die qurlige 14-jährige brachte den ganzen männlchen Nachwuchs des Ortes durcheinander.

Die beiden Mädchen besuchten sich fortan jedes Jahr im Wechsel (meine Tochter fuhr allein bis nach Rennes in der Bretagne) und die Freundschaft hielt und hält immer noch an, obwohl es fast 30 Jahre her ist und beide Familien haben.

Ist das nicht toll? Das Französich hat meiner Tochter dann beim Studium (Pharmazie) weniger geholfen, da wäre Latein besser gewesen. Aber dann hätte sie keine französische Freundin gewonnen..

Danke für Deine hübsche Geschichte und für die Erinnerung die sie bei mir geweckt hat.

Ein scönes Wochenende wünscht Dir
Angelika

 

Muscari

@Tulpenbluete13  
Jaja, liebe Angelika,
ich habe mir angewöhnt, meine Erzählungen unter verschiedenen Kategorien einzustellen.
Die einen findet man bei "Eigene Geschichten", andere bei "Erinnerungen" und wieder andere bei "Humor und Satire".

Toll, dass Du meinen "Religionlehrer" noch gefunden hast. Wenn der das wüsste...
Wie schön, dass Deine Tochter eine französische Freundin hat.
Ich danke Dir sehr für den interessanten Kommentar und grüße Dich lieb.
Andrea

 

Rosi65

Smiley
Ja, lustige Sachen, liebe Andrea, prägen sich besonders gut ein.
Als ich mal in einem kleinen Bungalowdorf, auf Korsika, Urlaub machte, leitete ein nettes französisches Ehepaar diese Anlage. Abends trafen sich alle Gäste gerne in ihrem Bistro, um einen Absacker zu sich zu nehmen und dabei die neuesten Erlebnisse auszutauschen,

Zur Unterhaltung führte der vergnügte Monsieur den Gästen immer kleine Kunststückchen vor.
Madame wollte sicher auch mal glänzen und erklärte den Gästen, dass sie das deutsche "H" gut beherrsche.
Sie hatte sich dazu extra die schwierige Wortübung "hohes Haus" ausgesucht. Nachdem sie sich konzentriert hatte, platzte in die Stille die Wortschöpfung  "ooes aus" heraus.
Stolz schaute sie danach in die Runde.
Zum Glück hat aber niemand diese nette Dame ausgelacht, sondern ihr freundlich lächelnd applaudiert.
Bei Deiner Geschichte, liebe Andrea, ist mir diese kleine Anekdote sofort wieder eingefallen.

Liebe Grüße
 Rosi65

Muscari

@Rosi65  
Madame und das "Hohe Haus" "ooes aus"
Typisch und einfach köstlich.
Es freut mich immer wieder, wenn meine Geschichten Euch an ähnliche Begebenheiten erinnern.
Ich danke Dir für Deinen Kommentar.
Andrea

Manfred36

@Rosi65  
Immer noch besser, als wenn man Konsonanten umdreht, wie ich in der Bäckerei vernommen habe: "Ein Schlotblot und zwei Blötchen": Der Mann hatte asiatische Gesichtszüge.

Manfred36


Das Gegenteil von Wahrhaftigkeit ist m.E. die bewusste oder fahrlässige Lüge. Das Gegenteil von Wahrheit ist das Aufhören, nach dem Tatsächlichen zu fragen. Möglicherweise war Monsieur l'Aumonier mit beidem ein Wenig behaftet. Mich hätte interessiert, welche Worterklärung er euch gegeben hat.
Wir hatten eine ganz junge Französichlehrerin, M'elle Églin. Sie war hübsch und in Deutsch wahrscheinlich noch weniger bedarft als M. l'Aumonier. Wir warteten immer darauf, dass sie sich auf Pult setzte und die Beine baumeln ließ. Einmal fragte sie, wer ein Fahrrad dabei hätte; dann drückte sie mir ihren Wohnungsschlüssel in die Hand und hieß mich, ihr vergessenes Frühstück zu holen. Zuhause bei ihr sah es auch locker aus und auf dem Flügel standen fetzige Noten. Wir nahmen sie aber in ihrer Weise sehr an und trauerten ihr später nach.
 

Muscari

@Manfred36
Tja, an die genaue Erklärung des Monsieur l'Aumonier kann ich mich nicht erinnern.
Egal, mir fiel diese Episode ein, als in meinem Bekanntenkreis kürzlich die Rede von der französischen Aussprache im allgemeinen war.
Nett finde ich aber Deine Melle Eglin, die vom Pult herab die Beine baumeln ließ.  
Danke für diesen Kommentar.

Pan

Cela peut fonctionner si le dialecte est faux.
Même en français ça va parfois mal.

Salutations de
Horst

Muscari

@Pan  
C'est juste
Avec mes remerciements,
Andrea


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