Der Montag ist vielen Menschen verhasst. Sie gehen nicht gerne an ihren Arbeitsplatz und trauern dem Wochenende hinterher. Zumindest sagen sie das. 

Ich mochte den Montag früher, als Schulkind, auch nicht immer, je nachdem, welches Fach in der ersten Stunde anstand. Meistens hatten wir da Deutsch oder irgendeine Fremdsprache. Und da ich diese Fächer mochte, bin ich auch immer gerne aufgestanden und zur Schule gegangen. 

Natürlich ging ich zu Fuss. Der Schulweg führte von meiner Haustür geradewegs ins Schulgebäude. Drei Ampelkreuzungen galt es zu überqueren und schon war man da. Aufzug hatten wir daheim keinen, also musste man auch zu Fuss runter und wieder hoch in den vierten Stock. Das war keine Sache; es war einfach selbstverständlich. 

Noch heute, da ich im fünften Stock wohne, benutze ich die Treppe und nehme nur dann den Aufzug, wenn Mutter dabei ist oder wir schwer beladen vom Einkaufen kommen. Unglaublich, wie sich solche frühe Gewohnheiten einprägen.

Da ist noch mehr, was unbewusst irgendwo in einem drinsteckt und unvermutet zum Vorschein kommt: Stimmen, Klänge, Gerüche, .... Man ist insofern schon ein Spielball der eigenen Geschichte und den Emotionen, die diese Dinge wecken, ausgesetzt. Es ist spannend, das festzustellen und darüber nachzudenken.

Also, Folgendes: Ein Schüler kommt heute früh, um einen Einstufungstest zu machen. Man hat mich informiert, dass er fortgeschritten ist, daher mache ich mich darauf gefasst, dass er wahrscheinlich alle Fragen beantworten und der Test somit, regulär, eine Stunde dauern wird. 

Doch dem war nicht so. Nach einer Viertelstunde war der Mann am Ende seines Lateins.

Testergebnis: Grundstufe. 

Nun war also noch eine Dreiviertelstunde Unterrichts-, in diesem Fall Testzeit übrig, die ich spontan anders füllen musste. Ich beschloss, ihm weitere Testübungen vorzulegen, darunter zur Lese-, Sprech- und Schreibkompetenz. Wie sich herausstellte, war nix mit Grundstufe. Der Mann hatte durchaus fortgeschrittene Sprachkenntnisse. Alles hängt davon ab, was für Fragen man stellt. Wie man in den Wald hineinruft, so hallt es hinaus - im Sprachunterricht gilt das mehr denn je. 

Und so ereifert sich der junge Mann, als ich ihm gegen Ende der Stunde mitteile, dass er meiner Meinung nach viel mehr als bloss Grundkenntnisse der deutschen Sprache habe, mich davon zu überzeugen, dass er vorhabe das C-Diplom zu machen, egal ob 1 oder 2. 

Ich frage ihn, warum und wozu denn das. 

Und er meint, weil es ihm Spass mache un das immer noch besser sei, als seine Freizeit zuhause mit Faulenzen zu verbringen. 

Nun ja, dass eine solche Antwort kommt, hatte ich mir fast gedacht.

Ich versuche, dem jungen Mann klarzumachen, dass diese Sprachdiplome einzig und allein bürokratischen Zwecken dienen. Er solle die Diplome machen, die man von Berufs wegen von ihm verlangt. Wenn er sich aber für die deutsche Sprache und Kultur interessiere, solle er doch in einen Verein eintreten und Freundschaften schliessen. Oder einen Volkshochschulkurs belegen. Es gibt so viele Möglichkeiten, in ein Land einzutauchen. Ein Sprachdiplom zu machen ist, wenn man es nicht gerade zwingend braucht, ein denkbar ungünstiger Weg. Man igelt sich weiter ein und findet in einem DaF-Kurs kaum Anschluss zu Deutschen, es sei denn, man heiratet den oder die Dozent:in, was auch schon vorgekommen ist. 

Der Mann versteht, was ich ihm sagen will. Und auch ich durchschaue seinen offenkundigen Enthusiasmus sowie seine Komplimente als Versuch, mich für sich einzunehmen. Er möchte auf keinen Fall ein schlechtes Testergebnis, sonst müsste er Deutschland wahrscheinlich verlassen oder würde zumindest seinen Arbeitsplatz verlieren. 

In meinem Testbericht gehe ich so vor, wie immer: Ich mache einen Appell zur Integration am Arbeitsplatz und mache Vorschläge, wie das gelingen kann: Zusammen Mittagspause machen, die Leute stärker im Team einbeziehen. Nicht alle lernen im Deutschkurs am besten. Für manche, wenn nicht sogar in den allermeisten Fällen, bedeutet ein Deutschkurs permanente Ausgrenzung, manchmal sogar jahrelang.

Als wir zum Hörverständnis-Test kommen, bin ich diejenige, die scheitert. Unvermutet taucht da eine Bahnhofsdurchsage aus der Schweiz auf. In mir entspannt sich plötzlich alles und ich muss mit den Tränen kämpfen. Wie oft habe ich diese Sprachmelodie gehört in den letzten 47 Jahren? Plötzlich erklingt sie wieder, aus dem Lautsprecher des Laptops, aber auch aus den tiefsten Schichten meiner selbst. Das bin ich, die da auf diese Lautsprecherstimme reagiert.

In meinem Inneren höre ich gleichzeitig die Stimme meiner Mutter, die meine Reaktion als lächerliche Sentimentalität abtut: Nun stell dich nicht so an, höre ich da. Was soll der Quatsch? Ähnlich hatte sie zu meinem Vater gesprochen, als er, ich erinnere mich noch, als wäre es gestern, im Bad schluchzend sich der Tatsache gewahr zu werden suchte, dass seine geliebte Mutter in 2000 Kilometern Entfernung gestorben war. "Hör endlich auf und stell dich nicht so an." Das waren die Worte meiner Mutter damals.

Ich möchte die Trauer in mir pflegen. Denn wo Trauer ist, da ist Liebe und auch Identität. So wie mein Vater im Tod seiner Mutter sich selbst gespürt hat, trage ich in meiner Trauer die Schweiz immer mit mir, egal, wo ich bin. Der Dialekt, die ganz besondere Kadenz und Prosodie, die Landschaft, Farben, Formen, Empfindungen, ... einfach alles ist bei mir. Immer noch heute, an diesem hundsgewöhnlichen Montag und an allen Tagen wohl für den Rest meines Lebens. 


Anzeige

Kommentare (2)

KarinIlona

Ich lese sehr gern deine lebensnahen Betrachtungen jeglicher Art  - wie auch wieder diese Wahrnehmung. So ist das Leben eben...
Danke!

Sandra1975

@KarinIlona  
Das freut mich, liebe KarinIlona. Danke vielmals für deine Zeit.
Herzliche Grüsse
Sandra


Anzeige