Nacht der Sinne: Buddenbrooks


Nacht der Sinne, Speisen wie die Mann's

Is ja nu wedder modern, de Sachens mit den Buddenbrooks.

Ich wollte mal aus der Jugendzeit berichten, als Zausel und seine Motorgäng noch unterwegs waren.

Sie kamen zum folgenschweren Entschluss:

„Männäää, wi mut mol wat för de Bildung tun, wenn wi wedder mol inne Restorang rinwullt. Sei sin all so gebüldet hiäää. Nu verholt euch mal ton Friseur und lass ju die Zottels affroppen un denn opn Winterschlußverkööp auch ne nüe Büx und wat feines zum Antrekken köpen. Gor nich in Leder, kapiert? Wie mut to se Kültür.
Un set de Schalldämpers wieder op de Böcke, damit se all nich erschrecken doun.“
Un obends sin wi dann dor hin, Thema: Nacht der Sinne.

Ick segg vörher bi dat Thema zu meinen Jungs: Ju schall dat Muul holen und nix falsches dorbi denken.

Ick glöv, ick mut nu mit hochdüütsch wiedermoken. Sons kannst du nich mehr folgen.
Zuerst haben wir uns Bilder angeschaut, nix mit die Weibers un so, Aquarelle vom Strand, Wolken und Steine und Gegend. Der Künstler hatte lange Haare, hat er sich nen bösen Blick von uns eingefangen, wie kann man nur so zur Kültür kommen.

Dazu gabs dann irgendwas Gelbes in so einem kleinen Glas, Sherry oder Portwein oder sowas, zack un wech, gab aber leider nicht neues mehr dazu.

Dann kam was mit Klavier. Da saß ein Mädel stocksteif auf so einem Hocker und hat gespielt. Ich sag zu meinem Vize, dass sich nu ja keiner irgendwie in die Sessel lümmelt und wenn sie fertig ist und ruhig ist, dass dann nur geklatscht wird und nicht losgegröhlt wird.
Beim ersten Klatschen waren wir noch etwas zu laut, danach schon etwas dezenter, weil man uns schon Blicke zugeworfen hat.

Und denn gings dann zum Essen.
Mann, das war ne Tortur, kein Platz aufm Tisch, alles voll mit Bestecke und Gläser und Teller nebenbei.
Ich sach: „Jungs, herkommen, wir fassen erst mal nix an, ok? Hände innen Schoß, abwarten und schreit nich nach‘m Flens, dat givt dat hüüüt nich.“
Vorne am Tisch war ein Zettel, da stand drauf: "Speisen wie die Mann's" und "Reserviert." Soo'n schiet, alles reserviert, kein freier Platz.

Ich sach zu meinem Vize, geh mal zum Kneipier, check die Lage mal ab, ob der Mann alle Plätze braucht.

Dann kam ein Typ, so ein richtig Knochiger und setzte sich alleine an einen kleinen Tisch mit Kerze und hatte so einen Wälzer mit.
Er sagte, er wäre Germanirer und wir sollen alle uns hinsetzen.

Wieso betont er dass er Deutscher wäre? Haben dann auch schnell gesagt, "Jau, kloar, wi ook, wi snackt dütsch un ok Platt" un Paule klopft ihm auf die Schulter.

Also doch an die Tische ran. Ich sach: "An alle, ja nichts umwerfen!"

Nu gab das Portwein. Knut hab ich gegen dat Schienbein getreten als er zu dem Pinguin sagte: "Nu mach mal richtig voll". Hat vor Schreck fast das Glas fallen lassen.

Nu fing das Gespenst am Katzentisch an zu reden und gab uns bekannt dass er jetzt aus Buddenbrooks vorlesen würde, aber nicht das ganze Buch, soviel Zeit wäre nich und dass die Geschichte mit einer Einweihung eines Hauses beginnen würde und die dabei essen. Und das ganze wäre um 1845.

„Wat, so alt?“
Knut murmelte: "Gabs da nichts zu saufen?" was ihm noch einen Tritt von mir einbrachte.

Ich sach zu dem Gespenst, er solle noch warten, wäre doch unhöflich, wenn der Mann, der hier reserviert hätte noch nicht da ist. Sein Kehlkopf zuckte als er leise sagte, "Das heisst hier: Speisen wie die Mann's". Sorry, kenne den Typen ja nicht persönlich.

Nu gab das Butterbrote. Kleine Schalen mit Butter und Körbchen mit kleinen Scheibchen. Warum muss das alles so klein sein, passt ja nix in die Hand.

Haben uns erst mal unauffällig umgesehen und die Lage gepeilt. Aha, Scheibchen Brot nehmen und kleines bisschen Butter draufschmieren und nich so wie Gerd der Döspaddel, der gleich die Butterschale leermacht. Hab dann freundlich lächelnd der älteren Dame mein Scheibchen überlassen. Mein Blick zu Gerd hat ihm ein Loch in die Schläfe gebrannt.

Nu hat der Kautz am Einzeltisch angefangen zu lesen. Ich kann das nicht genau wiedergeben, weil der so komisch gesprochen hat, von Mamsell und Scharmör und Doktor sowieso und dem Pfarrer der auch dabei war und de Kinners und irgendwas französisches. Jedenfalls ging‘s um die Einweihung des Hauses und alle Nassauers waren auch da. Zuerst soll das ne Suppe gegeben haben.

Kräutersuppe nebst geröstetem Brot.
dazu
2001er Riesling Prestige, Rheinhessen
(hab ich jetzt vonner Karte abgeschrieben)

Nu ging dat ja los. Lage peilen, was machen die anderen?
Meine Jungs schauten zu mir. Rechts außen lag der Suppenlöffel, hab gesehen wie die Lady das machte. Also hab ich den Löffel genommen und hochgehalten, damit die Jungs sahen, welches Teil jetzt dran war. Hab auch noch so ne komische Schaufel gesehen, was das alles gibt.
Beim Wein war es einfacher, war ja nur ein Glas vollgemacht (na ja, halbvoll) worden, die anderen waren leer, das war nichts schwieriges.

Ich sach zum Vize, sag mal Eddi, er solle beide Hände aufm Tisch lassen, das wäre bei die Kültür so üblich beim Essen.

Aber gut fand ich, dass man was zu Trinken nachbekommen hat, da ist es auch egal, wenn sie nur halbvoll machen. Nun brachten sie auch Wasser und schenkten das zweite Glas auch voll. Nu wurde es schon wieder schwer, wann darf man dies oder das? Haben halt alles durcheinander getrunken.
Hab immer zur Lady rübergeschielt und habs den Jungs weitergegeben, wie man das Weinglas hält. Nicht beim Dicken anfassen, sondern am dünnen Stiel, na ja, ist doch Kültür.

Nun fing der Alleinige mit dem dicken Buch wieder an. Die Geschäfte gingen schlecht, und ob der Andere noch den Napoleon gesehen hat (ha, den kenne ich, war son Kleiner, hab ich im Kino gesehen) und wegens die Politik und dass der Pastor immer heimlich weiter ges..., ah getrunken hat.
Nu wollte man mir mein Weinglas wegnehmen, musste ich schnell austrinken. Na sowas, Sitten haben die hier, is doch bezahlt...

Nun gabs Seezungenfilets im Zweifarbenspiel (häää? Zunge mit 2 Farben?)
und
2001er Silvaner Selektion aus Rheinhessen

Also das war ja ulkig. 2 kleine Röllchen auf einem riesigen Teller mit bisschen Erbsen (ich hasse die, rollen immer weg) und so kleine Reishaufen und Soße 2-farbig. Was soll nun gespielt werden?

Wat nu? Haufen Besteck war ja noch übrig.

Also war wieder Augenverdrehen angesagt. Nu kam die platte Schaufel dran, hochhalten, und auf der linken Seite die Gabel zeigen.
Einige kicherten schon, machte uns aber nix aus, wollten ja Kültür haben, damit wir mal wieder in ein Restorang können.
Aber muss sagen, hat nicht schlecht geschmeckt, aber wie soll man da satt werden, wenns nur so kleine Stückchen gibt.

Diesmal hat der Graue am Einzeltisch nicht gewartet, sondern legte gleich los und hat die Zimmer in dem Haus beschrieben mit den großen Vorhängen und was alles im ersten Stock gewesen wäre und links war dies und rechts das und gegenüber wieder anderes. Muss aber sagen, hat er gut gemacht, man konnte sich die Bude doch gut vorstellen. Muss ihn mal fragen, ob er das Buch geschrieben hat.

Und die Chefin hätte das Personal rumkommandiert wegen dem Schinken, der jetzt käme.

Kolossaler ziegelroter Schinken mit Zuckersenf
Bordeaux 94er Margoux, 93er Médoc, 93er Graves
Menno haben die Namen, na egal, immer her damit.

Also muss sagen, riesiger Schinken, (aha, kolossal) mit Gemüse und süßen Kartoffeln. Die Bedienung hatte endlich ein Einsehen und legte uns ordentliche Portionen auf, was ihr ein zufriedenes Grunzen der Teilnehmer einbrachte.
Mit dem Geschirr neben uns gab‘s keine Probleme, war das letzte Besteck was übrig blieb. Glas auch nicht, blieb nur so ein Dickes übrig. Nu hab ich auch kapiert: 3 verschiedene Rotweine, also, schneller trinken, damit man alle 3 probieren kann. Null Problemo.

Nur Jo, der Schussel, hat wieder nicht schnell genug das Glas hinhalten können und hat seiner Nachbarin das Besteck runter geworfen. Ich sach zu ihm: "Zieh Leine, hol neues, kann man niemand zumuten, wenn das neben dir gelegen hat." Aber die Lütte vonner Kneipe war schneller. Jo wollte der Nachbarin deswegen einen ausgeben, wollte sie aber nicht. Ok, gebongt, der Wille war da.

Boaahh, die Wampe war voll, Kültür hat sich doch gelohnt.

Nu fing der Kerzenmann wieder an, saß schon schief wegen dem Kerzenlicht. Da soll es eine junge Verwandte, ein Mädchen, ganz dürr, gegeben haben, die arm sei und die so viel gegessen hätte und von allem 2 mal genommen habe. Na ist doch ok, wenn sie keine Kohle hat, dann soll sie sich mal ordentlich durchfuttern. Gab auch Beifall von uns dafür.

Und der Pastor würde immer noch so viel zu sich nehmen an Getränken ))
Anerkennendes Grinsen.

Nu waren noch so kleine Gabel und Löffel auf dem Tisch liegengeblieben.

Plettenpudding mit Himbeeren
1990er Chateau Manos, Appellation Cadillac Contôlée

Cadillac? Na was ist das nun wieder, kenne ich, ist ein Amischlitten.
Pudding mit Biskuit und Minzeblatt und Himbeeren, die waren aber ganz unten, musste man etwas umgraben.

Aha, der Löffel war zum Festhalten und die Gabel zum Essen, oder umgekehrt?
Also, den Rest Besteck hochhalten. Gab Szenenbeifall und ein Lächeln von dem Deutschen.
Dabei las er weiter, wie sie danach alle eine gequalmt haben mit dicken Zigarren und Kaffee und wie sie alle bei dem Sauwetter mit ihren Kutschen abgedüst sind, die Pelzmäntel umgelegt und die Hüte aufgezogen. Ich glaube der Pastor hat seine Kutsche nicht gefunden oder so ähnlich, hat vielleicht dann dort gepennt. Weiß ich aber nich.

Also, ich muss sagen, Kültür hat was, hat auch viel Kohle gekostet aber satt waren wir. Der Graue hat nachher noch gesagt, wir sollen uns den Wälzer mal reinziehen, wäre aber nich böse, wenn wir das mit dem Spielfilm machen würden.

Werd meinen Vize mal los jagen, soll sich die DVD mal besorgen. Und ich werd mal den Armin Müller-Stahl mol fregen, wie das nu wirklich gewesen is. Der wohnt je eben um die Ecke.

Ob die Gäng sich nun mit die Kültür abgeben tut, fragt sich Zausel?

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Kommentare (2)

oldtimerin
oldtimerin
Mitglied

Hallo Rainer

Einfach köstlich. Ich sitze hier und lache Tränen.

Ja, ja was man mit der Literatur so alles erleben kann.
Satt soll man nebenbei auch noch werden. O Herr je!
Aber was lange dauert, wird letztendlich doch noch wahr )
Geschmeckt hat´s ja nun.

Rainer vielleicht kommt bald wieder mal so eine Einladung.
Übung macht den Meister und wie´s abläuft ist jetzt ja auch geklärt )

Ich wünsche auf alle Fälle mal im Voraus guten Appetit.

Nur eines machte mich bedenklich, fränzösische Weine, wo´s doch so gute Deutsche gibt.

Da würde ich nicht mal in den Rheingau gehen, nein Hohenloher soll es sein.
Kleines Anbaugebiet und grosse Weine (darf man weiter empfehlen)

Hohenloher Grüssla

Oldi
meli
ganz köstlich, wie Du über das Gelage im Hause der Buddenbrooks und das Nachvollziehen desselben mit der "Gang" beschreibst.
Und man stelle sich vor, das war eine "normale" Einladung zum Essen.
(Ich muss auch noch einmal nachlesen - habe da so verschiedene Gedankengänge des Hausarztes, der zur Linderung der Gallenkoliken Taubenbrühe verordnete - in Erinnerung).
Ich habe mich beim Lesen sehr amüsiert, konnte mir das alles lebhaft vorstellen.
Danke!
Liebe Grüße
dat Meli

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