Nachts sind alle Katzen schwarz


Nachts sind alle Katzen schwarz, heisst es. Und wenn es sich um schlaflose Nächte handelt, sind sie noch schwärzer. 
Letzte Nacht konnte ich kaum schlafen und da ist mir plötzlich meine ehemalige Dozentin eingefallen, von der ich nun seit Jahren nichts mehr gehört habe. Es würde mich wundernehmen, wie es ihr geht. Sie hatte ein furchtbar tragisches Schicksal. 
Als ich sie kennenlernte, war sie gerade am Promovieren. Sie musste Ende 20 sein und sie hielt das Einführungsseminar, damals Proseminar genannt, in die Literaturwissenschaft. Ziel des Proseminars ist es, Studierende mit dem wissenschaftlichen Handwerkszeug bekannt zu machen.  In jenem Proseminar jedoch war das nicht so. Es war, sagen wir mal, "anders". Da wurde viel über Philosophie gesprochen, Logik, Hegel usw. - Dinge, von denen man als Gymnasiast nicht unbedingt etwas gehört hat. Ich hatte das jedenfalls nicht und meine Sitznachbar:innen auch nicht. Aber es waren noch die 1990er-Jahre. Man machte im Seminarraum eine ernste Miene, so als wären Hegel, Schelling und Fichte das Selbstverständlichste der Welt. Und wenn man etwas nicht verstand, lag es nicht etwa an der Lehrperson, sondern an einem selbst - man hatte eben noch nicht genug gearbeitet.
Später erfuhr ich, dass der Lauf dieses Seminars durchaus nicht gang und gäbe war. Dass die Dozentin damals schon unter schweren psychischen Problemen gelitten haben muss. Sie schaffte es noch knapp, ihre Dissertation zu veröffentlichen; gleich darauf war von Sexskandalen und fristloser Kündigung die Rede. Ich sah sie noch ein paar Mal mit ihrem auffällig gelben Fahrrad durch die Innenstadt fahren. Einmal hielt sie sogar an, begrüsste mich und wir sprachen auch kurz miteinander. Ihre Pupillen waren geweitet, ihr Teint fahl und ihr Gesicht ausgemergelt. Das war vor gut 20 Jahren; seitdem sah ich sie nie wieder.
Was "wirklich" ablief, erfuhr ich zwischendurch in einem Artikel des "Beobachters", einer Schweizer Konsumentenzeitschrift. Die Personen waren in jenem Artikel zwar anonymisiert, doch deckte sich der Inhalt ziemlich passgenau mit dem, was meine Dozentin mir damals, als wir uns auf der Strasse begegneten, erzählt hatte. 
Eine fürchterliche Geschichte. Ein Albtraum über einen macht- und geldgierigen Vater, der seine Tochter sprichwörtlich in den Wahnsinn treibt. 
Der Vater dieser Dozentin war ein schwerreicher Mann, Besitzer mehrerer Krankenkassen in Deutschland. Die Tochter konnte er aus irgendeinem Grund nicht leiden. Und so erkaufte er sich verschiedene psychiatrische Gutachten, in denen die Tochter als schwer psychisch gestört dargestellt wurde und schickte diese Gutachten der Universität. 
Die Tochter besorgte sich einen Anwalt, kam aber gegen Macht und Einfluss des Vaters nicht an. In ihrer Not hatte sie sich zuletzt an den "Beobachter" gewandt. 
Was aus dem "Fall" geworden ist, weiss niemand. Denkbar ist, dass der Vater auch den "Beobachter" zum Schweigen gebracht hat, so dass nie mehr über den Fall berichtet würde. 
Was für eine schwarze Nacht! Meine Güte. Und was für ein Pech, in so eine Familie hineingeboren zu werden. 
Ich weiss noch, dass ich meiner Dozentin damals die E-Mail-Adresse eines befreundeten Anwalts gegeben hatte, den sie, glaube ich, nie aufgesucht hat. 
Habe ich genug getan? Was hätte ich sonst noch tun können, um dieser Frau aus der Patsche zu helfen? Ich weiss, dass ich mich mit diesen Gedanken selbst überschätze. Wenn nicht mal gewiefte Anwälte gegen den mächtigen Vater ankamen, was hätte ich kleines Würmchen schon ausrichten können. Das Schicksal dieser Frau geht mir dennoch nahe. Es macht mich traurig. Die Bosheit dieser Welt macht mich traurig. 







 


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Kommentare (3)

Heidi Grünwedl

@Sandra1975    ich bin selber krank geworden durch die Wut und Eifersucht, die mein Vater wegen mir hatte. Er behauptete dauernd, du bist nichts, du kannst nichts, du hast nichts. Danach schlug er mich immer besoffen windelweich. Ich kann das Leid dieser Frau gut nachvollziehen. Allerdings habe ich nie studiert. Ich musste nämlich meinen kranken Vater bis zum Tode pflegen, was ich auch tat, nicht sehr liebevoll, aber ich tat es, trotz seiner Eskapaden, die er mir in der Kindheit und Jugend antat. Ich habe ihm alles vergeben, sonst wird mir auch nicht vergeben im Himmel, wenn ich tot bin und das will ich nicht. Ich glaube, er war selber psychisch krank oder labil, sonst hätte er mich nicht so schlecht behandelt.

Na ja, jetzt ist er schon 22 Jahre tot und ich lasse ihn mal in Frieden ruhen. Wer weiß, wie ich gehandelt hätte, wenn ich so krank und perfektionistisch, wie er gewesen wäre. Man weiß nie. Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm.

Liebe Grüße

Heidi

Sandra1975

@Heidi Grünwedl  
Mein grösster Respekt, liebe Heidi. Angesichts dessen, was du erlebt hast und wie du damit umgehst, kann ich mir nur vor dir verneigen. Du bist ein Vorbild.
Herzlich
Sandra

Heidi Grünwedl

@Sandra1975  danke, für dein Herzchen und deine lieben und aufmunternden Worte zu meinem Blogkommentar. Hab mich sehr gefreut darüber.

Liebe Grüße

Heidi


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