Nein, nein, nein!

…Ein Menschlein, frisch auf dieser Welt,
gerade aus dem Ei gepellt,
mit andern Worten, neu geboren,
steckt bis zu den zerknautschten Ohren,
vom großen Zeh bis hin zum Bauch
nicht nur in Windeln, sondern auch
in einem Wirrwarr von Geboten,
die sein Geschick zusammenknoten.
…Dies ist verboten, jenes Pflicht:
Du sollst, du musst, das darfst du nicht.
Sei leise. Iss. Trink´s ja nicht. Trink´s.
Gerade aus. Nach rechts. Nach links.
Vokabeln lernen. Hände waschen.
Gehorsam sein und niemals naschen.
Parkett und Rasen nicht betreten.
Den Helm ab, niederknien zum Beten.
Umleitung, Einbahnstraße, Stopp.
Ins Bett. Heraus. Marsch, marsch. Hopp, hopp.
Dreimal am Tag. Das ist tabu.
Genug damit. Wähl SPU.
…Gewissen, Nachbarn, Staat, Mama,
sie alle fordern, er sagt ja.
Doch macht er´s schließlich keinem recht
und fühlt sich außerdem noch schlecht
als Punchingball und Nervenbündel
Es quält ihn Unwohlsein und Schwindel.
Er weiß, zerhackt in lauter Scheibchen,
kaum, ist er Männchen oder Weibchen.
…Er fasst den Plan, er selbst zu sein,
und sagt zum ersten Male: Nein!
Nun fühlt auch ohne Alkohol er
sich in der Welt erheblich wohler.


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Kommentare (8)

pippa

Ich bin ich
und ich bin nicht auf dieser Welt
um so zu sein
wie ihr mich haben wollt.
 
Erst seit mich dieses Mantra auf meinen Wegen begleitet geht es mir psychisch gut. (So  ab Mitte 50)

Natürlich sagte  auch  ich vorher schon nein, vielleicht sogar ziemlich oft, aber das hat mich so viel Kraft gekostet, dass ich eines Tages eine Bruchlandung hinlegte.

Danke für deine wieder mal wunderbaren Verse.

Gruß aus dem Harz von Pippa
 

silesio

@pippa  
Für dich ist diese Erkenntnis sogar zu einem Mantra geworden. So könnte ich es auch ausdrücken.
Harz? Kann man da schon Schlitten fahren? Bzw. Ski heil!

Christine62laechel


Du wirst wiedermal nur provozieren wollen, das möchte ich auch hoffen... :) Ein Staat ohne Regeln, und ein Elternhaus ohne Regeln - noch schlimmer, als zu streng. Dein schönes Titelwort "nein" sollte man natürlich nicht so spät lernen können, wie bei deinem Helden. Doch da muss man vernünftige Eltern haben, die verstehen, dass ihre Gebote und Verbote, wenn freundlich und nicht "eisern" konsequent, ein Ausdruck ihrer Aufmerksamkeit und Sympathie sind (das Wort "Liebe" in diesem Kontext haben mir die modernen Pädagoginnen verekelt). Die Kinder können das sehr gut verstehen, und ahnen dann: Meine Eltern sind vielleicht nicht ideal, die sind aber - erwachsen. Und nichts Schlimmeres ja, wenn die Eltern mehr kindisch sind, als die Kinder selbst. Beweise: Man liest immer wieder darüber, hört, und erlebt, was heutzutage mit Kindern und Jugendlichen so vorgehen kann, wenn die Eltern und Lehrer plötzlich nur ihre "Partner" sein sollen.
Und dein Gedicht, das liest sich prima. :)

silesio

@Christine62laechel  
Kann es sein, dass du bewusst etwas vereinfachst. Auch du hast eines Tages, wahrscheinlich gegen viele Widerstände, dein Nein gesprochen und durchgehalten

Christine62laechel

@silesio  

Natürlich habe ich das mal, deswegen habe ich in meinem Kommentar geschrieben: " Dein schönes Titelwort "nein" sollte man natürlich nicht so spät lernen können, wie bei deinem Helden" - und wie bei mir, denn ich schaffte das auch ganz, ganz spät.

silesio

@Christine62laechel  
Ich musste das auch lernen, und es gelang viel zu spät.
Meinen Enkeln wünschte ich auch manchmal, sie könnten öfters nein sagen gegenüber den Versuchungen der Konsumgesellschaft.

WurzelFluegel


dein zwinkernder Wortwitz, 
macht das ganze Dilemma 
gleich ein wenig leichter 

...bis zu den zerknautschten Ohren...
geht also mein Schmunzeln


⭐️
lieben Gruß
WurzelFluegel

silesio

@WurzelFluegel
Das mit dem Zerknautschtsein wird erst mal weniger, dann wieder mehr 


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