Roman von G. Segessenmann alias Georg von Signau. Alle Rechte liegen beim Autor.



Die Zigeunerinnen


Schon die ganze Woche hatte sich Friedel Reist auf diesen Samstag gefreut. Keine ewig reklamierenden, die Preise herunterdrückenden Bauern und Einkäufer von Landwirtschaftlichen Genossenschaften konnten ihm in dieser Woche die Vorfreude vermasseln. Auf jeder Fahrt mit seinem Geschäftswagen, bei jeder Einkehr in ein Autobahnrestaurant malte er sich aus, wie und wo er am kommenden Wochenende seine Rute ausstrecken wollte. Gemeint ist natürlich nicht die kleine, die ihn schon seit seiner Geburt auf Schritt und Tritt anhänglich begleitete, sondern die aus Fiberglas, die mit der erst kürzlich gekauften Rolle, mit der er die präzisesten Würfe hinkriegen konnte und die so leicht war, dass er sie ohne Mühe stundenlang in der Hand halten konnte ohne zu ermüden und trotzdem so stark, dass auch ein Vierpfünder damit an Land gezogen werden konnte.

Heute war also der lang ersehnte Samstag. Es hätte den Wecker nicht gebraucht, der ihn mit seinem an den anderen Tagen so verfluchten Scheppern manchmal fast wahnsinnig machte. Denn bereits um vier Uhr lag er wach im Bett und stellte sich den Platz am Fluss zum wohl hundertsten Mal vor. Es war ein lauer Sommermorgen. Am Abend zuvor hatte ein kleines Gewitter die lähmende Hitze vertrieben. Keine einzige Mücke hatte ihm in dieser Nacht den Schlaf geraubt und ihn gezwungen, das Bettlaken bis über den Scheitel zu ziehen, dass nur noch die Nase daraus hervorragte, weil er wusste, dass es dann keiner dieser Plagegeister fertigbrachte, ihn in sein Riechorgan zu stechen, denn Mücken hassen nichts so wie den Wind. Und wenn nur noch die Nase hervorragt, dann entsteht durch die Atmung ein genügend grosser Luftzug, der den Biestern wohl vorgaukelt, sie befänden sich in der Nähe eines Gewitters und es gezieme sich, möglichst rasch einen geschützten Sitzplatz aufzusuchen.

Er ging zum zehnten Mal seinen Materialcheck durch: Die Köder lagen in der Tasche bereit; die Rute griffbereit und abgestaubt in der Nähe der Garagentür und der Kescher hing bereits an der Tasche, damit er ihn nicht etwa wieder vergesse wie auch schon, als er deswegen eine kapitale Forelle nicht hereinbrachte, weil das Flussbord zu steil und zu hoch war und er trotz allem vorsichtigen Handeln den Fisch gerade knapp bis vor die Füsse ziehen konnte, bevor er mit einem letzten energischen Zappeln vom Haken fiel und triumphierend im Wasser verschwand, nicht ohne ihm noch eine gute Portion Gischt ins Gesicht zu spritzen.

Trotzdem er also schon eine ganze Stunde wach gelegen und auf das Scheppern des Weckers gewartet hatte, schrak er doch aus seiner Wachträumerei auf, als das alte Ding auf dem Bettumbau seinen Unfug zu treiben begann. Erschreckt schlug er mit der Rechten auf den Knopf des Weckers, oder wollte diesen wenigstens treffen. Aber er traf nur den Rand des blechernen Ungeheuers, worauf dieses zuerst auf den Läufer neben dem Bett und dann an die Tür schlug, um dort sein ekliges Geschepper, immer leiser werdend, fortzusetzen, bis ihm schliesslich der letzte Misston entfuhr.

Friedel schlug das Laken zurück. Wie jeden Morgen reckte und streckte er sich. Dann machte er seine obligaten Turnübungen. Seit er seinen ersten Hexenschuss intus gehabt und ihm der Arzt dringend geraten hatte, weniger im Auto zu sitzen, sondern sein Knochengestell zu fordern, damit es ihm nicht unter und über dem Hintern verroste, stieg er nie aus dem Bett, ohne die vom Arzt vorgemachten Übungen gewissenhaft zu exerzieren. Er setzte sich auf den Bettrand und fuhr mit der Gymnastik fort, die er mit einem wilden Kopfschütteln beendete. So, jetzt war er endgültig wach und konnte sich eilends anziehen. Dann wusch er sich mit blossen Händen warm und kalt unter dem laufenden Wasserstrahl das Gesicht und das Haupt. Noch schnell den Bart mit dem surrenden Rasierer weggefegt, ein zufriedener Blick in den Spiegel und er konnte sich ans Frühstück machen. Dieses war ihm im Laufe der letzten Jahre zum unabdingbaren Zeremoniell geworden, seit ihm der obgenannte Meister der Medizin unmissverständlich klargemacht hatte, wenn er weiterhin am Morgen nur eine Tasse Kaffe in sich hinein schütte, um sich dann hinter das Steuer zu setzen und mit 150 Sachen über die Autobahn zu jagen, dann müsse er sich nicht wundern, wenn man ihm den halben Magen wegschneiden müsse, bevor er seinen fünfzigsten Geburtstag feiern könne - falls es überhaupt zu einem solchen käme.

Friedel rief seinen Zwergpudel Dino, den er jeden Morgen, wenn er zur Arbeit fuhr, mit dem Wagen mitnahm, zu sich. "Heute geht`s nicht ins Auto, nein, nein. Zum Fischen geht`s. Aber zu Fuss." Zu Fuss, das verstand Dino gut und es gefiel ihm besser, als wenn er den ganzen Tag im Wagen liegen musste, während sein Meister sich mit den Kunden herumschlug. Wenn dieser auch stets dafür sorgte, dass die Scheiben genug herunter gedreht waren und der Wagen im Schatten stand, war es doch etwas langweilig für Dino. Nur wenn hin und wieder jemand mit einem Hund am Auto vorbeiging und Dino so nach Herzenslust aus dem Fenster kläffen konnte, gab es eine Abwechslung, die diesen Namen für einen rechten Hund auch verdiente. Dass der fremde Hund dann manchmal die Wagentür zerkratzte, wenn er zu Dino ans Fenster stieg, störte nur dessen Meister.

Sie machten sich also auf den Weg zum Fluss. Hätte Friedel geahnt, was heute auf ihn zukommen würde..... Aber wir wollen ja nicht vorgreifen. Eins nach dem anderen bitte!

Dino kannte den Weg auswendig, hatte er ihn doch schon bald an die hundertmal gemacht. So lief er denn auch meist einige Meter voraus, hin und wieder zum Meister zurückschauend, ob es denn wirklich nicht schneller ginge. Friedel mit der Rute, dem Netz und der Tasche ging gemessenen Schrittes hintendrein. Die Lichtung am Fluss, dort wo dieser der engen Kurve wegen einen Widerlauf hatte, war sein Ziel heute. Hier hatte Friedel schon manchen kapitalen Fang gemacht und er wusste, dass da hinter dem grossen Felsbrocken fast in der Mitte des Flusses eine armlange Forelle stand, die ihn letztes Mal eine Stunde lang genarrt hatte, bis er es aufgab. "Nicht aufgegeben; nur aufgeschoben," brummte Friedel vor sich hin. Denn er hatte sich für heute einen ganz raffinierten Trick ausgedacht, mit der er die Forelle überlisten wollte. Dazu brauchte er aber auch die neue, starke Hechtrute, damit ihm die "Grosse" nicht etwa im letzten Moment mitsamt der Rutenspitze davon schwamm.

Als Friedel mit Dino zu der Lichtung kam, merkte er sofort, dass da etwas war, das ihm einen Strich durch seinen Plan machen würde. Aber Dino hatte es schon vorher bemerkt. Denn lautes Hundegebell schlug ihnen von weitem entgegen. Beide standen bockstill. Dinos Rückenhaare standen zu Berg. Friedel vergass einen Augenblick zu atmen. Was war denn heute in der Lichtung los? Entschlossen der Sache auf den Grund zu gehen, setzte er seinen Marsch fort. Da bot sich ihnen ein recht ungewohntes Bild: Mitten auf der Lichtung standen zwei Zigeunerwagen, im rechten Winkel zueinander gestellt. Ein grosser, struppiger Hund, an einer langen Kette angebunden, kläffte und stellte sich auf die Hinterpfoten. Mit den Vorderpfoten ruderte er in der Luft herum, als wollte er den beiden Eindringlingen die Gesichter zerkratzen.

Das kam aber nun Friedel gar nicht gelegen. Er konnte unmöglich hier seiner geliebten Freizeitbeschäftigung nachgehen, inmitten dieser Zigeunerwagen und dem kläffenden Hund. Immerhin war seine Neugierde grösser als der Ärger über die verpatzte Gelegenheit. Er näherte sich vorsichtig den beiden Wagen, immer von einem Baum zum anderen gehend, da er nicht die Absicht hatte, aufzufallen. Dino aber nahm keine Rücksicht und kannte überhaupt keine Hemmungen. Schnurstracks steuerte er auf den verwilderten Artgenossen zu. Etwa zwei Meter vor ihm blieb er stehen. Die Nackenhaare waren zwar gesträubt, der Schwanz aber redete eine ganz andere Sprache: "Lass doch das blöde Bellen, du Angeber. Wir wollen dir ja nichts zuleide tun, kommen in friedlicher Absicht," sollte das wohl heissen. Und der Zigeunerhund schien zu verstehen. Er hörte mit dem Bellen auf und auch sein buschiger Schwanz redete in der internationalen Hundesprache: "Naja, entschuldige. Weisst, wir bekommen schliesslich nicht alle Tage Besuch. Und wenn mal einer kommt, dann ist es gewiss der Gendarm, der uns wegweist vom Boden, wo wir eben unser Lager aufgestellt haben. Na komm schon. Ich kann ja leider nicht kommen, das siehst du doch, oder? Bin ja an der Kette."

Dino ging auf den grossen Hund zu. Sie beschnupperten sich ausgiebig. Dann versuchte jeder, dem anderen auf den Rücken zu steigen. Da aber keiner das recht leiden konnte, blieb es beim Versuch. Dino ging gemessenen Schrittes um das ganze Lager und versprühte da und dort seine Duftmarken. Der andere Hund folgte ihm, soweit es seine Kette erlaubte, die nicht eben kurz war und erst noch mittels einer Rolle auf einem von Baum zu Baum gespannten Drahtseil lief. Als Dino schliesslich alles beschnuppert und markiert hatte, rannte er zu seinem Meister zurück, der immer noch in respektvoller Distanz dem Treiben der beiden Hunde zugeschaut hatte. "Pech gehabt", brummte dieser zum Hund, "wir müssen uns einen anderen Platz suchen. Dann ist es halt wohl nichts gewesen mit dem freien Herumtoben. Hier hättest du machen können, nach was du gerade Lust gehabt hättest. Nun werde ich dich halt an die Leine nehmen müssen. Und die Kapitale dort beim Felsen wird sich noch weiter ihres nassen Lebens freuen können. Sorry." Er wollte eben die Leine aus dem Sack nehmen, als er eine Türe sich knarrend und quietschend öffnen hörte. Überrascht drehte er sich wieder zu den beiden Wagen um. Da gingen leichtfüssig zwei weibliche Gestalten die niedrige Eisentreppe hinunter, die an den Wagen geschraubt war. "He du", rief die eine mit recht rauchiger Stimme, "brauchst keine Angst zu haben. Weder wir noch der Hund tun dir etwas. Komm schon hervor und zeig` dich. Wir haben dich schon gesehen, brauchst nicht zu versuchen, dich unsichtbar zu machen."

Verdattert stand Friedel da. Unschlüssig drehte er den Karabinerhaken der Leine in der Hand herum. Sollte er oder sollte er nicht? Schliesslich hatte er ja die älteren Rechte auf die Lichtung, fischte da schon jahrelang. Entschlossen schritt er auf die beiden Frauen zu. Als er sich auf einige Meter genähert hatte, sah er, dass beide noch recht jung waren. Sie mochten so gegen die Dreissig gehen. Und hübsch waren sie erst noch, mit ihren blitzenden Zähnen und Augen, wie sie ihn jetzt so anlachten. Friedel merkte, wie ihm das Blut in die Wangen stieg. "Der wird ja noch rot," kicherte die Schwarzhaarige, während die Brünette leise vor sich hin gluckerte.

Die beiden Hunde waren wieder beisammen. Die Brünette ging zu dem ihren und befreite ihn von der Kette. Ausgelassen tobten die beiden in der Lichtung herum und verfolgten sich ins seichte Wasser, dass es hoch aufspritzte. "Keine Chance mehr, eine Forelle zu fangen," dachte Friedel mit gerunzelter Stirne.

Stumm musterten sich die drei Menschen. Schliesslich sagte die Schwarzhaarige: Ich bin die Luna und das ist die Lana, und wie heisst du? Kannst uns `du` sagen wir beissen nicht!"
Friedel fühlte sich reichlich unbehaglich. Er wäre am liebsten davongerannt. Aber als ob die beiden Frauen ihm das angesehen hätten, sagten sie wie aus einem Rohr geschossen und zweistimmig: "Möchtest du gerne etwas zu trinken?"

Wie in Trance hörte Friedel sich antworten: "Gerne, aber macht euch bitte keine Umstände. Ich möchte niemandem in die Quere....."

"Ach was, du brauchst dich nicht zu zieren, es ist kein Mann im Haus, wenn man dem so sagen will. Der Mann ist.....," sagte Luna etwas hastig und brach mitten im Satz ab. Sie sah zu den Wagen, als ob sie befürchte, es könnte sie jemand belauschen.
Wohl eine halbe Minute lang war betretenes Schweigen angesagt. Dann, als wollte ihr Friedel helfen, sagte er: "Der Mann im Haus wird wohl auf der Arbeit sein?" Dabei dachte er bei dem Wort "Arbeit" eher an "Diebestour", hatte aber die Geistesgegenwart, dieses Wort nicht aus dem Mund zu lassen.

"Vielleicht ist er tatsächlich bei der Arbeit", antwortete diesmal Lana, "aber diese wird nicht besonders gut bezahlt, reicht gerade für die Zigaretten und......"

Friedel wurde langsam neugierig. "Na fahren Sie doch fort....."

"Du hast uns keine Befehle zu erteilen, wir fahren fort, wann es uns passt. Im übrigen, mit was sollten wir denn fortfahren? Wir haben ja im Moment gar keinen Zugwagen."
Friedel dämmerte es, dass er falsch verstanden worden war. "Quatsch! Ich habe nicht gemeint, ihr solltet mit den Wagen fortfahren, sondern mit dem Reden." Er lachte erleichtert. Und die beiden Frauen erkannten die komische Situation ebenfalls als solche und stimmten lauthals in Friedels Gelächter ein.

Damit schien das Eis gebrochen. Ohne Friedel nochmals einzuladen machten die beiden Frauen eine Kehrtwende und stiegen die Treppe zu ihrem Wagen empor. Friedel schaute sich nach seinem Hund um. Dieser aber kümmerte sich nicht mehr im geringsten um seinen Meister, sondern scharrte mit dem Zottigen um die Wette ein grosses Loch in die Wiese. Friedel überlegte sich, ob er Dino nicht herrufen sollte. Aber dieser war so eifrig in seine Arbeit vertieft, dass es geradezu ein Verbrechen gewesen wäre, ihn darin zu stören. Also stellte er halt seine Rute in eine Ecke und den Sack daneben. Dann stieg er die Treppe hoch. Einen Augenblick musste er sich zuerst an das schummrige Licht im Wagen gewöhnen. Die Frauen aber meinten, er getraue sich immer noch nicht, weshalb Luna ihm entgegenging, ihn bei der Hand nahm und hereinzog. Dann schubste sie ihn in den erstbesten Sessel, welcher bei einem am Wagenboden angeschraubten Tisch stand. Friedel plumpste hinein und schaute sich um. Komisch, er hatte sich noch nie Gedanken darüber gemacht, wie denn eigentlich die Fahrenden in ihren Räderhäusern eingerichtet seien. So war er denn angenehm überrascht, als er die gute Ordnung und die recht moderne Einrichtung gewahrte. Rings an den Wänden waren zweckmässige Kästen gezimmert. In einem Regal standen ein Fernseher und einige andere Apparate. Bei einem Fenster war eine Kochnische eingebaut. Pfannen und Geschirr hingen an den Wänden und sogar an der Decke waren die unterschiedlichsten Gegenstände so sicher untergebracht, dass sie beim Fahren nicht herunterfallen konnten.

Lana machte sich am Gasherd zu schaffen. "Wir haben leider keine Kaffeemaschine", sagte sie mit einem bedauernden Lächeln, "aber du wirst dich doch auch mit einem Pulverkaffee zufrieden geben?" Und ohne eine Antwort abzuwarten, goss sie in drei bereitgestellte Tassen das kochende Wasser und gab einen Löffel schwarzes Pulver dazu. "Zucker, Milch? Ach ich weiss schon: ein Stück Zucker und ein bisschen Milch dazu. Habe ich recht?"
Friedel kam gar nicht dazu, zu antworten; schon stand die dampfende Tasse vor ihm. Die beiden Frauen setzten sich ebenfalls an den Tisch und rührten in ihren Tassen. Dabei sahen sie aber beide in das Gesicht des Mannes, der nun umständlich ebenfalls umzurühren begann und sich dazu laufend räusperte.

"Ich weiss", begann wiederum Lana das Gespräch, "du bist noch nicht zufrieden mit unserer Antwort von vorhin, wegen unserem Mann, oder?"

"Naja...." antwortete Friedel, "ich wollte eigentlich....."

"Sag nichts, keine Lügen und Ausflüchte. Wir Jenischen haben da eine ganz besondere Antenne dafür, wenigstens wir Frauen. Wir spüren, ob uns einer anlügen will, oder ob er es gut mit uns meint oder böse. Die Männer haben diese Gabe nicht, oder besser, sie unterdrücken sie oder ersäufen sie im Alkohol, weil sie ihnen ungeheuer ist. Also, um auf unseren Mann zurückzukommen: der sitzt im Moment im Knast, weil er...."

"Sags doch endlich, du dummes Ding", fuhr Luna sie recht unwirsch an, "er kommt ja doch drauf, wenn er sich erkundigt." Und ohne auf Lana zu hören, die eben einen leisen Protest einlegen wollte, fuhr sie fort: "Unser Mann, der Joshi, der sitzt im Loch, weil sie ihn schon zum zweiten Mal ohne Führerausweis erwischt haben. Und diesen haben sie ihm vor ein paar Monaten weggenommen, weil er stockbesoffen in der Gegend herumgefahren ist. Und erst noch mit einem Wagen ohne Nummernschild, den er bei einer Garage hat mitlaufen lassen, der Idiot. Als ob wir nicht schon genug Anstände hätten mit den Bullen. Und den Wagen hat er geklaut, weil er seinen eigenen zu Schrott gefahren hat im Suff." Sie hatte sich in einen regelrechten Tobsuchtsanfall hineingesteigert. Oder Friedel, solches Temperament nicht gewohnt, meinte wenigstens, dies sei ein solcher. Aber Luna fuhr gleich weiter, hatte sich aber bereits wieder völlig im Griff: "Eigentlich ist der Joshi ja gar nicht unser Mann, musst du wissen. Wir, die Lana und ich, wir sind Zwillinge, wenn man uns das auch auf den ersten Blick nicht gibt. Und weil wir in einer Vollmondnacht geboren wurden, hat mir, der Erstgeborenen, unsere Grossmutter den Namen `Luna` gegeben, weil dies eben Mond heisst. Wäre die Lana zuerst aufgetaucht, dann würde eben sie Luna heissen und nicht ich. Und Lana heisst sie, weil sie schon bei der Geburt Haare auf dem Kopf hatte wie ein Schaf. Und weil unsere Grossmutter, die in unserem Klan das Sagen hatte, italienischer Abstammung war, hat sie Lana eben Lana getauft, weil Lana, dort wo die Grossmutter herkam, Wolle heisst. Soweit alles klar?"

Friedel schwirrte es im Kopf. Aber so langsam begriff er doch, wie die Sache sich verhielt. "Und warum seid ihr denn hier, wenn ihr ja gar nicht mit eurem Mann, eh, dem Joshi, verheiratet seid, wenigstens die eine? Beide könnten`s ja sowieso nicht sein, oder?"
"Hast du eine Ahnung", kicherte Lana, "was bei uns alles möglich ist. Nein, damit du gleich die volle Wahrheit weisst...."

"Schweig doch!" Luna hielt ihrer Schwester mit beiden Händen den Mund zu. "Du musst doch nicht einem Wildfremden unsere ganze Familienstory auf die Nase binden!"

"Warum nicht?" tönte plötzlich eine tiefe Stimme hinter Friedel. Friedel drehte sich erschrocken um. Der Stimme nach musste es sich um einen Mann handeln. Aber im Türrahmen stand offensichtlich eine Frau. Zwar konnte er das Gesicht nicht sehen, weil hinter ihr die Sonne schien. Aber sie trug einen Rock bis zu den Knöcheln und hatte um ihre Schultern einen Schal gelegt. Nun kam sie näher. Friedel wollte aus Höflichkeit aufstehen, wie er das schliesslich im Leben gelernt hatte. Aber die Frau drückte ihn mit einem lauten "Setz dich" in den Sessel. "Spiel nicht den Kavalier, das ist bei uns nicht Mode. Trink lieber endlich deinen Kaffe, bevor er noch ganz kalt geworden ist."

Friedel tat gehorsam, wie unter einem geheimen Zwang, wie ihm geheissen. Er beobachtete die eben Eingetretene. Sie mochte etwa um die vierzig sein. Ihr Gesicht war tiefbraun. Der Körper strahlte eine unerklärliche Erotik aus. Ihre Brüste hatte sie nur notdürftig zugedeckt und liessen eine Fülle erahnen, die Friedel das Blut in den Kopf steigen liess. Er senkte seinen Kopf.

"Brauchst nicht so zu tun, als ob du nicht zwei und zwei zusammenzählen könntest." Die Frau lächelte ihn mit einem blendendweissen Gebiss an, das überhaupt keine Mängel aufzuweisen schien. Dann wandte sie sich zu den beiden Jüngeren. "Was sagt ihr nun; habe ich recht gehabt oder nicht?"

Die beiden Frauen lachten Friedel an und dann wieder die andere. "Ja, du hast recht gehabt, Elvira, wie immer. Bist halt doch die Beste, wenn es schon einige gibt in der Familie, die glauben, du seist nur verrückt!" sagte Luna.

Alle drei Frauen lachten lauthals. Dann aber wurden sie wie auf Kommando wieder ernst. "Glaubst du, der schafft es?" fragte Luna, sich zu der Frau drehend, die sie eben Elvira genannt hatte.

Elvira schaute Friedel eine ganze Weile an, dass dieser sich vorkam, wie auf dem Viehmarkt. Dann sagte sie: "Der schafft das spielend. Man muss ihn nur gut darauf vorbereiten. Kommt nach dem Kaffetrinken zu mir rüber. Ich rüste etwas zurecht." Sie stand auf und verliess eilends den Wagen.

"Was soll die Geheimnistuerei?" fragte Friedel etwas unwirsch, weil er langsam den Eindruck bekam, die drei Frauen wollten ein übles Spiel mit ihm treiben.

"Reg` dich nicht auf," versuchte Lana ihn zu besänftigen. "Du hast doch gehört: Elvira lädt uns ein, zu ihr rüberzukommen. Sie wird dich schon nicht abschlachten und am offenen Lagerfeuer braten, wie ein Ferkel." Sie lachte etwas zu gekünstelt, als dass sie Friedel damit hätte vollends besänftigen können. Aber da er nun mal hier und ihm bisher nichts zugestossen war, das ihn hätte stärker beunruhigen können, dachte er, möchte er doch ganz gerne die Fortsetzung der Geschichte miterleben.

Er hatte noch mehr Grund zu staunen, als er in Elviras Wagen kletterte. Dieser war über und über mit Nippsachen, Bildern und Teppichen ausgelegt und behangen. Auf einem Gestell standen zudem an die hundert Fläschchen in allen Formen und Farben. Und in jedem dieser an eine uralte Apotheke erinnernden Gefässe waren Flüssigkeiten enthalten. Statt Aufschriften waren auf Etiketten geheimnisvolle Symbole und Bildchen aufgemalt. Friedel merkte nicht, wie die drei Frauen sein Staunen amüsiert betrachteten. Erst als ihm Luna einen kleinen Schubs versetzte, kam ihm zum Bewusstsein, dass er sich hier nicht im Basar eines orientalischen Ortes befand. Etwas verdattert richtete er seine Augen auf Elvira. Was wollten die Frauen eigentlich von ihm? Er kam sich im Moment vor wie eine Fliege im Spinnennetz, nur dass statt der einen Spinne gleich deren drei auf ihn lauerten.
"Bitte setz dich hierher zu mir." Es war Elvira, die die unheimliche Ruhe unterbrach. "Hierher an den Tisch. Ich möchte dir die Karten legen."

"Die Karten legen? Willst du mich auf den Arm nehmen? Lass den Quatsch. Ich glaube nicht an solchen Hokuspokus."

"Quatsch? Ich habe schon vor einer Woche gesehen, dass du bei uns aufkreuzen wirst. Das haben mir nicht nur die Karten gesagt, sondern ich habe es gesehen. Stimmt es, was ich sage, ihr beiden, oder stimmt es nicht? Habe ich ihn nicht genauso beschrieben?"
Die beiden jungen Frauen nickten nur mit ihren Köpfen, als wäre das, was Elvira eben sagte, für sie das Alltäglichste gewesen.

Friedel wurde es allmählich mulmig zumute. Hätte er sich doch nur nicht auf dieses Abenteuer eingelassen, dachte er. Aber erstens war die Neugier grösser gewesen als der Argwohn und zweitens war es ihm, ein Sichwehren hätte gar keinen Zweck gehabt, weil irgendeine Kraft stärker gewesen war, als sein Wille. Aber so leicht sollten die drei Frauen ihn nicht hinters Licht führen. "Du behauptest also, du könntest hellsehen," sagte er mit einem unüberhörbaren Unterton von Sarkasmus. "Das kann jede sagen. Und dass die Luna und die Lana dich noch unterstützen, das ist für mich überhaupt noch kein gültiger Beweis; da musst du mir schon Fakten vorlegen, die hieb- und stichfest sind."

"Bitte, du hast es so gewollt," antwortete Elvira, die sich überhaupt nicht ansehen liess, dass Friedels Ungläubigkeit sie stören oder verletzen würde. "Du bist achtunddreissig Jahre alt, bist geschieden, hast keine Kinder und verdienst deinen Lebensunterhalt fast auf die gleiche Weise wie wir, nämlich indem du auf der Strasse herumfährst und irgendwelchen Leuten irgendetwas aufzuschwatzen versuchst. Soweit klar?"

Friedel war sprachlos. Das konnte eine wildfremde Frau doch gar nicht wissen, was er eben gehört hatte. Aber er fing sich sofort wieder auf. Die hatten ihm doch irgendwie nachspioniert, dachte er. Schliesslich hiess es ja nicht umsonst, die Zigeuner würden überall heranschleichen, die Leute beobachten und günstige Gelegenheiten auskundschaften, damit sie alles, was nicht niet- und nagelfest war, mitlaufen lassen konnten. Die sollten ihn noch kennenlernen. "Also was du mir bis jetzt gesagt hast, das kann schliesslich jedes Kind herausfinden, wenn es will. Aber sage mir doch mal etwas, was sonst niemand wissen kann als ich!"

"Schön, du willst es also tatsächlich so haben: Als du zwölf Jahre alt warst, hast du einen heimlichen Schulschatz gehabt....."

"Na und; das hatten wir doch alle einmal, oder?"

"Sicher, wenigstens die meisten. Aber dein Schulschatz war eine Jenische, eine Zigeunerin, wie ihr das zu nennen pflegt!"

"Teufel auch! Du machst mir Angst. Woher weisst du das? Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu! Die Anja war übrigens nur einige Wochen bei uns. Sie sei ausgesetzt worden von ihren Leuten, hiess es damals. Und plötzlich, so wie sie aufgetaucht war in unserer Schule, verschwand sie wieder, niemand wusste wohin. Ich aber hatte meinen ersten Liebesschmerz, denn mit Anja hatte ich es lustig. Sie war ein unkompliziertes Geschöpf, ganz anders als meine Kolleginnen, die nur auf schöne Kleider aus waren, mit denen sie einander zu übertrumpfen versuchten. Sag mal: weisst du eigentlich etwas darüber, oder bluffst du?"

"Schön, dass du die Anja in so guter Erinnerung hast," Elvira lächelte, dass ihre Zähne blitzten wie ein eben auf Hochglanz polierter weisser Porzellanteller. "Aber du erzählst nur die halbe Wahrheit, kannst ja wohl die ganze gar nicht wissen, wie die meisten von euch Sesshaften die ganze Wahrheit über uns eben nicht wissen oder vielleicht gar nicht wissen wollen. Die Anja war nicht ausgesetzt. Nein, das tun die Fahrenden nicht. Eher - so ist wenigstens die Meinung von euch Sesshaften - würden wir Kinder klauen, als dass wir eigene aussetzen würden. Nein, die Anja ist ganz einfach einer Fahrenden Familie entrissen worden, im Namen der staatlichen Ordnung und mit dem Segen der Regierung, damit sie hätte `sesshaft und ordentlich` werden sollen. Eine Organisation, die es übrigens immer noch gibt und die im Ruf steht, für das Wohl der Kinder im Lande einzustehen, hat die Anja und noch ein paar hundert andere Kinder der Landstrasse der `Unordnung` entzogen, wie es damals hiess. Sie wurden zwangsweise in Erziehungsanstalten und Jugendgefängnisse eingekerkert. Man hat ihnen andere Namen aufgezwungen. Anja übrigens auch, sie hiess also gar nicht Anja. Und um den Angehörigen die Suche nach ihnen noch mehr zu erschweren, hat man sie periodisch wieder in andere Häuser gebracht. Sie wurden geschlagen, mit Psychoterror gefoltert und sexuell missbraucht. Sie wurden schneller älter als ihr in euren wohlgeordneten Familien und Ordnungen. Und wenn eines sich wehrte oder versuchte, bei den Behörden auf die Pein aufmerksam zu machen, dann glaubte man nicht ihm, sondern den sogenannten Erziehern. Später, als sie älter wurden, zwang man sie zu niedrigen Arbeiten in Fabriken und Bauernhöfen, wo sie wiederum ausgenützt wurden. So ist es auch Anja gegangen, bis sie eines Tages abhaute und ihre Familie suchte, und sie dann endlich auch fand. Und um den Häschern besser entgehen zu können, wurde sie in eine andere Sippe gebracht und ihr eine andere Identität gegeben. Sie lebt noch, die Anja, aber sie heisst halt anders heute. Aber falls du die Absicht hättest, nach ihr zu suchen, - ich lese es in deinen Augen, dass du mit diesem Gedanken spielst - muss ich dir sagen, dass das schon anderen misslungen ist, die sich gescheiter glaubten.

Jetzt sind wir aber von unserem ursprünglichen Thema abgekommen. Schon meine Grossmutter hatte das `Zweite Gesicht`. Meine Mutter habe ich nicht mehr in Erinnerung und ob sie auch das `Zweite Gesicht` hatte, das weiss ich nicht. Sie ist gestorben, als ich drei Jahre alt war. Ich bin dann bei der Grossmutter aufgewachsen. Sie hat meine Fähigkeit gespürt und mich ermuntert, sie nicht zu unterdrücken. Die meisten Menschen haben sie, wenn sie zur Welt kommen, diese Fähigkeit, aus der Zeit, als die Menschen noch auf den Bäumen herumkletterten. Es ist der magere Rest einer Gabe, die uns von der Entwicklungsgeschichte geblieben ist. Weil wir sie aber nicht mehr brauchen und weil die meisten Leute sie sogar unterdrücken, falls sie mal etwas davon zu spüren bekommen, verkümmert sie. Aber wir dreschen hier leeres Stroh und verplempern unsere Zeit. Du bist nicht hier um zu plaudern. Trink doch endlich dein Glas leer."

Erst jetzt gewahrte Friedel das vor ihm stehende Glas, gefüllt mit einer dunklen Flüssigkeit. Seine Augen hatten sich nur allmählich an das schummrige Licht in der Mitte des Wohnraumes gewöhnen können. Vier Gläser standen da. Elvira nahm das ihre und erhob es. Gegen Friedel gewandt sagte sie: "prost" und trank einen kräftigen Schluck. Friedel schnupperte erst am Glas. Es roch nach Kräutern und Schnaps. Naja, Gift werde es schon nicht sein, dachte er und nippte vorsichtig am Rand. "Oh, nicht schlecht," dachte er und setzte nochmals an. Das Getränk schmeckte nach Pfefferminze und Zimt. Und da waren noch ein paar andere Gerüche drin, die er nicht in die richtige Ecke im Gehirn plazieren konnte. Aber richtig gut war das Zeug, das musste er schon sagen. Er setzte das Glas nochmals an die Lippen und leerte es in einem Zug. Dann stellte er es vor sich hin. Als Elvira nachschenkte, protestierte er nicht.

"Aber noch etwas würde mich brennend interessieren," fing er das unterbrochene Gespräch wieder an. "Kannst du nur Vergangenes `sehen` oder klappt deine Leitung auch in die Zukunft?"

Elvira sah ihn lange mit ihren forschenden Augen an. Dann schien er ihr würdig, dass er das ganze Geheimnis des "Zweiten Gesichtes" erfahren sollte.

"Die Leute sind erzogen zu glauben, gestern, heute, morgen seien ganz verschiedene Zeiten. Was vorbei sei, das gelte nicht mehr, sei ausgelöscht für immer. Und was noch komme, das Morgen und Übermorgen, das sei noch nicht vorhanden, könne gar noch nicht, weil sie ja nichts darüber wissen, als was man vermuten könne, dass es geschehe. Ich aber sage dir: Das Gestern, Morgen und die ganze Zukunft sind eins. Sie existieren gleichzeitig, einfach auf verschiedenen Ebenen. Nun gibt es eben Menschen, die haben, übrigens genau wie die meisten Tiere, die Gabe, so quasi ihren Kopf in diese anderen Ebenen zu stecken. Was ich also `wahrsage` das ist nichts anderes als das, was ich sehe auf einer anderen Ebene. Und wenn du vielleicht meinst, wenn du das Zeitliche segnest, dann sei aus und amen, dann bist du auf dem berühmten Holzweg. Denn sie können deinen Körper zwar verbrennen oder verfaulen lassen im Boden, aber du selbst wirst auf einer anderen Ebene wieder erscheinen. Man wartet sozusagen auf dich dort. Oder besser gesagt, man hat auf dich gewartet, denn so wie du jetzt hier mit mir sprichst, sprichst du vielleicht auf einer andern Ebene oder sogar auf mehreren mit jemandem. Du bist also nicht nur `ein` Mensch, sondern gleichzeitig mehrere, vielleicht hunderte, tausende, auf allen Ebenen, die gestern oder morgen sind."

Das war denn doch zuviel für Friedel. Sein Kopf schwirrte, nicht nur von dem Getränk, das er gekostet hatte, sondern von den eindringlichen, fast beschwörenden Worten Elviras. Die beiden jungen Frauen aber schienen solche gewohnt zu sein, denn sie achteten kaum auf sie, sondern unterhielten sich leise kichernd über irgendetwas, das Friedel nicht mitbekam.

Dann aber hatte er plötzlich den unbändigen Wunsch, alles was die Zigeunerin ihm da vorschwatzte, möge Wirklichkeit sein und er würde fest daran glauben. Denn da wäre ja alle Angst vor dem Tod unbegründet und nichtig. Man könnte sich sogar auf sein körperliches Ende freuen, da ja jedes Ende zugleich der Anfang sei von etwas Neuem, auf das man sich in kindlicher Freude einstellen könne.

"Sag mal Elvira", er getraute sich fast nicht diesen absurden Gedanken in Worte zu fassen, "wenn du doch alles so genau weisst und wenn du in die Zukunft sehen kannst und wenn du dich so quasi bereits in dein eigenes nächstes Leben begeben kannst, könntest du mir denn nicht auch einen kleinen Einblick in mein eigenes nächstes verschaffen?"

Elvira schien ob dieser Frage sehr erschrocken zu sein. Zum ersten Mal schien es Friedel, sie verliere für einen Moment ihre Fassung. Aber sie hatte sich in wenigen Augenblicken wieder in ihrer Gewalt. "Vielleicht könnte ich es, wenn ich wollte. Und vielleicht mache ich dieses Experiment mit dir mal, weil es mich selber brennend interessiert, ob es mir gelingen würde. Aber das würde heissen, dass ich dich in einen Zustand versetzen müsste, wie ich es bei mir machen muss, wenn ich in die nächste Ebene eindringen will. Das kann mit eigener geistiger Konzentration geschehen. Aber auch durch Drogen, die uns Jenischen seit altersher bekannt sind, wenigstens einigen Frauen von uns. Denn es gäbe ein Unglück, wenn man diese Mittel jedem Scharlatan oder Abenteurer in die Hände geben würde. Das Schlamassel, das in die anderen Ebenen getragen würde, würde vermutlich zu einer Katastrophe führen."

Friedel sass ganz ruhig da. Aber in seinem Inneren tobte es. Denn die Aussicht, eines seiner kommenden Leben bereits vorwegnehmen zu können, nahm mit unheimlicher Kraft Macht über ihn. Er lächelte Elvira an und sagte mit aller Verführungskraft, die er aufbieten konnte zu ihr: "Aber nur so ein bisschen kannst du mich doch in die Zukunft blicken lassen? Ich müsste ja sonst annehmen, du erzähltest mir nur lauter selbsterfundene Märchen. Also?"

Lange schaute ihm Elvira in die Augen. Dann schloss sie sie zu einem schmalen Schlitz. Er glaubte bald, sie sei bereits selber in Trance, abgehoben in die von ihr beschriebenen anderen Ebenen. Dann aber hoben sich ihre langen Wimpern wieder und wie aus weiter Ferne hörte er sie sagen: "Ja, ich werde es versuchen mit dir. Du bist ein gutes Medium. Einen kurzen Moment lang werde ich dich in deine Zukunft führen. Die Verantwortung darüber, nämlich dass du nicht mit einem Knacks zurück kommst, die liegt aber bei dir. Denn du hast es selber so gewollt. Aber der Zeitpunkt ist noch nicht da. Du musst warten und dabei Geduld üben."

Langsam wurde ihm warm von innen. Es schien ihm, er hätte noch nie ein so wohliges Gefühl gehabt in seinem Bauch. Das zweite Glas kippte er hinunter ohne es dazwischen abzustellen. Er merkte nicht, wie die beiden Zwillinge ihn aufmerksam betrachteten. Sie hatten nur kurz am Glas genippt und dann nicht mehr berührt. Gespannt sahen sie, wie das Gesicht ihres Gastes sich veränderte. Seine Augen bekamen ein Feuer, dass ihnen fast angst wurde. Sie guckten fragend auf Elvira, die die Wirkung ihres Getränkes mit Befriedigung zur Kenntnis zu nehmen schien. "Es wirkt, wie in alten Tagen," sagte sie leise vor sich hin. "Er wird sich nachher kaum mehr erinnern, oder nur, als ob es ein Traum gewesen wäre, was er getan hat. Ich verschwinde jetzt in euren Wagen. Nutzt eure Zeit. Die Wirkung des Trankes wird etwa zwei Stunden anhalten, bis dann sollte die Sache in Ordnung sein."

Sie war während ihren Worten bereits aufgestanden und ging nun wie ein Magier, dem soeben sein bestes Experiment gelungen war, aus der Tür.

Die beiden jungen Frauen standen nun ebenfalls auf. Sie hakten Friedel unter und zogen ihn vom Tisch weg zum Bett, das sich in einer Ecke des Wagens befand. Es bestand nur aus einer breiten Matratze, welche wohl für ein Ehepaar berechnet und mit einer dicken Steppdecke zugedeckt war. Luna schlug diese zurück und legte sie zusammen. Lana gab Friedel einen leichten Stoss. Willenlos liess er sich auf das Lager fallen. Und er liess es ebenso willenlos geschehen, dass die beiden Frauen ihn nun auszogen, bis er nackt vor ihnen lag. Auch sie zogen sich nun aus, ohne Hast, in aufreizender Ruhe, dass es Friedel siedend heiss wurde im ganzen Körper. Dann knieten die beiden Frauen, eine links, eine rechts des Lagers zu ihm hin. Sie streichelten seinen ganzen Körper mit sanften, rhythmischen Bewegungen. Friedel fühlte einen unwiderstehlichen Zwang, sich auf die Frauen zu stürzen, wie ein Tier. Aber die Frauen liessen es nicht so weit kommen. Zuerst legte sich Luna auf ihn und vollzog was Paare seit Jahrtausenden üben. Friedel konnte keinen klaren Gedanken fassen. Seine Augen waren wie hypnotisiert auf die vollen Brüste der Zigeunerin gerichtet, die nun mit immer schnelleren Bewegungen seinen Unterkörper für sich arbeiten liess. Wie in Trance schloss er seine Augen und schwebte in ein Meer aus bunten Lichtern. Er merkte nicht einmal, dass Luna ihren Platz ihrer Schwester überliess und diese das gleiche Spiel der Leidenschaft mit ihm weiter betrieb. Jedes Zeitgefühl ging ihm verloren. Nur noch der Wunsch war in ihm mächtig, der Zustand der absoluten Glückseligkeit, der wie Wellen seinen Körper durchströmte, möge nie aufhören. Schliesslich kam eine ungeheure Müdigkeit über ihn. Er schlief ein. Die beiden Schwestern aber bedienten sich weiter seines Körpers, bis auch sie ermattet hinsanken.


Als Friedel aufwachte, waren die beiden jungen Frauen nicht mehr im Wagen. Elvira aber stand vor ihm und betrachtete ihn wohlgefällig. In der Hand hatte sie ein Glas. "Trink", sagte sie, "du wirst durstig sein." Ja, das war er tatsächlich. Es schien ihm, sein Körper sei ausgedörrt von vielen Stunden heisser Sonne und Wind am Meer. Gierig trank er den Inhalt des Glases. "Mehr," schrie er fast. "Gib mir mehr, ich verdurste!" Aber sie schenkte ihm nicht mehr ein, sondern reichte ihm die Flasche, deren Rest er in wilder Gier mit beiden Händen umklammerte und austrank. "Gut," flüsterte er matt und liess sich auf das Bett sinken.

Nach kurzer Zeit spürte er, wie die Kräfte wieder wuchsen in seinem Körper, der ihm wie ein einziger riesengrosser Muskelkater vorkam. Die Müdigkeit verflog und machte dem gleichen wohllüstigen Gefühl Platz, das er eben voll ausgekostet hatte. Es schien ihm schon das Selbstverständlichste der Welt zu sein, dass nun auch Elvira sich auszog und ihm ihre vollen Brüste an die Lippen hielt. Und auch sie spielte das Spiel, das eben die beiden jungen Frauen so kunstvoll an Friedel zelebriert hatten, voll durch. Wieder ergossen sich Wellen der Begierde durch Friedels Körper, bis er in einer nie enden wollenden Explosion fast ohnmächtig zu werden drohte.

Als Elvira von ihm abliess, war er nicht mehr fähig, sich vom Lager zu erheben. Er merkte nur noch, wie sie ihm ein Getränk einflösste, das irgendwie anders schmeckte als die vorherigen. Dann fiel er in einen tiefen Schlaf. Und in diesem Schlaf flog er vorwärts durch die Zeit, als ob diese ein Tunnel und der Schlaf ein Weltraumschiff wäre, das mit der Geschwindigkeit von millionen Gedanken ins Nichts treibe.



Fedor und Aida


Wir schreiben das Jahr 139, nach alter Zeitrechnung das Jahr 2177. . "Degrol" - wie ihn seine mutigsten Feinde despektierlich im Geheimen nannten - war seit dieser Zeit uneingeschränkter Herrscher über die Länder. Eigentlich war dies eine Abkürzung des Titels "Der Grosse Leitner", den er sich selber zugelegt hatte. Und ebenso eigentlich wusste kein Mensch je richtig, wer nun genau dieser Degrol war. Denn er hatte sich schon vor seiner Machtübernahme klonen lassen. Mittels dieser gleichdenkenden halbkünstlichen Wesen war es ihm gelungen, seine Widersacher zu verwirren und auszutricksen und beherrschte nun in wohl einem Dutzend gleichartiger Individuen seine Untertanen.

Der Grosse Leitner hat verboten, diese alte Zeitrechen-Methode noch zu erwähnen. Als er vor 139 Jahren die Weltmacht übernahm, war seine erste Amtshandlung, ein Dekret zu erlassen, das erstens den Kalender auf Null stellte und zweitens jedermann bei Todesstrafe untersagte, etwas in der Öffentlichkeit verlauten zu lassen, das an die Zeit vor dieser Machtübernahme oder gar die mysteriösen Umstände, die ihm diese überhaupt ermöglicht hatten, erinnerte.
Heute war es wieder erschreckend still und ruhig in den Strassen und auf den Plätzen der Welthauptstadt, wo früher emsiges Hin und Her und geschäftiges Treiben geherrscht hatten. Seit der Grosse Leitner seine unberechenbaren Todesschwadrone aufgestellt hatte, die nach dem Zufallsprinzip an jedem Samstag irgendwo in die Menge schossen, nur so zu deren und seinem eigenen Ergötzen und zur "Disziplinerhaltung", wie er diese Aktionen nannte, getraute sich niemand mehr ausser Haus, es sei denn, sein oder das Leben eines Familienmitgliedes hätte davon abgehangen.

Samstagnacht. Ab und zu huschten vermummte Gestalten über die Strassen und Plätze. Man wusste zwar, dass die Todesschützen mit Nachtsichtgeräten ausgerüstet waren, mit denen es auch in finsterster Nacht möglich war, auf hundert Meter eine ruhig dahingehende Gestalt zu treffen. Seit aber die paar noch übriggebliebenen Männer der Alten Ordnung sich auf eine gemeinsame Strategie hatten einigen können, kam es ab und zu vor, dass es statt einen dahineilenden Passanten einen Killer der Regierung traf. Zwar wurden dann jedesmal in der näheren Umgebung des Tatortes zwanzig zufällig ausgewählte Leute auf die Strasse gezerrt und kurzerhand erschossen. Aber die Männer der Alten Ordnung liessen sich dadurch nicht mehr beeindrucken, denn sie wussten, um das Recht wieder herzustellen, waren Opfer an Menschenleben und Substanz nicht zu vermeiden.

Es war nur einem glücklichen Umstand zu verdanken, dass überhaupt noch genügend Männer und Frauen das damalige Massaker überlebt hatten, bei dem alle Menschen eliminiert wurden, die gegen das Serum immun waren. Dieses Serum war in Jahrzehnten entwickelt worden, um alle Untertanen gleichzuschalten. Die Chemiker und Ärzte des "Humanen Experimentes" hatten aber zu ihrem Erschrecken feststellen müssen, dass die Menschen der Blutgruppe `Null positiv` mit keinen Tricks und auch nicht mit den grössten Konzentrationen des Serums sich in diese Gleichschaltung pressen liessen. So hatte denn der Grosse Leitner angeordnet, es seien alle Menschen mit dieser Blutgruppe dem Eliminator zuzuführen. Das war aber schneller und leichter gesagt und angeordnet als ausgeführt. Denn es hatte sich ausserdem herausgestellt, dass einige Träger der Blutgruppe Null positiv nicht nur resistent gegen das Serum waren, sondern dazu noch in ihren Gehirnwindungen von der Natur einen Faktor eingebaut bekommen hatten, der es ihnen erlaubte, immer ein bisschen schneller zu reagieren, als die Häscher des Grossen Leitner agieren konnten. Im Klartext: Sie verschwanden von der Bildfläche, bevor sie eliminiert werden konnten.

Fedor, einer der jüngsten der Todesschwadron Nummer 1078 hatte heute Nacht mit drei seiner Kollegen das Gebiet des rechten Flussufers zu inspizieren. Man hatte für dieses Gebiet die mutigsten Gesellen aus den verschiedensten Gruppen zusammengezogen, denn immer wieder waren die Ordnungshüter hier beschossen worden. Und alles Durchkämmen der Dickichte hatte kein Versteck zutage gebracht, von dem aus die Männer der Alten Ordnung hätten schiessen können. Dementsprechend vorsichtig ging drum denn auch die Vierergruppe vor. Etwa zwei Stunden nachdem man mit äusserster Vorsicht mit den Nachtsichtgeräten jeden Winkel ausgeleuchtet hatte, atmeten die Männer auf. Fedor, der sich heute ein bisschen viel Mut angetrunken hatte in der Wachtstube, spürte ein natürliches Bedürfnis und bat den Gruppenführer, austreten zu dürfen. Dieser hatte keine Bedenken, denn man befand sich eben unter einem Brückenbogen und das Ufer war übersichtlich. Mit einem Nicken des Kopfes gab er seine Zustimmung. Fedor entledigte sich seines mit Geräten und Patronen belasteten Gürtels und übergab diesen einem Kameraden zum Halten. Dann trat er unter die Brücke und nestelte an seinem Hosenbund herum. Sein Harnstrahl traf die untersten Steine des Brückenbogens. Da war ihm, einer dieser Steine bewege sich leicht und gebe ein kratzendes Geräusch von sich. Fedor grinste. Sollte er sich tatsächlich einbilden, er könne auf diese Distanz mit seinem Strahl die Brücke in Bewegung setzen? Er schüttelte den letzten Tropfen ab, packte ein und begab sich zu seinen Kameraden. Sie beendeten ihre Wachrunde ohne dass es zu einem Feindkontakt gekommen wäre. Man konnte sich getrost in die Wachtstube zum Schlafen begeben. Der Anführer der Gruppe schrieb seinen Negativbericht ins Journal. Die nächste Gruppe rückte aus.

Fedor träumte. Er stand immer noch unter der Brücke und sein Wasserstrahl strömte und strömte. Der Gruppenführer war längst ungeduldig geworden und rief ein paar zornige Worte. Die Kollegen machten Witze. Fedor sah, wie der unterste Stein des Brückenpfeilers sich langsam auflöste. Eine dunkle Öffnung wurde sichtbar. Fedor erwachte. Es kam selten vor, dass er sich nach dem Erwachen an einen Traum erinnerte. Diesmal aber war ihm, er hätte gar nicht geträumt, sondern das Geträumte tatsächlich erlebt. Verwirrt analysierte er diesen merkwürdigen Umstand. Er kam zu keinem vernünftigen Resultat. Dann schlief er wieder ein.

Als er gegen Mittag erwachte, kam ihm als erstes wieder sein Traum in Erinnerung. Es drängte ihn, den Kameraden davon zu erzählen. Aber er wusste, dass sie ihn sowieso seiner Fantasien wegen immer hänselten und unterliess es. Heute war die Grosse Wachtablösung. Er hatte drei Tage frei und konnte sich im Stadtgebiet bewegen. Der Traum liess ihn nicht los. Insgeheim beschloss er, sich die Stelle unter der Brücke heute anzusehen. Den Kollegen aber durfte er nichts davon erzählen, denn es war verboten, sich als Angehöriger des Ordnungsdienstes ausserhalb des genau eingegrenzten Stadtgebietes aufzuhalten. Das würde ihn aber heute nicht davon abhalten, in Zivilkleidern dem Flussufer nach zu spazieren.

Er schloss sich einer Gruppe junger Spaziergänger an, die offensichtlich den Sonntag ebenfalls am Ufer verbringen wollten. Um sicher zu gehen, dass er nicht etwa zufällig erkannt würde, hielt er sich etwas im Hintergrund. Als die Gruppe das Ufer erreicht hatte, setzten sich die jungen Menschen in die Sonne. Fedor aber ging mit abgewandtem Gesicht weiter der Brücke zu. Als er sich darunter befand, suchte er die Stelle, wo er sich in der Nacht erleichtert hatte. Dann setzte er sich, als ob er ausruhen wollte, mit dem Rücken an den Pfeiler. Er sah sich in alle Richtungen um. Kein Mensch war zu sehen. Nun begann er etwas verlegen an den Steinen zu klopfen. Irgendwie wusste er, dass sein Tun töricht war. Aber irgendwo in seinen Gehirnwindungen war ein Krümelchen Romantik übriggeblieben aus der Zeit, als es noch kein Serum gab, das alle Gehirne gleichschaltete.

Das Serum. Plötzlich kam ihm mit schrecklicher Deutlichkeit in den Sinn, dass er es heute hätte einnehmen sollen, es aber seines geheimen Vorhabens wegen vergessen hatte. Einfach vergessen, er, der doch bei seiner Gruppe als der Pflichtbewussteste galt. Er wusste, wenn diese Unterlassung sein Kapo merken oder vernehmen würde, war ihm eine mehrjährige Strafe in der atomverseuchten Gegend von Kanapes sicher. Also war es wohl besser, nichts verlauten sondern das Serum verschwinden zu lassen, sobald er heim kam. Denn es dann noch einzunehmen war sehr riskant, da es aus einer Mischung bestand, die zu einer ganz bestimmten Stunde sich in ein Gift verwandelte, das die Strafe für vergessliche Söldner war. Nahm er aber das Serum nicht ein und er käme in eine der routinemässigen Stichkontrollen, würde ihn wohl der Eliminator erwarten, wie es vor einem Jahr seinem besten Freund geschehen war.

Inzwischen hatte die Sonne ihre Wärme verloren. In ein, zwei Stunden würde sie hinter den riesigen Wolkenkratzern verschwinden und die Gesetze der Nacht begannen in Kraft zu treten. Wenn er dann noch nicht in der schützenden Garnisonsstube war, dann würde man ihn erschiessen, ohne lang zu fackeln und ihn nach seinen Gründen zu fragen, wer er sei und warum er sich zu der verbotenen Zeit noch draussen herumtreibe. Aber die Neugierde hatte ihn gepackt. Ein paar Minuten würde er noch riskieren. Er fuhr hastig fort, die Steine zu beklopfen. Schon wollte er resigniert aufgeben, als ihm schien, der eine Stein sei doch tatsächlich nicht so hart wie seine eben beklopften Nachbarn. Und hatte er sich denn nicht um einen Bruchteil von einem Millimeter bewegt? Nochmals klopfte Fedor an den Stein. Kein Zweifel, er fühlte sich an wie aus der gleichen Papiermasse, die Fedor und seine Schulkameraden in den Bastelstunden verwendet hatten, um Masken zu formen. Hastig bückte er sich, um einen kantigen Kiesel aufzunehmen. Mit diesem kratzte er vorsichtig am Stein. Ein grauweisses Pulver rieselte leise zu Boden. Fedor suchte in seinen Taschen nach dem Messerchen, das er sich im Basar unter den Nagel gerissen hatte, als sie letzte Woche auf der "Erziehungstour" die Läden der hundertvierzigsten Strasse gefilzt hatten. Zwar war es bei Todesstrafe verboten, in den Läden Messer zu verkaufen, aber was unter Klingenlänge fünf Zentimeter lag, galt als Souvenir und unterstand nicht dem Subversivenartikel des Gesetzes.

Vorsichtig fuhr er mit der Klinge den Konturen des Steines nach, versuchte ihn nach allen Seiten zu bewegen. Aber der Stein tat keinen Wank. Schon wollte er resigniert aufgeben, als der Stein schnell und lautlos nach innen entschwand und eine Lücke auftat, die der Silhouette eines grossgewachsenen Menschen glich. Instinktiv griff sich Fedor an die Seite, wo normalerweise seine Waffe im Futteral steckte. Aber hier steckte natürlich keine Waffe, denn er war ja in Zivil hierher gekommen. Er wollte sich eben schnellstens zurückziehen, als eine vermummte Gestalt aus der Lücke kam und mit einer Waffe auf ihn zielte. Fedor hob beide Hände in die Höhe. Die Gestalt trat zur Seite und machte mit dem Kopf eine befehlende Bewegung, die wohl andeuten sollte, er solle sich in die Öffnung begeben. Fedor begriff auch ohne Worte. Dass hier Widerstand fehl am Platze war, das schien ihm klar. Ruhig trat er in den Fuss der Brücke ein. Absolute Stille und Finsternis umgab ihn. Er spürte etwas Hartes im Rücken und tappte vorsichtig Schritt um Schritt weiter. Hinter sich hörte er ein leises Geräusch wie von einem Motor. Im gleichen Moment erstrahlten hunderte von Lampen und beleuchteten einen langen, nach links gebogenen Gang, der nach etwa zweihundert Metern an einer Treppe endete, die steil nach links oben führte. Er spürte wieder das unangenehme Gefühl der Waffe im Rücken und setzte sich gehorsam in Bewegung. Fieberhaft überlegte er sich, was eigentlich über diesem Gang sei. Schon tausendmal war er doch schon über die Brücke gefahren, wenn er mit den Kameraden die Stadt überwachte. Ja, so musste es wohl sein: nach der Brücke war doch ein künstlicher Einschnitt durch einen Hügel, weil man die Strasse möglichst eben anlegen wollte. Sie mussten sich also jetzt dem Harzberg zu bewegen.

Als sie die Treppe mit ihren wohl dreissig Stufen bestiegen hatten, kamen sie an eine Felswand. Der Bewacher summte eine Melodie. Lautlos, wie von Geisterhand bewegt, öffnete sich die Felswand zu einem schmalen Spalt. Sie traten in einen Raum, der aussah wie die Kommandozentrale eines A-Werkes. Von allen Seiten strahlten dünne Lichtkegel kreuz und quer. Fedor blieb unschlüssig stehen. Diese Lichtstrahlen erinnerten ihn fatal an den Eliminator, den er bei einer "Betriebsbesichtigung" in Aktion gesehen hatte. Damals hatten die Häscher eine Gruppe Unbotmässiger durch solche Strahlen gejagt. Innert Sekunden hatten sich alle ins Nichts aufgelöst.

Der Wächter hatte seine Waffe über die Schulter gelegt und ging wortlos voraus. Fedor folgte. An der Instrumentenwand zeichneten sich ihre Körper in tausend kleinen Lämpchen ab. Eine Stahltüre öffnete sich vor ihnen. Sie traten ein. Vor ihnen lag eine Wiese mit seltsamen Bäumen und Pflanzen. Unbekannte Blumen leuchteten mit unglaublich satten Farben. Durch die Wiese plätscherte ein Bächlein. Ein unbekanntes Gefühl schlich in Fedors Brust. Es war ihm, als ob er nach langen Jahren Verbannung ins Gelobte Land heimkehrte.
Auf beiden Seiten des Weges führten Treppen in den Boden. Der Wächter blieb bei einer stehen und summte wieder seine Melodie. Die Treppe wurde beleuchtet. Sie stiegen hinunter. Durch einen langen Korridor, auf dessen Seiten mit bunten Vorhängen abgegrenzte Räume lagen, kamen sie in einen grossen Saal. Wohl an die zweihundert Menschen tummelten sich hier bei den verschiedensten Beschäftigungen. Man schien sie erwartet zu haben, denn niemand nahm besondere Notiz von ihnen als ein paar Kinder, die ihnen neugierig folgten.

An einem riesigen, runden Tisch sassen ein paar ergraute Männer und Frauen. Der Wächter führte Fedor zu ihnen. Schweigend wurde er betrachtet. Schliesslich begann die wohl älteste der Frauen zu summen. Andere stimmten in das Gesumme ein, bis sich schliesslich eine Melodie bildete, die Fedor Schauer den Rücken hinunter jagen liess. Der Wächter nahm das Tuch, das sein Gesicht vermummt hatte, ab und deutete auf einen Sessel. Fedor bemerkte mit Erstaunen, dass der Wächter eine junge Frau war, hochgewachsen, mit schwarzen Haaren und Augen, die Fedor mit einer Intensität fixierten, dass er meinte, im nächsten Moment in Trance zu verfallen.

"Du hast unser Geheimnis ergründen wollen", fing die Älteste zu sprechen an, "nun bist du hier und meinst wohl, du träumst, nicht wahr? Du träumst aber nicht. Alles was du siehst ist Wirklichkeit. Wir leben hier seit hunderten von Jahren. Als unsere Altvordern merkten, was die Zeit bringen würde, haben sie in weiser Voraussicht zu bauen begonnen. Nicht nur hier, sondern auf allen Kontinenten, in allen Ländern, überall. Unsere Städte sind miteinander verbunden. Wir haben uns unsere eigene Natur geschaffen. Alle Menschen, die den unaufhörlichen Verfolgungen entgangen sind, haben sich in den Untergrund zurückgezogen. Die Atomkraft, die von euren Führern zur Zerstörung der Erde und des ganzen Universums eingesetzt wurde, haben wir zur friedlichen Nutzung herangezogen. Wir leben sogar unter den Meeren, lieben, vermischen und vermehren uns, bis es eines Tages nur noch eine einzige Rasse, eine einzige Hautfarbe geben wird. Das Wort `Krieg` ist aus unserem Wortschatz gestrichen. Wir könnten uns auch gar keinen solchen leisten, sonst würden die Oberirdischen ja auf uns aufmerksam und das Ende wäre absehbar.

Deine Neugierde hat dich nun also in unseren Kreis gebracht. Eigentlich hätten wir dich eliminieren müssen, wie es ja auch bei euch Usus ist. Aber die Daten, die unser Empfang geliefert hat - du erinnerst dich an die Lichtstrahlen beim Eingang - haben uns eine andere Möglichkeit gezeigt. Wir hatten nämlich bis vor kurzem angenommen, das Serum, das eure Herrscher euch zur Gleichschaltung geben, sei so wirkungsvoll, dass bei euch nur noch das Böse überleben könne. Und dieses können wir - das wirst du wohl begreifen - unter uns nicht dulden, nachdem wir es über dutzende von Generationen aus uns herausgetrieben haben. Nun haben wir zu unserer Überraschung aber feststellen können, dass es unter euch noch Individuen gibt, die noch die Fähigkeit haben, sich zurückzubilden. Aber du wirst natürlich nicht verstehen, was da mit dir gesprochen wird, denn du verstehst nur die Sprache, die dir seit dem ersten Tag deiner Geburt beigebracht wurde. Aida wird dich nun in deinen Raum bringen. Aber eines muss ich dir noch zu deinem eigenen Schutz und Nutzen sagen, falls du im Sinn hast, uns zu verlassen: es gibt kein Zurück. Wir haben zwar viele Ausgänge, aber jeder ist mit der gleichen Sicherheit ausgerüstet, wie derjenige, den du beim Eintritt passieren musstest. Und jedermann, der diese Zonen unberechtigterweise betritt, wird automatisch von einem Eliminator erfasst, der besser und endgültiger arbeitet, als die von euch gebräuchlichen. Übernimm ihn, Aida."

Mit einer angedeuteten Verbeugung übernahm die Bewacherin Fedor und führte ihn in eine höhere Etage, wo sich lauter in Stein gehauene Kojen befanden. Hier wies sie ihm eine solche zu, deren Vorhang, im Unterschied zu den anderen, zurückgezogen war. "Ruhe dich aus," sagte sie. "Falls du mal austreten musst, findest du das betreffende Örtchen dort hinten bei der Treppe. In zwei Stunden werde ich dich allerdings wieder abholen zum Essen. Oder möchtest du vielleicht gar nicht ruhen? Dann wäre noch die Möglichkeit, dich im Sprudel zu erfrischen."

Fedor hatte bisher noch kein einziges Wort gesprochen. Seltsam, niemand schien Wert darauf zu legen, ihn reden zu hören. Dabei lagen ihm doch hunderte von Fragen auf der Zunge. Als ob Aida dies erraten hätte, lächelte sie zum ersten Mal und sagte: "Ich weiss, du möchtest Fragen stellen und du bist irritiert, dass niemand mit dir ein Verhör anstellt, wie dies bei euch an der Tagesordnung ist. Aber wisse, alles was wir im Moment über dich zu wissen brauchen, wurde beim Eingang aus dir herausgenommen und festgehalten. Daraus ergab sich eine Melodie, die uns in konzentrierter Form alles Wichtige mitteilte. Diese Melodiensprache wird von uns allen, die wir unter der Erdoberfläche leben, verstanden, gleichgültig, in welchem Land oder in welchem Erdteil wir leben. Die meisten von uns aber beherrschen auch noch die Sprache, die bei euch gesprochen wird. Das muss so sein, denn wir mischen uns ja jeden Tag unter euch und es würde auffallen, wenn wir statt zu sprechen summen würden, oder?"

"Unter uns mischen?" entfuhr es Fedor. "Ja wie denn das? Euch erkennt man doch auf den ersten Blick, denn ihr seid ja dunkelhaarig und dunkeläugig."

Aida lachte ein gurgelndes Lachen, das Fedor in die Glieder fuhr wie ein wärmendes Feuer. "Noch nie etwas von Perücken, Haare färben und farbigen Kontaktlinsen gehört? Ich weiss, das habt ihr dort oben nicht nötig, denn ihr seid ja alle gleich, nicht nur in sondern auch an euren Köpfen. Darum ist euch dieses Wissen aus den letzten Jahrhunderten abhanden gekommen. Ihr seid ja keine Individuen mehr, sondern alles Gleichgeschaltete. Wir aber sind Menschen geblieben, wenn auch wir uns verändert haben in unseren Methoden, zu überleben."

Fedor hätte noch viele Fragen gehabt. Aber Aida stellte ihm nun ihrerseits diejenige, die sie schon mal gestellt hatte: "Willst du nun ruhen oder sprudeln?"

"Sprudeln," antwortete Fedor, der sich dachte, ruhen sei für ihn schliesslich nichts neues, unter sprudeln aber könne er sich nichts vorstellen.

"Dann komm mit", sagte Aida, "dann müssen wir uns beeilen, denn bald ist Essenszeit."

Sie nahm ihn bei der Hand und zog ihn mit einer Kraft hinterher, die er sich von einer Frau niemals hätte vorstellen können. Sie gingen durch verschiedene Korridore, welche jeder mit einer ihm nun schon vertrauten Sicherheitsanlage versehen war. Dann hörte er ein feines Rauschen, das mit jedem Meter, den sie zurücklegten, stärker wurde. Die Luft wurde feuchter und ein leichter Luftzug war zu spüren. Plötzlich standen sie vor einem riesigen Wasserfall, der wohl an die zwanzig Meter über die Felsen in die Tiefe stürzte. Nackte Menschen jeden Alters sassen um das Wasser oder schwammen ruhig im Becken. Eine junge Frau hatte einen Säugling an der Brust. Fedor starrte sie an, er hatte sowas noch nie gesehen. "Was macht diese Frau?," wollte er von Aida wissen. Aida lachte lauthals ihr glockenreines Lachen. "Da staunst du, ja? Bei euch oben nimmt man die jungen Menschen, die von lebendigen Gebärmaschinen genau nach Bedarf fabriziert werden, der Mutter gleich nach der Geburt weg, damit diese sofort wieder befruchtet werden kann. Bei uns werden die Menschen noch nach dem gleichen System gezeugt, geboren und an der Mutterbrust ernährt, wie man es schon vor hunderttausend Jahren gemacht hat. Schau, wie die junge Mutter verklärt ihr Kind betrachtet, während sie es stillt."

Aida betrachtete amüsiert Fedors offenen Mund. "Das hättest du dir nie träumen lassen, nicht wahr? Ihr Oberirdischen habt ja keine Ahnung, was da unten noch alles an Wundern vorhanden ist, von dem ihr glaubt, es sei doch schon alles erforscht, untersucht, katalogisiert und vermessen. Nun aber zieh dich aus."

Sie stand im Handumdrehen splitternackt neben Fedor und stürzte sich mit einem Aufschrei in eine im Felsmassiv herausgehauene riesige Wanne. "Na komm schon," schrie sie, als sie Fedor unschlüssig oben stehen sah. Er aber konnte sich nicht satt sehen an der vollkommenen Gestalt der Badenden und der Stillenden. Seine vom Serum unterdrückten Sinne wurden mit einer solch ungestümen Gewalt geweckt, dass er meinte, Körper und Schädel müssten jeden Moment in tausend Stücke zerspringen. Ein riesiger Wasserspritzer, von Aida mit den flachen Händen produziert, traf ihn im Gesicht. Das brachte ihn wieder zur Besinnung. Schnell entkleidete er sich und stürzte sich ebenfalls in das glasklare Wasser.

Die beiden so ungleichen Menschenkinder tobten sich im klaren Wasser aus. Sogar Aida schien die Zeit vergessen zu haben. Als sie sich etwa eine Stunde ergötzt hatten, nahm Aida Fedor plötzlich in die Arme und küsste ihn auf den Mund. Dann drückte sie seinen Kopf gegen ihre nackte Brust. Fedor wusste nicht wie ihm geschah. Wie er es vom Säugling gesehen hatte, fand sein Mund instinktiv die Warzen der aufgestellten Brust und begann zu saugen. Aida summte eine unsäglich wohlklingende Reihe von Tönen vor sich hin. Sie hielt Fedors Hals eng umschlungen und hob ihre wohlgeformten Schenkel über das Becken des Spielgefährten. Als wäre es das natürlichste Spiel der Welt, vereinigten sie sich stehend im klaren Wasser.

Plötzlich aber stand Aida einen Moment starr und still, als horche sie in sich hinein. Dann fasste sie Fedor an der Hand und zog ihn aus der Wanne. "Schnell, beinahe hätten wir uns verspätet. Wenn Mutter mich nicht gerufen hätte....."

"Ich habe nichts gehört," sagte Fedor ungläubig. "Wie kannst du denn deine Mutter rufen hören in diesem Rauschen des Wassers?"

"Ach, das verstehst du ja doch nicht. Meine Mutter ist schon seit Jahren tot, wenigstens das, was man Körper nennt. Aber sie ist doch bei mir, wann immer es nötig ist. Und eben jetzt hat sie mich an meine Pflicht erinnert, dich zum Essen zu führen."

Ohne auf weitere Fragen Fedors einzugehen, kleidete sie sich in Eile an und mahnte diesen, sich zu beeilen, denn Unpünktlichkeit sei bei ihnen eine der schlimmsten Untugenden.
Sie führte ihn eilends durch alle Korridore zurück. Schon von weitem stach Fedor ein Wohlgeruch in die Nase, der ihn daran erinnerte, er habe seit Mittag nichts anderes mehr zu sich genommen, als ein paar kräftige Schluck Wasser vom Wasserfall. Sie kamen in einen riesigen Saal, wo viele Tische und Bänke standen. Hunderte von Männern, Frauen und Kindern standen in Reihen an einer Art Buffet, wo sie sich aus grossen Gefässen bedienten. Alle Rassen und Hautfarben waren zu sehen. Fedor kannte diese nur aus Bildern, die sie in den Schulbüchern als Lehrmaterial bekommen hatten. Aber seltsam, keiner der hier anwesenden Andersfarbigen hatte das affenähnliche Aussehen, wie es in diesen Büchern dargestellt wurde.

Aida stellte sich mit Fedor in eine Reihe hinzu. Sie bedeutete ihm, ihr einfach alles nachzumachen. So füllte er sich also seinen Teller genau wie sie es ihm vormachte, nahm zuletzt ein Besteck und folgte Aida zum Tisch, wo alle noch standen und auf etwas zu warten schienen. Absolute Stille herrschte. Da ging eine Türe auf und die alte Frau, die ihn begrüsst hatte, erschien am Arm von zwei jungen Mädchen, die sie an das Kopfende eines der Tische führten. Dann verbeugten sie sich artig und stellten sich links und rechts der Alten. Leise begann diese zu summen. Alle stimmten ebenso leise mit ein. Dann wurde das Summen immer lauter und verstärkte sich zu einem Orkan wohlklingender Stimmen. Dann schwoll die Melodie langsam wieder ab, bis sie kaum mehr hörbar war.
Die Alte gab mit den Händen ein Zeichen. Alle setzten sich und sahen erwartungsvoll auf sie. "Ihr wisst", fing sie zu reden an, "die Sprache der Oberirdischen ist bei uns nicht gerade beliebt. Wir haben aber seit heute einen neuen Gast bei uns, der unsere Sprache noch nicht versteht."

Alle schauten auf Fedor, dem recht mulmig wurde. Aber die Alte fuhr in ihrer Rede fort und lenkte damit die Aufmerksamkeit wieder auf sich: "Sein Name ist Fedor. Er gehört zu den Häschern. Aber keine Angst", besänftigte sie das aufkommende Gemurmel, "unser Sicherheitssystem hat ihn als harmlos und noch bildungsfähig eingestuft. Wir werden ihn als Gast behandeln, als wäre er einer der Unseren aus einem anderen Land. Jetzt aber genug der Worte, esst."

Auch Fedor und Aida assen. Fedor hatte in seinem Leben noch nie sowas Gutes zwischen die Zähne gekriegt. "Wenn das meine Kameraden....." Plötzlich kam ihm in den Sinn, dass er eben zum ersten Mal an draussen gedacht hatte. Als hätte er laut gesprochen, legte Aida ihm eine Hand auf den Arm und lächelte ihn an.

Die Tage vergingen mit Erkundungen durch die Unterwelt, bei denen Aida ihm alles Wissenswerte mitteilte. Schon am zweiten Tag aber fiel es Fedor immer schwerer, sich zu konzentrieren. Als er einmal einfach in einem Korridor stehen blieb und sich an den Kopf fasste, sagte Aida: "Ich weiss, du hast Entzugserscheinungen. Das Serum ist eine Droge, ohne die es euch Oberirdischen dreckig geht. Aber wir haben für dich vorgesorgt. Komm, der Arzt wartet bereits auf dich."

Sie gingen in ein Zimmer, das vollgestopft war mit Instrumenten. Aida bat ihn, sich auf ein Ruhebett zu legen. Dann legte sie ihm ein kleines Kissen auf die Stirn. "Wo ist denn der Arzt?" fragte Fedor.

Aida lächelte. "Du hat ihn auf deiner Stirn. Sei jetzt schön still und entspanne dich." Sie begann zu summen. Fedor spürte, wie eine wohlige Müdigkeit ihn erfasste. Er schlief ein.
Als er erwachte, war sein Kopf klar. Aida sass noch an seiner Seite. "So, diese Prozedur machen wir nun jeden Tag, bis du die Entziehungskur hinter dich gebracht hast."


Fedor merkte, dass er nicht er erste und einzige war, der die "Oberwelt" verlassen hatte. Aida machte ihn hin und wieder auf ihren Erkundungsgängen mit Menschen bekannt, die wie er blaue Augen und blonde Haare hatten. Weil Aida ihm aber gesagt hatte, die Unterirdischen würden sich bei Bedarf "umrüsten", damit sie sich unter die Oberirdischen mischen konnten, meinte er anfänglich, alle diese Blauäugigen seien eben solche Agenten, die die Aufgabe hatten, oben das Lebensnotwendige, das man sich in der Unterwelt nicht selber beschaffen konnte, aufzutreiben. Mit der Zeit aber entwickelte er fast sowas wie einen siebenten Sinn, der es ihm möglich machte, Originale und "Angepasste" zu unterscheiden. Er machte sich einen Spass daraus, seinen Kollegen aus der Oberwelt einen kleinen Schrecken einzujagen, wenn er ihnen auf den Kopf zusagte, er wisse um ihr Geheimnis. Mit der Zeit aber gründete er mit Aidas Hilfe eine kleine Gruppe aus lauter Kollegen, die umprogrammiert worden waren und denen es in der Unterwelt unsäglich besser gefiel als unter der Fuchtel des auf der Erde allgegenwärtigen Grossen Leitners. So sehr er sich jedoch abmühte, hinter das Geheimnis der melodiösen Summsprache zu kommen, weder ihm noch einem seiner Kollegen gelang es. Sie mussten sich damit abfinden, dass es Generationen brauchte, den Instinkt auf die Stufe der Unterirdischen zu ordnen.


Eines Tages, als Fedor erwachte, hörte er ein noch nie gehörtes Summen aus Tausenden von Stimmen. Er spürte instinktiv, dass sich irgend etwas Gefahrvolles ereignet haben musste. Aida, die er sofort nach dem Grund der Aufregung fragen wollte, war nicht aufzufinden. So suchte er einige seiner Freunde aus der Oberwelt auf, deren Behausungen ihm inzwischen bekannt waren. Aber auch sie konnten sich nicht erklären, warum denn heute ein solch aufgeregtes Getue war.

Endlich kam Aida zu ihnen. Sie war bleicher als sonst und schaute ihnen ängstlich in ihre Augen, als wollte sie etwas ergründen. "Freunde", begann sie langsam, weil ihr die Sprache der Oberirdischen heute offensichtlich Mühe bereitete. "Freunde, es ist etwas Schreckliches im Tun. Seit Jahren sind wir einem Forscherteam der Oberirdischen auf der Spur, das den Auftrag hat, ein Gerät zu erfinden, das es ermöglicht, uns Unterirdische in Sekundenschnelle zu entlarven und zu eliminieren. Nun scheint es so weit zu sein, denn eine unserer Gruppen wurde bereits als spurlos verschwunden gemeldet. Wenn dieses Gerät nun in Serie geht, ist es um uns alle geschehen. Wehe uns, wenn es uns nicht gelingt, das Labor, wo es erfunden wurde, auszuschalten, die Forscher zu töten und alle Unterlagen über das Gerät zu zerstören."

Die Gruppe um Fedor war so erschrocken über diesen Bericht, dass minutenlang keiner auch nur ein Wort sprechen konnte. Schliesslich war es Fedor, der die Sprache wiederfand. "Ich denke, es ist nun an der Zeit", begann er bedächtig, "dass wir uns für euer Vertrauen und alles, was ihr für uns tut, erkenntlich zeigen können. Es darf sich ja niemand von euch in die Nähe dieses Labors wagen, denn wenn das wahr ist, was wir eben vernommen haben, dann kommt keiner von euch mehr lebendig dazu, auch nur noch die Mauern der Labors von aussen zu sehen, geschweige denn von innen. Wir Ehemaligen aber können von den Suchgeräten nicht erkannt werden, weil wir ja `Originale` sind. Geht ihr soweit mit mir einig?"

Die Kameraden nickten ihm stumm zu. Sie wussten mit Bestimmtheit, dass es auch ihr Ende bedeuten würde, falls die Oberirdischen sie finden würden. Nur dass dieses Ende nicht ein plötzliches sein würde, sondern dass man mit ihnen noch allerlei grausame Experimente durchführen würde, wie sie es ja selber schon oft an ungetreuen Kollegen mitgemacht hatten.

"Bring uns zu eurer Obersten Frau, Aida. Wir wollen uns mit ihr beraten."

Aida stand stumm dabei. Es schien Fedor, als ob sie wieder in sich hinein hörte. Das schöne Gesicht der jungen Frau veränderte sich von Abwehr über Resignation zu Trauer. "Ja Mutter," sagte sie fast tonlos. Dann nahm sie Fedor an der Hand und führte die Gruppe zu der alten Frau. Diese nickte mit leuchtenden Augen, als Fedor ihr seinen Plan erklärte. Dann fragte sie, allen jungen Männern um Fedor forschend in die Augen blickend: "Ist das euer freier Wille, was Fedor vorschlägt?"

Alle nickten stumm. "Dann lasst euch alles Notwendige im Lager aushändigen und geht in der Gerechtigkeit Namen. Wir legen unser Leben in eure Hände und vertrauen euch."

Sie machte eine Geste mit ihren Händen, als ob sie die jungen Männer segnen wollte und drehte sich dann stumm in Richtung ihres Lagers.

Aida führte die Gruppe der Männer ins Magazin, wo sie zu ihrem Erstaunen erfahren konnten, dass man hier die viel moderneren Waffen zur Verfügung hatte, als sie bei den Oberirdischen im Gebrauch waren. Sie bekamen zu hören, dass die Unterirdischen schon lange in der Lage gewesen wären, die Weltherrschaft zu übernehmen, dass es aber zu den Grundsätzen der Unterirdischen gehöre, nie anzugreifen sondern nur für den Angriff gewappnet zu sein. Die vorhandenen Waffen hätten eine fürchterliche Kraft trotz ihres handlichen Gewichtes und könnten erst noch zerlegt werden. Ein Mann könne mit Leichtigkeit eine Zerstörungskraft mit sich führen, die unsichtbar unter den Kleidern versteckt werden könne, aber die Effizienz von tausenden von Kilos Sprengstoff in sich habe.


Sie hatten sich eine Neumondnacht ausgesucht für ihre Expedition. Als erste Operation musste die Erzeugerzentrale für die Stromversorgung ausgeschaltet werden. Das Labor befand sich in einer Entfernung von etwa drei Kilometern davon. Das war für die Betreiber praktisch, denn sie brauchten für ihre Experimente die Hälfte der vom Werk erzeugten Energie. Und diese Energie musste zerschlagen werden. Denn im Falle eines Fehlschlages mit dem Attentat auf das Labor konnten die Forscher nicht mehr weiterarbeiten, weil ihnen die Energie dazu fehlte. Das würde immerhin eine lange Pause in der Entwicklung der fürchterlichen Waffe bedeuten, was wiederum den Unterirdischen eine Frist für neue Massnahmen geben würde.


Unerkannt und unbehelligt reisten sie einzeln - mit gefälschten Papieren und aufgenähten Kennzeichen, die sie als zur berechtigten Klasse gehörend auswiesen - in der U-Bahn an ihr Ziel vor der Stadt, wo sich die schwer bewachte Zentrale und das Labor befanden. Man hatte sie gewarnt, näher als fünf Kilometer an die Gebäude zu gehen. Erstens könnten sie entdeckt werden und zweitens wäre es gar nicht nötig, denn die Waffen hätten eine Reichweite von über zehn Kilometern.

Die Männer hatten sich bei einem Wäldchen in Sichtweite des Werkes verabredet, von dem aus man beide Ziele einsehen konnte, weil beide hell erleuchtet waren. Alle kamen dort an. Ohne Zeit zu verlieren setzten sie ihre Waffen zusammen. Der Umgang damit war kinderleicht und in allen Funktionen genauestens erklärt worden. Sie richteten die Hälfte der automatischen Sucher auf das Zentrum des Werkes. Die andere Hälfte wurde auf das Labor gerichtet. Ein letzter Blick ringsum in die gespannten Augen der Kameraden, dann befahl Fedor: "Los!" Alle drückten gleichzeitig auf die Knöpfe. Ein leises Zischen ertönte. Dann wurde es totenstill. Bedeutete dieses Zischen, dass die Geschosse ihren Weg suchten oder war überhaupt nichts passiert?

Die Antwort wurde ihnen nach wenigen Sekunden gegeben: Ein erster riesiger Feuerball blendete plötzlich ihre von der tiefen Nacht weit geöffneten Pupillen. Sie warfen sich erschreckt zu Boden. Dann ein riesiger Knall. Dann ein zweiter Feuerball. Ein heisser Wind nahm ihnen den Atem.

Sie lagen noch eine Weile starr auf der Erde. Dann fand Fedor als erster seine Sprache wieder. "Rasch jetzt, bevor die Aufklärer zum Einsatz kommen können. Wenn die Flugbahn unserer Geschosse von den Satelliten erfasst und errechnet wurde, dann ist es um uns geschehen."

Hastig zogen sie mit wenigen eingeübten Handgriffen die Waffen zu handlichen Portionen auseinander und versorgten sie in ihren Kleidern.


Alles war minutiös geplant gewesen, hatte wie am Schnürchen geklappt. Dass wohl an die hundert Menschen ihr Leben lassen mussten, war nicht zu umgehen. Sie bedauerten es. Aber auf der anderen, besser gesagt unteren Seite aber waren ein paar Millionen, die sonst unweigerlich im Laufe der nächsten Wochen aufgespürt und eliminiert worden wären. Und mit ihnen der Rest der menschlichen Menschheit, der sich vor der Despotie des "Grossen Leitners" und seiner unmenschlichen Schergen hatte in den Untergrund retten können.
Alles war genauestens geplant und berechnet gewesen, ja. Nur das eine nicht, nämlich, dass die Energiezentrale auch das U-Bahnsystem gespiesen hatte. Nun standen die Züge alle irgendwo zwischen zwei Stationen, oder, wenn sie gerade Glück gehabt hatten, in den Perrons. Die Gruppe konnte also nicht auf dem gleichen Weg zurückkehren, wie sie gekommen war. Was nun?


Die vom Alarm aufgebotene Kolonne der "Spezialeinheit für Ruhe und Ordnung" war mit ihren Camions rund um das abgesperrte Gelände aufgefahren. Ratlos standen die Männer herum. Ein Einsatz war nutzlos und überflüssig, denn es gab nichts mehr zu retten.
Fedor musste es wagen. Er ging auf einen der als Chauffeure Gradierten zu, zeigte ihm seinen Berechtigungsausweis und herrschte ihn an, seine Gruppe in die Stadt zu fahren, denn er habe eben den Befehl zum Rückzug bekommen. Etwas unschlüssig stand der Fahrer da. Aber die Gruppe hatte sich bereits um ihn geschart und bedeutete ihm mit unmissverständlichen Gesten, dass er sich beeilen solle. So blieb ihm wohl keine andere Wahl, denn unbedingter Gehorsam war ihm und Seinesgleichen von Jugend an eingebläut worden.

Sie kamen in die Stadt. In der Nähe der Brücke hiess Fedor den Fahrer anhalten. Sie stiegen aus und im Eilschritt gings unter die Brücke. Man hatte sie bereits erwartet. Die Pforte war offen. Als sie eintraten, standen wohl an die tausend Menschen aller Hautfarben und jeglichen Alters Spalier und summten eine tausendstimmige Melodie. Und merkwürdig, plötzlich war ihm ihre Sprache nicht mehr fremd: "Tapfere Brüder, ihr habt unser Volk vom Untergang gerettet. Ihr habt es gewagt, euch gegen den "Grossen Leitner" zu stellen. Wir werden es gemeinsam schaffen, auch noch ihn und alle, die in seine Fussstapfen treten wollen, zu stürzen. Im Namen der Menschlichkeit."


Der erste Schritt war nun erfolgreich getan. Weitere mussten folgen, und zwar umgehend. Denn es war abzusehen, dass der "Grosse Leitner" die erlittene Schmach nicht einfach so auf sich würde sitzen lassen. Aber der Erfolg liess der Gruppe um Fedor keine Ruhe mehr. Ein Umsturz musste geplant werden. Mit Flucht und Verstecken vor dem Erzfeind war niemandem gedient. Zumindest nicht all jenen Menschen, die noch an das Gute glaubten.


Sie lebten nun zusammen, Fedor und Aida. Man hatte ihnen eine geräumige Wohnung zugewiesen im Labyrinth. Sie bauten es zu einem niedlichen Liebesnest um, wie es seit Jahrtausenden die Jungverliebten taten. Die Tage gehörten der Gruppe, die sich emsig auf den grossen Umsturz vorbereiteten. Die Nächte aber gehörten ihnen. Und sie nutzten sie! Was Fedor allerdings bei ihren sonst so harmonischen Tète à Tètes ein bisschen störte, das war die offensichtlich stetige Anwesenheit der Mutter von Aida. Es konnte vorkommen, dass sie in engster Umarmung plötzlich mit der Mutter ein Gespräch anfing und dabei ganz zu vergessen schien, dass Fedor daran gar nicht teilnehmen konnte. Mit der Zeit aber gewöhnte er sich daran und nahm es gar nicht zur Kenntnis. Nur wenn sie etwas beschlossen hatten, gemeinsam zu unternehmen und Aida plötzlich nicht mehr wollte, weil sie eben eine Unterredung mit der Mutter gehabt hatte, bei der diese ernsthaft vor Gefahren warnte, die bei dieser geplanten Unternehmung vorhanden sein sollten, schüttelte er manchmal unwillig den Kopf. Als er aber mit der Zeit merkte, dass Schwiegermutters Ratschläge sich im Nachhinein als richtig erwiesen, schickte er sich in das scheinbar Unabänderliche.


An einem strahlenden Morgen überraschte Aida Fedor mit der freudigen Mitteilung, er werde Vater. Er glaubte, vor Freude den Verstand zu verlieren. Die Ernüchterung aber folgte auf dem Fuss, als Freund und Mitstreiter Olaf mit der Mitteilung angerückt kam, die letzte für das Unternehmen "Tod dem Diktator" abgewickelte Vorbereitung sei erfolgreich verlaufen und man könne in Bälde die Aktion starten. Es war ausgemacht, vor dieser Aktion werde man sich in einem Trainingslager treffen, um den Ablauf des Kampfes so naturgetreu als möglich zu üben. Nun wussten die beiden Liebenden, die gemeinsamen Stunden in Glück und Harmonie würden für ein paar Wochen entfallen. Und ob das Unternehmen glücken würde, stand in den Sternen. Es war absolut möglich, dass ihr Kind ohne Vater zur Welt kommen würde. Hier konnte nicht einmal die scheinbar allwissende Mutter von Aida vorausschauen, wie das Ende aussehen würde.



Unbegreifliches


Als Friedel wieder zu sich kam, war es tiefe Nacht. Er lag im hohen Gras auf der Lichtung. Der Vollmond schien ihm ins Gesicht. Langsam konnte er seine Gedanken aus Bruchstücken zu einer Frage zusammensetzen: Wie war er denn eigentlich hierher gekommen und was machte er hier? Da spürte er eine nasse Schnauze an seinem Gesicht. "Dino!" schrie er fast. "Dino, was machen wir zum Teufel denn eigentlich hier?"

Aber der Hund gab keine Antwort, winselte nur leise vor Freude, dass sein Herr endlich wieder von ihm Notiz nahm. Da rappelte sich Friedel auf. Sein Kopf schien ihm wie eine der Melonen, die sie als Kinder ausgehöhlt und als Laternen gebraucht hatten. "Nur ein Licht geht mir nicht auf," dachte er in einem Anflug von Humor. Nur langsam kamen ihm die Erinnerungen an gestern. Oder waren das vielleicht nur wirre Träume gewesen? War er beim Fischen eingeschlafen, oder vielleicht gar ohnmächtig geworden? Wenn das, was er so bruchstückhaft im Hirn zusammensuchte, wahr war, warum hatte er denn seine Kleider wieder an und warum lag seine Fischerrute neben ihm? Wo waren denn die beiden Wohnwagen hingekommen? Die konnten sich doch nicht einfach in Luft aufgelöst haben? Fragen über Fragen, aber keine logischen Antworten waren in seinem Kopfe zu finden.

Er schloss seine Augen wieder und begann, tief ein- und auszuatmen. Endlich wurden seine Gedanken wieder klar. Nein, was er erlebt hatte, das war kein Traum und keine Ohnmacht gewesen. Mühsam rappelte er sich auf. Er griff sich die Rute, damit er sich aufstützen konnte. Alle Glieder waren wie gerädert. Aber er gab nicht mehr nach, musste sich Gewissheit verschaffen, dass seine Erlebnisse keine Hirngespinste waren.

Der Mond schien hell genug, dass er in der Lichtung die Spuren der Wohnwagen erkennen konnte. Ja, hier waren zwei riesig grosse helle Flecken, wo die Sonne nicht hatte hin scheinen können und deshalb das Gras nicht grün, sondern gelb war. Das waren also die Standplätze der Wagen gewesen. Und hier lagen doch noch zerschlissene Teppiche, Scherben von Tongeschirr, ein einzelner Frauenschuh, rostige Bleche und eine Schüssel aus Plastik, die im Boden einen kreuzartigen Riss hatte. Also wenn das keine Beweise der Existenz von Zigeunern waren!? Dazu kamen noch die frischen Wagenspuren, die eindeutig von einem schweren Zugfahrzeug und zwei Anhängern stammten.

Die Ereignisse vom Vortag erschienen ihm bruchstückhaft in seinem brummenden Schädel. Und langsam verdichteten sie sich wieder zu einem Ganzen. Nein, kein Zweifel: er hatte das alles nicht geträumt, sondern es war Wirklichkeit, unglaubliche zwar, aber trotzdem unleugbare. Er wanderte unschlüssig weiter auf der verlassenen Lichtung herum. Irgendwie war ihm, es könne doch nicht sein, dass man ihn einfach hier zurückgelassen hatte, ohne ein Wort des Abschiedes, ohne eine Erklärung, warum und wieso. Da; da lagen doch ein paar abgelaufene Pneus, zu einem Kreuz formiert, im Zentrum des Kreuzes eine Flasche. Im hellen Mondlicht war Friedel, dieses Kreuz sei wie ein Schlüssel für das Rätsel, das man ihm aufgegeben habe zu lösen. Vorsichtig machte er einen Schritt in den ersten Pneu und griff sich die Flasche. Sie war gefüllt mit einer dunklen Flüssigkeit. "Aha, da hat jemand Altöl entsorgt," war Friedels erster Gedanke. Dann zog er den nur leicht eingesteckten Korken heraus und roch an der Flasche. Ja, das war doch..... Genau so hatte doch das Getränk gerochen, das ihm Elvira zu trinken gegeben hatte, als er total erschöpft auf ihrem Lager gelegen hatte. Er hielt einen Finger auf die Öffnung der Flasche, stellte diese auf den Kopf und benetzte den Finger mit dem Inhalt. Vorsichtig leckte er am Finger. Kein Zweifel, das war das gleiche Elixier, das ihn in das Land der Träume geschickt hatte. Er drehte die Flasche um sich selbst und entdeckte eine beschmutzte Etikette mit einer Aufschrift. Friedel hielt die Flasche dicht an die Augen. Nur ein Satz stand da: "Für Friedel. Auf wiedersehen!"

Das war nun doch die totale Überraschung. Elvira musste genau gewusst oder doch darauf spekuliert haben, dass er, Friedel, sich nicht einfach mit dem Verschwinden der Wagen zufrieden geben würde, wenn er von seiner Reise in seine Zukunft zurückkommen werde. Aber wieso nur hatten die Frauen den Ort so fluchtartig verlassen? Und wie konnten sie dies denn überhaupt, wenn sie ja gar kein Zugfahrzeug zur Verfügung hatten? Friedel ertappte sich dabei, wie er minutenlang den Kopf schüttelte und vor sich hin brummelte. Er steckte die Flasche in seine Fischertasche und machte sich daran, vom Ort der merkwürdigen Handlung zu verschwinden. Dino hatte geduldig neben ihm gesessen und nur auf diesen Moment gewartet. Freudig sprang er voraus.

Ein Gedanke schoss Friedel durch den Kopf: Nur gut, dachte er, dass er unfruchtbar war. Denn sonst wären die Folgen der gestrigen Orgie ja nicht auszudenken gewesen. Seine Ehe war ja in die Brüche gegangen, weil sie keine Kinder hatten bekommen können. Und dass dies so war, das war seine Schuld, das hatte er sich bei der Gerichtsverhandlung anhören müssen. Als ob es da eine Schuld geben würde, wenn der Körper nicht so funktioniert wie er sollte. Aber seine Frau Silvia hatte ihm zu verstehen gegeben, dass sie sich ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen könne. Und auch ihre Eltern hatten lange genug auf ihm herum gehackt, bis er sich endlich zu einer Untersuchung hin bemühte, bei der die volle brutale Wirklichkeit festgestellt wurde: Er sei zeugungsunfähig!


Friedel schleppte sich mehr als dass er ging, nach Hause. Er nahm sich gar nicht erst die Mühe, seine Fischerutensilien zu versorgen, was doch sonst nie passierte, denn Friedel war im Zeichen der Jungfrau geboren und diesen Menschen ist jede Unordnung zuwider. Kaum dass er noch die Kraft hatte, seinem Hund das Abendbrot in die Schüssel zu geben. Dann wollte er sich duschen, vergass es aber auf halbem Weg und liess sich in der Stube auf das Sofa plumpsen. Sogleich schlief er ein. Seine Träume waren wirr. Eine riesige Höhle sah er und eine riesige Menschenmenge, die in dieser wohnte und arbeitete. Er lag auf einem Felsband in dieser Höhle und schaute fasziniert dem emsigen Treiben zu. Dann hörte er eine Sirene, wie er sie in Kriegsfilmen gehört hatte. Die Menschen in der Höhle verwandelten sich in Tiere. Aber auch die Höhle selber verwandelte sich in einen riesigen Garten, worin die Tiere friedlich ästen und sich vergnügten. "Das Paradies...," entfuhr es Friedel und an diesen seinen eigenen Worten erwachte er. Sein Kopf war wirr. Er spürte eine Migräne aufziehen. Taumelnd erhob er sich und begab sich ins Bad, wo er sich endlich duschte. Als er an sich hinunter sah, kam ihm blitzartig die Szene im Wohnwagen wieder vor die Augen. Kein Wunder, dass sein kleiner Spielgefährte da so traurig und gestresst herum baumelte. Schliesslich hatte er ein Pensum geleistet, das beinahe ins Buch der Rekorde hätte eingehen können!

Nach dem Duschen fühlte er sich wohler. Die Migräne war auf einem Stand geblieben, der noch erträglich war. Er nahm eine Tablette und begab sich ins Bett. Dino legte sich auf die Vorlage und betrachtete seinen Herrn erstaunt. Das durfte doch nicht wahr sein, dass er nicht mal ein gutes Wort bekam. Und dann noch mitten am hellichten Tag ins Bett. Was war nur mit seinem Herrn los!

Wieder träumte Friedel. Diesmal erschien ihm eine gross gewachsene, schwarzhaarige, junge Frau. Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn auf eine riesengrosse Ebene, wo das Grün grüner als grün und die Blumen blumiger als blumig waren. Sie nahm ihn in die Arme und sagte zu ihm: "Wir werden Kinder haben und diese Kinder werden wieder Kinder haben. Und es wird endlich Friede sein zwischen Mensch und Mensch und zwischen Mensch und Tier. Und die Erde wird wieder so werden, wie sie vor millionen Jahren war. Und unser Geschlecht wird ewig leben und glücklich sein:" Sie küsste Friedel und sie liessen sich ins hohe Gras sinken.

"Nein, nicht schon wieder," schrie Friedel und erwachte schweissgebadet. Dino hatte seine Vorderpfoten erschrocken auf die Bettkante gelegt. Nun versuchte er, Friedel das Gesicht zu lecken. Aber dieser wehrte energisch ab. Erschreckt sah er, dass es draussen inzwischen Nacht geworden war. Wieviel Uhr war es? Und welcher Tag? Er schaute auf seine Uhr, die nebst der Zeit auch das Datum und den Wochentag anzeigte. Gottlob, es war noch Sonntag und noch nicht mal Mitternacht.

Dino wurde unruhig. Offensichtlich musste er hinaus. Er trippelte vom Bett zur Tür und wieder zurück. Schwerfällig kroch Friedel aus dem Bett und öffnete die Haustür. Zum Haus gehörte ein grosser Garten mit Rasen und Gebüsch. Hier konnte Dino ungestört und unbeaufsichtigt sein Geschäft verrichten, ohne dass sein Herr befürchten musste, von den Nachbarn scheel angesehen zu werden. Friedel liess die Tür offenstehen, damit der Hund wieder herein konnte, ohne dass er Friedel mit Gebell herbemühen musste. Er konnte sich also ruhig wieder hinlegen. Die Türe blieb offen.


Bis zum Morgen schlief Friedel nun traumlos und fest. Zwar hatte er beim Erwachen einen Muskelkater am ganzen Körper. Aber das hinderte ihn nicht daran, zur Arbeit zu gehen. Dino kam in den Zwinger. Die Nachbarin würde wie gewohnt am Nachmittag nachsehen, ob Friedel den Hund mitgenommen hatte, denn sie hatten dies so verabredet. Es kam ja immer wieder vor, dass Dino aus irgendeinem Grund nicht mit durfte. Die Nachbarin würde ihn also zu einem Spaziergang abholen, wenn sie mit ihrem eigenen Hund ging. Aber bevor Friedel an sein Tagewerk fuhr, wollte er sich noch eine Tasse Milch erwärmen im Mikrowellenherd. Während der Ofen leise surrte, rasierte und wusch sich Friedel. Dann stellte er Dino die mit Futter gefüllte Schüssel auf die Terrasse vor dem Haus. Der Ofen hatte inzwischen mit seinem Surren aufgehört. Friedel öffnete die Ofentür und griff nach der Tasse. Autsch! er liess sie fallen. Sie zersprang in hundert Stücke. Zum Teufel, warum war die heute so heiss? Er hatte den Timer doch genau wie jeden Morgen auf den zweiten Strich gestellt. Ach ja, er hatte ja vergessen, Milch in die Tasse zu giessen. Schnell nahm er eine frische Tasse und diesmal vergass er sie nicht zu füllen. Er gab zwei Löffel mit Kaffeepulver hinzu und schluckte das Getränk in einem Zug hinunter. Er musste sich beeilen, denn es galt, einige Briefe zur Post zu bringen, die er am Freitagabend noch geschrieben hatte.

Als er alle Briefe miteinander in den Briefkastenschlitz stecken wollte, fiel ihm einer aus der Hand und ausgerechnet in die Schlitze einer Dole, die sich unter dem Briefkasten befand. Sowas blödes. Wer konnte nur so dämlich sein und einen Briefkasten über eine Dole hängen! Der Brief war verloren. Auch wenn er den Deckel der Dole weggenommen und den Brief noch erwischt hätte, so nass wie er war, konnte man ihn unmöglich absenden.

Verärgert stieg Friedel ins Auto und fuhr weg, dass die Reifen quietschten. Als er zum Kreisel kam, fuhr er einem Lastwagen so rasant vor die Nase, dass dieser beim Stoppen ein paar Meter Pneuspur auf den Asphalt legte. Friedel grinste. Nichts passiert. Nur schnell weg jetzt, damit er die Schimpftirade des Lastwagenfahrers nicht anhören musste. Aber vor Friedel fuhr eben ein Linienbus von der Haltestelle ab und bummelte vor ihm her. Der Lastwagen holte ihn mühelos wieder ein und der Fahrer machte sich nun ein Vergnügen daraus, Friedels Stossstange zu kitzeln. Friedel wurde es ungemütlich. Er kam sich vor, wie das Fleisch zwischen zwei Sandwichhälften. Glücklicherweise fuhr der Bus wieder eine Haltestelle an und Friedel entwischte dem Ungeheuer hinter ihm.

Aber wenn es mal eingehakt hat, das Ungemach, dann lässt es sich so leicht nicht wieder ausklinken. Irgendwie mussten Friedels Kunden spüren, dass der Vertreter auf Futter, Getreide und Dünger heute nicht seinen besten Tag hatte. Jedenfalls wo immer er auch anklopfen wollte, hatten die betreffenden Verantwortlichen für den Einkauf entweder den ausgemachten Termin vergessen, oder sie wimmelten ihn nach einigen belanglosen Worten einfach ab. Friedel konnte sich heute aber auch gar nicht auf seinen Job konzentrieren. Immer wieder durchkreuzten seine Gedanken die Bilder des gestrigen Tages mit den Zigeunerinnen und diejenigen der Träume in der Nacht vermischten sich mit ihnen. So konnte er unmöglich seiner Pflicht genügen. Er beschloss, die restlichen paar Kunden, die er auf seinem Terminkalender hatte, anzurufen und ihnen mitzuteilen, er sei leider heute wegen Krankheit verhindert und werde sich für einen neuen Termin wieder melden. Dann steuerte er seinen Wagen in einen nahe der Autobahn gelegenen Wald und parkierte ihn in einem Seitenweg.

Dino bellte wie verrückt, als er bemerkte, dass er heute zu einem ungeplanten Ausflug unter Tannen und Buchen kam. Oder wenigstens meinte er, er käme dazu. Aber Friedel traf überhaupt keine Anstalten, seinen Wagen zu verlassen, sondern öffnete nur sämtliche Fenster um Handbreite und stellte die Rücklehne des Fahrersitzes so, dass er sich zu einem Nickerchen hinlegen konnte. Aber bis er zu einem solchen kam, musste er dem Hund noch sehr energisch klarmachen, es läge überhaupt kein Waldspaziergang drin, wenigstens die nächste Stunde nicht. Dino begriff endlich und kuschelte sich, nachdem er sich noch knurrend ein paar Runden auf dem Beifahrersitz gedreht hatte, ebenfalls zu einem Schläfchen hin.

Und wieder kamen Friedel im Halbschlaf Brocken des vermeintlichen Traumes, den er glaubte, am Vortag geträumt zu haben. Er sah sich in eine Art Uniform gekleidet. An der Seite trug er merkwürdige Geräte, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Waffen zu haben schienen. Und er sah wieder die Räume, die in Fels gehauen schienen und trotzdem eine wohnliche Atmosphäre ausstrahlten. Und plötzlich schreckte er auf mit der Gewissheit, dieser Traum sei keiner gewesen, sondern erlebt. Und die Worte Elviras kamen ihm wieder in den Sinn. Diese so unverständlichen, unglaubwürdigen Behauptungen von den verschiedenen Zeitebenen, die alle gleichzeitig ablaufen würden und doch zu einer anderen Zeit. Und dass auch sie ja mit ihrer ganzen Hellseherei nichts sehen könne, was nicht schon vorhanden war, irgendwo, irgendwann. Und schliesslich kam Friedel, das Kind des aufgeklärten zwanzigsten Jahrhunderts zur Erkenntnis, dass er sich am Abend des gestrigen Tages in einer anderen Welt befunden hatte, einer Welt, die es für ihn, den Friedel noch gar nicht gab, die aber trotzdem vorhanden war, nur halt eben auf einer anderen Zeitebene. Und als er sich nun einmal dazu durchgerungen hatte, dies alles zu akzeptieren, musste er auch akzeptieren und glauben, dass da zu irgendeiner Zeit und auf einer anderen Ebene ein Mensch war, der zwar nicht Friedel hiess, aber doch ganz einfach und logisch er selber. Er schloss seine Augen und sah nun in ganz klaren Bildern alles, was er in der Nacht vorher glaubte geträumt zu haben, wie einen Film im Zeitraffertempo nochmals abrollen. Einerseits erschreckte ihn dieser Film. Aber andererseits liess ihn die Gewissheit, dass der Tod, der auch ihn in absehbarer Zukunft besuchen werde, nicht das Ende aller Dinge, sondern nur ein Neuanfang sein werde für ihn. Ein schalkhaftes Lächeln stahl sich auf seine Lippen und er wusste, dieser Abstecher in die andere Ebene würde nicht ein einmaliger gewesen sein. Aber er nahm sich vor, von nun an Tagebuch zu führen. Denn er wusste, die Bilder, die er eben wieder gesehen hatte, würden nicht für immer so lebendig in seinem Gedächtnis bleiben. Und wer weiss, dachte er, vielleicht würde er ja irgendmal in ferner Zukunft sein ganzes Leben zu Papier bringen. Dann wäre so ein Nachschlagewerk bestimmt von Nutzen. Und wie er so intensiv mit diesem Gedanken sich anfreundete, kam ihm plötzlich ein Duft in seine Erinnerung: der Duft einer Flasche, die er gestern zwischen den alten Autoreifen gefunden hatte. Und er sehnte sich plötzlich nach einem Schluck dieses Zaubertrankes, auf dass er sich erheben könne in die nächste Ebene seines Daseins. Dabei kam ihm ebenso plötzlich ins Bewusstsein, dass er schon oft in seinem Leben Momente erlebt hatte, die ihm schlagartig so vorkamen, als hätte er sie schon mal erlebt. Und dass er dann immer gedacht hatte, wenn er den Faden zu diesem merkwürdig unwirklichen Geheimnis finden würde, dann könnte auch er in die Zukunft schauen, wie ein Hellseher.

Aber brüsk wurde er aus seinen Träumen, Wünschen und Gelüsten aufgeschreckt durch ein Beissen in der Lendengegend. Als er automatisch mit der Rechten in den Hosenbund fuhr, spürte er mit den Fingern einige eng aneinander liegende Schwielen, die ihn zu intensivem Kratzen verleiteten. Aber je mehr er kratzte, desto mehr biss es ihn nun auch noch an anderen Körperstellen. Er öffnete den Gürtel und hielt Nachschau. Kein Zweifel: er war über und über voller Flohpickel. Wo die zum Teufel wohl herrührten? Da erst bemerkte er, dass auch Dino sich hingebungsvoll am Bauch kratzte. Nun war die Sache aber klar: Dino hatte gestern mit dem Hund der Jenischen gespielt und dabei als Gastgeschenk eine Menge Flöhe aufgelesen! Und weil diese durch Dinos emsiges Kratzen in ihrer beschaulichen Ruhe gestört worden waren, wechselten sie ihren Wirt. Gewiss waren auch schon die ganzen Polster im Auto und vielleicht sogar die in der Wohnung von diesen ekligen Plagegeistern okkupiert.

Friedel startete den Wagen und fuhr geradewegs zu einer Apotheke, wo er sich ein Hundeshampoo, einen Flohspray und ein Pulver gegen jegliche saugende Plagegeister erstand. Damit fuhr er nach Hause und setzte Dino in die Badewanne, was dieser gar nicht zu schätzen schien. Dann seifte er ihn mit dem Shampoo gründlich ein und liess es ein paar Minuten wirken, bevor er den Hund mit einem harten Brausestrahl wieder davon befreite. Dino schüttelte sich nach Herzenslust, wobei nicht nur sein Herr, sondern die ganze Badeeinrichtung voller Wasserperlen gespritzt wurde. Friedel fluchte. Er hob den Hund aus der Wanne und trug ihn auf den Rasen hinter dem Haus, wo die Sonne am wärmsten schien. Da setzte er Dino hin und rettete sich mit einem kühnen Sprung, bevor der Hund ihn nochmals mit einem Sprühregen bedenken konnte. Dann besprühte er sämtliche Polster im Auto und in der Wohnung mit dem Spray und schloss die Türen von aussen, damit der solchermassen eingebrachte Giftdampf voll wirken konnte. Auch seine Kleider besprühte er intensiv, bevor er die Unterwäsche in die Trommel der Waschmaschine legte und die Oberkleider an die Wäscheleine auf dem Balkon hängte. Sich selber aber stellte er in die Dusche und seifte sich mit demselben Shampoo, das eben Dino von den saugenden Biestern befreit hatte, ein. Nachdem er den Schaum wieder ab geduscht hatte, fühlte er sich endlich wieder Herr der Lage und konnte sich nach Dino umsehen, welcher sich der Länge nach in die Sonne zum Trocknen gelegt hatte. "Wenn du dann trocken bist, kannst du wieder hereinkommen. Dann machen wir uns ein gutes Abendbrot," lachte Friedel. Aber der Hund blinzelte ihn nur verständnislos an. Denn ein solches Gehabe war er von seinem Herrn nicht gewohnt. Es war wohl besser, wenn man ihm in den nächsten Stunden vom Leibe blieb, bis dieser verrückte Anfall von Sauberkeitsfimmel wieder verflogen war.



Das doppelte Jubiläum


Bevor Friedel Vertreter geworden war, hatte er in einer Fabrik als junger Meister gearbeitet. Kurz nach der Berufslehre als Mechaniker hatte ihn der Chef zu sich gerufen und ihn gefragt, ob er Interesse hätte, sich zum Vorarbeiter weiterbilden zu lassen. Er war der einzige gewesen, der im Betrieb bleiben konnte nach den vier Jahren als Lehrling. So nahm er denn das Angebot des obersten Chefs freudigen Herzens an, glaubte er doch, sich auf diese Weise innert kurzer Zeit zum Meister mausern zu können. Und der Zufall kam ihm zu hilfe dabei. Der Meister einer Produktionsabteilung hatte dem Chef den Bettel hingeschmissen, da er schon längere Zeit das Gefühl hatte, schikaniert zu werden. Friedel Reist war immer noch im Kurs, der ihn zum Vorarbeiter machen sollte, als ihn ein Anruf aus der Fabrik erreichte. Der Chef fragte ihn ohne lange Umschweife, ob er einverstanden wäre, an diesen Kurs gleich noch einige Wochen anzuhängen, damit man ihm den Meistertitel verleihen könne. Friedel kam die Sache zwar ein wenig spanisch vor, denn der Chef sagte kein Wort davon, dass der Meister von einem Tag zum anderen davongelaufen war. Aber wiederum sah er nur den sozialen Aufstieg und die praller gefüllte Lohntüte, die ihn nach Abschluss der beiden Kurse erwarten würden. Er sagte ohne lange zu überlegen zu. Dass die Sache ihm über die Ohren wachsen könnte, daran dachte er keine Sekunde. Erst als dann die ersten Anbrülleinheiten fällig wurden, die der Chef an seinen unguten Tagen so freigebig zu verteilen verstand, schwante Friedel endlich, auf was er sich da eingelassen hatte. Zu ende war es mit der friedlichen Ruhe in vorgezeichneten Bahnen und fertig mit den regelmässigen Uhrzeiten, da man einfach beim Geklingel der Feierabendglocke den Hammer hatte fallen lassen können und sich zu einem Bierchen in die nahegelegene Beiz begeben hatte. Kaum mehr einen Tag gab es, wo man am Morgen mit Sicherheit sagen konnte, wann es Feierabend geben würden heute. Und fertig war es auch mit dem In-Gedanken-den-Weibern-nachsteigen. Wenn Friedel die unbezahlten Überstunden nachrechnete, dann musste er feststellen, dass er trotz prallerer Lohntüte pro Stunde weniger verdiente als vorher als gewöhnlicher Arbeiter. Dazu kamen noch die Rapporte, wo alle Vorgesetzten der verschiedenen Abteilungen der Reihe nach abgekanzelt wurden. Den Rest aber gab Friedel ein Ereignis, das in seiner ganzen Tragweite einfach nicht mehr hingenommen werden konnte:


"Reist, kommen sie doch bitte mal in die Verpackerei".

Friedel hatte nicht die Möglichkeit, dem Chef zu antworten, denn dieser hatte bereits wieder aufgelegt. Missmutig legte auch er den Hörer auf die Gabel. Baumer, sein Chef war in letzter Zeit mehr als grantig. Weiss der Teufel, was ihm wohl über die Leber gelaufen war. Hastig übergab Friedel dem vor seinem Büro wartenden Arbeiter seine nächste Arbeit und machte ihn noch auf eine heikle Besonderheit bei der Fertigung dieser Serie aufmerksam. Dann macht er sich auf den Weg.

Der Chef wartet schon mit der zynischen Bemerkung, ob Friedel noch einen Abstecher in die Wirtschaft gemacht habe, dass es so lange gedauert hätte. Friedels angefangene Erklärung, dass er ja schliesslich seine Arbeiter nicht ohne Arbeit in der Abteilung stehen lassen könne, nahm er gar nicht zur Kenntnis, sondern unterbrach ihn mit der gemurmelten Bemerkung: "Das passt ja alles zusammen...". Dann stapfte er laut schnaufend aus dem Büro des Meisterkollegen, wo er auf Friedel gewartet hatte und ging mit eiligen Schritten zu der neuen Verpackmaschine. Friedel folgte ihm, und hinter ihm, im Gänsemarsch, sein Kollege Fudler, dem die Verpackerei unterstand. Dieser Kollege war einer der Sorte, die im Rufe stehen, dem Chef heimlich Niesspulver in die Luft zu streuen, nur damit sie ihm

"Gesundheit Herr Chef" wünschen können.

Ungeduldig wartete der Chef bereits bei der Maschine. "Am Samstag habe ich dem Betrieb einen Kontrollbesuch abgestattet," fing er seine Strafpredigt an. "Da musste ich doch feststellen, dass der Arbeiter, den Sie Reist dem Fudler ausgeliehen haben, Turnübungen veranstaltet bei der Maschine".

"Turnübungen..."? entfuhr es Friedel ungläubig.

"Jawoll, Turnübungen," bellte der Chef. "Als der Mann die Teile in der grossen Palette auf der Seite, wo er stand, fertig verpackt hatte, drehte er die Kiste nicht etwa herum, dass er den Rest hätte besser erreichen können, sondern stützte sich bei jedem Stück auf den Palettenrand und beugte sich unter Verrenkungen über das ganze Palette. Dabei hätte er ja das Ding mit dem Pallettenrolli herumdrehen und somit viel Zeit und die Verrenkungen sparen können."

"Aber Chef, Sie wissen doch, dass am Samstag nie ein Meister oder Vorarbeiter anwesend ist, weil Sie ja selber gesagt haben, es komme zu teuer, wenn da noch einer herumstehe."

"Was hat denn das damit zu tun?," grunzte der Chef. "Sie müssen halt Ihre Leute so anlernen, dass sie für alle Eventualitäten gewappnet sind und dann für die paar Stunden selbständig arbeiten können."

Friedel schaute seinen Kollegen an. Eigentlich hätte er nun von ihm ein klärendes Wort erwartet. Schliesslich war er ja für diese Abteilung zuständig und Friedel hatte nur einen seiner Mitarbeiter mit Mühe und Not überreden können, am Samstag hier auszuhelfen, weil von Fudlers Leuten anscheinend niemand Zeit und Lust gehabt hatte, einen freien Tag zu opfern. Aber von Fudler war keine Hilfe zu erwarten. Dabei war es ja schliesslich seine Sache, in seiner Abteilung die Leute zu führen. Auch wenn es nur Aushilfen waren. Aber es wusste ja der ganze Betrieb, dass Fudler der Liebling des Chefs war und dies auch nur, weil er diesem nie widersprach und schon mit seinem Kopf zu nicken begann, wenn der Chef nur zur Türe hereinschaute.

Also, wenn Friedel den Chef richtig verstand, hätte er seinem Arbeiter einen Chip ins Hirn pflanzen müssen, damit er in jeder Situation das Richtige getan hätte.

Weil keine Hilfe von seinem Meisterkollegen zu erwarten war, versuchte Friedel nochmals, Baumer die Sachlage zu erklären. Aber dieser unterbrach ihn und wischte seine angefangenen Argumente mit einer zornigen Armbewegung beiseite, knurrte etwas, was wie "Qualifikation ende Jahr" tönte und verschwand hochroten Kopfes aus der Verpackerei. Friedel dankte Fudler für seine "Unterstützung" und ging ebenfalls.

Eine Woche später bat Baumer Friedel zu sich ins Büro. Seine Stimme klang ganz anders als sonst, fast süss. Friedel fragte sich, was da wohl auf ihn zukomme, als er sich zu ihm aufmachte. In Gedanken versunken betrat er sein Büro. Baumer bat Friedel, Platz zu nehmen. Einen Moment ging Friedel der Gedanke durch den Kopf, der Chef habe seinen Fehler von letzter Woche eingesehen und wolle sich entschuldigen.

"Herr Reist", begann der Chef, "Sie werden den Anschlag ja gelesen haben? Ich meine den, wegen dem Jubiläum."

Natürlich hatte Friedel den gelesen. Aber er stellte sich dumm und liess den Chef weiterreden.

"Also, wie Sie ja wissen, feiern wir in zwei Wochen unser 75-jähriges Jubiläum. Und weil unser Herr Direktor zufällig zur selben Zeit seinen Sechzigsten feiert, möchte er dies mit dem Firmenjubiläum verbinden. Es werden ausser der ganzen Direktorsfamlie, dem Verwaltungsrat inklusive deren Angehörigen, Behördemitgliedern und weiteren Ehrengästen, die ganze Belegschaft mitfeiern. Nun haben wir im oberen Kader den Wunsch, den Geladenen etwas Besonderes zu bieten. Sie sind doch in einem Blasmusikverein, Reist? Könnten Sie nicht einige Kollegen in der Firma dazu bewegen, eine kleine Adhockgruppe zu bilden, die dann die ganze Veranstaltung mit einigen lüpfigen und besinnlichen Stücken umrahmen könnte? Also, ich verlasse mich da ganz auf Sie. Ehrlich gesagt, ich habe meinen Kaderkollegen sogar versprochen, dass ich die Sache managen werde. Ich kann doch mit Ihnen rechnen?"

Da hatte Friedel den Salat. Vor einer Woche erst hatte der Chef ihn ungerechtfertigt zusammengestaucht. Und nun nahm er ganz unverfroren an, Friedel würde sein den Kollegen voreilig gegebenes Versprechen in die Tat umsetzen. Eine stille Wut stieg in ihm hoch. Am liebsten hätte er ihm ins Gesicht geschrien, er solle nun doch einen anderen Dummen suchen, der ihm aus der Patsche helfe. Oder, er solle doch gefälligst selber ins Horn blasen, wie er das ja das ganze Jahr über mit seinen Mitarbeitern tue. Aber er beherrschte sich. War es schliesslich nicht fast eine Ehre, dass er in dieser Situation zuerst an ihn gedacht hatte? Nur hätte er ihn ja eigentlich vorher fragen können. Nicht einfach so vor vollendete Tatsachen stellen. Zudem wusste Friedel genau, Baumer würde ihm eine Absage niemals verzeihen, sondern es ihn an der bald zu erwartenden Qualifikationsrunde entgelten lassen. Schliesslich war er es ja, der ihm für die nächsten Jahre seinen Lohn bestimmte.

"Nun ja", sagte Friedel ruhig, "aber wir können doch wenigstens während der Arbeitszeit einige Proben abhalten? Schliesslich haben wir ja noch nie zusammen gespielt."

Der Chef runzelte etwas ungehalten seine Stirn. "Das wird wohl nicht zu machen sein", sagte er. "Sie wissen ja, wie wir terminlich im Dreck stecken. Zudem wäre ja dann die ganze Überraschung dahin, wenn alle im Betrieb schon wüssten, was da so geboten werden sollte am Fest. Sie können ja versuchen, nach Feierabend in einer Wirtschaft zu proben. Natürlich können sie etwas konsumieren und mir dann die Spesenrechnung zum Visieren bringen. Natürlich alles im Rahmen des Vernünftigen," fügte er seinem "grosszügigen" Angebot noch schnell hinzu.

Die Argumente des Chefs klangen Friedel irgendwie plausibel. Allerdings konnte er sich den Gedanken nicht verkneifen, die wahren Hintergründe dürften wohl eher in der sprichwörtlichen Knauserigkeit Baumers liegen und seiner penetranten Methode, möglichst wenig gegen möglichst viel einzutauschen.

Während Friedel sich nun erhob, um sich an die gestellte Aufgabe zu machen, eine Musikergruppe zusammenzustellen, räusperte sich Baumer und stoppte ihn mit dem Nachsatz: "Halt, da wäre noch eine Kleinigkeit. Der Meier von der AVOR hat die Idee gehabt, man könnte das Fest mit einem Theaterstück verschönern. Eigentlich wäre es ja nun seine Aufgabe, die dafür benötigten Schauspieler aufzutreiben. Aber er hat alle Ressortleiter gebeten, ihm bei der Suche zu helfen. Sie haben doch da einmal erwähnt, dass Sie ab und zu in einer Laien-Theatergruppe mitmachen?"

Hatte Friedel das wirklich? Zwar stimmte die Tatsache, dass er in der Dorfmusikgesellschaft schon hin und wieder auf der Bühne mitgewirkt hatte. Aber seines Wissens hatte er davon Baumer noch nie ein Wort gesagt. War das vielleicht einfach ein Schuss ins Blaue gewesen? Es konnte aber auch so sein, dass Friedel mal einem Arbeitskollegen gegenüber von seinem Hobby erzählt und dieser dies dann dem Chef zu Ohren gebracht hatte. Jedenfalls musste er jetzt aufpassen, was er sagte. "Nun ja", begann er zögernd, "ich habe da schon etwa mal...."

"Na sehen Sie. Hab` ich`s doch gewusst. Ich habe meinem Kollegen ja auch schon halbwegs versprochen, dass wir uns da ganz auf Sie verlassen können. Ich danke Ihnen für Ihre spontane Zusage. Der Kollege von der AVOR wird sich dann also noch mit Ihnen in Verbindung setzen. Nun aber müssen Sie mich entschuldigen. Ich sollte bereits an einer Sitzung sein." Er stand auf und liess Friedel damit wissen, dass die Audienz beendet sei und er das Büro zu verlassen hätte.

Friedel machte sich sofort auf die Suche nach Kollegen, von denen er wusste, dass sie in einer Dorfmusik mitmachten. Wenn auch niemand mit Begeisterung zusagte, weil ja jeder wusste, es würde eine Menge Proben auf ihn zukommen, hatte Friedel doch bis zum Feierabend seine Blaskapelle beisammen. Dass seine sonstige Arbeit dabei liegen blieb und am nächsten Tag aufgearbeitet werden musste, verstand sich ja von selbst. Sogar einen Dirigenten hatte er gewinnen können. Somit konnte er sich nach Feierabend auf die Socken machen, ein Probelokal zu finden. Auch dies gelang ihm nach einigen Fehlläufen. Allerdings hatte er anschliessend einen mittleren Schwips, denn natürlich konnte man nicht einfach in eine Wirtschaft hinein platzen und nach einem Probelokal fragen, sondern musste zuerst etwas konsumieren. Und dass der Wirt nur zusagte, als er ihm versprach, man würde natürlich anlässlich der Proben auch etwas konsumieren, sei nur nebenbei erwähnt.

Wie von Baumer vorangekündigt, setzte sich sein Kollege Meier mit Friedel in Verbindung. Immerhin hatte er schon einige "Schauspieler" aus seiner Etage gefunden. Nun läge es an Friedel, sagte er, im Betrieb noch die fehlenden Leute aufzutreiben. Wieder ging ein halber Tag drauf, bis Friedel auch noch für die Theatergruppe einige Kollegen hatte gewinnen können. Dann setzten sie sich nach Feierabend in seinem Büro zusammen, um ein geeignetes Theaterstück auszulesen und die Rollen zu verteilen. Das ausgelesene Stück hiess "Der Wegmacher von Hemmigen" und war von einem gewissen Gregor Sagitarius. Es war ein Zweiakter. Eigentlich hätte Friedel ganz gerne die Hauptrolle des scheuen Wegmachers übernommen, aber erstens riss sich diese Rolle ein Mann aus der Technik unter den Nagel, der behauptete, diese Rolle schon mal gespielt zu haben und zweitens hatte Friedel ja noch mit den Musikproben zu rechnen, musste sich also mit einer möglichst kleinen Nebenrolle begnügen.

Da er noch in zwei Dorfvereinen war, konnte er sich in den nächsten Wochen über Langeweile nicht beklagen. Jedenfalls sah ihn seine Freundin nur noch abends zwischen sechs und sieben und an den Wochenenden.

Getreu dem Spruch "Nach der Arbeit das Vergnügen" sassen sie jeweils nach den Theater und -Musikproben noch ein Stündchen zusammen. Baumer hatte ja versprochen, für die Regelung der Spesenrechnung besorgt zu sein. Friedel bat seine Kolleginnen und Kollegen jedoch in weiser Voraussicht, mit den Konsumationen nicht zu überborden, denn die unangenehme Aufgabe, nachher mit der Spesenabrechnung bei Baumer vorzusprechen, lag bei ihm. Und die Kollegen hatten Verständnis. Es kam kaum vor, dass einer nach der ersten Flasche Bier noch eine zweite bestellte oder noch ein Schinkenbrot dazu. Die Zeche bezahlte Friedel jeweils und liess sich von der Serviererin einen Kassenbeleg mitgeben.

Am Jubiläumsabend füllte sich der Saal "Zum braven Schweizer" mit festlich gekleideten und geschmückten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Jeder und jede hatte noch das Recht, einen Partner oder eine Partnerin mitzunehmen. Interessanterweise waren gerade diejenigen Betriebsangehörigen am meisten herausgeputzt, welche in der Betriebshirarchie an den untersten Stellen standen. Dafür sorgten die Damen und Herren aus den obersten Chefetagen für dezenten Ausgleich. Sie hatten es allerdings gar nicht nötig, noch besonders aufzufallen, denn ihr Tisch war gekennzeichnet und extra stilvoll geschmückt. Man war auch heute unter sich. Aber auch die vielen Pensionierten hatten ihren separaten Tisch. So war zum vornherein dafür gesorgt, dass nicht die Habenden mit den Nichtshabenden und die Aktiven mit den Passiven sich vermischten.

Zur Eröffnung hatte man einen rassigen Marsch einstudiert. Leider hatte der Dirigent vergessen zu sagen, dass man die Noten dafür bereits auf den eigens angefertigten Pulten aufschlagen sollte. Vielleicht nahm er auch an, dass ja jeder dies selber wissen sollte. Jedenfalls hob er plötzlich seinen Taktstock und gab den Einsatzbefehl. Einige besonders Schlaue hatten ihre Noten auch tatsächlich schon bereit und konnten deshalb auf den Taktstock reagieren. Die meisten jedoch wurden überrascht und mussten fieberhaft noch in ihren Papieren wühlen, bis sie die richtigen Notenblätter erwischten. Was tat`s? Am Ende des Marsches hatte auch der letzte der Bläser seinen Teil zum Gelingen des Auftaktes beigetragen und der Paukist hatte sogar noch einen Schlag übrig.

Dann trat der Seniorchef würdevoll an das Rednerpult und begann nach etlichem Räuspern und an das Mikrofon Klopfen seine wohl einstudierte Rede. Von lieben, treuen Mitarbeitern sprach er, dank welchen der Betrieb sich durch gute und schlimme Zeiten vom Einmannbetrieb zum jetzigen angesehenen Unternehmen mit über dreihundert Mitarbeitern und vielen Filialen im In- und Ausland hatte entwickeln können. Von den Produkten, die sich im Verlaufe der Jahrzehnte vervielfacht und verbessert hätten, so dass man im internationalen Wettbewerb in den vordersten Rängen, wenn nicht gar zuvorderst stand. Aber auch die Krisenjahre vergass er nicht zu erwähnen, in welchen die treuesten Mitarbeiter auf jegliche Lohnerhöhungen zugunsten des Überlebens des Betriebes verzichtet hatten. Er vergass allerdings nicht anzufügen, dass auch die Aktionäre auf einen Teil ihrer Dividenden hatten verzichten müssen. Am Schluss dankte der Seniorchef noch, dass man an seinen Geburtstag gedacht habe und er hoffe, noch viele Jahre im Kreis seiner lieben, treuen Mitarbeiter verbringen zu können. Dann, mit einem herzlichen Dank an die beiden Gruppen, die sich so "spontan" für das Bestreiten des Programmes bereit erklärt hatten, gab der Direktor die Bühne frei.

Riesiger, anhaltender Applaus ging über in das nächste Musikstück, einen rassigen Marsch, der diesmal in voller Besetzung begonnen werden konnte. Dann wurde der Vorhang gezogen und die Bühne, wo die Kulissen für das folgende Theaterstück bereits standen, von den Utensilien der Musiker geräumt. Ein Team stand bereits mit den restlichen Gegenständen bereit, das Bühnenbild zu vervollkommnen.

Friedel übergab sein Instrument einem Kollegen, mit der Bitte, es zu seiner im Saal sitzenden Freundin zu bringen und begab sich in den Schminkraum, wo die zuerst auftretenden "Schauspieler" bereits voller Lampenfieber den Finish auf ihre Gesichter brachten. Glücklicherweise kam Friedel erst etwas später an die Reihe mit dem Auftritt, so konnte er sich in aller Ruhe in den dümmlichen Polizisten verwandeln.

Während sich die Akteure auf der Bühne die grösste Mühe gaben, den immer lauter werdenden Lärm im Saal zu übertönen, wurde unten serviert, gegessen, geschmatzt, geprostet, getrunken und gerülpst, dass es eine Wonne war. Hin und wieder ertönte ein "Pschschscht" von einigen Zuschauern, die ganz gerne das aufgeführte Stück hätten geniessen wollen. Dann klang der Lärm für einen Moment ab, aber nur, um kurz darauf umso lauter zu werden.

Als der Vorhang nach dem ersten Akt fiel, nahm das kaum mehr die Hälfte der sich im Saal befindenden Gäste wahr. Und als er für den zweiten Akt wieder hochging, waren die Akteure bereits heiser vom Schreien.

Bei der herzzerreissenden Szene, wo der Wegmacher das ertrunkene Kind aus dem Hochwasser führenden Wildbach zog, war er von der Anstrengung bereits nasser, als die vorher ins Wasser getauchte Puppe, die das ertrunkene Kind darstellen sollte. Das Schluchzen der verzweifelten Mutter hörte kein Mensch mehr.

Sie hätten ruhig mitten in einem Satz aufhören und sich verbeugen können, niemand hätte bemerkt, dass das Stück noch gar nicht zu ende gespielt war. Aber heroisch kämpften sie weiter gegen die Wildwasser und den Lärm der im Saal inzwischen mit dem Essen fertig gewordenen Schlemmer und Zecher.

Endlich kam das Finale. Die schöne aber arme Braut wurde von der bösen, raffgierigen Schwiegermutter ins Tobel gestossen, wo sie elendiglich sterben musste, wie kurz vorher schon ihr uneheliches, vom reichen Bauernsohn gezeugtes Kind.

Der Vorhang senkte sich zum letzten Mal. Sie wurden nicht einmal heraus geklatscht und waren sich einig, dass die Mehrheit der Gäste gar nicht realisiert hatte, dass das Stück zu ende war. Trotzdem liessen sie den Vorhang noch zweimal sich erheben und verbeugten sich Hand in Hand, wie sie das in unzähligen Proben geübt hatten.

Als sie sich abgeschminkt hatten und hungrig zu ihren Angetrauten und Freundinnen an die Tische gingen, waren die Reste der Mahlzeit bereits in der Küche in die Kannen für die Schweine verschwunden. Friedel begab mich ziemlich aufgebracht zu Baumer, seinem Chef und fragte ihn, ob man denn nicht an sie gedacht hätte. Mit vom Weine hochrotem Kopf und etwas lallender Zunge fragte dieser zurück: "Ja, haben Sie denn das nicht selber organisieren können? Nun müssen Sie halt in der Küche sehen, ob noch etwas übriggeblieben ist." Dass Friedel ihm eben gesagt hatte, die Reste seien in die Schweinetränke gewandert, hatte er scheinbar gar nicht mehr realisiert.

Friedel begab sich trotzdem nochmals in die Küche, wo er dem unschuldigen Wirt die Leviten verlas, dass ihm der Unterkiefer fast auf den Brustkorb sank. Und der Mann hatte Erbarmen mit ihnen. Jedenfalls gab er Friedel zu verstehen, er solle sich ruhig an seinen Platz im Saal begeben, er werde ihnen schon noch etwas Essbares auftreiben.

Er hielt Wort: Nach einer halben Stunde hatte jeder Schauspieler ein währschaftes Schinkenbrot in Händen. Die Musikanten, mit Friedel als Ausnahme, hatten sich ja noch beizeiten in den Saal begeben und ihren Teil an der allgemeinen Verköstigung retten können. So war es also nur die Theatergruppe, die sich in aller Eile den Wanst vollschlagen musste. Klar, dass sie auch den Rückstand beim Trinken wieder wettmachen wollten, was ihnen auch in Kürze gelang. Und da die Wirkung mit halb leeren Mägen natürlich viel grösser war als bei den vollgefressenen Kollegen, waren sie puncto Alkoholpegel diesen schon bald voraus.

Inzwischen hatte sich auf der Bühne eine Tanzkapelle aufgestellt. Mit auf voller Lautstärke eingestellten Musikboxen überfiel sie die Festgesellschaft. Dann begrüsste ihr Speaker die Festgemeinde und forderte den Direktor und seine Gemahlin zum Tanze auf. Ersterem war dies offensichtlich peinlich, lagen doch seine Tanzversuche schon Jahre zurück. Dass er sich hier vor all seinen Angestellten und Arbeitern zu produzieren hatte, passte nicht in seine Vorstellung von einem gemütlichen Abend. Seiner Frau aber schien es ungeheuren Spass zu machen und der Verdacht schien nahe, dass sie sich vorher mit der Kapelle in ihrem Sinne abgesprochen hatte, damit sie wieder mal zum Tanzen käme. Sie wirbelte den um zehn Jahre älteren und in Ehren ergrauten Ehegespons über die Tanzfläche, dass ihm Hören und Sehen verging. Sie lachte. Er schwitzte.

Als der Eröffnungmarsch zu ende war, war es auch der Direktor. In der einen Hand das verschwitzte Taschentuch, mit dem er laufend seine Glatze poliert hatte, an der anderen seine holde Gattin, zog er zielstrebig und erleichtert seinem Tische zu. Sie aber war offensichtlich enttäuscht, dass der Spass schon zu ende schien und sie schaute ihn nicht gerade mit liebevollen Blicken an.

Dies hatte auch Mauro, ein stets leicht berunkener Italiener und berüchtigter Schürzenjäger bemerkt und er erkannte instinktiv seine Chance. Schwankend zwar, aber nichtsdestotrotz seines kommenden Sieges gewiss, schwankte er in Richtung Direktorentisch. Dort angekommen machte er eine formelle Verbeugung, die ihn fast über den Tisch warf. Der Direktor schaute ihn sehr unwirsch an und wollte ihn weg weisen. Seine Frau aber fing seine schon in der Luft hängende, angedeutete Geste ab und stand lachend auf. Mauro nahm die Direktorsfrau bei der Hand und führte sie zur Tanzfläche.

Inzwischen hatte die Band wieder zu spielen begonnen und einige weitere Tanzpaare wagten sich auf das Parkett. Als Mauro, seine hochgestellte Tanzpartnerin im Schlepptau, erschien, machten alle lachend Platz. Mauro schwankte zur Mitte der Fläche und fasste seine Partnerin fest um die Taille. Die übrigen Paare hatten um die beiden Tänzer einen Kreis gebildet und harrten der Dinge, die da unheilvoll ihren Lauf nahmen. Die Dame hatte allergrösste Mühe, Mauros langen Schritten zu folgen, ohne stets ihre kleinen Füsse vor seinen grossen Lackschuhen retten zu müssen. Er zog die Frau nur noch fester an sich. Vermutlich hatte er gemerkt, dass sie noch fester auf den Beinen war, als er selber und suchte an ihrem üppigen Busen Halt. Nicht genug damit, begann er ungeniert ihre Rundungen fachmännisch mit seinen ungelenken Tatzen abzutasten. Schliesslich landete eine dieser rissigen, haarigen Hände in ihrem Ausschnitt. Wer nun gedacht hätte, für diese Ungeheuerlichkeit bekäme Mauro eine gehörige Abfuhr, der sah sich getäuscht, denn die Direktorsgattin nahm lachend seine Pfote in ihr zartes Händchen und drückte sie nach unten auf ihre Hüfte. Nun trachtete sie danach, während des Tanzes immer näher zu ihrem Tische zu gelangen. Schliesslich schaffte sie es und mit einer schnellen Bewegung liess sie sich auf ihren Stuhl fallen. Mauro stand wie ein begossener Pudel vor ihr. Die Runde lachte schallend. Schliesslich realisierte der Italiener, was da vor sich ging und verschwand torkelnd aus dem Saal.


Als Friedel am Montag ins Geschäft ging, hatte er fein säuberlich alles schwarz auf weiss aufgelistet, was er für Theaterproben und seine Musikanten ausgegeben hatte. Mit dieser Liste ging er zum Chef, um sie visieren zu lassen. Baumer hatte vom Festen her offenbar noch einen gehörigen Kater. Jedenfalls schnauzte er Friedel an: "Billiger gings wohl nicht, was?" Dann aber schmiss er seine unleserliche Unterschrift unter die Rechnung und wies Friedel wortlos mit einer unwirschen Handbewegung aus dem Büro. Dieser liess sich aber heute nicht einfach so in die Wüste schicken. Sein Kopf lief hochrot an, als er Baumer zu zischte: "Irgendeinmal langt es aber, Chef. Sie können uns nicht auf die Dauer ungestraft so behandeln. Glauben Sie denn eigentlich, wir seien noch im vorigen Jahrhundert? Die Zeiten der Sklavenschinderei sind vorbei, Herr Baumer!"

Baumers Unterkiefer sackte nach unten. Dann japste er nach Luft. Schliesslich fing er sich aber wieder auf und brüllte: "Was erlauben Sie sich? Da päppelt man einen solchen Grünschnabel vier Jahre durch die Lehre, behält ihn dann noch aus lauter Erbarmen, macht ihn sogar zum Chef, drückt beide Augen zu, wenn die Fehler nur so durch die Abteilung kugeln, und als Dank muss man sich solche Frechheiten anhören. Noch ein Wort, Reist, und Sie können Ihre Siebensachen packen und verreisen!"

Friedel war nun ob seines eigenen Mutes willen doch recht mulmig zumute geworden. Aber, dachte er, wenn ich schon mal so in Fahrt bin, dann kommt es auf ein paar weitere Worte, die schon lange gesagt sein sollten, auch nicht mehr an. "Soso, Herr Baumer, Sie werfen mir also plötzlich Fehler vor?" begann er leise. "Wo nichts geschafft wird, da passieren am wenigsten Fehler. Wenn bei uns draussen ein Stück verreckt, weil die Akkordzeiten immer knapper angesetzt werden, dann ist das unübersehbar. Wenn Sie aber Fehler machen, dann nehmen Sie das Papier und lassen es durch den Reisswolf, und kein Mensch sieht mehr die Fehler, die der Herr Chef macht. Oder Sie lassen Ihre Sekretärin die Fehler machen, damit sie nicht Ihnen passieren können und niemand Ihnen nachsagen kann, Sie seien nicht perfekt. Damit Sie es gleich wissen: Ich lasse mir nicht mehr lange auf die Nase scheissen. Sagen Sie`s ruhig, wenn ich Ihnen auf den Wecker gehe, dann suche ich mir eine andere Stelle. Meine Kollegen, die gerade so durch die Prüfung geschaukelt sind vor ein paar Jahren, die haben nämlich in anderen Betrieben ein paar Hunderter mehr in der Zahltagstasche am Monatsende. Sogar die, die Arbeiten machen, die genau so gut eine Hilfskraft erledigen könnte. Wenn die Sirene Feierabend schellt, dann lassen die ihren Hammer fallen, wenn nicht sogar eine Viertelstunde vorher. Und in der Nacht plagen sie keine Angstträume, weil sie für etwas verantwortlich gemacht werden, für das sie es gar nicht sein können. Also, Sie wollen mich hinaus schmeissen? Bitte sehr, brauchen Sie gar nicht. Ich kündige von selbst. Aber vorher habe ich mit der Direktion noch ein paar ernsthafte Worte zu bereden über einen aufgeblasenen, alten, griesgrämigen Betriebsleiter, der nichts besser kann, als seine Leute zu plagen. Auf wiedersehen, Herr Baumer."

Friedel ging in sein Büro in der Werkstatt. Auf dem Tisch hatte sich eine Beige Papiere angesammelt, die erledigt werden mussten. Es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren. Aber es sollte keiner sagen können, er habe seine Pflicht und Schuldigkeit nicht getan. Nach einer Stunde war das Gröbste erledigt. Auch seine Laune hatte sich gebessert. Ihm kam in den Sinn, dass er ja noch in die Buchhaltung musste, damit man ihm die gehabten und von Baumer visierten Spesen zurückerstattete. Er nahm den Beleg und fuhr mit dem Lift in den fünften Stock. Als er aus der Türe kam, begegnete ihm der Direktor in Begleitung seiner Gattin. Friedel grüsste und beide grüssten freundlich zurück. Einen Moment verharrte Friedel. Das wäre doch genau der richtige Moment gewesen, um seinen Ärger über den Chef loszuwerden, dachte er einen Moment. Aber das freundliche Lächeln, mit dem ihn die Frau des Direktors bedachte, liess ihn die Gelegenheit ungenutzt verstreichen. Er lächelte etwas gehemmt zurück und machte den beiden Platz. Sie betraten den Lift, Friedel hielt ihnen die Türe, der Direktor drückte den Knopf mit dem Schild "Ausgang" und Friedel schloss die Türe mit einem freundlichen: "Einen schönen Tag noch." Dann surrte der Lift nach unten.


Friedel wartete noch ein paar Tage in angespannter Erwartung. Er hoffte nun fast, Baumer möge den nächsten Schritt tun und ihm schriftlich kündigen. Aber nichts tat sich. So geriet die böse Auseinandersetzung fast in Vergessenheit. Die täglichen Sorgen und das Gehetze liessen Friedel keine Zeit, den gehabten Ärger täglich aufzufrischen, auf dass er sich nicht in Luft auflöse. Und so hätte der gewohnte Tramp seine Fortsetzung haben können bis zum Sanktnimmerleinstag, wenn da nicht plötzlich Lutz Beeringer aufgetaucht wäre, der Dienstkollege aus der Ersten Kompanie.



Das Klassentreffen.


Es war ein recht komischer Zufall, der die beiden wieder zusammenbrachte, nachdem sie sich seit ihrer Rekrutenschule aus den Augen verloren hatten. Friedels Jahrgang hatte zu seiner ersten Klassenzusammenkunft aufgeboten. Nachdem man den obligaten Dorfbummel mit den üblichen Ausrufen des Erstaunens gemacht hatte, weil sich das Dorfbild so ganz anders präsentierte, als die meisten es noch in Erinnerung hatten, steuerte man zum "Krug". Das war die einzige Beiz im Dorf, wo man Gewähr hatte, etwas Anständiges zu essen zu bekommen. Ein gutes Glas Wein lockerte die Zungen. Die neuesten Witze gingen über den Tisch und erzeugten schallendes Gelächter. Dann erzählte man von Frau, Mann und Kindern, sofern man solche vorzuweisen hatte. Friedel hielt sich zurück, denn auf seiner Erfolgstafel war nichts verzeichnet, das von den anderen Klassenkameraden hätte mit Neid zur Kenntnis genommen werden können. Bald merkte er aber, dass er nicht der einzige war, der noch zu haben war. Gut ein Viertel des Jahrgangs war bereits geschieden oder sogar zum zweiten Mal verheiratet. Als die Reihe an Friedel war, seinen Lebenslauf seit dem Schulende zu erzählen, hatten also schon bereits drei von ihren gescheiterten Ehen rapportiert. So fiel es ihm relativ leicht, zu erzählen, seine Freundin sei ihm davongelaufen, weil sie sich noch nicht reif gefühlt habe für eine feste Verbindung. Nun sei er seit über einem Jahr wieder allein und scheue sich, wieder auf Brautschau zu gehen. Insgeheim hätte er sich sogar schon damit abgefunden, statt mit einer Frau, mit der es sowieso immer Meinungsverschiedenheiten gäbe, das Leben mit einem Vierbeiner zu teilen. Denn diese seien treuer und hätten nicht stets etwas zu meckern; wenn es sich nicht gerade um eine Geiss handle, fügte er noch lachend hinzu.

Es fiel ihm dabei gar nicht auf, dass Margit ihn dabei besonders aufmerksam beobachtete. Aber als man sich zum Kaffee in anderer Formation wieder zu Tisch setzte, richtete Margit es so ein, dass sie neben Friedel zu sitzen kam. Sie wolle noch ein bisschen mehr von ihm wissen, sagte sie. Er habe die paar Jahre Zusammenlebens und Verliebtseins mit seiner Freundin doch ein bisschen gar schnell herunter gehaspelt. Und mit gezielten Fragen brachte sie ihn dazu, sein verpatztes "Gastspiel der Zweisamkeit" zu erzählen. Dabei legte Margit ihm wie unabsichtlich ihre Rechte aufs Knie und streichelte ihn sachte. Zuerst wollte Friedel sich mit einer hastigen Bewegung distanzieren. Aber warum eigentlich, dachte er. Man war ja schliesslich unter sich und Margit hatte gewiss keine anderen Absichten, als ihm ihr Verständnis zu signalisieren.

Nach dem Kaffee beriet man, was man mit dem angebrochenen Nachmittag noch zu tun gedenke. Einer kam mit der Idee, man könnte ins nahe gelegene Bergrestaurant fahren. Das sei ja kaum eine Viertelstunde und man sei ein bisschen vom sonntäglichen Beizenbetrieb des Dorfes, wo einen alle paar Augenblicke jemand mit "Hallooo, wie geht`s?" störe, entfernt. Also rief man nach der Rechnung und dann gings aufgeräumt zu den Autos. Nur die wenigsten waren motorisiert gekommen. Die Frauen, die per Zug gekommen waren, stürzten sich auf die schnittigsten Wagen. Schliesslich, so liessen sie verlauten, müsse man die Gelegenheit benutzen, wenn man sich schon mal in einen Porsche oder Mercedes setzen könne. Friedel konnte nicht damit aufwarten, denn mit seinem mickrigen Arbeiterlohn war er gerade zu einem alten Audi gekommen.

Schliesslich war nur gerade noch Margit, die keinen Platz in einer Luxuskarosse gefunden hatte oder hatte finden wollen. Jedenfalls riss sie sich nicht darum. Und als die Wagen sich in Bewegung setzten, kam sie auf Friedel zu und lachte ihn an. "So müssen wir zwei denn wohl allein mit uns vorlieb nehmen," sagte sie und machte ohne Umstände die Beifahrertür auf. So fuhren sie denn als letzte der Kolonne den Berg hinauf. "Nimmst du mich dann nachher auch wieder mit hinab"? fragte Margit mit einem schalkhaften Seitenblick zu Friedel. "Ehrensache," antwortete dieser.

Auf dem Berg liess man noch ein paar Korken knallen. Dann war es Zeit, sich auf den Heimweg zu machen. Bereits vor dem Restaurant verabschiedeten sie sich, denn es war abzusehen, dass man sich in der Dunkelheit verlieren würde. Margit stieg wortlos wieder bei Friedel zu, wie auch alle anderen Mitfahrer wieder ihren angestammten Platz einnahmen. Und wieder war es Friedel, der das Schlusslicht der Kolonne bildete.

Als sie unter den hohen Buchen und Tannen fuhren, stieg eben der Vollmond über den Wipfeln auf. "Oh, sieh mal", flüsterte Margit leise, "das habe ich seit langem nicht mehr gesehen. Oder zumindest nicht mehr bewusst bemerkt. Wie wird man doch antiromantisch, wenn einen die Sorgen ums Tägliche Brot plagen," kicherte sie. "Du, ich hätte Lust, wieder mal einen Spaziergang bei Mondlicht zu machen. Weisst du, mein Lutz hat nichts für solche Träumereien übrig. Der hat nur noch Zahlen und Mengen im Kopf."

Friedel hielt bei einer Ausweichstelle an. Hier zweigte ein Waldweg ab, den wohl die Holzer zum Abtransport des Langholzes angelegt hatten. Er stellte den Motor ab und schaute fragend zu Margit. "Ist es dir tatsächlich ernst mit dem Waldspaziergang"? fragte er ein wenig irritiert, weil er irgendwie das Gefühl hatte, man begebe sich da auf eine gefährliche Strecke.

Statt einer Antwort öffnete Margit die Tür und stieg aus. Ohne auf ihren Fahrer zu achten, ging sie gemessenen Schrittes tiefer in den Wald. Friedel hatte wohl keine andere Wahl, als ihr zu folgen. Immerhin schloss er den Wagen ab, wie er sich als Pflicht gewohnter Mann gewohnt war. Dann legte er einen kleinen Spurt ein und überholte seine Begleiterin. Diese lachte. "Immer noch der gute Sprinter," sagte sie. "Du warst ja immer der Schnellste von uns. Die anderen haben dich doch so beneidet deswegen." Dann blieb sie vor ihm stehen. Sie schüttelte sich. "Hui, das wird aber recht kühl heut` nacht....."

Friedel streckte seine Arme zu ihr hin und sagte: "Kannst dich ja bei mir aufwärmen."

Sie ging einen Schritt auf ihn zu. Und als ob dies das Natürlichste der Welt wäre, schmiegte sie sich an seine Brust. "Halt mich," sagte sie leise. "Ich kann zuhause genug frieren."

Friedel griff mit seinen Händen nach seinen Westenzipfeln und legte sie um Margit. Die Hände liess er auf ihren Hüften ruhen. So standen sie eng aneinander geschmiegt wortlos eine lange Zeit auf dem Waldweg. Schliesslich hob Margit langsam ihren Kopf und schaute mit verschleierten Augen in jene von Friedel. "Magst mich"? fragte sie. "Dann zeig mir`s doch!"

Friedel hatte das Gefühl, da führe jemand Regie mit ihm. Wie im Zwang zog er Margit enger an sich. Er hob ihren Kopf zu sich hoch und berührte sachte mit seinen Lippen die ihren. Er fühlte, wie sich ihm eine schlanke Zungenspitze entgegen schob. Da stöhnte er auf. So lange Zeit war es her, dass er eine Frau in den Armen gehalten hatte. Nun brachen die angestauten Gefühle aus ihm heraus. Hastig begannen seine Hände die weichen Formen der Frau zu streicheln. Sie öffnete ihm das Hemd und küsste ihn auf das Fell, das ihr so üppig entgegen starrte. Nun verlor auch Friedel vollkommen seine Beherrschung. Wie in Trance riss er Margit die Kleider vom Leibe und suchte mit seinen Fingern die Pforte des Glücks.

Aber plötzlich packte Margit ihn an beiden Armen. "Nicht hier," sagte sie heftig atmend. "Im Wagen ist`s bequemer und erst noch nicht so kalt. Komm."

Sie suchte ihre Kleider zusammen und lief damit zum Wagen. "Wo macht man den Sitz runter? Ach da, ich hab`s".

Sie drehte hastig die Lehne des Sitzes bis zum Anschlag. "Komm", sagte sie, "ich wills`s."

Der Mond stand tief über dem Berg, als die beiden sich aus ihrer Umarmung lösten. Wortlos stiegen sie in ihre Kleider. Dann umarmte Margit Friedel nochmals heftig und sagte: "Schade, alles geht mal zu ende. Wenn Lutz das wüsste...."

"Sag` mal, wie heisst du eigentlich zum Nachnamen?" fragte Friedel fast ein wenig belustigt, weil ihm plötzlich zum Bewusstsein gekommen war, dass er noch nicht mal den Familiennamen seiner Gespielin wusste, den sie seit ihrer Verheiratung trug.

"Beeringer," antwortete Margit.

Brüsk stoppte Friedel den Wagen, sodass er beinahe über das steile Bord in die Tiefe gefahren wäre. "Wie sagtest Du, Beeringer? Und dein Mann heisst Lutz sagtest du? Er hat aber nicht etwa den gleichen Jahrgang wie wir, oder?"

"Doch, natürlich, warum denn nicht?" antwortete Margit.

"Das darf doch nicht wahr sein. Jetzt musst du nur noch sagen, Lutz stamme aus Entheim. Nein sag` es lieber nicht, es wäre mir lieber, wenn du es nicht bestätigen würdest" fügte er hastig bei.

"Warum sollte er denn nicht aus Entheim kommen?" fragte Margit etwas ratlos zurück.

"Oh Gott. Dann sind dein Lutz und ich alte Dienstkameraden. Wir haben zusammen die Rekrutenschule absolviert und uns dann aus den Augen verloren. Ach du Schande! Nun habe ich ja mit der Frau meines Dienstkameraden Lutz....."

"Sag es ruhig," lachte Margit. "Geschlafen hast du mit mir. Und es war schön mit dir. Und es reut mich kein bisschen. Und ich hätte eben wieder Lust auf eine Fortsetzung!"

Sie schmiegte sich an ihn. Er aber rückte ein wenig von ihr ab, so weit es die engen Raumverhältnisse zuliessen. Sie merkte es. "Was ist Friedel? Reut es dich vielleicht plötzlich? Wäre es dir denn lieber, du hättest mit der Frau eines Wildfremden geschlafen?"

"Ehrlich gesagt: ja. Der Gedanke, ich hätte einem so guten Bekannten seine Frau verführt, der ist mir schon ein bisschen peinlich."

"Du Dummer du. Als ob dies einen Unterschied machen würde. ICH bin ja übrigens fremdgegangen, nicht du. Denn du bist ja niemandem Rechenschaft schuldig, weil da ja keine ist, der ich dich streitig machen würde. Mach dir keine schwereren Gedanken, als dies unbedingt nötig ist. Glaubst du denn, die anderen Klassenkameraden seien alle pflichtschuldigst und schnurstracks zu ihren Ehepartnern gefahren? So ein kleiner Flirt am Klassentreff ist doch üblich und fast obligatorisch. Lass den Motor an, fahr mich nach Hause und vergiss es."

Friedel tat mechanisch, wie ihm geheissen. "Musst mir aber noch sagen, wo du überhaupt wohnst. Wie soll ich dich denn nach Hause fahren?"

"Ach ja, das habe ich ja noch gar nicht erwähnt. In Immen wohne ich. Ist ja gleich um die Ecke. In einer halben Stunde hast du mich los. Bist du froh?"

Wieder stoppte Friedel den Wagen brüsk. Dann riss er die Frau an sich und überdeckte sie mit Küssen. "Nein, ich bin überhaupt nicht froh," keuchte er. "Ich möchte dich für ganz. Aber ich werde mich beherrschen müssen." Dann stiess er sie zurück, startete den Wagen wieder und sie fuhren ohne ein einziges weiteres Wort nach Immen.

Zwei Strassen vor ihrem Heim hiess Margit Friedel anhalten. Sie ordnete Haar und Kleider und stieg, als ob sie von einem Taxi heimgebracht worden wäre, aus. "Leb wohl Friedel. Es war schön mit dir. Davon kann und muss ich eine Weile leben, denn mein Lutz verwöhnt mich nicht in Sachen Liebe. Fahr jetzt nach Hause zu dir und schlaf dich aus. Vielleicht rufen wir uns mal an?"

Ohne eine Antwort abzuwarten ging sie schnellen Schrittes davon. Friedel wendete seinen Wagen und fuhr in den beginnenden Morgen.


Es war überhaupt nicht Friedels Art, so einfach über eine solche Sache hinwegzugehen, als ob sie nicht passiert wäre. Die nächste Woche konnte er sich im Geschäft gar nicht gut auf die Arbeit konzentrieren. Insgeheim hoffte er, das Abenteuer auf dem Berg würde langsam aus seinem Gedächtnis entschwinden, damit er sein schlechtes Gewissen wieder zum Auslüften an die Sonne hängen könnte. Aber es sollte nicht sein. Am Freitag abend, kaum war er nach Hause gekommen, läutete das Telefon. Lutz rief ihn an: "Hallo, alter Junge. Was hört man denn da? Immer wieder habe ich mich gefragt, was denn aus meinem Spezi aus der Rekrutenschule geworden sei und wo er denn wohne. Und nun stellt sich heraus, dass er nicht nur gleich um die Ecke wohnt, sondern noch ein Schulkamerad meiner Frau ist. Kannst dir ja vorstellen, wie ich gestaunt habe, als ich dies hörte. Nun aber ist es höchste Zeit, dass wir uns mal wieder treffen. Wie wäre es denn am Sonntag? Hast du schon verplant? Ach Quatsch, sogar wenn dem so wäre, müsstest du einfach absagen und zu uns kommen. Sag nichts, komm einfach auf Mittag zum Essen. Wir haben uns sicher eine Menge zu erzählen."

Friedel hätte die beste Lust gehabt, eine unverschiebbare Verabredung vorzugeben. Aber der Gedanke, Margit nach so kurzer Zeit wiederzusehen, liess ihn gar nicht eine solche Ausrede finden. Und ohne dass er richtig wusste wie ihm geschah, nahm Lutz an, Friedel habe zugesagt. Naja, dachte er, was konnte denn schon passieren? Mehr als das, was im Wald gelaufen war, konnte ja gar nicht geschehen.


Am Sonntag rasierte sich Friedel länger als gewohnt. Danach legte er sich noch für eine halbe Stunde ins Bad. Er schloss die Augen und die Ereignisse des vergangenen Wochenendes stiegen wie im Film nochmals vor ihm auf. Wie schön wäre das, phantasierte er vor sich hin, wenn jetzt Margit bei ihm in der Wanne liegen würde, nackt, und er würde ihre knackigen Brüste in seinen Händen spüren. Am liebsten hätte er weiter geträumt. Aber langsam wurde das Wasser kühler und er begann zu frösteln. Hastig wusch er sich fertig und liess das Wasser aus der Wanne gurgeln. Dann kleidete er sich an und machte mit dem Hund noch einen kurzen Gang dem am Waldrand plätschernden Bächlein entlang. Heute musste Dino zu Hause bleiben. Aber er versprach ihm, wenn er heimkomme, würde er ihm noch ein paar leckere Gutis verabreichen. Dino verstand. Er setzte mit einem Sprung auf das Sofa und drehte ein paar Runden um sich selber, bevor er mit einem wohligen Grunzen sich niederliess. Friedel aber setzte sich in den Wagen und fuhr nach Immen.


Er wurde empfangen, wie man eben einen alten Freund und Kampfgefährten empfängt. Kaum war sein Wagen in der Garageneinfahrt Beeringer eingefahren, kam ihm schon Lutz entgegen. Er schüttelte Friedel an den Schultern, dass ihm fast Hören und Sehen verging. Dann nahm er ihm beim Arm und zog ihn ins Haus. Schon im Korridor hörte Friedel das Brutzeln der Bratpfanne in der Küche. "Tu` nicht so scheu," lachte Lutz. "Komm, begrüsse deine alte Schulkameradin. Sie konnte es ja auch kaum erwarten, bis du kommst. Wenn sie schon so tat, als wäre dies eine alltägliche Angelegenheit," setzte er noch nach.
Die Küchentür öffnete sich und die beiden standen sich gegenüber. Ein unwissender Beobachter hätte meinen können, sie würden sich heute zum ersten Mal sehen. Fast wie scheu gaben sie sich die Hand. "Das darf doch nicht wahr sein," kicherte Lutz. "Man könnte wirklich meinen, ihr seid einander fremd. Ziert euch nicht und begrüsst euch, wie das unter alten Kumpels üblich ist. Na mach schon, Margit, gib dem Friedel einen Kuss."

Die beiden wurden nun tatsächlich noch rot im Gesicht, was Lutz mit einem prustenden Lachen quittierte. Dann aber hielt Margit ihre Wange hin und Friedel hauchte einen flüchtigen Kuss darauf. Mit einem Auge schielte er auf Lutz. Und als er sah, dass dieser gerade der Katze zusah, die sich auf dem Küchenfenstersims bemerkbar machte, biss er der heimlich Geliebten zärtlich ins Ohrläppchen. Sie revanchierte sich mit einem kurzen Griff an seine Männlichkeit. "Spinnst du," zischte Friedel. Und laut aber etwas gepresst sagte er: "Freut mich, dich schon wieder zu sehen, nachdem wir uns jahrelang aus den Augen verloren hatten. Hast du etwas Gutes in der Pfanne?"

"Rat` mal," antwortete Margit fröhlich. "Karnickel mit Nudeln. Dazu ein gemischter Salat, direkt aus unserem Garten. Und zum Dessert gibt`s zu deinen Ehren einen `Pudding alla Margerita`......"

"....der das Wackeln verlernt hat!" ergänzte Lutz. "Oder besser gesagt: der es immer noch nicht kann. Die Margit ist die einzige Frau im Dorf, deren Pudding gleichzeitig ein Gugelhupf ist. Oder nochmals anders gesagt: Sie versucht seit Jahren, seit ich sie kenne, einen Pudding hinzukriegen, der endlich ein wenig wackelt, wie es sich für einen Pudding geziemt!"

Friedel wusste nicht, sollte er lachen oder nicht. Das Gesicht von Lutz widersprach seiner zur Schau gestellten Lustigkeit. Und Margit schien der "Spass" auch nicht sonderlich zu gefallen. Ein verstohlener Blick zu ihrem Gast und ein kurzes Erheben der Augenbrauen gab ihm zu verstehen, dass es besser wäre, vom Thema abzukommen.

"Ihr wohnt aber hier gemütlich," überspielte Friedel die unangenehme Gesprächspause. "Muss schön sein, hier auf der Veranda in der Sonne zu liegen und zu faulenzen."

"Ja, wenn man es geniessen könnte," antwortete Lutz. "Leider sind wir aber nicht allzu oft zu Hause. Und wenn wir schon mal gemeinsam hier sind, dann klingelt ganz gewiss das Telefon und mein Chef verlangt mich. Ach ja, du weisst ja wahrscheinlich gar nicht, was ich beruflich so treibe. Also ich bin Vertreter in einer Futtermittelfirma. Daneben führen wir noch Dünger, Samen und noch so einige Dinge für die Landwirtschaft. Im Moment bin ich aber gerade auf dem Sprung, mich von dieser Firma zu lösen. Denn der Job ist zeitintensiv und schadet unserem Familienleben. Dazu kommt, dass ich mich einfach nicht für längere Zeit an ein und dasselbe Geschäft binden lassen will. Habe eben vor zwei Monaten einen Vertrag in einem anderen Unternehmen unterschrieben. Eine internationale Firma übrigens. Ich werde für einige Zeit nach Übersee müssen zur Ausbildung. Wenn ich zurückkomme, kann ich selber Vertreter ausbilden. Ja, mein jetziger Chef hat gar keine Freude an mir. Mein Posten wurde zwar ausgeschrieben. Aber Futtermittel an den Mann zu bringen scheint kein lukrativer Job zu sein. Oder alle in Frage kommenden Vertreter sind mit ihren Jobs so zufrieden, dass sie gar nicht wechseln wollen. Es haben sich zwar einige Leute gemeldet. Keiner wollte aber anbeissen. Und somit ist der Posten immer noch frei. Die Arbeit wird vorübergehend auf die anderen Vertreter aufgeteilt. Sag mal, was machst denn du eigentlich? Margit konnte mir ja keine erschöpfende Auskunft geben darüber. Habt wohl am Klassentreffen nicht viel miteinander geschwatzt."

Margit schielte verstohlen nach Friedel, welcher krampfhaft versuchte, nicht rot zu werden. "Ganz richtig geraten," antwortete er. "In einer solchen Runde schwatzt halt jeder mit jeder und keiner hört richtig zu. Aber um auf deine Frage zu antworten: Ich bin in einer Fabrik als Meister beschäftigt."

"Zufrieden mit dem Job?"

"Könnte besser sein," antwortete Friedel. "Da hockt mir ein Chef vor der Nase, der immer alles besser weiss und kann. Aber wenn man mal etwas will von ihm, dann stellt es sich heraus, dass überhaupt nichts dran ist an seiner grossen Schnauze. Verantwortung trage ich zwar jede Menge. Aber mit den Kompetenzen hapert es. Letzthin habe ich ihn an einer Sitzung gefragt, ob er denn eigentlich wisse, warum alle seine Meister mit hängender rechter Schulter herumlaufen."

"Komische Frage, was sollte sie?" platzte Lutz dazwischen.

"Eben das hat mein Chef auch gefragt. Darauf habe ich ihm erklärt, die rechte Schulter hänge bei allen seinen Subalternen runter, weil sie darauf die viele Verantwortung trügen, die er seinen Untergebenen aufbürde. Und es wäre eben seine Aufgabe, mit gelegentlichem Schulterklopfen auf die linke für Ausgleich zu sorgen. Das ist ihm aber in den falschen Hals geraten. Versteht überhaupt keinen Spass, der alte Griesgram."

"Wenn ich dich recht verstehe, bist du also an deinem Posten nicht eben glücklich?"

"Das kann man wohl so sagen," antwortete Friedel stirnrunzelnd. "Neulich hatten wir einen handfesten Krach, weil er an meinen Spesen, die er mir übrigens aufgezwungen hat zu machen, rum gemeckert hat. Da hat eine Kündigung pfunddick in der Luft gelegen. Aber ich bringe es halt nicht fertig, meine Leute einfach so im Stich zu lassen. Wir haben untereinander ein gutes, kollegiales Verhältnis, und wenn das alte Arschloch nicht wäre....."

"Stop. Ich habe eine grandiose Idee: Wie wäre es denn, wenn du es mit meinem jetzigen Job versuchen würdest? Da siehst du manchmal wochenlang keinen Chef, sondern bist dein eigener. Und der Verdienst ist garantiert um mindestens die Hälfte höher als dein jetziger. Wetten dass?"

Sie unterhielten sich eine Weile über Saläre in der Vertreterbranche. Friedel lief das Wasser im Munde zusammen, als er merkte, dass er sich tatsächlich für ein Butterbrot abrackerte. Und als sie einige Gläser Wein zum guten Sonntagsbraten intus hatten, war er bereit, sich für den frei gewordenen Job in Lutz` Firma zu melden.


Die Sache liess sich gut an. Herr Obrist senior war die Liebenswürdigkeit in Person. Friedels Bedenken, er sei ja gar noch nie auf dem Vertreterfach tätig gewesen, zerstreute er mit einem lauten meckernden Lachen und der Bemerkung, Herr Beeringer habe genauso wenig Wissen mitgebracht, als er damals den Job übernommen habe. Es sei doch selbstverständlich, dass man einem hoffnungsvollen Anwärter auf seine Nachfolge zumindest die gleiche Ausbildung werde angedeihen lassen. Ein paar Wochen im Stammbetrieb, dann einige Wochen mit einem versierten älteren Herrn Kollegen auf die Tour und schon habe man das nötige Rüstzeug beieinander. Da solle er sich keine Sorgen machen. Natürlich werde man ihm einen starken Wagen zur Verfügung stellen, den er auch in der Freizeit benutzen könne. Dazu gebe es soviel Spesenentschädigung, dass man sie gar nicht in Essen und Trinken umwandeln könnte. Er, der Herr Reist solle doch nur schauen, dass er so bald als möglich von der jetzigen Arbeitgeberfirma loskomme. Und falls er es auf eine fristlose Kündigung abgesehen habe, die man mit etwas Geschick auch ertricksen könne, (hahaha) dann übernehme er, der Herr Obrist persönlich die Garantie, dass man hier alle eventuellen finanziellen Nachteile, die Herrn Reist daraus erwachsen sollten, grosszügig tragen werde.

Dieser letzte Satz liess Friedel zwar etwas aufhorchen. Denn er dachte, wenn ein Arbeitgeber mit solchen Aufforderungen zum Vertragsbruch operiere, dann könnte er auch später mit der gleichen Cleverness ihn, den Friedel Reist abservieren, wenn dem Herrn Patron gerade der Sinn danach stünde. Aber der Gedanke, sobald als möglich vom alten Halunken Baumer loszukommen, war so verlockend, dass Friedel sich auf den Handel einliess.


Die Gelegenheit, einen Streit vom Zaun zu brechen, ergab sich schon bald. Als Baumer wieder einmal bei einer geringfügigen Fehlkalkulation von Friedel einen Tobsuchtsanfall bekam, konnte dieser sich auch nicht mehr beherrschen. Er schrie Baumer ins Gesicht, wenn jemand auf die Idee kommen würde, alleine die Fehlleistungen des Chefs auf die Waagschale zu legen, dann bräuchte man auf der anderen Waagschale die ganze Belegschaft, um die Waage ins Gleichgewicht zu bringen. Baumer bekam einen solch roten Kopf, dass jeder dachte, er würde in nächster Sekunde zerspringen. Aber diesen Gefallen tat er den Anwesenden nicht. Mit sich überschlagender Stimme brüllte er: "Reist, Sie sind fristlos entlassen. Auf der Stelle packen Sie Ihre Siebensachen und verschwinden aus meinem Blickwinkel. Den ausstehenden Lohn überweisen wir Ihnen. Aus meinen Augen, Sie nichtsnutziges Arschloch!"

Friedel versuchte gar nicht erst, seine Arbeitskraft schriftlich und eingeschrieben dem Unternehmen zur Verfügung zu stellen, wie er es an einem Kurs der Gewerkschaft gelernt hatte. Er brauchte eine knappe halbe Stunde, seinen Schreibtisch und den Kleiderkasten zu räumen und sich von den Kollegen zu verabschieden. Raschmöglichst trachtete er danach, das Fabrikareal zu verlassen. Denn er wollte nicht riskieren, dass Baumer ihn noch im letzten Moment zurückhalten würde. Schnurstracks begab er sich in den nahegelegenen Gasthof "Kreuz", wo er sich ein grosses Bier bestellte und allsogleich seinem neuen Chef telefonierte, man könne ab nächsten Monatsanfang mit ihm rechnen.



Der Autostopper


Friedel hatte heute einen besonders glücklichen Tag gehabt. Es war, als hätten seine Kunden bereits sehnlichst darauf gewartet, ihm ihre Bestellungen zu diktieren. Und was ihm überhaupt noch nie passiert war in seiner Karriere als Vertreter: Alle Kunden, die er ansteuerte, waren erstens zu Hause und hatten zweitens gerade Zeit, sich ihm zu widmen. So war es denn nicht verwunderlich, dass er im Wagen sang, als er im Schaffhauserzipfel der deutschen Grenze entgegen fuhr, in deren Nähe der für heute letzte Kunde auf ihn wartete. Dino, der ungewohnten Geräuschentwicklung seines Meisters ungewohnt, hob ab und zu seinen Kopf und betrachtete Friedel misstrauisch. Der würde doch nicht etwa zu spinnen anfangen? Und einen Sonnenstich hatte er heute gewiss nicht aufgelesen, denn dafür war die Sonne zu wenig am Himmel erschienen. Mit einem tiefen, resignierten Seufzer ergab sich Dino schliesslich seinem Schicksal und döste vor sich hin.


Einige Kilometer fehlten noch bis zur Grenze. Da gewahrte Friedel am Strassenrand eine merkwürdige Gestalt. Und vor dieser Gestalt, deren Geschlecht im Moment noch nicht zu erkennen war, stand ein riesiger Sack, auf die sich die Gestalt lehnte. Friedel fuhr langsamer. Die Gestalt richtete sich auf und hob den Daumen der einen Hand gen Himmel; das internationale Zeichen, dass da jemand mitgenommen werden wollte also.

Mittlerweile hatte sich Friedel auf etwa dreissig Meter der Gestalt genähert. Es war ein Mann. Auf dem Kopf hatte er einen riesigen Schlapphut, die Kleider waren so etwas wie eine zerschlissene Uniform und der Sack enthielt offenbar die Habseligkeiten des Mannes.
Friedel drückte den Sicherungsknopf der Zentralverriegelung der Türen nach unten. Dann fuhr er langsam auf die rechte Seite der Strasse und hielt direkt neben dem Manne an. Zuerst musterte er ihn ausgiebig. Der Mann versuchte, die Beifahrertüre zu öffnen, was aber nach der Sicherheitsaktion Friedels nicht möglich wurde. Offensichtlich enttäuscht zog sich der Mann zu seinem Sack zurück und schaute demonstrativ auf den nächsten sich nähernden Wagen, welcher jedoch mit unverminderter Geschwindigkeit an ihnen vorbei raste.

Friedel drückte auf den Betätigungsknopf des Beifahrerfensters. Gerade auf einen handbreiten Spalt liess er das Fenster in die Tiefe gleiten. Dann beugte er sich hinüber und suchte den Blick des Mannes, welcher seine Augen zwar für einen Moment ihm zuwandte, dann aber sofort wieder die Landstrasse beobachtete. Friedel liess das Fenster nun ganz in die Tiefen der Wagentür gleiten und stellte den Motor ab. "Hallo, wohin wollen Sie denn?" rief er dem Manne zu. Dieser richtete seine Augen nun zum Fragenden. Lange musterte er Friedel wortlos, so als ob er ihm immer noch nicht traue. Dann liess er seinen Sack los, zog den Hut ab und trat ans Fenster. "Nach Dutscheland möcht` ich, wenn möglich Sie fahren dort," antwortete er mit einer merkwürdig hohen Stimme. "Was haben Sie denn in Ihrem Sack?" fragte Friedel weiter.

"Alles was ich haben ist drin," antwortete der Mann.

Friedel blickte in die Augen des Mannes, die wie ein unergründlicher blauer Bergsee leuchteten. So konnten keine Augen leuchten, die einem Halunken gehörten, dachte Friedel. Er entriegelte die Türen und beugte sich nach rechts um zu öffnen. Der Mann trat vorsichtig einen Schritt zurück. Als die Türe offen stand, trat er wieder näher und beugte sich ins Wageninnere. "Kein Raucher und kein Trinker," konstatierte Friedels Nase, der etwas gegen solche Typen hatte, die seinen Nichtraucherwagen mit ihren üblen Düften füllten.

Dino hatte sich ganz unüblich nicht mit Bellen bemerkbar gemacht. Nun aber streckte er seine Schnauze dem Fremden entgegen und beschnupperte ihn. Dieser hielt ihm mit einem Lächeln, das ein lückenloses, kräftiges weisses Gebiss entblösste, einen Handrücken entgegen. Dino beschnupperte auch diesen und beleckte ihn zutraulich. "Test bestanden," dachte Friedel. Denn wenn Dino den Fremden als harmlosen Gesellen einstufte, dann konnte auch er ihm trauen. "Also wo genau wollen Sie denn hin?" fragte er nach. "Ich fahre zwar bis nahe zur Grenze. Aber hinüber will ich eigentlich nicht, denn ich habe dort nichts zu suchen. Warum wollen Sie denn nach Deutschland?"

"Ist lange Geschichte," antwortete der Fremde und seine Miene verfinsterte sich. "Ist lange Geschichte. Aber wenn mich mitnehmen, soweit möglich, ich erzählen Sie."

"Also, dann steigen Sie halt ein." Friedel machte eine einladende Gebärde und öffnete gleichzeitig mit dem unter dem Fahrersitz angebrachten Hebel den Kofferraum. "Legen Sie Ihren Sack hinten rein," sagte er und deutete mit dem Daumen nach hinten.

Der Mann tat wie ihm geheissen. Der Sack war so prall gefüllt, dass der Mann mehrmals nachdrücken musste, bis sich der Kofferraumdeckel wieder schliessen liess. Endlich hatte er es geschafft und konnte einsteigen. Friedel startete den Motor und fuhr los. "Nun erzählen Sie aber," forderte er den Fremden auf.

"Ich bin Rumanischer Matrose," fing der Mann zu erzählen an. "Als Sache mit Russland zu ende, ich auf See mit Schiff. Viele Monate und Jahre immer hin und her auf See. Als endlich wieder zu Hause, meine Papiere stimmen nicht mehr. Mich nicht mehr lassen an Land. Sagen, Papiere sind russisch. Ich verpasst, richtige zu kriegen. Zu spät. Frist abgelaufen. Muss wieder auf Schiff. Als in Genova Italia Ware ausladen, ich abgehauen. Sack in Wasser werfen und an Land schwimmen. Dann verstecken in Lagerhaus mit Bananen, Orangen und andere Früchte. Ich einige Tage nur Früchte in Magen stopfen. Dann immer in Nacht marschieren. Noch grosser Sack mit Früchte geklaut und essen ein paar Tage. Früchte kriegen fast nicht mehr in Magen. Dann auf Lastwagen geklettert, was in Richtung Schweiz fahren. Gehört auf Schiff, Schweiz ist humanes Land zu armes Schwein, was haben keine Heimat. An Grenze ich gut verstecken unter Säcke und Kisten. Glück, keine Kontrolle gemacht an Grenze. Dann am Abend aus dem Wagen geklettert. Nicht wissen wo. Gelesen: Ort Name Suhr. Ich Leute fragen nach Pfarrer. Kinder mir zeigen wo wohnen Pfarrer. Ich läuten. Kommen alte Frau, mich böse angeguckt, Herr Pfarrer gerufen. Pfarrer mich freundlich in Haus bitten. Sagen, in Stube warten. Ich viel Hunger und Durst. Seit zwei Tage nichts mehr gegessen und trinken. Denken, jetzt bekommen gut Essen und Trinken. Aber nicht Essen und Trinken kommen, aber Polizei, was haben Pfarrer gerufen. Mich in Gefängnis gesperren. Noch ein Tag ohne Essen und Trinken. Dann hinausgeworfen wann schwarze Nacht ohne Mond und gesagt, sofort über Grenze verschwinden, sonst wieder in Gefängnis aber lange. Dann wieder auf Lastwagen geklettert bei Tankstelle. Nun hier. Ist ganze Geschichte."

Friedel wusste nicht, ob er dem Manne glauben sollte, oder das Ganze als phantastisches Märchen abzutun sei. Seine linke Hand fuhr während dem Fahren suchend auf dem Hintersitz hin und her, wo er am Morgen noch seine "Notration" in einem Platiksack mitgenommen hatte. Endlich fand er ihn und zog ihn nach vorne. Die belegten Brote waren bereits ziemlich hart und die Butter dazwischen hatte sich dünn gemacht. Er reichte die beiden Brote dem Mann neben sich und suchte weiter. Auch die Kanne mit dem Kaffe liess sich finden. Als er sie dem Fremden reichte, liess dieser die Brote auf die Knie sinken und öffnete mit zitternden Händen den Drehverschluss. Ohne je abzusetzen sog der den Inhalt gierig in sich hinein, bis zum letzten Tropfen. Dann liess er die Flasche erschöpft zu seinen Füssen fallen. Er schloss die Augen und begann plötzlich am ganzen Körper zu zittern. Krampfhaft versuchte er, Friedel zu verbergen, dass ihm die Tränen wie ein Bach über das Gesicht liefen und auf dem geflickten Kittel verschwanden. Friedel scheute sich, offen nach rechts in das Gesicht des Mannes zu schauen. Er hatte selber Mühe, die Tränen zurückzuhalten.

So fuhren sie wortlos ein paar weitere Kilometer. Schliesslich hatte der Fremde sich wieder gefasst und ass nun die Brote bis zum letzten Krümel auf.

Kurz vor der Grenze bog Friedel in einen Waldweg ein, hielt an und stellte den Motor ab. "Hier sind wir genau richtig," sagte er zu dem Mann hin gewendet. "Wenn Sie sich hier verstecken bis zum Abend, können Sie mit etwas Glück über die grüne Grenze nach Deutschland einreisen. Nun sagen Sie mir aber noch, was Sie sich denn eigentlich von diesem Land erhoffen. Haben Sie denn Verwandte hier? Haben Sie Geld?"

Der Mann schaute ihn lange nachdenklich an. Dann sagte er fast flüsternd: "Nein, keine Verwandten und kein Geld. Aber habe gehört, wenn ich bis in grosse Stadt kommen, kann Asyl suchen und vielleicht kriegen Papiere. Bleibt mir nichts mehr Glaube, nur Hoffnung, dass finden andere gute Menschen wie Sie."

Friedel suchte in Gedanken verzweifelt nach einer Lösung. Aber nichts und kein Trost fiel ihm ein. So war denn seine einzige Möglichkeit zu helfen, seine Brieftasche zu zücken, und die paar Hunderter, die sich darin befanden und das ganze Kleingeld dem Mann stumm in die Hände zu drücken. Dieser machte halbherzig den Versuch, das Geld abzuwehren. Aber Friedel drückte des Mannes Finger fest um das Geld und deutete nach draussen, wo das Sonnenlicht langsam der Dämmerung wich. "Ich weiss nicht," sagte er mit einem Auge zwinkernd, "ob die Geschichte tatsächlich stimmt, die Sie mir erzählt haben. Aber sie ist zumindest so gut, dass sie mir dieses Geld wert ist. Gehen Sie in Frieden und finden Sie Ihr Glück in Deutschland. Ich werde wohl noch oft an Sie denken." Dann öffnete er mit dem Hebel unter seinem Sitz den Kofferraum. Der Fremde blieb noch einen Moment mit geschlossenen Augen vornüber gebeugt sitzen. Dann atmete er tief durch und drehte sich nach hinten, wo Dino bereits erwartungsvoll mit dem Schwanz wedelnd nach vorne blickte. "Du mir glauben. Du nicht Mensch mit klugem Gehirn. Du einfach glauben und wissen. Guter Mensch Hund." Er streichelte dem Hund über das Fell, was Dino mit einem leisen Winseln beantwortete. Dann streckte der Fremde seine Rechte Friedel entgegen, drückte seine Hand und sagte: "Vielen herzlichen Dank, Herr Schweizermann," stieg aus, ging nach hinten, nahm mit einem Stöhnen den Sack und den Hut aus dem Kofferraum, setzte letzteren umständlich auf seinen Kopf und ging mit langen, müden Schritten der Grenze entgegen.

Friedel wartete noch, bis er ihn nicht mehr sah. Dann startete er den Motor und wendete den Wagen. "Dieser verfluchte Pfarrer.....," zischte er vor sich hin. Dann kam ihm in den Sinn, dass ja erstens die Geschichte des Autostoppers gar noch nicht bewiesen sei und zweitens noch ein Kunde auf ihn wartete.



Der Rüfigeist


Nicht etwa, dass Friedel durch seine negativen Erfahrungen mit Freundin und seinen Vorgesetzten ein Menschenverächter geworden, oder jedem menschlichen Wesen um jeden Preis aus dem Wege gegangen wäre, wenn er die Gelegenheit dazu bekam. Es war einfach so, dass er hin und wieder nach einer stressigen Woche ganz gern allein war. Dann packte er seinen Rucksack, schlüpfte in die Bergschuhe und die Wanderhose, griff sich einen seiner Bergstöcke und zog los. Logisch, dass dann aber sein Hund Dino jedesmal dabei war.

An diesem einen Wochenende, von dem hier die Rede sein soll, hatte er sich vorgenommen, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Stechelberg zu fahren und von dort aus auf Schusters Rappen den Wegweisern und seiner Nase folgend, auf dem Bergweg Kandersteg zu erreichen.

Das Wetter war für eine mittel leichte Bergwanderung ideal, nicht zu heiss, aber auch nicht regnerisch. Er kam zügig voran. Das einzige was ihn störte, das waren die vielen Leute, die laut schwatzend und rauchend die Wanderwege füllten. In der Gegend des Hohtürli beschloss er deshalb, den Weg zu verlassen und sich seinen eigenen zwischen Geröll und Krüppelstauden zu suchen.

In Gedanken versunken kam er an ein breites Geröllfeld. Einen Moment stockten seine Schritte. Er wusste aus Erfahrung, dass solche Geröllfelder eine gewisse Gefahr in sich bergen. Schon mehr als einmal war er auf seinen Touren auf diesem lockeren Zeugs ausgeglitten und es war eigentlich ein Wunder, dass er noch jedesmal mit einigermassen heilen Knochen nach Hause kam.

Nach kurzem Zögern besah er sich die Gegend etwas genauer. Vor ihm lag eine Strecke von einigen hundert Metern steil abfallender Steinöde. Etwa hundert Meter unterhalb aber wurde das Geröllfeld etwas flacher. Er kraxelte also nach unten und wollte eben die Überquerung in Angriff nehmen, als er hinter sich Hundegebell und Schimpfen hörte. Missmutig drehte er sich um. Wollte da etwa noch jemand mit Hund die Geröllhalde überqueren? Und merkwürdig war, dass Dino, der doch sonst keinen Hund auch nur von weitem sehen oder hören konnte, ohne ihn an zu bellen, heute überhaupt keinen einzigen Laut von sich gab, sondern sich sogar mit gesträubten Haaren zwischen die Beine seines Meisters verkriechen wollte.
Was Friedel sah, das erstaunte ihn einigermassen: Der nachfolgende Hund entpuppte sich als ein Riesenexemplar von Sennenhund. Sein menschlicher Begleiter aber war ein altes, verhutzeltes Männchen. Was aber am seltsamsten berührte, das war die altertümliche Aufmachung des Männchens. Sein Bart war eingeklemmt in einen steifen Kittelkragen und die Knickerbockerhose mochte um die Jahrhundertwende noch gerade in Mode gewesen sein. Der Rucksack war aus abgewetztem Leder. Darauf hatte der Mann Steigeisen und Seile gepackt.

Erst jetzt merkte Friedel, dass der Mann nicht etwa mit seinem Hund schimpfte, sondern mit ihm. Von Büchsen und sonstigem Unrat sprach er, die Friedel bei seiner Rast eben vorhin hätte liegen lassen. Seine Einwände, er hätte ja gar keine Rast gemacht, sondern sei eben von dort oben herunter gestiegen, schien das Hutzelmännchen gar nicht zur Kenntnis zu nehmen, sondern forderte ihn immer wieder auf, ihm zu folgen und seinen Dreck aufzuräumen. Dem Frieden zuliebe ging Friedel also hinter ihm her. Er führte ihn und Dino hinter einen grossen Felsbrocken und zeigte auf den Boden. Aber Friedel konnte beim besten Willen keine Abfälle sehen, ausgenommen, man hätte den dicken, alten Kuhfladen, der dort lag, als solchen bezeichnen wollen.

Friedel schaute dem Mann fragend in das Gesicht. Der aber schien zufriedener zu sein als vorher. Jedenfalls leuchtete sein Gesicht und seine Augen schauten Friedel und Dino warm an. Der grosse Hund legte sich auf Friedels Füsse. Dieser streichelte ihn und wollte ihn sanft weg weisen. Er aber machte keine Anstalten, seinen eben gewählten Liegeplatz zu verlassen, sondern schmiegte sich eng an des Fremden Beine. In diesem Moment hörte Friedel hinter sich ein dumpfes Dröhnen. Er schaute sich um, konnte aber ausser einer Staubwolke nichts entdecken, da der Felsbrocken ihm die Sicht versperrte. Der Koloss von Hund machte weiterhin keine Anzeichen, dass er den Mann freigeben wolle, sondern begann sogar zu knurren, als dieser ihn etwas unsanft wegjagen wollte.

Erst als das Rumpeln und Dröhnen verebbt war, ging der Hund gemächlich zu seinem Meister, und wurde von diesem leise gelobt. Er jaulte fast weinend und leckte seinem Meister die Hand.

Vom Gewicht des Hundes befreit, konnte Friedel sich endlich um den Fels herum bewegen, um sich das Geschehene vor Augen zu führen. Von Sehen war allerdings keine Rede, denn eine dicke Staubwolke machte die Sicht auf das Geröllfeld unmöglich. Erst nach Minuten legte sich diese. Vom Wanderweg, der sich weiter unten durch das Geröll geschlängelt hatte, war nichts mehr zu sehen. Grosse Stücke waren bis zum Felsklotz gerollt, hinter dem sich Friedel mit dem Bergler und den Hunden befunden hatte.

Erst jetzt wurde ihm richtig bewusst, in welcher Gefahr sie sich befunden hatten. Seine Beine wurden schwer und eine Last legte sich auf seine Brust. Langsam kam ihm aber auch zu Bewusstsein, dass er vermutlich sein Leben dem Männchen zu verdanken hatte, dem er nur widerstrebend gefolgt war. Er drehte sich um, um zu danken. Aber Mann und Hund waren verschwunden. Unschlüssig ging Friedel ein paar Schritte zurück. Aber wo er auch hinschaute, kein Mann und kein grosser Hund waren zu sehen. Die einzigen Lebewesen die er sah, ausser ihm selber und Dino, waren eine Gemsmutter und ihr Junges, die sich in etwa hundert Metern von ihnen entfernt gemächlich dem Berg zu bewegten.

Friedel formte seine Hände zu einem Trichter und rief in alle Windrichtungen. Aber nur das Echo schallte schauerlich und vielfältig zurück. Die Gemsmutter hielt in ihrem Gang inne und schaute zurück. Dann schüttelte sie ihr Haupt und setzte ihre Wanderung fort. Das Junge folgte ihr brav.

Friedel merkte, wie sich ihm die Haare sträubten. Auf den Armen sah er eine Gänsehaut sich bilden. Rasch setzte er seine Wanderung nun fort, denn er wollte noch vor der Dämmerung in Kandersteg sein. Das Geröllfeld überquerte er zwar mit einigem Unbehagen, aber in der Hoffnung, es werde sich ja nicht zweimal hintereinander eine Rüfe lösen. Dino hüpfte vergnügt von Felsklumpen zu Felsklumpen und schien überhaupt nicht beeindruckt worden zu sein von dem eben Erlebten.

In der Nähe eines Stadels sah Friedel einen Sennen mit seiner Frau beim Heuen. Als er in ihre Nähe kam, hielten sie in ihrer Arbeit inne und beguckten die Ankömmlinge, als sähen sie Wesen aus einer anderen Welt. Da erst merkte Friedel, dass er am ganzen Körper und an der Kleidung mit einer dicken Staubschicht bedeckt war. Der Schweiss hatte richtige Bachgräblein in sein Gesicht geschnitten.

Er fragte die beiden Bergler, ob er sich irgendwo waschen könne. Der Mann deutete stumm mit dem Gabelstiel nach dem Stadel, wo ein Brunnen stand. Friedel klopfte zuerst den Staub von der Kleidung und wusch sich dann im Wasserstrahl das Gesicht. Die beiden Leute waren ihnen langsam gefolgt. Der Mann fragte, ob Friedel etwa in die Rüfe gekommen sei. Dieser erzählte seine Geschichte. Die beiden Gestalten schauten einander mit offenen Mündern an und der Frau entfielen die Worte: "Jesses, der Rüfigeist!"

Natürlich wollte Friedel nun wissen, was es mit diesem "Rüfigeist" denn auf sich habe. Sie erzählten, vor Jahrzehnten sei ein Bergführer aus Stechelberg mit einer Gruppe Touristen in der Gegend auf einer Tour gewesen. Da ein Gewitter sie überrascht habe, sei der Bergführer wohl etwas unvorsichtig gewesen und habe ein Geröllfeld überqueren wollen, das ringsum als gefährlich bekannt gewesen sei. Da habe sich eine Rüfe gelöst und die ganze Gruppe sei zu Tale gerissen und eine Frau und ein Kind seien erschlagen worden. Vom Bergführer und seinem Hund habe man nur noch einen Schuh und ein Seil gefunden. Alles Suchen habe nichts gebracht. Nun höre man hin und wieder von Berggängern, die allein auf Tour seien, sie hätten den Mann gesehen und er habe sie vor unbekannten Gefahren gewarnt.

Friedel dankte den beiden Berglern und wanderte nachdenklich seinem Tagesziel entgegen, das er kurz nach Anbruch der Dunkelheit tatsächlich noch erreichte.



Silvia


Kurz nachdem Friedel damals den Besuch bei Margit und Lutz absolviert hatte und nun seine paar Wochen Ferienguthaben der Knall auf Fall gekündigten Stellung einzog, kam ein Anruf von Margit. Lutz sei im Ausland und sie fühle sich einsam. Ob Friedel nicht Zeit und Lust hätte.....? Und ob er Zeit und Lust hatte! Zwar hatte er sich seit dem Besuch immer wieder Vorwürfe gemacht, weil er sich in die Lage seines ehemaligen Dienstkameraden versetzen konnte. Schliesslich hätte er es auch nicht gerne gehabt, wenn da einer gekommen wäre und ihm Hörner aufgesetzt hätte. Dabei wurde er sich zum ersten Mal wo richtig bewusst, was da so alles auf einen Verheirateten zukommen konnte. Da brachte einer also jeden Monat getreulich seinen Lohn nach Hause, den er der lieben Frau aushändigte, die damit das Tägliche Brot einkaufte und die laufenden Rechnungen beglich. Aber was trieben denn diese Ehefrauen eigentlich den ganzen Tag, wenn sie nicht arbeiten gingen oder ein Rudel Kinder hatten? Wie schnell konnte da eine auf den Gedanken kommen, sich einen oder mehrere Liebhaber anzulachen und mit diesem oder jenem ins Bett zu hüpfen! Nein; der Gedanke, sich zu verheiraten, war nicht eben verlockend. Dann doch noch lieber zu der Gattung gehören, die zu eben diesen frustrierten und unterbeschäftigten Ehefrauen ins Bett hüpften!

So war es für Margit also relativ leicht, Friedel zu einem Kurzbesuch bei sich zu überreden. Und zwar sollte es möglichst rasch sein, denn man müsse doch die Zeit nutzen, wenn Lutz sicher nicht in die Quere kommen könne, sagte Margit noch kichernd am Telefon. Wie wäre es denn mit Samstag nachmittag? Friedel hatte nichts vor für diesen Tag. Also sagte er herzklopfend zu.

Vorsichtshalber stellte er seinen Wagen am gleichen Ort ab, an dem er damals nach dem Klassentreffen Margit hatte aussteigen lassen. Den Rest des Weges nahm er zu Fuss. Dann schlenderte er wie ein Passant, der eben seinen täglichen Spaziergang machte, den Gärten entlang, die in so schöner Vielfalt die Einfamilienhäuserreihe lieblich zierten. Als er beim Haus von Lutz und Margit anlangte, schielte er, ohne den Kopf zu wenden, nach links und rechts. Gottlob, ausser einem älteren Ehepaar, das eben beim Rasen mähen war, war kein Mensch zu sehen. Also flugs das Gartentor öffnen und im Birnenspalier verschwinden, das den Gartenweg bis zum Hauseingang säumte.

Er brauchte nicht mal zu klingeln, denn die Haustüre öffnete sich wie von selbst und Margit zog ihn mit aller Kraft in den Flur, wo sie sich ihm an den Hals warf, als ob er ihr lang ersehnter Verlobter gewesen wäre. Im ganzen Haus roch es nach Kuchen und Kaffee. Aber die beiden Verliebten hatten keine Zeit, dem reich gedeckten Tisch einen Besuch abzustatten, denn als sie sich ausgiebig abgeknutscht hatten, zog Margit Friedel ohne Umschweife ins Schlafzimmer, wo sie sich blind vor Leidenschaft die Kleider vom Leibe rissen. Sie sanken auf die Betten und in den nächsten zwei Stunden vergassen sie alles um sich herum.

Als sie ermattet und vor Erschöpfung am ganzen Leibe verschwitzt nebeneinander lagen, ging Friedel blitzartig eine Frage durch das eben noch total blockierte Hirn und er fragte leise: "Nimmst du eigentlich die Pille?"
"Deine Frage kommt reichlich spät," antwortete Margit lachend. "Aber du kannst beruhigt sein. Natürlich nehme ich die. Wenn ich auch, als Lutz zu seinem Auslandaufenthalt flog, mir die Frage stellte, für was denn eigentlich das noch nützlich sein solle. Aber, wie du ja jetzt selber erlebt hast, war es doch zu etwas nütze. Nur wäre es vielleicht gut, wenn ihr Männer euch auch ein bisschen um diese Fragen bekümmern würdet. Und zwar nicht erst, nachdem ihr eure Freudchen bereits gehabt habt und das Hirn wieder einigermassen normal zu arbeiten beginnt!"

Sie lagen sich noch eine Weile still in den Armen. Dann befreite sich Margit langsam und setzte sich auf den Bettrand. "Magst jetzt den Kuchen und den Kaffee, die ich bereits auf dem Tisch hatte, als du kamst?" Sie ging um die Betten herum und stand so wie Gott sie geschaffen hatte, vor Friedel. Sie nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und führte ihn an ihre Oberschenkel, genau dort, wo ihre wohlgeformten Beine angewachsen waren. "Wie riecht`s?" fragte sie kichernd. Friedel knurrte wie ein Wolf und biss in das Büschel Haare, das ihn so verlockend an der Nase kitzelte. "Komm doch nochmals zu mir", bettelte er. Aber sie entzog sich ihm und schlüpfte flugs in ihren Morgenrock. "Zieh dich jetzt bitte an. Es gibt Kaffee und damit du wieder zu Kräften kommst, habe ich einen leckeren Eierkuchen gebacken. Mit vielen, vielen Eiern, du wirst sie brauchen können. Glaub ja nicht, du hättest deine Schiesspflicht schon erfüllt," fügte sie mit einem neckischen Augenaufschlag noch hinzu. Dann verschwand sie und begab sich nach unten, wo Friedel sie singen und pfeifen hörte, als er sich ebenfalls ankleidete.


Sie waren wirklich heisshungrig geworden. Der Kuchen verschwand fast blitzartig in ihren Mägen und wurde mit Kaffee eingeschwemmt. Dann räumten sie gemeinsam das Geschirr in die Küche und spülten es auch sogleich. Das heisst, Margit spülte und Friedel trocknete ab. Nach jeder Tasse oder Teller gab er ihr einen zärtlichen Kuss in den Nacken oder umfasste schnell ihre Brüste. Das Waschbecken war noch nicht ausgetrocknet, da hatte sich in ihnen bereits wieder eine solche Begierde aufgebaut, dass sie nicht Zeit fanden, nach oben ins Bett zu gehen. Friedel fasste Margit unter die Arme und setzte sie mit einem kräftigen Ruck auf den Küchentisch. "Das ist mir aber zu hart hier!" lachte Margit und wollte flugs wieder runter vom Tisch.

"Bleib wo du bist," flüsterte Friedel. "Zieh doch den Morgenrock aus und roll` ihn zu einem Kissen zusammen, das wir dir unter den Kopf schieben, damit du wenigstens ihn weich legen kannst." Er half ihr dabei und rollte den Morgenrock in Windeseile zusammen. "Ja, jetzt geht es besser," kicherte Margit. "Aber du bist ungerecht, denn du stehst ja noch in voller Montur da und begaffst meine Nacktheit, wie man ein seltenes Tier im Zoo betrachtet."

Friedel begriff und im Nu war auch er wieder nackt.


Sie merkten nicht, wie die Balkontüre sich langsam öffnete und eine junge Zuschauerin sich auf die Schwelle niedersetzte. Erst als sie endlich ermattet ihre Spielerei aufgaben und Friedel seine Geliebte wie ein kleines Kind ins Bett tragen wollte, gewahrten sie, dass sie offenbar schon die längste Zeit beobachtet worden waren. Erschrocken liess Friedel Margit zu Boden sinken und zwar so schnell, dass sie auf den Hintern zu sitzen kam. Das Mädchen auf der Schwelle lachte lauthals. "Braucht euch nicht zu erschrecken oder verstecken," sagte sie. Falls ihr meint, ihr hättet mir da etwas Neues geboten, irrt ihr euch aber gewaltig. Aber wenn ihr erlaubt, möchte ich auch noch ein wenig teilhaben an eurem Glück. Es wäre unfair, mich aufzugeilen und dann einfach wieder von alleine abkühlen zu lassen!"

Sie stand auf und ging schnurstracks auf Friedel zu. "Was die Margit kann, das kann ich schon lange. Also, wie steht es?"

Friedel hätte ihr am liebsten ein paar runter gehauen, so wütend wurde er beim Gerede des Mädchens. Aber er wurde sich noch rechtzeitig bewusst, dass eine solche Aktion Margit gefährden könnte. Er selber konnte ja schliesslich wieder von der Bildfläche verschwinden. Niemand würde zu wissen bekommen, wer der "Gast" im Hause Beeringer gewesen war. Wenn das Mädchen aber ausplauderte, was es gesehen hatte, würde es um Margit geschehen sein. Diplomatie war also angesagt. Friedel lachte etwas gequält und ging auf das Junge Ding zu. Er stand in voller Männlichkeit vor ihr und sagte: "Wie`s steht, hast du gefragt? Also, wie du dich selber überzeugen kannst, im Moment überhaupt nicht!" Dann nahm er die Fremde an beiden Schultern und drehte sie Richtung Veranda. Er schob sie langsam aber zielbewusst zur Türe hinaus. Draussen zischte er: "Lass dir ja nicht einfallen, irgendwem irgendetwas vom Gesehenen zu erzählen, sonst kriegst du es mit mir zu tun!" Dann gab er dem Mädchen einen Schubs, drehte sich um und verschwand durch die Türe, die er schnell hinter sich zuschloss. "Das wäre geschafft," sagte er zu der immer noch auf dem Küchenboden sitzenden Margit. "Sag` mal, wer ist dieses reizende Geschöpf, das einen lustigen Dreier inszenieren wollte?"

"Das ist unsere Nachbarstochter, die Silvia. Wir sind so gut befreundet, dass sie bei uns ein- und ausgeht, als gehöre sie zu uns. Ihre Mutter hat sie alleine aufgezogen. Ihr Vater hat sich aus dem Staube gemacht, als er sah, dass Kinder haben um einiges anstrengender ist als sie aufzustellen. Irgendwie werde ich ihr schon plausibel, machen können, sie solle Lutz nichts erzählen von unserem......."

"Glaubst du wirklich, das junge Ding könne den Schnabel halten?" fragte Lutz zweifelnd.

"Nun, sooo jung ist die Silvi nun auch nicht mehr. Sie ist immerhin auch schon sechsundzwanzig......."

"Ach wirklich? Das hätte ich dem Balg allerdings nicht gegeben. Ich glaubte, was uns da bei der schönsten Arbeit störe, das wäre ein Teenager, höchsten so um die neunzehn. Da muss ich mich bei ihr ja fast entschuldigen, dass ich sie so unsanft hinweg befördert habe"

"Ach was, entschuldigen. Das war denn nun wirklich eine Frechheit sondergleichen, einfach so hereinzuschneien. Wenn sie ein bisschen mehr Anstand gelernt hätte, dann hätte sie sich stillschweigend dünne gemacht, als sie sah, was da auf dem Küchentisch vor sich geht. Aber im Moment ist sie schon ein wenig schwierig. Vor ein paar Wochen hat sie ihrem Lover den Laufpass gegeben, weil er ihr angeblich zu jung war mit seinen siebenundzwanzig Jahren. Ich kann schon verstehen, dass sie im Moment Entzugserscheinungen hat in Sachen Liebe. Die braucht sie aber nicht unbedingt gerade bei uns oder dir zu kompensieren. Nimm dich also in acht vor ihr. Ich werde zwar versuchen, ihr den Kopf zurechtzurücken. Ob ich ihr aber plausibel machen kann, sie solle die Finger von dir lassen, das will ich nicht versprechen. Ich muss immerhin auf der Hut sein, sonst lässt sie aus Verärgerung vielleicht doch noch ein dummes Wort über die Lippen, wenn Lutz wieder daheim ist."


Die Lust auf eine Fortsetzung ihrer Liebeslektion war ihnen vergangen. Es wollte keine rechte Stimmung mehr aufkommen zwischen ihnen. Und als Friedel zum xten Mal auf die Uhr schaute, raunzte Margit: "Ich sehe schon, dich halten keine zehn Pferde mehr bei mir. Dabei wollte ich uns ein gutes Nachtessen zubereiten. Und nachher wollte ich mich eigentlich darauf freuen, in deinen Armen die ganze Nacht selig zu schlafen. Aber das liegt wohl nun nicht mehr drin, was?"

"Entschuldige, Liebes," erwiderte Friedel. "Im Moment ist mir die Lust darauf tatsächlich vergangen. Das kleine Biest hat sie mir nachhaltig vermiest. Ich zweifle übrigens, dass du eitel Freude hättest, wenn ich bei dir übernachten würde, denn ich bin es gewohnt, auf dem Bauch einzuschlafen......."

"Naja; solange du nicht gerade auf zwei Bäuchen einschläfst.........." fiel ihm Margit ins Wort.

"Nun ja", lachte Friedel, "dafür, dass ich nicht einschlafen würde, solange ich mich auf zwei Bäuchen befinde, würdest du doch wohl schon besorgt sein, oder? Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Lutz ist ja noch lange weg und es folgen noch einige Nächte, in denen wir uns für heute schadlos halten können, oder ?"

Statt einer Antwort ging Margit auf ihn zu, nahm ihn bei der Hand und zog ihn in den Korridor. Sie zog die Küchentüre hinter sich zu und sagte: "Man kann ja nie wissen, ob die Silvi etwa noch hinter dem Haus im Gebüsch lauert und uns beobachtet. Also gut; ich lasse dich jetzt laufen. Aber du musst mir versprechen, dass unser heutiges Erlebnis nicht das letzte war. Versprochen?"

Sie umschlang ihn mit ihren Armen und begann zu schmusen wie eine junge Katze. Friedel merkte, wenn er sich nicht augenblicklich los riss, landeten sie über kurz oder lang wieder im Bett und er würde die Nacht doch hier verbringen. Er riss sich aus ihren Armen und sagte: "Versprochen also. Vielleicht kommst du ja nächstes Mal zu mir. Ich hole dich gerne mit dem Wagen ab. Hier fühle ich mich nicht mehr so sicher. Und mein kleiner Freund hat das nicht gerne. Da versagt er mir gerne mal die Gefolgschaft, wenn nicht alles stimmt ringsum."

Margit lachte lauthals. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und gab ihm nochmals einen herzlichen Kuss. Friedel schlüpfte in seine Weste und verschwand im Halbdunkel der Nacht, die sich inzwischen in die Häuserreihen geschlichen hatte. Sie unterliessen es wohlweislich, draussen Licht zu machen. Schliesslich brauchte niemand den Besucher zu sehen, der das Haus verliess. Margit schloss schnell die Türe und begab sich ins Bad. Friedel aber schlich sich leise davon zu seinem Wagen, der auf ihn wartete. Er gewahrte den Schatten nicht, der ihm in sicherer Entfernung folgte. Und als er davonfuhr, merkte er nicht, dass da eben jemand seine Wagennummer notierte.


Die nächsten paar Tage verliefen recht mühsam. Friedel konnte sich manchmal nicht mehr auf seine Arbeit konzentrieren, weil seine Gedanken bei seiner Geliebten waren. Seine Gefühle waren recht zwiespältig. Einerseits zog es ihn mit aller Macht nach Immen. Andererseits war er sich absolut bewusst, dass er sich auf einem gefährlichen Geleise befand. Was, wenn Silvia nicht dichthalten würde? Was, wenn sie sich einen Vorteil ausrechnen würde bei Lutz, dem sie offenbar bereits früher schöne Augen gemacht hatte? Und drittens war er sich ebenfalls im klaren, dass es mehr die Triebe waren und nicht echte Liebe, die ihn zu Margit zogen. Die beste Lösung, so dachte er, wäre wohl, wenn er sich in eine Wildfremde verlieben würde. Das würde ihn von Margit ablenken. Diese noch Unbekannte müsste es allerdings faustdick hinter den Ohren haben, wenn sie seine Gespielin in Immen ausstechen wollte. Denn was ihm diese bis jetzt im Bett und anderswo geboten hatte, das müsste eine Konkurrentin wohl erst noch lernen, dachte er.


Als er am Mittwoch abend so gegen acht von der Wirtschaft, in der er sich noch mit Kollegen zu einem Glas Bier hingesetzt hatte, heimkam, wartete auf der Treppe zu seiner Wohnung eine junge Frau. Im Halbdunkel des Flurs konnte er erst gar nicht erkennen, wer es war und dachte deshalb, die Besucherin warte auf jemand anders. Mit einem kurzen "guten Abend" wollte er an ihr vorbei die Treppe hinaufsteigen. Da erhob sich die Frauengestalt und trat ihm in den Weg. "Na mein kleiner Schwerenöter", begrüsste sie ihn kichernd, "willst mich wohl nicht kennen, was?"

Erst jetzt realisierte Friedel mit nicht geringem Erschrecken, dass die Besucherin Silvia war. Sein "Hallo" klang nicht eben begeistert. Und er wusste im Moment beim besten Willen nicht, wie er sich verhalten sollte. Was wollte das Mädchen denn von ihm? Er schaute sich im Treppenhaus um, ob da wohl jemand wäre, der oder die sie beobachteten. Es war glücklicherweise niemand zu sehen oder zu hören. "Wen suchst Du denn hier?" fragte er etwas ungeschickt.

"Tu doch nicht so, als ob du dir das nicht selber denken könntest," erwiderte sie. "Zu dir will ich natürlich. Seit über einer Stunde warte ich hier auf dich. Zuerst habe ich an die fünf Minuten geklingelt und glaubte, du wollest einfach nicht aufmachen. Konnte ja nicht ahnen, dass du dich so spät noch in Beizen herumtreibst. Keine Widerrede," unterbrach sie seine zu einem Protest ansetzende Rede, "Das kann man ja auf einen Meter Distanz riechen, dass du dir eben einige Bierchen genehmigt hast. Aber das geht mich ja natürlich überhaupt nichts an, bin ja nicht deine Ehefrau."

"Wie recht du da hast", raunzte Friedel, "das einzige Vernünftige, das du bis jetzt aus deinem hübschen Mündchen herausgelassen hast. Hast du noch weitere solcher Weisheiten auf Lager?"

"Kannst du gerne zu wissen kriegen," antwortete sie lachend. "Aber muss das denn gerade hier auf der Treppe stattfinden? Könntest du nicht ein bisschen galanter sein und mich hinauf bitten? Ich werde dich schon nicht anknabbern."

Unschlüssig blieb Friedel einen Moment vor ihr stehen. Dann hatte er sich überlegt, dass es wohl wirklich gescheiter wäre, wenn er Silvia mit hinauf nähme, als sich mit ihr hier zur Schau zu stellen, wo jeden Moment jemand hereinschneien konnte. "Also dann komm halt in Gottesnamen," seufzte er und ging voraus, um die Türe zu öffnen. "Aber lange kannst du nicht bleiben. Ich muss noch zum Musikverein," log er, ohne rot zu werden.

Dem Gesichtsausdruck nach zu schliessen, den Silvia nun zeigte, musste diese Bemerkung gegen ihre gemachte Rechnung verstossen. Eine Minute lang schien eine Spannung im Raume zu liegen, dass man die berühmte Stecknadel hätte herunterfallen hören. Es war aber keine Stecknadel, sondern der Unterkiefer von Silvia, der hörbar nach unten klappte und wieder in die Anfangsstellung zurückging. Nun hatte sie sich wieder aufgefangen und die paar Augenblicke hatten genügt, ihre Strategie der neuen Situation anzupassen.

"Schön", sagte sie ganz gelassen, "dann kann ich ja wieder gehen. Aber eigentlich würde die Zeit, die bleibt bis du gehen musst, reichen, um mir einen Kaffe anzubieten, oder?"

Unschlüssig stand Friedel in seiner Stube, die gleichzeitig als Küche diente. In einer Ecke des Raumes war eine Nische eingebaut, durch einen gezogenen Vorhang abgegrenzt, hinter dem sich ein Zweiplattenrechaud, eine Spüle und ein kleiner Kühlschrank befanden. Es wäre ja auffallend unhöflich, dachte er, wenn er seine junge Besucherin einfach so mir nichts dir nichts auf die Strasse stellen würde. Aber so leicht gab er sich nicht geschlagen. "Wie du ja soeben messerscharf konstatiert hast, komme ich geradewegs aus einer Wirtschaft. Neben dem von dir erwähnten Bierchen habe ich auch meinen abendlichen Kaffee zu mir genommen. Mein Programm wäre also von dieser Seite her gesehen......"

"Keine Bange", lachte Silvia, "du brauchst dich nicht zu überanstrengen. Den Kaffee mache ich mir ganz gerne selber. Wenn du mich nur machen lässt."

Sie drückte sich an ihm vorbei und begann, im Regal nach Kaffeepulver zu suchen. Friedel machte keine Anstalten, ihr dabei zu helfen. Aber dem Spürsinn einer Frau entgeht nichts, wenn sie sich mal etwas in das hübsche Köpfchen gesetzt hat. Eine Kaffeemaschine liess sich zwar nicht finden. Das war kein Wunder, denn Friedel besass gar keine. Aber im Nu hatte sie in einer Pfanne Wasser aufgesetzt, zwei Tassen mit Untertellern bereitgestellt, in die sie Schnellkaffeepulver gab, und den Zucker und die Milch liessen sich ohne Mühe ebenfalls auftreiben.

Friedel stand wie einer daneben, dem eben die besten Felle davon geschwommen waren. Er setzte sich auf das Sofa und tauschte seine Schuhe gegen die Pantoffeln. Dann schaute er Silvia zu, die mit aufreizend eleganten Bewegungen in der Kochnische hantierte. "Nicht schlecht, diese Figur" dachte er bei sich. "Und flink scheint das kleine Biest auch noch zu sein. Wie die wohl im Bett.....?"

Er zwang sich, den Gedanken nicht zu ende zu denken. Aber er konnte nicht verhindern, dass sein Herzschlag plötzlich eine schnellere Gangart einschlug. Er schüttelte den Kopf und drehte ihn heftig zum Fenster, um sich abzulenken.

Der Kaffee war bereit und stand auf dem Stubentischchen. Silvia hatte beide Tassen hingestellt. Sie dampften einladend. "Brauchst dich nicht herzubemühen," sagte sie in aufreizend hoher Stimmlage. "Ich vermag auch gut und gerne beide Tassen zu leeren. Und du brauchst dir wegen mir keinen Zwang anzutun. Kannst dich ruhig umziehen für die Musikprobe. Ich kann doch noch bleiben bis du gehst, oder?"

Friedel konnte nicht anders; er musste lachen. "Ach wo, ich habe ja gar nicht Probe heute. Dein Überfall hat mich einfach aus dem Konzept gebracht. Na dann....."

Er setzte sich an das Tischchen und nahm aus der Dose zwei Stück Zucker, die er umständlich im Kaffee verrührte. Dann goss er einen Schluck Milch hinzu. Es setzte eine Ruhe ein, als ob es sich hier um ein altgedientes Ehepaar handeln würde, das seinen täglichen Abendkaffee genoss. Ab und zu schauten sie sich verstohlen aus den Augenwinkeln an.

"Hast du nichts zu knabbern?" fragte Silvia plötzlich.

Friedel stand wortlos auf, ging zum Schrank und kam mit einer angefangenen Rolle Biskuits zurück, die er wortlos in einen Teller schüttete. Dann setzte er sich wieder. Sollte sie sich bedienen, dachte er. Er selber hatte keine Lust, Süsses zu knabbern. Oder doch nicht in Form von Biskuits, schoss es ihm durch den Kopf. So junges Fleisch hingegen.....

Er spürte, wie es im Raume langsam zu knistern begann. "Stopp," dachte er, wusste aber ganz genau, es würde nur die kleinste Aufforderung bedürfen und es würde um ihn geschehen sein. Aber auch das Mädchen spürte das. Und sie war gewillt, die Situation schamlos auszunützen.

Als sie beide ihre Tassen geleert hatten, stand Silvia auf und füllte ohne zu fragen nach. "Das Gesöff ist eigentlich ein wenig fade, nicht wahr?" sagte sie. "Hast du nichts, das ein wenig Aroma geben würde?" Und ohne Friedels Antwort abzuwarten, begab sie sich zum Schrank, aus dem eben die Biskuits gekommen waren und suchte. "Ich hab`s!" rief sie dann und kam triumphierend mit einer Flasche zurück. Sie schraubte den Deckel ab und goss in zwei kleine Gläser, die sie ebenfalls im Kasten gefunden hatte, bis obenhin voll. "Prost Friedel," flüsterte sie und warf sich den Inhalt des Glases in den Rachen. Friedel tat es ihr gleich, und beide prusteten und schüttelten sich. "Noch eins zum Abgewöhnen," sagte Silvia und schenkte nach. Diesmal verschwand der Inhalt der Gläser etwas bedächtiger in ihre Schlünder.

"Mir wird heiss von diesem Gesöff," sagte das Mädchen plötzlich und öffnete ihre Bluse.

"Mir auch, aber nicht nur vom Schnaps," dachte Friedel und er brachte seine Augen nicht mehr von den jungmädchenhaften Rundungen weg, die sich ihm in der geöffneten Bluse darboten. "Jetzt nur nicht schwach werden," dachte er weiter und versuchte krampfhaft, seinem Blick eine andere Richtung aufzuzwingen. Silvia sah mit Vergnügen den lüsternen Ausdruck in Friedels Augen und beschloss, zum Frontalangriff überzugehen. Aufreizend langsam erhob sie sich, kam um das Tischchen herum und setzte sich ohne Umstände auf Friedels Schoss. Sie schlang ihre Arme um seinen Nacken und küsste ihn zärtlich auf den Mund. "Du Holzklotz du," flüsterte sie zärtlich. "Muss man dir denn alles beibringen? Man könnte ja meinen, du seiest noch keusch."

Friedel fühlte sich besiegt. Aber dieser verlorene Kleinkrieg hatte seinen ganz besonderen Reiz bekommen. "Warte, du kleine Hexe. Für diese letzte Bemerkung werde ich dich noch bestrafen."

"Na los, dann bestraf` mich doch endlich," flüsterte sie ihm ins Ohr und biss ihn zärtlich ins Ohrläppchen.

Friedel biss zurück und seine Lippen wanderten hektisch von den Lippen über den Hals zu den Brüsten. "Komm", flüsterte Silvia, "lass es uns tun."

Friedel trug sie auf sein Bett und entkleidete sie.


Als sie erwachten, schien die Sonne in das Zimmer. Sie erschraken beide, denn die Uhr zeigte halb zehn. Und es war nicht Sonntag, sondern ein hundsgewöhnlicher Werktag. Sie hatten verschlafen. "Ich muss telefonieren, dass ich später komme" sagte Friedel.

"Müsste ich eigentlich auch," lachte Silvia. "Aber kann uns denn einer dazu zwingen, die Wahrheit zu sagen? Ist doch viel zu schön, diese Wahrheit, die braucht doch keiner zu wissen, oder?

"Da hast du eigentlich recht," antwortete Friedel fast erleichtert. Dann riefen beide nacheinander ins Geschäft an und entschuldigten sich wegen Unpässlichkeit. Dann aber sanken sie sich wieder im Bett in die Arme und vergassen die Welt ringsum.



Hörig


Friedel hätte nach dem Desaster mit seiner ersten festen Freundin Anita nie geglaubt, dass man sich so Hals über Kopf wieder verlieben könnte. Tatsache aber war, dass er nach dem überraschenden Besuch von Silvia nur noch einen Gedanken hatte: So rasch wie möglich zusammenziehen, damit er seine Verliebtheit täglich auskosten konnte. Noch war aber ein Problem zu lösen, das ihm Kummer und Sorgen bereitete. Margit hatte nämlich von Silvia brühwarm zu wissen bekommen, Friedel sei nun ab sofort kein Freiwild mehr, sondern in festen Händen: den ihren! Das war nicht so leicht zu verkraften. Was aber sollte sie denn unternehmen, um doch noch ein Zipfelchen von Friedel - und das war wortwörtlich zu nehmen - zu erhaschen! Sie telefonierte ihm mehrmals ins Geschäft, da sie sicher sein wollte, dass nicht etwa Silvia zu Hause den Hörer abnehmen würde. Denn schon bevor diese mit Friedel zusammenzog, waren die beiden jede freie Minute zusammen. Und für Friedel waren diese Gespräche am Telefon mit seiner Ex-Geliebten alles andere als erfreulich. Denn im Grunde seines Herzens war er ein Typ, der niemanden weh tun und sehr schlecht nein sagen konnte. Aber ihm war klar geworden, ein Verhältnis so übers Kreuz würde auf die Dauer nur allen schaden und niemandem nützen. So nahm er eben allen Mut zusammen und machte dies Margit klar. Aber erst als er ihr zu verstehen gab, Silvia sei sehr eifersüchtig und es sei ihr absolut zuzutrauen, dass sie Lutz informieren würde, wenn es keine andere Lösung mehr gäbe für eine Bereinigung der Situation, gab sie auf. Von da an hörte Friedel nichts mehr von ihr. Ein schwerer Stein fiel ihm zwar vom Herzen, aber ein Teil seines schlechten Gewissens war nicht zu besänftigen.


Sie suchten sich eine neue Bleibe. Am liebsten hätten sie ein Haus erstanden, aber die Preise waren absolut indiskutabel bei ihren Einkommen. Im Moment arbeiteten zwar noch beide. Die Bankzinsen wären bei allergrössten Sparsamkeit noch aufzubringen gewesen. Aber für eine Amortisation der Schulden reichte es hinten und vorne nicht. Und was war, wenn Silvia schon bald guter Hoffnung sein würde? Und dass sie dies wollte, daran zweifelte Friedel nicht, denn sie liess durchblicken, es wäre ihr sehnlichster Wunsch, möglichst bald ein Baby zu haben. Dies war wohl darauf zurückzuführen, dass sie als Einzelkind hatte aufwachsen müssen und ihre Mutter sich nur wenig um sie kümmern konnte, weil der Vater seiner Alimentenpflicht nur sehr sporadisch nachkam. So musste die junge Mutter eben ganztags arbeiten gehen. Ihre Eltern halfen zwar wo sie nur konnten, finanziell und mit Hütedienst. Ein Autounfall, bei welchem beide ums Leben kamen, gebot aber hier ein brutales Ende. Zwar war eine kleine Erbschaft fällig. Aber die musste Sonja, die Mutter von Silvia, noch mit drei Geschwistern teilen. So blieb nach den Beerdigungskosten und nach Auflösung des Haushaltes nur noch ein geringer Betrag übrig, den zu teilen sich kaum lohnte. So brachte für vier Töchter und sieben Enkelkinder der plötzliche Verlust ihrer Eltern und Grosseltern sehr grosse Veränderungen. Denn die Grosseltern waren nicht nur für Silvia, sondern auch für die sechs anderen Enkel der ruhende Pol gewesen.


So war auch verständlich, dass Sonja sich nicht eitel freute, als Silvia ihr mitteilte, sie werde in Kürze mit ihrem Freund zusammenziehen. Sonja wusste zwar aus eigener Erfahrung, dass ein Sich-querstellen genau das Gegenteil bewirkt hätte von dem, was man eigentlich gerne gemocht hätte; nämlich eine Verlängerung des engen Mutter-Tochter-Verhältnisses. Trotzdem versuchte sie möglichst diplomatisch, ihrer Tochter die Nachteile des Zusammenlebens mit einem Manne realistisch darzustellen. Aber Silvia hätte nicht die Tochter ihrer Mutter sein müssen, wenn sie nicht genau realisiert hätte, was die eigentlichen Beweggründe der Mutter waren. So kehrte sie den Spiess eben um. Es wäre doch auch für sie recht nützlich, sagte sie, wenn im engeren Umkreis ein Mann für alle Fälle erreichbar war.

Das schien einleuchtend. Sonja sah ein, dass da nichts mehr zu ändern wäre am Entschluss der beiden Verliebten und sie ergab sich in die unabänderlichen Tatsachen. Friedel und Silvia aber machten sich mit viel Elan und Zeitaufwand auf die Suche nach einem trauten Heim, das ihre Finanzen nicht übersteigen würde. Und nun war es gerade Sonja, die, im Bestreben, die Jungen möglichst nahe bei sich zu haben, fündig wurde. In der Nachbarschaft verunfallte eine alte Frau, die alleine in ihrem Eigenheim lebte. Ihre Kinder hatten sie schon lange bestürmt, endlich in ein Altenheim zu ziehen. Denn, so sagten sie jeweils, sie müssten sich ja ein Gewissen machen, wenn der Mutter einmal etwas zustossen und niemand dasein würde, der ihr helfen konnte. Und nun war genau das passiert. Die alte Frau hatte stundenlang hilflos in ihrer Stube gelegen bis eine Nachbarin zufällig ihr Rufen hörte und die Rettung organisierte.

Nun sprachen die eilends ans Krankenbett gerufenen Kinder ein Machtwort, dem die Mutter nichts mehr entgegenhalten konnte. Da sie, ohne davon etwas zu wissen, schon lange von den Kindern in einem Seniorenheim angemeldet und zufällig eben ein Platz frei war, wurde beschlossen, das Haus zur Vermietung auszuschreiben. Es verkaufen zu lassen, dagegen wehrte sich die alte Frau vehement. Sie müsse doch die Gewissheit haben, sagte sie, noch irgendwo richtig zu Hause zu sein. Denn der Aufenthalt im Seniorenheim sei für sie noch nicht endgültig.

So schickten sich ihre Kinder eben in die Wünsche der alten Frau. Sonja, die in der Nähe wohnte, vernahm von Nachbarn, dass hier in der Nähe ein älteres Häuschen zu vermieten sei und meldete dies unverzüglich Silvia. "Das ist unsere Chance," sagten die beiden Jungen und meldeten sich umgehend bei den Kindern der alten Frau. Diese waren eigentlich ganz froh, dass sich eine Lösung anbot, die allen Beteiligten nützte. Denn Silvia und Friedel erklärten sich bereit, den ganzen Hausrat der alten Frau in Miete mit zu übernehmen. Und ebenfalls wurde in den Mietvertrag aufgenommen, das Haus müsse innert einem Monat wieder zur Verfügung stehen, falls die Besitzerin tatsächlich wieder heim wollte.


Sie wollte nicht. Denn sie starb an einer Embolie, die wohl eine Nachwirkung ihres Sturzes war. Kaum bezogen, wurde das Zimmer im Altenheim also schon wieder für den nächsten Kandidaten hergerichtet, der hier seine letzten Tage verbringen sollte. Das Gezänk um das Häuschen der alten Frau konnte beginnen. In der Zwischenzeit fieberten die beiden Verliebten der Meldung entgegen, das Haus, worauf sie sich so gefreut hatten, würde nun verkauft. Aber sie täuschten sich. Denn die Erben der Liegenschaft wurden sich nicht einig, was damit zu geschehen habe. Die einen waren für einen sofortigen Verkauf, weil sie bares Geld sehen wollten. Die anderen wiesen auf die schlechte Zeit, eine Liegenschaft zu verkaufen, hin. Und schliesslich einigte man sich darauf, mit dem Verkauf noch zu warten, denn schliesslich käme ja auch durch die Vermietung einiges an Barem herein. Der wahre Grund des Zuwartens aber war wohl, dass keiner den anderen traute, diese würden ihn nicht irgendwie übers Ohr zu hauen versuchen beim Verkauf.


Friedel und Silvia atmeten erleichtert auf. Sie warteten nicht zu, bis Friedels Mietvertrag abgelaufen war, sondern zügelten seine Möbel unverzüglich in das Haus. Denn schliesslich konnte man ja nicht wissen, ob sich die Erben nicht doch noch eines Besseren entscheiden würden!


Die nächsten Monate waren ausgefüllt mit Putzerei und Renovation des neuen Heimes. Dazu kamen noch die Vorbereitungen für die Hochzeit. Mutter Sonja fühlte sich in ihren eigenen Brautstand zurückversetzt. Sie kam so in Fahrt mit guten Ratschlägen und tatkräftiger Mithilfe, dass man hätte meinen mögen, nicht die Tochter, sondern sie wäre die Braut. Am Anfang war Friedel total dankbar für jeden Rat aus ihrem Munde. Als die beiden Frauen aber das Heft so fest in die Hände nahmen, dass er sich bald einmal an die Wand gedrückt vorkam, schwante ihm so nach und nach, was auch fürderhin im Hause Reist für ein Geist herrschen werde, und es wurde ihm langsam unheimlich zumute.


Zum Fest bekam auch Silvias Vater formhalber eine Einladung. Niemand glaubte an eine Zusage. Denn schliesslich hatte er sich in den vergangenen Jahren überhaupt nicht mehr um Kind und ehemalige Frau gekümmert. Aber man hatte sich getäuscht. Ein paar Tage vor dem grossen Fest erhielt das Paar einen Anruf, bei dem sich der Vater herzlich bedankte und sein Erscheinen in Aussicht stellte. Die schon aufgestellte Tischordnung musste eilends umgekrempelt werden. Da aber niemandem seine unmittelbare Nachbarschaft am Tisch zugemutet werden konnte, beschloss der kleine Familienrat, den abtrünnigen Vater an das Fussende des Tisches zu plazieren. Links und rechts von ihm kamen die ebenfalls eingeladenen alten Freunde Lutz und Margit zu sitzen, die man aus diplomatischen Gründen auch nicht ohne Einladung hatte lassen können. So, meinte man, sei das Möglichste getan, den dummen Sprüchen des Erzeugers aus dem Wege zu gehen.


Die Trauung war feierlich, die Gäste gerührt, der Pfarrer überbot sich in frommen Redensarten und die Kinder bekamen draussen vor der Kirche ihre obligaten Bonbons zuhauf. So kam also jedermann auf seine Rechnung. Sogar der Sigrist hielt seine hohle Hand nicht umsonst hin, als er den eben Vermählten eine glückliche Zeit und den Gästen ein frohes Fest wünschte.

Anschliessend fuhr die ganze Festgesellschaft über Land zu einem renommierten Gasthaus, welches weit in die Lande für seine köstliche Verpflegung und reellen Preise bekannt war. Der Wein floss in Strömen und die Kellnerinnen schöpften die Speisen nach, bis den Gästen fast die Knöpfe von Hosenbünden und Roben fielen.

Der Vater, der es nicht verwinden konnte, nicht als Ehrengast neben seiner plötzlich über alles geliebten Tochter sitzen zu dürfen, sprach dem Weine zu, als müsste er für alle, die nur Wasser tranken, Kompensation leisten. So war denn unausweichlich die Katastrophe programmiert. Als nämlich zum Tanze aufgefordert wurde, liess er sich das Vorrecht des Ersttänzers mit der Braut nicht nehmen. Schwankenden Ganges spannte er sie dem Bräutigam kurzerhand aus. Dieser kam sich vor, als sei er eben in der Schule vor die Türe gestellt worden. Roten Kopfes wollte er sich an seinen Platz begeben. Aber seine alte Liebe Margit hatte das Spiel mit Wohlwollen mitbekommen und beeilte sich, ihren Schul- und Spielkameraden aus seiner misslichen Lage zu befreien. Kurz entschlossen fing sie ihn ab und forderte ihn zum Tanze auf. Das nun wiederum ging Friedel etwas gegen den Strich, denn er konnte sich die Augen seiner eben Angetrauten vorstellen, wenn sie ihn mit der alten Flamme tanzen sah. Und sie gewahrte es tatsächlich schon nach einigen Sekunden, in denen ihr Vater, sie heftig an sich drückend, laufend auf ihre zart beschuhten Füsslein trat. Sie machte kurzen Prozess. Als sie an Friedel und Margit vorbei tanzten, liess sie ihren Tanzpartner einfach stehen, griff sich ihren Ehegespons mit der einen und führte Margit mit der andern Hand ihrem konsterniert vor sich hin starrenden Vater zu. Und dies begleitete sie mit solch hinreissend unschuldigem Blick und gewinnendem Lachen, dass niemand von den anderen Gästen auch nur auf die Idee hätte kommen können, eine junge Frau hätte sich da eben ihr Eigentum zurückerobert.


Friedel hatte auch einige Arbeitskameraden der vorherigen Arbeitsstelle eingeladen. Sie bestürmten ihn, doch wieder seinen alten Posten anzutreten. Es gehe alles drunter und drüber, seitdem Friedel, ihr "alter" Meister Knall auf Fall verschwunden sei. Der Nachfolger, der durch ein Inserat gefunden worden sei, habe nicht die geringste Ahnung vom Betrieb und wenn sie ihn nicht dauernd auf Fehler und Unterlassungen aufmerksam machen würden, wäre die Produktion schon längst zum Erliegen gekommen. Einen schönen Aspekt hätte Friedels Ausscheiden allerdings gehabt. Der Baumer sei vor dem ganzen Kader vom obersten Boss zusammen geschissen worden. Dieser habe, anspielend auf Baumers Führungsqualitäten, folgende Predigt gehalten: "Mein lieber Herr Baumer. Es gibt zweierlei grundverschiedene Arten von Führungsstil. Den ersten erkennt man daran, dass der Chef seine Untergebenen als gleichberechtigte Mitarbeiter behandelt, die absolut fähig sind, ihre Pflichten ohne ständiges Nörgeln und Meckern des Chefs zu tun. Die solchermassen geführten Mitarbeiter tragen ihren Chef auf den Schultern und rufen: `Unser Chef ist der Grösste`. Die zweite Art zu führen besteht darin, dass der Chef sich mit einem langen Stecken mitten in den Kreis seiner Leute stellt und jedem, der den Kopf zu heben getraut, mit dem Stecken eins kräftig drauf haut. So hat der Chef Gewähr, dass ihm keiner über den Kopf wächst. Seine Untergebenen werden zu chronischen Duckmäusern. Er aber kann triumphierend rufen: `Ich bin der Grösste!`"

Friedel schmunzelte zwar etwas schadenfroh über diesen brühwarm übermittelten Bericht aus dem ehemaligen Arbeitsort. Baumer tat ihm keineswegs leid. Wohl aber seine ehemaligen Arbeitskameraden. Denn er war sich bewusst, dass ein so alter Flegel wie Baumer auch durch die schönste Standpauke seines Direktors seine Art zu führen keineswegs würde ändern können. Etwas bedrückt musste er daher das Anliegen der Kollegen abweisen. Er getraute sich nicht mal zu sagen, er sei mit seinem neuen Job, bei dem er jedes nur erdenkliche Mass an Freiheit und Kompetenzen habe, sehr zufrieden sei und daher mit ihm nicht mehr zu rechnen sei bei ihnen.


Die Hochzeitsreise führte das junge Paar in die Karibik. Dort unter grünen Palmen am weissen Strand konnten sie sich endlich vom Stress des Heiratens erholen. Glücklich und verliebt, unbeschwert und unbelastet von Beruf und anderen Sorgen verbrachten sie zwei unglaublich schnell vergehende Wochen wie im Paradies. Braungebrannt kehrten sie zurück und hatten das Pech, in der Heimat gerade in ein nasses, kaltes Unwetter zu geraten. Ein Sturm von für die Jahreszeit ungewohntem Ausmasse machte sich ein Vergnügen daraus, die Flugmaschine auf ihre Robustheit zu prüfen. Sie musste ein paar Sicherheitsrunden drehen über dem Heimatflughafen, bis sie endlich die Erlaubnis zur Landung bekam. Durchgeschüttelt und mit flauen Mägen verliessen die Fluggäste das fliegende Vehikel und waren froh, mit heiler Haut davongekommen zu sein.

Daheim erwartete Friedel und Silvia ein verwüsteter Garten. Ein paar Äste der Obstbäume hingen geknickt an den Stämmen und die schönen Blumen, die die beiden und Sonja liebevoll gepflanzt hatten, liessen ihre Köpfe traurig hängen, als ob die Abwesenheit ihrer Besitzer sie so gestimmt hätte. Aber das Paar war mit einem solchen Reservoir an getankter Energie zurückgekehrt, dass auch dies ihrem Frohsinn keinen grossen Dämpfer aufsetzen konnte. Es blieb ja noch ein ganzes Wochenende, die Sache wieder in Ordnung zu bringen. Und dieses nutzten sie denn auch. Mit Hilfe von Stecklingen aus Sonjas Garten und den Blumenkrippen von Lutz und Margit, die nicht so arg dem Sturm ausgesetzt gewesen waren, konnte der Schaden einigermassen wieder repariert werden. Der Alltag konnte beginnen.



Bauernschicksal


Im Urlaub hatten sich die beiden geeinigt, sie hätten ein Alter und eine Reife erlangt, die es erlauben würde, mit dem nötigen Ernst und Verantwortungsgefühl an die Vergrösserung der Familie zu denken. So unterliessen sie denn alles, was diesem Vorhaben hätte im Wege sein können. Ihre frische Verliebtheit gab ihnen genug Kraft, fast Tag und Nacht ihrer Freizeit die nötigen Übungen anzustellen, die normalerweise innert kürzester Zeit zu Nachwuchs führt. Aber Monat um Monat verging und auf die Fragen von Friedel: "Hat es diesmal geklappt?" antwortete Silvia meist nur noch mit einem unglücklichen Kopfschütteln. Auch nach einem Jahr war noch kein rundliches Bäuchlein zu sehen, anhand dessen die ganze Verwandtschaft und Bekanntschaft hätte annehmen können, im Hause Reist würde in Kürze Gevatter Storch seine Fracht abladen.


Nach bald zwei Jahren, in denen jeder "Gute Rat" von wohlmeinenden Bekannten und Verwandten ausprobiert worden war, versuchten es Friedel und Silvia sogar noch mit "Naturheilern", die ihre Dienste per Inseraten in den Tageszeitungen anpriesen. Aber ausser horrenden Beträgen, die solcherart verschwendet wurden, war kein Resultat zu sehen. Die beiden Ehegesponse wagten kaum mehr, sich im Bett auf ein Liebesspiel einzulassen. Denn es wurde zur fixen Idee, dieses sei nur noch Mittel zum Zwecke der Fortpflanzung und keinesfalls ein Spiel, das einem Lust und Freude verschaffen könnte. Und bald war es auch so weit, dass sie das Schlafengehen mit allen möglichen und unmöglichen Tricks hinauszögerten, damit jedes im Bett sagen konnte: "Gute Nacht, Liebes. Entschuldige, ich bin heute wieder so müde von all den Arbeiten und Pflichten, dass......" Und das Andere antwortete kaum mehr mit einem "Gut Nacht," weil es bereits am Einschlafen war.

Aber was immer die beiden taten untertags, frass sich der Gedanke in ihre Köpfe: "Wer von uns ist denn im Fehler, dass es mit den Kindern nicht klappt?" Jedoch keines getraute sich zu fragen: "Du, sollten wir nicht mal zu einem Spezialisten gehen, der uns klipp und klar sagen kann, woran es fehlt?" Denn jedes hatte wohl Angst, der "Schuldige" könnte es gar selber sein.


Als Friedel einmal auf einer Tour zu einem Bauernhof fuhr, kam ihm ein Rudel von wohl einem Dutzend schwarz-weisser Welpen entgegen gesprungen, die ihn teils freudig, teils mit fletschenden Milchzähnen empfing. Ihre Mutter bellte nur von weitem, denn sie war an ihrem Hundehaus mit einer langen Kette angebunden. Friedel ging in die Hocke und begann ruhig mit den Hundekindern zu sprechen. Es ging keine zwei Minuten, dann leckten ihm sämtliche Hundchen die Hände und stiegen freudig winselnd an ihm hoch. Als er dem Haus zuging, kam ihm die Bäuerin entgegen und lachte. "Sie haben aber eine ausnehmend glückliche Hand mit Hunden," sagte sie. "Haben sie denn zu Hause auch welche?"

"Nicht dass ich wüsste," erwiderte Fridel. "Aber die Kerlchen spüren sicher, wenn ihnen jemand wohlgesinnt ist. Was machen Sie denn mit einem solchen Rudel? Sie können doch nicht alle gross ziehen."

"Nein, gewiss nicht", antwortete die Bäuerin nun ernst geworden, "wir können überhaupt keinen gebrauchen, denn die Mutter der Kleinen ist erst drei Jahre alt und tut`s noch lange. Können Sie vielleicht einen mitnehmen? Sie kriegen ihn umsonst. Sonst wandern alle in den....."

"Wohin bitte?" fragte Friedel, dem der angefangene Satz irgendwie merkwürdig vorkam.

"Ach nichts....." antwortete die Frau und drehte sich gegen den Hof. "Aber Sie wollen wohl zu meinem Mann? Er ist hinten beim Schweinestall. Gehen Sie ruhig zu ihm. Die Hunde tun Ihnen nichts."

Sie ging eilig zum Haus und begann an ihren Geranien zu zupfen. Friedel aber ging an der inzwischen ruhig gewordenen Hundemutter vorbei durch den Pferdestall und suchte den Bauern. Er brauchte nicht lange zu suchen, denn ein lautes Quietschen und Grunzen wies ihm den Weg. Als er hinten aus dem Pferdestall kam, sah er den Bauern, der eben ein totes Ferkel in den Mixer warf. Friedel blieb stehen, denn ihn interessierte, was der Bauer damit vorhatte. Dieser ging zu einer Karre und entnahm ihm einige Säcke mit Knochen und ein Bündel Federvieh. Da drei Köpfe daraus hervor lugten, mussten es wohl drei Hühner sein, überlegte Friedel messerscharf. Auch dieses Bündel und einen der Säcke warf der Bauer in den Mixer. Dann gab er aus einer Kanne noch einige Liter einer weissen Flüssigkeit dazu und drehte den Hauptschalter der Maschine. Aufheulend setzte sich der Mixer mit einer unglaublich schnellen Drehzahl in Bewegung. Im Gefäss gab es einige scharfe Geräusche und der Motor veränderte den Ton ein bisschen. Der Bauer stand noch eine Weile dabei. Dann stellte er den Motor wieder ab und kippte das Gefäss in einige bereitgestellte Eimer, welche er dann zu den quietschenden Schweinen trug und den Inhalt in die Futtertröge schüttete. "Das ist ja der reinste Kannibalismus," entfuhr es Friedel. Er konnte sich leicht vorstellen, was mit der Fehlgeburt einer Kuh passieren würde. An eine Fehlgeburt der Bäuerin mochte er schon gar nicht mehr denken! Das wäre dann wohl auch das Ende der Junghunde, überlegte er, falls sich nicht jemand ihrer vorher erbarmte und sie mitnahm. Dann ging er auf den Bauern zu, der einen Moment zu erschrecken schien. Sie begrüssten sich mit Handschlag und der Bauer fragte: "Bist du schon lange hier?"

"Nein, soeben angekommen," log Friedel, denn er wollte nicht sagen, was er eben mit ansehen musste.

"Na dann komm in die Küche. Die Frau kann uns ein Vesper auftischen. Mit kauenden Zähnen lässt sich`s leichter geschäften."

Er drehte sich ohne auf die Zustimmung Friedels zu warten auf den Absätzen herum und ging voraus in Richtung Küche. Friedel folgte ihm. Sein Blick wurde von den Schuhen des Bauers magisch angezogen, waren diese doch über und über mit Mist überzogen. An den Sohlen hatte sich eine zweite aus Kuhdung und Stroh gebildet. Bevor sie ins Haus traten, streifte der Bauer symbolisch den rechten Schuh auf einer Türvorlage ab, die als solche nur noch durch ein paar Fransen zu erkennen war. Die ganze übrige Fläche war ebenfalls durch eine dicke Mistlage verdeckt. Gleichzeitig mit diesem improvisierten Reinigungsversuch schneuzte der Bauer mit der rechten Hand die Nase, ohne Taschentuch, einfach so, halb draussen, halb drin in den Flur. Dann trat er durch das Dunkel des Hausflurs in die Küche. Die Bäuerin war anscheinend schon auf sie vorbereitet, denn auf dem Tisch standen ein Krug mit Most, ein Laib Brot und ein Teller mit geräuchertem Schweinefleisch. Sie setzten sich an den riesigen Tisch aus massivem, nur roh gehobeltem Eichenholz. Friedel wollte sich scheu nach einer Möglichkeit erkundigen, seine Hände zu waschen Aber der Bauer kam ihm zuvor. "Greif zu," sagte er mit einer einladenden Geste. "Es hat noch mehr davon." Dann griff er sich den Laib mit denselben Händen, mit denen er soeben noch die Kadaver in den Mixer geworfen und die Nase geschneuzt hatte, und schnitt mit einem riesigen Messer einige Stücke davon ab. "Schenk dir inzwischen ein," fuhr er fort und schob mit einer Hand sein eigenes Glas in die Nähe des bereits vor Friedel stehenden. Friedel schenkte ein. Der Bauer warf ein Stück Brot vor Friedel und rief seiner Frau zu: "Agathe, setz uns noch einen Kaffee auf!" Dann wieder zu Friedel gewendet: "Nun greif aber zu. Ist vom eigenen Geräucherten, was da auf dem Teller liegt. Ist vom Besten was du findest. Da wird nichts Künstliches oder Giftiges ins Fressen gegeben, damit die Schweine schneller dick und fett werden. Nur alles natürliche Ware."

Friedel dachte an die Ferkel und die Hühner, die da mitsamt Borsten und Federn in den Mixer geflogen waren und ihm verschlug`s den Appetit. "Entschuldige, Huberbauer," sagte er vorsichtig. "Der Arzt hat mir alles Fette verboten. Ein Stück des herrlichen Brotes nehme ich gerne. Auch den Most. Aber auf das schöne Fleisch muss ich leider verzichten."

Der Bauer schaute ihn mitleidig an. "Bist also auch einer dieser armen Kerle, die vom lauter Sitzen auf Bürostühlen und im Auto auf die Kalorien aufpassen müssen. Aber unsereiner muss kräftig essen. Denn wer nicht richtig isst, der kann auch nicht richtig arbeiten und wer nicht arbeitet, der kann auch nichts Währschaftes vertragen! Und wer nicht richtig arbeiten und essen kann, der wird nie ein rechter Bauer. Prost!"

Während sie assen und tranken nahm Friedel den Bestellblock hervor und der Bauer diktierte ihm den Bedarf an Dünger, Kraftfutter und Gesäme für die nächsten paar Monate. Aber immer wenn er schrieb, kamen Friedel die Welpen in den Sinn, die draussen noch lustig herum tollten, aber wohl in den nächsten paar Wochen im Mixer zu Schweinefutter zertrümmert würden.

Im selben Moment, da Friedel seinem Bestellblock das Doppel für den Bauern abriss, hörte man von draussen das Geräusch eines näherkommenden Traktors und kurz darauf ertönte langgezogen eine Hupe. "Ach ja, das wird der Sepp sein. Wir haben ausgemacht, dass wir zusammen in den Wald fahren, um uns das Holz anzuschauen, das wir im Winter gemeinsam fällen und einbringen wollen. Iss ruhig weiter. Die Frau kann dir den Kaffee auch servieren, ohne dass ich hier bin." Er stand auf und verabschiedete sich mit Handschlag von Friedel.

Es folgte eine etwas unangenehme Stille, nur leise begleitet von den Geräuschen des Kauens und Schluckens. Die Bäuerin stand am Herd und beobachtete den Esser. Ohne die Augen zu heben, merkte Friedel ihren forschenden Blick. Hastig wollte er die eben halb zerkaute Brotrinde hinunterschlucken und verschluckte sich prompt daran. Er hustete. Die Bäuerin kam lachend heran und klopfte ihm auf den Rücken. "Geht`s wieder?" fragte sie besorgt. Dann holte sie das kochende Wasser und goss es über das Kaffeepulver, das sie bereits in einen Filter getan hatte. Sie liess das Wasser bis zum letzten Tropfen in die Kanne rinnen. Dann schenkte sie zwei riesige Tassen voll davon. "Schnaps?" fragte sie.
"Nein, lieber nicht. Muss noch fahren," antwortete Friedel. Er nahm unaufgefordert Zucker und Milch und bediente sich davon. Die Bäuerin setzte sich nun auch auf einen Stuhl, Friedel genau gegenüber. Und wieder war ihm, sie beobachte ihn mit einem Interesse, das einem Vertreter gegenüber nicht gerade als normal zu bezeichnen wäre. Um die für ihn unangenehme Stille zu überbrücken, kam er wieder auf die Welpen zu sprechen. "Haben Sie denn noch gar keine Abnehmer für die jungen Hunde?" fragte er.

"Nicht mal für einen," antwortete die Bäuerin. "Aber das ist ja jedesmal so. Zwar meldet sich ab und zu einer aus Langenthal, der immer junge Hunde aufkauft. Aber ich habe gehört, dieser Händler verkaufe die Hunde an Labors für Forschungszwecke. Glücklicherweise war mein Mann noch nie anwesend, als dieser Mann kam, sonst wären sich die beiden wohl schnell handelseinig geworden. Es ist mir noch weniger lieb, wenn die armen Tiere in den Labors gequält werden, als......"

"...als wenn sie in den Mixer wandern, wollten Sie doch sagen, oder?" beendete Friedel den angefangenen Satz.

Die Frau nickte nur mit dem Kopf. Friedel sah, wie sie sich auf die Lippen biss. Mit den Augen machte sie ohne Erfolg den Versuch, eine freiheitsliebende Träne am Verlassen seines Behälters zu hindern. Ihre Hände waren krampfhaft um die Kaffeetasse gelegt. Friedels eigene fanden unaufgefordert den Weg über die Tischplatte und legten sich um die rauhen Finger der Frau. Aber er wollte das Thema "Junghunde" bereinigt haben. "Sagen Sie bitte," fing er vorsichtig wieder an. "Der Bauer wird die Welpen doch wenigstens einen humanen Tod sterben lassen, bevor er sie.....?"

Sie schüttelte den Kopf und nun konnte sie den Tränen ihren natürlichen Lauf nicht mehr verwehren. "Eben nicht," stiess sie gequält hervor. "Er wirft sie lebendigen Leibes....." Dann stand sie auf und wollte fluchtartig die Küche verlassen. Aber Friedel stand ebenfalls auf und trat ihr in den Weg. Der Zusammenstoss war unvermeidlich. Schluchzend lag sie an der Brust eines ihr fremden Mannes und zitterte am ganzen Leib. Friedel strich ihr tröstend über den Rücken. Das schien die Frau merklich zu beruhigen, denn sie hörte zu weinen auf und erhob ihren Blick. "Sie können sich ja nicht vorstellen, was es heisst, mit einem Manne verheiratet zu sein, dem das Leben von Kreaturen nichts weiter bedeutet, als Fressen für sich selbst oder für andere Tiere," kam es wie ein lange vereister Wasserfall aus ihr heraus. "Sie müssen wissen, dass ich nicht aus einer bäuerlichen Familie stamme. Mein Mann aber hat seit seiner Jugend nichts anderes gesehen, als lebendige und tote Tierkadaver. Da ist es schon irgendwie verständlich, wenn ein Mensch verroht oder total abstumpft. Aber ich selber habe da nie mithalten können. Immer wieder habe ich versucht, das ganze auf ein humaneres Niveau zu bringen. Aber mein Mann lachte mich nur immer aus. Wenigstens sind unsere drei Kinder nicht so geworden wie er. Das ist auch der Grund, warum keines das Bauern hat weiterführen wollen. Aber seit der letzte der Buben unser Haus verlassen hat, bin ich noch einsamer geworden mit meinem Mann." Sie bemerkte wohl erst jetzt die merkwürdige Situation, in der sie sich befanden und wollte sich langsam aus den Armen Friedels lösen. Aber dieser machte keine Anstalten, sie loszulassen. Im Gegenteil: Der warme Körper der reifen Frau, die aber noch irgendwie eine rechte Portion Jugendlichkeit gerettet hatte, liess sein Herz schneller klopfen. Und er merkte, dass auch sie nicht darauf bestand, losgelassen zu werden. So standen sie eine ganze Weile da. Jedes genoss die Körperwärme des anderen. Schliesslich hob Friedel mit seiner Rechten das Kinn der Frau zu sich hoch und küsste ihr langsam die Tränen von ihren Augen. Sie liess es nicht nur geschehen, sondern drängte sich mit einem leisen Stöhnen an ihn. Friedel wollte eben mit seinen Lippen die ihren suchen, als sie draussen im Flur schnelle Schritte hörten. Erschreckt stoben sie auseinander und die Frau machte sich schnell am Herd zu schaffen. Friedel aber setzte sich ebenso schnell wieder an den Tisch und nahm die Tasse zur Hand, die er in einem Zuge austrank. Nicht zu früh, denn der Bauer kam atemlos in die Küche und rief: "Ich habe meinen Hut vergessen und ohne diesen bin ich nur ein halber Mann." Sagte es, nahm den Hut und verschwand so schnell er hereingekommen war, wieder zur Türe hinaus, diese hart hinter sich zuschlagend.

"Da sind wir ja noch mal mit einem blauen Auge davongekommen," flüsterte Friedel. Dann stand er auf, nahm seinen Bestellblock und sagte: "Wir wollen das Schicksal nicht herausfordern. Wir sind schliesslich beide verheiratet. Und dem Ehepartner Hörner aufsetzen ist nicht gerade vom Feinsten, das man machen kann. Eigentlich trotzdem schade. Sie gefallen mir. Aber ein Techtelmechtel würde auf die Dauer wohl weder mir noch Ihnen etwas Gutes einbringen. Ich danke Ihnen für die Verpflegung. Aber noch mehr danke ich Ihnen für das Vertrauen, das Sie mir entgegengebracht haben. Ich habe über "Bäuerliches Leben" in ein paar Minuten mehr erfahren, als in dreissig Jahren vorher. Auf Wiedersehen." Er öffnete die Türe, ging durch den dunklen Hausflur auf den Hof an den spielenden Welpen und der Hündin vorbei zu seinem Wagen und stieg ein, ohne sich auch nur einmal umzudrehen. Erst als er den Wagen auf dem Hofe wendete, blickte er zum Hauseingang. Die Bäuerin stand auf der obersten Treppenstufe und schaute ihm nach, wie man einem flüchtigen Bekannten nachsieht. Erst als das Auto bald nicht mehr zu sehen war, legte sie einen Finger auf ihre Lippen und hauchte einen Kuss hintendrein.



Dino


Die jungen Hundchen gingen Friedel nicht mehr aus dem Kopf. Natürlich beschäftigte ihn auch das Schicksal der Bäuerin. Aber diese hatte ja immerhin die Möglichkeit, ihr Schicksal selber in die Hand zu nehmen, wenn sie wollte. Die Welpen jedoch waren auf Gedeih und Verderb dem Bauern ausgeliefert. Hätte er, Friedel, nicht die Möglichkeit, wenigstens eines der schnuddeligen Geschöpfe vor dem unwürdigen Tod im Mixer zu retten? Das vielleicht schon, dachte er. Aber wo sollte dieser Hund, der ja schliesslich, wenn einmal ausgewachsen, einiges an Platz brauchte, leben? Schliesslich waren ja er und seine Frau den ganzen Tag auswärts an ihrer Arbeit. Wer sollte dann auf den Hund aufpassen und wer ihn Gassi führen? Nein, unmöglich. Wenn man schon einen Hund wollte, dann müsste man ihm ein hundewürdiges Leben bieten können. Entweder war da jemand zu Hause oder ...... Ja, warum eigentlich ihn nicht mitnehmen? Nein, das ging ja auch wieder nicht, denn wenn man die Hundemutter sah, wusste man ungefähr die kommende Grösse des Welpen. Und so ein Appenzeller, oder was immer die Hündin des Bauern darstellte, konnte unmöglich mit auf die Geschäftsreisen mitgenommen werden. Aber wie wäre das denn, wenn man nur so ein winzigkleines Hundchen, das dann auch so klein blieb, kaufen würde? Ein Zwerghündchen sozusagen?

Der Gedanke liess ihn bis zu Hause nicht mehr los. Er konnte es gar nicht erwarten, bis er mit Silvia darüber reden konnte. Wäre das denn nicht die Lösung schlechthin, wenn sie anscheinend schon keine Kinder kriegen konnten?

Silvia war schon daheim, als Friedel ankam. In der letzten Zeit war ihre Begrüssung merklich kühler geworden als am Anfang ihres gemeinsamen Lebens. Heute aber merkte Silvia schon beim Eintritt ihres Mannes, dass heute etwas ganz Besonderes vorgefallen sein musste. Und als er ihr beim Begrüssungskuss mit glänzenden Augen in die ihren sah, glaubte sie zuerst, ihr Mann sei heute zum ersten Mal ein bisschen betrunken heimgekehrt. Aber Friedel liess sie nicht lange in diesem Verdacht stehen, sondern fiel gleich mit der Türe ins Haus, als er sie fragte: "Was meinst du, wollen wir uns ein Hündchen beschaffen?"

Silvia verstand zuerst gar nichts. Aber langsam dämmerte ihr, dass Friedel es tatsächlich ernst meinte mit seiner Frage. Warum eigentlich nicht? dachte sie. Mit einem Hund konnte man gemeinsame Spaziergänge machen. Ja, man musste sogar, bei gutem und schlechtem Wetter. So käme man also gezwungenermassen viel an die frische Luft und man hätte immer ein Thema, so wie anderer Leute ihr Thema eben die Kinder waren.

Sie schmiedeten seit langem wieder ausgiebig gemeinsam Träume. Auch der Vorschlag von Friedel, das Hundchen, wenigstens am Anfang, solange Silvia noch arbeiten würde, mit dem Wagen mitzunehmen, klang absolut plausibel und durchführbar. Aber woher denn eigentlich ein Hundchen nehmen? Man kannte in der ganzen Gegend niemanden, der oder die junge Kleinhunde hatte. Aber da gab es doch am Kiosk eine Tierzeitung mit Inseraten?

Für heute war es zu spät, die Läden bereits geschlossen. Aber morgen, gleich nach Feierabend, würde Silvia am Bahnhofkiosk eine Tierzeitung kaufen, und bis Friedel zu Hause wäre, hätte sie gar vielleicht schon etwas Passendes gefunden!

Gesagt, getan. Als Friedel heimkam, sah er seine Frau bereits mit roten Wangen in einer Zeitung blättern. Sie hatte auch schon einige Inserate rot markiert. Was es da doch alles für Rassen gab! Sie hatten doch schon immer auf der Strasse und hauptsächlich auf Wald- und Wiesenwegen, jede Menge Leute mit Hunden gesehen. Aber bisher war ihnen überhaupt noch nie aufgefallen, dass es so viele Hunderassen gab.

Sie beguckten sich die angezeichneten Inserate vor- und rückwärts. Was hatte man denn schon über die eine oder andere Rasse zu hören bekommen punkto Charakter, Zähigkeit und Lebensdauer? Sie merkten, dass sie überhaupt noch nichts wussten. Aber dem wäre ja sicher abzuhelfen, dachten sie. Silvia erinnerte sich, am Kiosk ein Büchlein gesehen zu haben mit dem Titel "Der Hund, dein treuer Begleiter". Morgen würde sie sich auch dieses anschaffen.

Man freute sich und man fasste wieder gemeinsam Pläne. Es schien, als ob sie nie in einer Kommunikationskrise gesteckt hätten. Das Büchlein war am nächsten Abend bereits zur Hälfte gelesen, als Friedel heimkam. Nach dem Nachtessen studierte Silvia es zu ende. Dann konnte sie ihrem Gemahl eine Stunde lang einen fachmännischen Vortrag über alles Wissenswerte über Hunde und ihre Haltung erzählen.

Nun war "nur" noch die zu ihnen passende Rasse auszuwählen und dann konnte man darangehen, die Adressen, die in der Tierzeitung markiert waren, abzuklappern. Sie entschieden sich für einen Zwergpudel. Diese seien die gelehrigsten der Hunderassen und würden keine Haare lassen, stand im Büchlein. Allerdings bräuchten sie einiges an Pflege, hiess es weiter. Denn sie müssten jedes Jahr mindestens einmal geschoren werden. Naja, wenn weiter nichts war! Auf zu den Hundezüchtern.


Schon am ersten Platz hatten sie ein gutes Gefühl. Zwar rümpften sie ein bisschen ihre Nasen, als sie in die Gute Stube des Züchters kamen, wo gerade zwei Hundemütter ihre Würfe gross zogen. Aber daran gewöhnte man sich rasch. Schliesslich würde ja ein einziges Knäuelchen bei ihnen daheim kaum mehr einen solchen Gestank produzieren können. Die ganze Hundemeute raste mit einem solchen Geheul und Gebell auf sie zu, dass sie für einen Moment ihre Ohren mit den Händen zuhielten. Als aber jeder Hund die Neulinge ausgiebig beschnuppert hatte, kehrte alsobald wieder wohltuende Ruhe ein in der Stube. Nun kam die Qual der Wahl. Welches Hundchen würde wohl am besten zu ihnen passen? Mit welchem hatte man am wenigsten Mühe, bis es sauber war? Welches würde sich am besten integrieren? Und welches würde wohl am schnellsten sein Heimweh nach der Meute vergessen? Fragen über Fragen. Friedel sagte: "Nun setzen wir uns mitten in die kleinen Kerle, und dann wollen wir doch schauen, ob da vielleicht einer uns auswählt statt umgekehrt!"

Und dieses Prinzip bewährte sich. Nach etwa zehn Minuten hatten sich die meisten der Welpen satt geschnuppert. Und nach weiteren fünf Minuten war es gerade noch ein kleiner Rüde, der partout nicht mehr von Friedels Schoss herunter wollte. "Der ist es"! rief Friedel triumphierend und drückte das Kneuelchen an die Brust. Dann standen sie in der Stube und verhandelten über den Preis. Bald war man sich einig. Einen schriftlichen Stammbaum gebe es allerdings nicht, meinte der Züchter. Für diesen Preis könne er nicht noch die Kosten für das Prozedere finanzieren, nur um Papiere für jedes Hundchen zu bekommen. Den beiden neuen Hundebesitzern konnte das egal sein. Sie hatten ja nicht die Absicht, auch zu züchten. Und um bellen und spazieren zu können, brauchte man gewiss keinen Stammbaum. Man würde dann schon noch genug solcher finden auf ihren Spaziergängen, aber nicht zum protzen, sondern um daran zu pissen!

Als sie eben die Stube verlassen wollten, sahen sie unter einem Radiator an der Wand einen Welpen friedlich schlafen. Dieser hatte um seinen Hals eine bunte Schnur gebunden. Was denn mit diesem Hündchen sei, wollten Friedel und Silvia wissen. Der Züchter lachte. Dieser Hund sei schon verkauft, sagte er. Schon bevor die potentiellen neuen Besitzer aufgetaucht seien, habe sich das Hundchen abgesondert. Und seit es verkauft sei und ein Bändchen um den Hals trage, spiele es nicht mehr mit den anderen, sondern verbringe die meiste Zeit schlafend dort unter dem Radiator. "Ach ja; und übrigens hat der Welpe, den sie eben ausgelesen haben, sich gestern ebenfalls abgesondert und ich hätte eine Wette abschliessen können, dass er der nächste sei, der das Rudel verlässt!"

Friedel und Silvia wussten nicht, ob sie dem Manne glauben sollten. Erst als die übrigen Familienmitglieder des Züchters einstimmig das gleiche erzählten, staunten sie über ein Naturphänomen, das der Mensch wohl nie ergründen würde.

Nun galt es aber noch, dem neuen Familienmitglied einen Namen zu geben. Silvia hatte die Idee: Sie war Fan von den Zeichentrickfilmen der Familie Feuerstein. "Japadabadoooooo," schrie sie mitten in ihrer Beratung aus voller Kehle. "Die Feuersteins haben doch auch so ein niedliches Haustierchen, einen Drachen oder Dinosaurier. Dino heisst er. So soll denn unser Hundchen auch Dino heissen." Friedel war einverstanden. Hauptsache, sie waren nun wieder eine glückliche Familie!


Vorsorglich hatten beide eine Woche Urlaub eingegeben. Weder Friedels noch Silvias Chef waren begeistert von diesem plötzlichen Entschluss. Da die beiden jedoch dringende familiäre Angelegenheiten angegeben hatten, mussten die Chefs wohl oder übel einverstanden sein. Der wahre Grund des Zuhausebleibens war jedoch, dass beide die ersten Tage ihr Hündchen voll geniessen wollten. Dass da etwas schief gehen könnte, liessen sie sich nicht im Traum einfallen. Aber bald genug mussten sie merken, dass die freie Woche absolut nötig war. Den Tag über waren sie zwar damit beschäftigt, dem kleinen Kerlchen die Zeit mit Spielen und Verwöhnen zu vertreiben. Aber die Nächte kamen eben auch und damit die Sehnsucht von Dino nach Mutter und Geschwistern. Wohlweislich hatten die beiden "Hundeeltern" das Bettchen des Hündchens in ihr Schlafzimmer genommen. Dies und noch der Rat, einen tickenden Wecker ins Körbchen zu geben, hatte Silvia im Büchlein gelesen. Auch hatte da gestanden, man solle möglichst die ganze erste Nacht durch eine Hand ins Bettchen baumeln lassen, damit sich das Hundchen jederzeit mit dem Geruch derselben beruhigen könne. So wurde das Körbchen also neben das Bett von Silvia gestellt und sie legte sich so auf die Seite, dass sie einen Arm über die Bettkante baumeln lassen konnte. Dino leckte ihr innig die Hand und wollte nicht aufhören, sein Bäuchlein dieser wohltuenden Hand darzubieten. So nach einer Stunde aber hätte sich Silvia ganz gerne mal auf die andere Seite gedreht. Sobald sie aber ihre Hand zurückzog, begann das Hundekind ganz erbärmlich zu winseln. Voll Erbarmen drehte sie sich wieder zu ihm hin und streichelte weiter. Schliesslich übermannte sie der Schlaf in dieser unbequemen Stellung. Als sie nach einer Stunde erwachte, war ihr Arm steif und gefühllos. Dazu scharrte jemand ganz ungestüm am Bettenladen. Als Silvia ihren Arm wieder soweit massiert hatte, dass er ihr vorkam wie ein Nest voll Ameisen, nahm sie kurz entschlossen Dino ins Bett. Wohlig knurrend drehte dieser sich ein paarmal um sich selbst, bevor er sich eng an sie schmiegte und einschlief. Nun endlich konnte auch sie an Schlaf denken.

Als Friedel nach Mitternacht zum ersten Mal erwachte, war sein erster Gedanke "Dino". Er zündete die Nachttischlampe an und beugte seinen Oberkörper so weit zur Seite, dass er das Körbchen einsehen konnte. Aber dieses war leer. Erschrocken stieg er aus dem Bett und ging auf Zehenspitzen um die beiden Betten herum. Kein Dino! Er schaute unter die Betten. Kein Dino! Er schaute in allen Ecken des Zimmers nach. Kein Dino! Er wollte schon Silvia wecken, als er in ihren Armen ein Häufchen Hund mit zwei Kugelaugen sah. Er musste sich beherrschen, nicht lauthals loszuprusten. Eine ganze Weile stand er am Bett und betrachtete verzückt das sich ihm bietende friedliche Bild. Dann aber kam ihm in den Sinn, Dino müsste doch gewiss mal Pippi machen, weil sein kleines Bläschen sicher noch nicht die ganze Nacht ohne Gassigehen sein könne. Vorsichtig wollte er Dino aus Silvias Armen nehmen. Aber der kleine Kerl knurrte so imposant und zeigte seine Zähne, dass Friedel erschrocken damit aufhörte. Nun endlich erwachte Silvia und fragte ganz verwirrt, was denn eigentlich los sei. Friedel deutete auf den kleinen Kerl, der sich noch enger an sie schmiegen wollte und erklärte ihr sein Anliegen. Noch immer halb im Schlaf streckte sie ihm das Hundchen entgegen. Er trug Dino in eisiger Winterkälte hinter das Haus an den Gartenzaun und setzte ihn unter einen Busch. Wie auf Kommando kauerte Dino sich hin und machte sein kleines und auch noch gleich sein grosses Geschäft. Friedel sagte: "Liebes Hundchen, braves Hundchen" und streichelte Dino den Kopf. Als ob er verstehen würde warum er gelobt wurde, hob Dino stolz sein Köpfchen und wedelte ganz verzückt mit dem Schwänzchen. Friedel trug ihn wieder ins Haus und putzte ihm mit einem alten Lappen Pfötchen und die Partie, wo Dino soeben sein grosses Geschäftchen ausgeworfen hatte. Dann wollte er ihn wieder ins Körbchen legen. Aber Dino dachte gar nicht daran, auch nur eine überflüssige Minute darin zu bleiben, sondern stand allsogleich wieder am Bett hoch. "Nicht schon wieder," brummelte Silvia und drehte sich auf die andere Seite. Unschlüssig stand Friedel der ungewohnten Situation gegenüber. Dino guckte ihn mit flehenden Äuglein an und wedelte mit dem Schwänzchen. Vor soviel Charme kapitulierte Friedel. Er trug das Hundchen in sein eigenes Bett, legte es hinein und sich daneben. Der kleine Wicht schmiegte sich an seinen Körper und schlief ein. Friedel aber überlegte hin und her, wie man dem Hundebaby klarmachen könnte, dass sich solches einfach nicht gehöre. Darob schlief er schnellstens ein und erwachte erst wieder, als ihn Silvia am Ärmel zupfte. "Soso", sagte sie gespielt ungehalten, "so erzieht man also einen Hund. Dabei steht doch ausdrücklich im Büchlein, man dürfe unter keinen Umständen weich werden, wenn das Hundchen zu einem ins Bett kriechen wolle. Wie willst du denn mit der Erziehung weiterfahren, wenn du schon am ersten Tag alle guten Vorsätze über Bord wirfst?"

"Du musst gerade noch etwas sagen," antwortete Friedel. "Wo und in wessen Armen ist denn der kleine Kerl zuerst eingeschlafen? Doch in den deinen. Wärest du doch hart geblieben. Übrigens, wer ist eigentlich zuständig für die allnächtlichen Pippigänge nach draussen? Könntest du dich vielleicht daran beteiligen?"

Silvia sagte lieber nichts mehr. Sie wusste ja ganz genau, dass sie erstens auch nicht hart bleiben konnte, wenn Dino sie so erbärmlich anbettelte und zweitens, dass sie die allnächtlichen Runden mit Dino liebend gerne allesamt ihrem Herzallerliebsten überlassen würde.

Und so blieb es denn auch. Sie beschafften sich noch einen Pippispray, mit dem sie dem Hundchen beibringen konnten, wo überall er sein Pippi hin pinkeln durfte. Zuerst durfte er im Korridor vor der Haustüre auf eine dicke Zeitung. Diese plazierten sie jedesmal ein wenig weiter hinaus. Zuerst vor die Haustüre, dann auf die Treppe und schliesslich unter die Büsche, wo er schon in der ersten Nacht sich hingesetzt hatte. So lernte er innert einer Woche problemlos sauber zu werden. Dafür hatte er sich das Recht damit erkauft, jede Nacht in Friedels Bett zu hüpfen und zu seinen Füssen zu schlafen.

Am zweiten Tag wollten sie Dino zeigen, wo er ausser ihrer Wiese noch dürfe. Friedel nahm ihn auf den Arm und sie marschierten gegen den nahegelegenen Wald, wo sie Dino wiederum unter einen Busch setzten. Der Hund schnüffelte zuerst eine Weile herum. Dann schien er gefunden zu haben, was für ihn nötig war. Ohne weitere Umschweife machte er, was man von ihm erwartete und heimste auch sogleich seine Portion Lobhudelei ein. Friedel und Silvia waren voller Stolz über ihre Erziehungskünste. Und jedermann unterwegs erzählten sie von ihrem unsagbar gescheiten und gelehrigen neuen Hausgenossen. Sie lernten denn auch an den ersten Tagen eine ganze Menge netter Leute kennen, die ebenfalls mit ihren Vierbeinern unterwegs waren und auch ihrerseits von den unglaublichsten Geniestreichen ihrer Lieblinge erzählten.

Am fünften Tag gingen sie auf einem Weg, der mit einem Fahrverbot bezeichnet war, dem Bach entlang, der an den Rändern bereits ein wenig vereist war. Es war schon so spät, dass es bald eindunkeln würde. Als sie so friedlich dahin schlenderten und Dino zuschauten, der mal links, mal rechts am Wegrand schnüffelte und sein Pippi fahren liess, näherte sich plötzlich von hinten, eine riesige Staubwolke hinter sich herziehend, ein Auto in einem Tempo, dass sie Dino nicht mehr rechtzeitig an die Leine nehmen konnten. Sie stellten sich dem Wagen in den Weg und machten verzweifelte Gesten, der Fahrer solle doch sein Tempo drosseln. Aber dieser meinte wohl, man wolle ihn daran erinnern, dass er sich hier auf einer Strasse mit Fahrverbot befinde. Mit unverminderter Geschwindigkeit fuhr er auf die beiden Fussgänger zu, so dass sie sich nur noch mit einem schnellen Schritt zur Seite retten konnten. Im gleichen Tempo fuhr er weiter. Die Staubwolke war so dicht, dass sie nicht mal das Nummernschild ablesen konnten. Aber dies war die kleinste Sorge. Die grössere war: Wo war Dino? Sie machten sich sogleich auf die Suche. Aber alles Rufen und Pfeifen fruchtete nichts. Dino blieb wie vom Erdboden verschwunden. Es begann zu dunkeln. Friedel sagte: "Bleib hier stehen. Ich renne nach Hause und hole zwei Lampen, damit wir weitersuchen können." Dann rannte er so schnell er konnte zurück.

Als er atemlos mit den Lampen zurückkam, hatte Silvia noch immer keine Spur von Dino entdeckt. Auf der Seite, wo der Weg war, war der Bach durch einen dichten Saum von Bäumen, Sträuchern und Gras verdeckt. Auf der anderen Seite des Baches aber war eine Wiese. Sie gingen zurück bis zu einem kleinen Steg, der über den Bach führte. "Bleib du hier auf dieser Seite, ich gehe auf die andere. Dann marschieren wir immer auf der gleichen Höhe dem Bach nach. So haben wir Gewähr, dass Dino nicht übersehen wird, falls er tatsächlich noch am Leben ist und nicht etwa leblos an einer Achse des Halunken hängt, der das Unglück heraufbeschworen hat," sagte Friedel.

Inzwischen war es schon ganz dunkel geworden. Sie gingen unter Rufen und Pfeifen langsam weiter dem Bach entlang und zündeten mit ihren Lampen unter alle Sträucher und in jede Senke. Plötzlich war Friedel, auf der Seite wo Silvia ging, hätte er zwei winzigkleine Lichtlein gesehen. Er ging zurück. Die Lichtlein folgten ihm. "Ich glaube, ich habe ihn," rief Friedel über den Bach. Dann zog er Schuhe und Socken aus, nahm diese in die eine Hand und zündete mit der Lampe in der anderen Hand ins Wasser. Dieses stand etwa dreissig Zentimeter hoch. Vorsichtig stieg er hinein und begann, den Bach zu überqueren. Bei jedem Schritt den er tat, wurden seine Füsse gefühlloser. Als er auf der anderen Seite anlangte, meinte er, an den Füssen eine Sohle Eis von einigen Zentimetern zu haben. Er leuchtete ins Gras, wo er den Hund vermutete. Aber dieses Gras entpuppte sich als eine Hecke verdorrter Brennesseln, in die sich Dino eingekuschelt hatte. Friedel warf Schuhe und Socken nach oben. Dann nahm er das Hundchen liebevoll in die Arme und trug es durch die Nesseln zu Silvia. Oben angelangt nahm er sich gar nicht erst die Mühe, Socken und Schuhe wieder anzuziehen, denn die Füsse waren so gefühllos geworden, dass ein Versuch zwecklos geblieben wäre. Auf die Gefahr hin, am nächsten Tag mit Fieber im Bett zu liegen, lief er so rasch er nur konnte, mit Dino auf den Armen nach Hause, wo er zuerst dem Hund eine warme Dusche verpasste, bevor Silvia ihm einen heissen Grog zubereitete und auch er sich ein warmes Bad genehmigte. Friedel ahnte, dass es nicht das letzte Abenteuer gewesen war, das er mit dem Hund bestanden hatte!


Das Unternehmen "Suche nach Dino" blieb für Friedel erstaunlicherweise ohne gesundheitliche Folgen. Das war wohl dem Umstand zuzuschreiben, dass er sofort, nachdem er den Hund gefunden hatte, im Laufschritt heim rannte. Auch Dino selber liess sich überhaupt nichts anmerken, dass da etwas Ungewöhnliches mit ihm passiert wäre. So konnte also übergangslos zur Tagesordnung geschritten werden. Und alles hätte in Harmonie verlaufen können, wenn da nicht ein kleines Problemchen aufgetaucht wäre, das zwar anfangs ganz leicht lösbar schien, sich mit der Zeit jedoch zu einem Störfaktor Nummer eins entwickelte:


Friedel und Silvia gingen im Haus von Sonja ein und aus, wie es sich für Familienmitglieder gehört. Silvia hatte aus ihrer ledigen Zeit noch einen Hausschlüssel. Gerechtigkeitshalber bekam auch Sonja einen Schlüssel zur Wohnung des jungen Paares. Soweit so gut. Als aber die beiden das erste Mal mit Dino auftauchten und diesen als Überraschung einfach in der Wohnung Sonjas laufen liessen, bekam diese fast einen Anfall. Dinos erste Amtshandlung war nämlich die natürlichste Sache für ihn, eben das, was seine Vorfahren seit tausenden von Generationen schon praktiziert hatten, wenn sie ein neues Territorium in Besitz nahmen: er pinkelte in Sonjas Guter Stube an ein Bein des Stubentisches! Silvia rannte zwar sofort nach einem Putzlappen, um das Malör so klein wie möglich zu halten. Aber für Sonja war Dino für sein Leben abgestempelt. "Dieses Viech kommt mir nie mehr in mein Haus," rief sie voller Entrüstung. Und sie liess sich durch alle Beschwichtigungsversuche und Erklärungen, der Hund habe das ein erstes und letztes Mal gemacht und werde nie mehr auf den Gedanken kommen, dies zu wiederholen, nicht umstimmen. Ein Hund gehöre hinaus und niemals in eine Wohnung, erklärte sie kategorisch und dabei blieb es dann auch. So wurde denn das unschuldige Kerlchen für etwas bestraft, für das er bei seinen Artgenossen bestimmt einen Orden bekommen hätte, falls es diesen gegeben hätte. Bei den Menschen aber wurde er nun mit einer langen Schnur im Garten von Sonja festgebunden und wimmerte und jaulte kläglich, bis Friedel und Sonja frühzeitig wieder aufbrachen.


Schon vor dem Kauf von Dino hatten die drei ausgemacht, ihre nächstjährigen Ferien gemeinsam in den Bergen zu verbringen. Durch eine vorsichtige Anfrage Friedels bei Sonja wurde abgesichert, dass dieses Vorhaben trotz Anschaffung eines "Vieches" noch gelte. Komischerweise hatte Sonja überhaupt keine Einwände vorzubringen. Sie meinte nur lakonisch: "Falls das Untier die Wohnung voll pisst, ist das ja eure Sache und nicht die meinige. Für den Schaden habt ihr selber aufzukommen, denn schliesslich seid ihr ja die offiziellen Mieter, nicht, ich!" So konnte man also im Frühsommer beruhigt in die Berge fahren.



Der Gondelhund


Sie hatten sich also eine Ferienwohnung im Walliser Dorf Grächen gemietet. Leider waren Silvia und ihre Mutter nicht so gut zu Fuss wie Friedel und Dino. Und weil es für sie zwei recht mühsam und, na ja, sagen wir es doch gleich ehrlich, langweilig war, immer hinter den beiden Frauen den Schaufenstern nachzuzotteln, suchten sie sich eben manchmal ihre eigenen Touren aus.

Immer nach dem Frühstück, so gegen neun Uhr machten sie sich auf die Socken, dem Berg zu, derweil sich die Frauen für ihre Einkaufstour vorbereiteten. Gegen Mittag trafen sie sich dann irgendwo im Dorf und berieten, wo sie zu Mittag essen wollten.

Einmal liessen sich aber alle vier von der Gondelbahn auf die Hannigalp transportieren. Dino hatte dabei seine helle Freude, aus dem Fenster zu gucken und den Kühen beim Grasen zuzuschauen. Am liebsten wäre er wohl hinunter gesprungen und hätte mit den Tieren herum getollt.

Oben machten sie dann eine kleine Wanderung, gerade so weit, als es die Berg ungewohnten Beine von Friedels Schwiegermutter noch zu liessen. Anschliessend setzten sie sich im Bergrestaurant zu einem kühlen Trunke und erfreuten sich an dem herrlichen Panorama der Walliserberge.


Irgendwie hatten Friedel und Dino aber einfach das Gefühl, sie seien in dieser Woche zu wenig gefordert worden. Sie beschlossen deshalb, am letzen Morgen den Weg auf die Hannig aus eigener Kraft zu schaffen. So machten sie sich also, etwas früher als an den übrigen Tagen, auf die Socken.

Weil man sich auch heute wieder auf Mittag im Dorf verabredet hatte, mussten sie ein Tempo einschlagen, das Friedel in Schweiss versetzte und Dino kaum Zeit liess, vor seinem Herrchen im Zickzack her zu rennen und seine Wegemarkierungen zu setzen.

Nach anderthalb Stunden sahen sie bereits den Spielplatz des Restaurants. Als sie dann auch noch dieses selbst zu sehen bekamen, war Dino nicht mehr zu halten. Ohne noch auf Friedels Rufen zu achten, preschte er davon und war schon nach ein paar Sekunden verschwunden.

Nun muss aber noch eine Eigenheit des Zwergpudels erklärt werden, die Friedel schon manche hämische Bemerkung eingetragen hatte: Dino witterte nämlich jede Wirtschaft schon auf hundert Meter und wenn Friedel ihn nicht stoppen konnte, dann sass der Hund schon in der Gaststube, wenn sein Herr endlich schweissgebadet dort eintraf.

Somit machte sich Friedel auch heute keine besonderen Gedanken, sondern nahm ganz selbstverständlich an, er würde Dino im Restaurant finden. Als er aber keuchend dort eintraf, war kein Dino zu sehen. So ging er halt wieder nach draussen und begann nach ihm zu rufen. Irgendwoher gab Dino auch Antwort. Und zwar kam das Bellen aus der Richtung der Seilbahnstation, wie es Friedel schien. "Der wird doch nicht etwa dort sein," dachte er und machte sich auf den Weg. Als er in die Station trat, deren Eingangstüre sich automatisch öffnete und schloss, wenn jemand in die Nähe kam bzw. wieder wegging, stockte ihm der Atem. Er sah seinen Hund gerade noch mit einem Satz in einer Kabine verschwinden, diese sich schliessen und talwärts fahren.

Geistesgegenwärtig lief er zur Kasse und bat, man möge zur Talstation telefonieren, man solle seinen Hund ums Himmels willen ja nicht aussteigen lassen. Dann schwang er sich selber in die nächste Kabine und fuhr hinterher.

Als er in die Nähe der Talstation kam, sah er, dass schon die ganze Mannschaft bereit stand, um Dino den Austritt zu verwehren. Friedel stieg aus, lief zur vorderen Kabine und nahm seinen Dino in die Arme. Und er schämte sich nicht zu zeigen, dass ihm die Tränen über die Wangen rollten.

Als er sich einigermassen erholt hatte, wollte er zur Kasse gehen, um den Fahrpreis nachzubezahlen. Aber die Leute von der Station waren so gerührt, dass sie sich beharrlich weigerten, auch nur einen Rappen von ihm anzunehmen.


Auf dem Nachhauseweg rechnete Friedel seinem ihn unschuldig anschauenden Begleiter vor, wieviele solcher Gondelbahnen es ungefähr in ihrem Lande gäbe. "Wenn wir uns recht geschickt verhalten, dann können wir also noch viele solcher Gratisfahrten machen," sagte er mit einem Augenzwinkern zu Dino. "Wir müssten uns allerdings eine Liste anlegen und jede `bearbeitete` Bahn abhaken. Wir dürfen uns ja schliesslich nicht zweimal auf der gleichen Seilbahn erwischen lassen!"




Eiszeit


Auf die Dauer konnte auch ein Hund das Fehlen von Kindern nicht wettmachen. Silvia wurde immer gereizter. Wenn sie spazieren gingen, trafen sie manchmal Bekannte, die sich nach einigen allgemeinen Floskeln danach erkundigten, ob denn eigentlich noch nicht geplant sei, endlich dem Storch eine Chance zu geben. Diese Fragen beantworteten die beiden zwar immer mit einem Lächeln und der Standardrede, das habe ja noch Zeit, man wolle doch zuerst das Leben noch ein wenig geniessen. Zudem wäre es besser, wenn das Kind nicht schon vom ersten Tag an merken müsse, wie man den Fünfer dreimal in der Hand umdrehen müsse, bevor man ihn ausgebe. Ein gutes Polster auf der Bank sei doch besser, als die ewige Frage: "Können wir uns das leisten, oder müssen wir uns das verkneifen?" Mit der Zeit aber wurde Silvia recht böse auf solche Fragen und konnte sich manchmal kaum noch beherrschen zu sagen: "Das geht euch doch einen feuchten Dreck an, ob wir Kinder haben oder nicht. Ist das vielleicht euer Problem oder unseres?"


Friedel musste merken, dass auch unter Mutter und Tochter das Thema des öfteren auf dem Tapet stand. Denn jedesmal nach einem Besuch Silvias bei Sonja, bei dem Friedel nicht dabei war, reagierte seine Frau einsilbig auf seine Konversationsversuche. Und auch Dino bekam diese Spannungen zu spüren. Sogar oft bevor Friedel etwas merkte. Dann verzog sich der Hund in eine Ecke und musste nachher nach draussen um Gras zu fressen. Auch im Bett herrschte bald einmal wieder Eiszeit.

Das und noch manch anderes in ihrer jungen Ehe beschäftigte Friedel bei seinen Touren und machte sich unliebsam auf seine Abschlusszahlen bemerkbar. Dino, der meist mitkam, merkte auch dies, und sein Schwänzchen war in letzter Zeit mehr zwischen die Beine geklemmt als in der Luft wedelnd.

Das Pünktchen auf das i aber schrieb Silvias Vater, der sich in letzter Zeit wieder vermehrt zeigte. Nun, da die Tochter versorgt und die Mutter einem eigenen Erwerb nachging, konnte er sich ja wieder blicken lassen, ohne an alte Zahlungsrückstände erinnert zu werden. Und es ging nicht lange bis er anfing, sich in Angelegenheiten zu mischen, die er besser vor Jahren zur Diskussion gestellt hätte. Er glaubte doch tatsächlich, er könne bei Silvia noch Nacherziehungsversuche machen. Als er sich einmal ganz ungeniert erlaubte, die Kinderlosigkeit des Paares mit Zoten zu garnieren, hängte es Friedel aus und er sagte ihm klipp und klar, wo der Zimmermann das Loch gemacht habe für Gäste, die sich ungefragt in intime Angelegenheiten mische. Aber lange liess er sich nicht ausklammern. Eine Zeitlang nahm er sich zwar zusammen. Aber seinem bösen Maul konnte man keinen Maulkorb überstülpen. So sicher wie das Amen des Pfarrers spielte er bei jedem Besuch wieder irgendwie auf das "Manko" an. Auch wenn Friedel ihn an das Zimmermannsloch erinnerte, gab er nicht mehr auf. Friedel war aber einigermassen erstaunt, dass Silvia ihren Mann nicht mehr unterstützte, sondern einmal giftig sagte: "An mir liegt`s ja sicher nicht, denn meine Apparatur funktioniert jeden Monat pünktlich wie eine Uhr!"

"Dann muss es wohl am Setzholz fehlen, wenn der Boden gut ist," giftelte der Vater und schaute tadelnd auf Friedel. Schliesslich konnte dieser nicht mehr anders als das Angebot machen, sie beide könnten ja endlich zu einem Arzt gehen und den "Fehlbaren" ausfindig machen. Als ob Silvia nur noch auf dieses Stichwort gewartet hätte, sagte sie sofort, diesen Gedanken hätte sie schon lange. Sie habe sich nur nicht getraut, ihn endlich auszuspucken.


So wurde also ein Termin mit einem Spezialisten verabredet. Die Untersuchungen wurden gewissenhaft durchgeführt und waren eindeutig: In Friedels Samenflüssigkeit regte sich zu wenig. Oder anders ausgedrückt: Die Chance, dass eines der Spermen seinen von der Natur vorgeschriebenen Weg innert nützlicher Zeit absolvieren konnte, war äusserst gering. "Sehen Sie", sagte der Arzt, "das ist etwa so zu sehen: In einem Weiher befinden sich einige hunderttausend Kaulquappen. Diese schwimmen munter hin und her und ernähren sich von den winzig kleinen Teilen, die im Wasser treiben. Wenn nun nicht genügend Nahrung vorhanden ist, dann verkümmern die Kaulquappen oder verhungern sogar. Bei Ihnen scheint eben das Nahrungsangebot für die Kaulquappen, äh Spermen, zu mager auszufallen. Die kleinen Samentierchen verlieren dann jede Lust, sich ihrer Lebensaufgabe zu widmen, nämlich das Ei zu befruchten. Mit anderen Worten. Es will keiner der erste sein im Rennen um die Befruchtung. Wenn Sie so wollen, dann ist jeder Mensch auf der Welt einmal der erste gewesen im Leben. Nämlich ganz am Anfang davon. Und bei Ihnen reisst sich scheinbar keiner um diesen Posten!"

Der Spezialist verwies noch auf die Möglichkeit, jeweils ein paar Wochen absolute Enthaltsamkeit zu üben, damit die Menge und dadurch auch die Chance erhöht würde. Da das Paar diese Taktik jedoch ohne ärztliche Anweisung, sondern aus Frust schon ein paarmal praktiziert hatte, wussten sie bereits, dass kein positives Ergebnis zu erwarten war.


Es kam wie es scheinbar kommen musste: Silvia reichte die Scheidung ein. Das Prozedere ging schnell über die Bühne. Da keine Kinder vorhanden waren und das Teilen der gemeinsam angeschafften Sachen gütlich geregelt wurde, konnte der Richter seinen "Segen" zwischen zwei Bissen seines Vesperbrotes sprechen. Der Gerichtsschreiber setzte die Konvention auf und das Paar unterschrieb. Fertig. Geschieden.

Da Silvia vorübergehend zu ihrer Mutter zog, war das Thema "Dino" keine Sache. Er blieb bei Friedel.



Einsamkeit


So sahen also die Fakten aus, als Friedel damals mit Dino zum Fischen gehen wollte und auf der anvisierten Wiese die Zigeunerwagen standen. Die Handlungen sind bekannt, die Dialoge geschlossen. Das Dumme an der sonst amüsanten Geschichte war nur, dass Friedel dieses Abenteuer immer wieder in den Sinn kam; wenn er nachts wach lag, wenn er träumte und sogar wenn er auf Tour war. Hin und wieder zweifelte er zwar daran, diese Szenen im Wohnwagen tatsächlich erlebt zu haben. Aber wenn er mal wieder total verunsichert war, suchte er die Flasche im Keller, die er damals zwischen den abgelaufenen Pneus gefunden hatte und las den Text, der darauf stand: "Für Friedel. Auf wiedersehn". Dann roch er am Inhalt und alle Erinnerungen kamen, als ob sie erst gestern sich im Kopf eingenistet hätten. Die Flasche aber steckte er wieder an einen seinen alten Platz im Keller, den er als sicher gegen Beschädigungen einstufte.


Eiszeit 2

Friedel war an einem freien Samstag mit Dino zum nahen Wald spaziert. Es war einer jener prickelnden Frühsommermorgen, an welchen die ganze Vogelschar sich überschlagen konnte mit Singen und Jubilieren. Millionen von zirpenden Grillen spielten ihr unendliches Liebeslied und rieben sich die klingenden Beinchen wund. Ein Fuchs huschte über den Waldweg und schien es nicht mal eilig zu haben. Friedel nahm Dino näher an die Leine. Aber dieser hatte überhaupt kein Auge für den nahen Kollegen, denn die Spuren der Waldtiere auf dem Waldweg waren so unheimlich faszinierend für ihn, dass er vor Aufregung alles um ihn herum vergessen konnte. Auf einer Waldlichtung, übersät mit schmackhaften Kräutern, Himbeerstauden und Pilzen ästen ruhig drei Rehe. Friedel blieb hinter einem Baum stehen, Dino zwischen die Beine geklemmt und schaute ihnen andächtig zu. Wie konnte ein Jäger ein solch friedliches Bild denn nur mit einem Blattschuss beenden? dachte er angewidert. Dass er selber Fische fing, die doch bestimmt ebenso gerne ihr Leben genossen, kam ihm nicht in den Sinn. Denn Fische schreien ja nicht im Todeskampf! Dann ging er rückwärts einige Schritte auf dem schmalen Weglein und nahm eine Abzweigung um das malerische Bild auf der Waldlichtung nicht zu zerstören. Er kam auf den Weg, welcher dem Waldessaum entlang zur nahen Kiesgrube führte, wo seit Jahrzehnten Material für Häuserbau und Strassensanierungen abgetragen wurde. Auf dem Weg balzten zwei Amselmännchen um ein Weibchen, die Federn vom Körper abgespreizt, den Kopf fast auf dem Boden. Das Weibchen aber schien überhaupt keine Notiz von ihnen zu nehmen. Fleissig pickte es hier ein Körnchen, dort ein Würmchen und schaute - als ginge es das verliebte Treiben gar nichts an - nur ab und zu auf die beiden Lustmolche, die sich einerseits vom Weg abzudrängen und andererseits möglichst nahe an ihr begehrtes Lustobjekt schleichen wollten, um es dann in einem günstigen Augenblick zu bespringen respektive zu befliegen. Schliesslich wurde es dem Weibchen zu bunt. Es flog in ein nahes Gebüsch, das ihm Schutz vor seinen zudringlichen Verehrern bieten konnte. Oder ob es sich da nur für den Liebesakt vorbereiten wollte? "Mein Rat", brummte Friedel, "lass dich von beiden begatten. Dann hast du ausgesorgt, weil doch dann beide dir die Würmer zutragen, wenn du auf deinen Eiern sitzen musst!" Dann wanderte er kopfschüttelnd weiter. Hier stritten und liebten sich die Lebewesen in grösster Selbstverständlichkeit, und er selber war wieder mal der ewige Junggeselle, der sich mit der Rolle des Zuschauers begnügen musste.


Friedel zog Dino zu sich heran und löste den Karabinerhaken. Mit einem freudigen Jaulen sprang der Hund an ihm hoch, seinen Meister zum Spiel auffordernd. Friedel lachte und schüttelte den Kopf. "Nein Dino", sagte er, "keine Lust heute, mit dir um die Wette zu laufen. Ich möchte mich an der Natur erfreuen und meine Gedanken in Ordnung bringen. Lauf!"

Dino schien zu begreifen. Er setzte mit einem riesigen Sprung in die erste Furche des angrenzenden Ackers, wo der Bauer vor einem Monat die Erdäpfel mit der Maschine in die wohlriechende Erde gelegt hatte. Die Nase am Boden jagte er die ganze Furche entlang, sprang am Ende der Furche in die nächste und rannte, fast mit der Nase selber eine kleine Furche ziehend, wieder zurück. Friedel lachte. Der kleine Kamerad brachte es doch tatsächlich immer wieder fertig, ihn aus seinen melancholischen Träumen zu reissen. Beschwingt setzte er einen Fuss vor den anderen. Der Weg war hier mit frischem Kies aus der nahen Grube gedeckt worden, weil den Winter durch Kälte und schmelzendes Wasser tiefe Gräben geschwemmt hatten. Plötzlich stoppten seine Füsse. Vor ein paar Sekunden hatte er doch inmitten der gelben Kalksteinchen etwas gesehen, das nicht hierher gehörte? Er ging langsam zurück, die Augen intensiv auf den Boden geheftet. Da. Ein etwa Kinderhand grosser, ovaler Kalkstein. Genau das war es doch, was seinen Schritten befohlen hatte, ihren Rhythmus zu unterbrechen. Friedel bückte sich und nahm den Stein nachdenklich in die Hände. Hin und her wendete er ihn und sah zu seiner Überraschung genau mitten im Stein ein Loch, etwa zwölf Millimeter im Durchmesser und fünfzehn tief. Friedel runzelte die Stirn. Das Loch war so ebenmässig und so genau im Zentrum des Steines, dazu der Stein ringsum so ebenmässig mit kleinen Facetten behauen, dass dies unmöglich das Werk von Witterung und Zahn der Zeit sein konnte. Sein alter Lehrer Murmann und dessen Naturkundestunden kamen ihm urplötzlich in den Sinn. Und ein Bild im Schulbuch, die Steinzeit behandelnd, kam ihm vor sein geistiges Auge: Ein nur mit einem Stück Fell bedeckter Mensch mit schwarzer Mähne hielt zwischen den Füssen einen grossen Stein, in der linken Hand hielt er einen kleineren. Zwischen den beiden Steinen steckte ein dürrer Holzstab und in der rechten Hand hielt der Mann einen Pfeilbogen. Die Sehne dieses Bogens war mit ein paar Windungen um den Stab mit diesem fest verbunden. Wenn nun der Mann den Bogen hin und her führte, drehte sich der Stab zwischen den beiden Steinen. Ein kleines Räuchlein auf dem Bild zeigte an, dass es sich hier um die verbesserte Erzeugung von Feuer handelte. Plötzlich schien der Stein in Friedels Hand Bände sprechen zu können. Und Friedel schien, der Stein werde langsam immer wärmer. Sein Herz begann in merkwürdiger Hast zu pochen. Er fühlte sich selber, um Jahrtausende zurückgesetzt, als Höhlenmensch jener Zeit, der im Begriffe war, für seine Horde ein Herdfeuer anzuzünden.


Friedel erwachte aus seinen Träumen. Dino sass mit erwartungsvollem Blick vor ihm, die Ohren hochgestellt, mit wedelndem Schwänzchen. Er schaute auf den Stein, wohl meinend, Friedel wolle ihm ein Leckerli geben oder einen Stein mit dem Befehl „Aporte!" weit weg werfe, damit er ihn hole und seinem Meister zurückbringe. Friedel lachte, steckte den Stein in die Hosentasche und entnahm ihr eines der von Dino so begehrten Leckerbissen. "Da", sagte er mit milder Stimme. "Gut habe ich noch dich. Sonst würde ich vor lauter Träumen nicht mehr zum Leben kommen!" Der Hund schnappte sich den Brocken im Flug und würgte ihn mit zwei, drei Kaubewegungen hinunter. Dann nahm Friedel den Hund wieder an die Leine, weil noch ein weiteres Stück Waldes zu durchqueren war und sie marschierten heim zu.

Zu Hause angelangt, verpasste Friedel seinem Wegbegleiter mit dem Strahl des Gartenschlauches ein Reinigungsbad, was Dino mit einem ärgerlichen Knurren bedankte. Dann aber tobte er durch den Rasen, den Boden mit seiner Nase berührend, schüttelte sich ein Dutzend mal, wälzte sich unter lauten Geräuschen des Wohlbefindens und legte sich dann seufzend zwischen Friedels Füsse, der sich inzwischen in einem Gartenstuhl gemütlich gemacht hatte. Dann begann er dem Fell die letzten Tropfen mit der Zunge zu entziehen. "Durst?" fragte Friedel den Hund und sich selber. Dann stand er auf und holte im Keller eine Flasche Bier. Dem Hund stellte er einen Topf hin, den er mit Wasser füllte. Dino schnalzte sich das Wasser gierig in den Hals, Friedel befreite die Flasche vom Kronenkorken und tat dasselbe. In einem Zuge sog er das Bier in sich hinein. Zweimal, dreimal, dann war die Flasche bereits leer. Mit einem lauten Rülpser, der Dino im Trinken zu stören schien, denn er unterbrach seinen Trinkfluss, befreite sich Friedel von den lästigen Kohlesäuregasen. Ein angenehmes Brennen floss ihm durch die Nase.


Die erste Flasche Bier rief nach einer zweiten. Und als diese auch geleert war, nahm Friedel gleich weitere zwei aus der Harasse mit, damit er nicht dauernd aufstehen und in den Keller gehen musste. Bis zur Abendessenszeit standen auch diese zwei ausgehöhlt bei den anderen in einer wohlgeordneten Reihe, denn Friedel war ein ordnungsliebender Mensch, auf dem Boden neben Friedels Gartenstuhl. Friedel aber schnarchte selig, den Kopf seitwärts gelegt, in diesem und schlief einen traumlosen Schlaf.


Als er erwachte, fröstelte ihn am ganzen Körper. Die Sonne war inzwischen über den Berg gewandert und liess nur noch einen kleinen Teil ihrer goldenen Strahlen ins Mittelland gleiten. Dino streckte sich. Auch er hatte es scheinbar seinem Meister und Kollegen nachgemacht und sich ausgeschlafen. Nun aber liess er ein leises „Wuff" hören, was so viel bedeutete wie "Meister, es ist Zeit, dass wir uns an unsere Teller setzen." Friedel begriff zwar. Aber sein Schädel brummte und seine Beine schienen ein leicht wackliges Konstrukt zu sein, als er durch das Garagentor ins Innere des Hauses verschwand. Die leere Flaschenbatterie aber blieb draussen neben dem Gartenstuhl stehen. Friedel schluckte merkwürdig trocken. Diese Erfahrung hatte er doch nun schon mehrmals gemacht: je mehr er trank, desto trockener wurde sein Hals und verlangte nach neuer Tranksame. Seine Schritte wandten sich automatisch dem Keller zu, wo die Harasse mit dem Bier stand. Als er eben seine Hand nach einer Flasche streckte, sah er eine andere, verstaubte Flasche im Regal stehen. Hatte er da etwa mal eine hin gesteckt und dann vergessen, sie mitzunehmen? Er nahm sie in die Hand und wischte die Staubschicht weg. Trotz seines brummenden Schädels konnte er die Schrift, die sich darauf befand, lesen: "Für Friedel. Auf Wiedersehn". Wie ein Blitz kam ihm wieder die Erinnerung an die drei Frauen im Wohnwagen am Fluss. Und eine Sehnsucht ungeheuren Ausmasses sprengte ihm fast das Herz: Aida. Seine Zukunftsfrau. Was sie wohl in diesem Augenblick gerade tat? Quatsch, dachte er laut. Sie konnte ja gar nichts machen, weil sie in diesem Augenblick gar noch nicht geboren war! Oder vielleicht doch? Er selber hatte ja schliesslich auch gleichzeitig in zwei Zeiten gleichzeitig gelebt damals? "Für Friedel. Auf Wiedersehn". Wieder und wieder las er diese von den Zigeunerinnen hin gekritzelten Worte. Auf Wiedersehen, mit wem denn eigentlich? Hatte Elvira, die Zauberin und Wahrsagerin vielleicht gar nicht sich selber damit gemeint, sondern Aida?


Friedel steckte die Flasche mit dem Wundermittel in die Hosentasche, nahm eine volle Bierflasche aus der Harasse und begab sich ins Obergeschoss, wo er beide auf den Küchentisch stellte. Dann füllte er Dinos Teller mit Fleisch aus einer Büchse und einen Topf mit Wasser, den er neben den Teller stellte. Der Hund stürzte sich hungrig und durstig drauf. Dann nahm Friedel ein Bierglas aus dem Schrank und begab sich mit diesem und den beiden Flaschen in die Stube, wo er sich seufzend niederliess. Mechanisch schenkte er sich Bier ein und trank es in einem Zug. Immer wieder wurde sein Blick wie magisch von der anderen Flasche angezogen. Sollte er oder sollte er nicht? Er trank den Rest des Bieres direkt aus der Flasche und entkorkte nun bedächtig die andere. Vorsichtig hob er sie an seine Nase und schnüffelte den Duft ein. Nicht gerade einladend, fuhr es ihm durch den Kopf. Aber wie unter Zwang füllte er damit das Bierglas bis knapp unter den Rand. Dann sass er sinnend, den Kopf auf beide Arme gestützt am Tisch und starrte auf das Gebräu im Glas. Er wusste ja nicht mal, ob ihm Elvira das Gesöff verdünnt verabreicht hatte. Seine Rechte tappte zögernd zum Glas. Dann, mit einem tiefen Atemzug sich Mut machend, ergriff er das Glas und hielt es an die Lippen. Seine Zunge tastete sich vor. Gar nicht schlecht eigentlich, dachte er erleichtert. Er nahm einen kleinen Schluck in den Mund und bewegte ihn hin und her. Tatsächlich: genau der gleiche Geschmack wie damals. Und es schien ihm, auch die Konsistenz sei die gleiche. Mit einem Anflug von sarkastischem Humor sog er nun Schluck um Schluck und liess den Inhalt des ganzen Glases durch die Kehle rinnen. Geschafft! Er legte sich auf das Sofa und harrte der Dinge die da kommen sollten. Irgendetwas drückte ihn in der Gesässtasche, das ihn beim Liegen störte. Mit letzter Kraft griff er nach hinten. Der Stein, den er heute im Waldweg gefunden hatte. Krampfhaft umschloss seine Rechte den Fund. Dann konzentrierte er sich auf die Wirkung des soeben Getrunkenen. Und er musste nicht lange warten. Sehr rasch wurde ihm leicht ums Herz, der Puls ging schneller, die Sicht wurde zwar etwas trüber, aber ein wohliges Gefühl fuhr ihm durch den ganzen Körper. "Aida, ich komme", wisperte er noch, dann schwanden ihm die Sinne. Aber wie hätte Friedel auch ahnen oder wissen können, dass das Gebräu, in Verbindung mit Alkohol, genau das Gegenteil des Erhofften bewirkte?! Friedel schwebte langsam gegen die Decke, hielt einen Augenblick über seinem schlafenden Körper Einhalt und schwebte dann, immer schneller, durch die Decke der Stube, durch das ganze Obergeschoss, durch das Dach, gegen den Himmel. Die Wolken fingen an zu tanzen, schneller, schneller. Dann ertönte ein Sirren, das sich zu einer Melodie aus nie gehörten Tönen verschmolz. Nun trieb es ihn mit unheimlicher Kraft durch Raum und Zeit. Er sah Meere und Wälder, Flüsse und Kontinente, die sich dauernd veränderten. Tage und Nächte spielten das ewige Spiel von Hell und Dunkel, dass es Friedel vorkam wie im Lasergetümmel einer Disco. Dann war alle Wahrnehmung wie weggeblasen. Denn Zeit und Raum vereinigten sich zu einem infernalischen Chaos. Und Friedels ICH vermengte sich in diesem Inferno zu einem Nichts.


Steinzeit


Krk schaute sich benommen um. Er hatte das Gefühl, in seinem Kopf habe eine Hand mit einem Tannenast gefegt. Er sass allein auf einem Stein, welcher sich inmitten einer Savanne befand. Am Morgen war er mit Ere, Ono und Esem auf die Jagd gegangen. Vor etwa einer Stunde hatten sie eine Sau mit ihren Frischlingen im dichten Unterholz aufgespürt. Sie lag leise grunzend und offensichtlich dösend im Laub, die Jungen schmatzten an ihrem Gesäuge. Eigentlich ein friedliches Bild. Aber die vier jungen Männer hatten kein Auge dafür sondern in ihren Köpfen reihten sich Bilder von gegarten Schweineschenkeln und herrlichen Innereien. Ein Wink Esems, des Anführers bedeutete den anderen, sich leise um die niedliche Gruppe zu schleichen. Dann, auf einen nachgemachten Ruf einer Eule, stürzten sich alle drei mit ihren Keulen auf die Muttersau. Schlag auf Schlag wuchtete auf ihren Schädel. Sie hatte keine Chance. Leblos blieb sie liegen. Die Jungen aber stoben mit lautem, entsetztem Quietschen in alle Himmelsrichtungen. Die Männer stimmten ein Jubelgeschrei an. So leicht hatten sie noch selten so grosse Beute machen können. Rasch banden sie der Sau die Beine zusammen, schoben einen dünnen Baumstamm, dem sie vorher die Zweige abgehackt hatten, dazwischen und hoben den Stamm auf ihre breiten Schultern. Bis zum Waldrand waren nur ein paar Schritte. Sie marschierten in das hohe Gras und legten die Sau auf einen grossen Stein am Boden. Dann traten sie rings um den Kadaver das Grün zu Boden, bis eine Mulde von etwa sechs Schritten im Durchmesser entstand, welche mit weiteren Steinbrocken übersät war. Esem bedeutete Krk, sich im Wald Holz zu beschaffen und ein Feuer anzufachen. Sie, die anderen drei wollten im Waldessaum nach den Frischlingen suchen. Weit davongelaufen konnten die ja nicht sein, denn aus Erfahrung wussten sie, dass ihre Mutter sie nach kurzer Zeit suchen und nach ihnen rufen würde. Und ebendiese Erfahrung hatten auch die jungen Männer von ihren Vätern mitbekommen. Es galt also, den leisen Lockruf der Sau nachzuahmen und auf das Quietschen zu achten, das dem Rufe antworten würde. Und sie hatten Glück, denn bevor die Sonne hinter dem Savannenrand verschwand, hatten sie bereits die Hälfte der Jungen Wildschweine eingefangen, ihnen die Beine zusammengebunden und über ihre Schultern gelegt. Noch suchten sie aber weiter. Denn die Alten in den Höhlen würden sie ausschelten, wenn sie nicht alle erwischten.


Krk hatte genügend dürres Holz und Flechten eingesammelt. Nun legte er alles in der Nähe der Sau auf einen Haufen. Das Feuer brauchten sie nicht nur um ihr Essen zu braten, sondern auch als Schutz vor den Tieren der Nacht, die auch Menschen nicht in ihrem Speisezettel verschmähten. Er setzte sich auf einen Felsbrocken, nahm aus dem Fell einen grösseren und einen kleineren Stein hervor und legte sich den grösseren zwischen die Füsse. Dann griff er nach hinten auf den Rücken und fischte sich einen nicht ganz ellenlangen, dürren Stab, welcher in einem Köcher aus Leder, neben den Pfeilen steckte. Den Bogen hatte er sich schon vorher über den Körper gestreift. Nun wickelte er die Sehne aus Hirschdarm ein paarmal um den Stab, dass sie an diesem eine Spirale bildete. Den kleineren Stein nahm er in die linke Hand, spuckte in das sich in der Mitte befindende Loch und führte den Stab zuerst in das Loch in dem grösseren Stein, den er inzwischen mit den Füssen fest klemmte. Das andere Ende des Stabes aber führte er in das Loch des kleineren Steines, welchen er nun so hielt, dass er mit langsamen Bewegungen den Stab in Rotation versetzen konnte, wenn er den Pfeilbogen hin und her schob. Immer schneller sauste der Stab herum. Ein kleines Räuchlein zeigte an, dass das untere Ende durch die trockene Reibung zu glühen begann. Schnell liess Krk den Bogen für einen Moment baumeln und zerbröselte eine dürre Flechte zu Staub, welchen er vorsichtig in das untere Loch streute. Dann fuhr er mit seinen Drehbewegungen weiter. Dieses Spiel trieb er so lange weiter, bis auch die Flechte zu glühen begann. Nun legte er schnell Bogen, Stab und den kleineren Stein zur Seite, kniete sich nieder und blies vorsichtig in die kleine Glut, immer wieder von den zerbröselten Flechten nachschüttend. Eine kleine Flamme zeigte an, dass es nun an der Zeit war, kleine Holzbrösel beizugeben, welche augenblicklich zu brennen begannen. Krk konnte sich befriedigt aufrichten. Er war im ganzen Lager dafür bekannt, am schnellsten ein Feuer entfachen zu können. Er legte kreuz und quer immer grössere Ästchen dazu. Und als auch diese in Flammen standen, legte er armdicke Holzstücke auf das Feuer.


Krk wollte sich eben daran machen, der Sau den Hals mit einem scharfen Stein aufzuschlitzen, als er seine drei Kollegen sich mit den eingefangenen Ferkeln nahen sah. Es waren so viele, die sich die Burschen mit Ranken um den Hals gebunden hatten, dass man sie nicht mehr an seinen eigenen zwei Händen abzählen konnte. Ein ohrenbetäubendes Gequietsche erfüllte die Savanne. Diese Töne aber kamen auch der Muttersau in die Ohren. Sie erwachte aus ihrer tiefen Betäubung und erhob ihren Kopf. Die vier Jäger waren so sehr mit den quietschenden Frischlingen beschäftigt, dass sie nicht gewahrten, wie die Sau sich schwankend erhob, den Leib schüttelte und dann zum Angriff überging. Erst als sie Krk zwischen die Beine geriet und er plötzlich auf ihr geritten kam, liessen die anderen erschreckt ihre junge Beute fallen und retteten sich mit grossen Sprüngen in das hohe Gras. Krk aber hielt sich krampfhaft an den grossen Ohren der Sau, welche mit heftigen Bewegungen versuchte, ihn abzuschütteln. Die anderen Jäger standen wie in Stein gehauen und schauten starr dem Geschehen zu. Erst als Krk ihnen zurief, sie sollten doch endlich etwas unternehmen, griffen sie ein. Alle drei stürzten sich auf die Sau und es gelang ihnen, sie auf den Rücken zu werfen. Zwei hielten ihr die Beine ruhig, die anderen zwei droschen mit aller Kraft auf den Schädel der Sau ein bis sie blutend dalag. Dann aber schlitzte Krk ihr mit dem scharfen Stein die Kehle auf. Das Blut spritzte in einer hohen Fontäne auf. Einer nach dem anderen stürzten sie sich auf diesen Strahl und tranken davon. Als das Blut zu versiegen begann, waren alle vier über und über besudelt und begannen lachend, sich gegenseitig abzulecken. Das Feuer hatte sich inzwischen in eine grosse Glut verwandelt. Rasch und ohne Worte brachen die Jäger aus dem Holz zwei Gabeln, spitzten sie zu und schlugen sie in den Boden ein. Krk schlitzte der Sau den Bauch auf und entnahm ihm die Eingeweide. Herz, Nieren und Leber steckte er auf einen inzwischen von Ere zugespitzten Stab. Diesen legten sie auf die Gabeln und begannen zu drehen. Die Lunge zerschnitten sie und jeder erhielt seinen Teil, den er roh verschlang. Die Ferkel legten sie gebunden an die Zitzen der Mutter. Sie schmatzten sich den noch warmen Rest der Milch in ihre hungrigen Bäuchlein. Die vier Jäger aber liessen sich die gebratenen Innereien ihrer Mutter schmecken. Dann schleppten sie den Kadaver in die Nähe des Feuers. Sie bestimmten, wer der Reihe nach in dieser Nacht das Feuer zu überwachen hatte. Denn die tote Sau würde mit Gewissheit sämtliche Fleischfresser in der Umgebung von zweitausend Schritten dazu verlocken, sich an eine unverdiente Mahlzeit zu schleichen. Ere übernahm die erste Wache. Wenn der Mond über der dritten Bergzacke war, würde er Krk wecken und dieser musste Ono wecken wenn der Mond über dem grossen Busch in der Savanne stand. Als letzter aber würde Esem den Rest der Nacht übernehmen, nämlich dann wenn der Mond eine Handbreit über dem Savannenrand hing.


Als die vier Jäger zu den Höhlen ihrer Sippe kamen, liefen ihnen die Kinder schreiend entgegen. Jedes wollte eines der noch lebenden quietschenden Ferkel tragen. Lachend übergaben die vier Burschen ihre Jungbeute der kreischenden Schar und trugen ihre grosse Beute in der Glut der Mittagssonne zu der Höhle, die ihr Anführer, Chorr mit seinen Frauen bewohnte. Vor unzähligen Generationen war ihre Sippe, die sich Onde nannte, vom Meer her ins Innere des Landes vorgestossen. Und von einer Generation zur anderen erzählten die Alten die Geschichte eines Kampfes, der vor vielen, vielen Sonnenwechseln am Meer stattgefunden hatte. Damals war ein Jäger und Fischer namens Ruru mit einigen Frauen vor dem übellaunischen Haran geflüchtet, welcher als Anführer einer Sippe von über vielen, vielen Menschen alle Frauen für sich beschlagnahmt hatte. Diejenigen Männer aber, die ohne Frauen waren, taten sich zusammen und spalteten Haran eines nachts den Schädel. Dann machten sich die Sieger über die Frauen und Kinder her, denn jeder wollte sich eine möglichst grosse Anzahl von ihnen sichern. Da die meisten Männer und Burschen auf der Jagd verunglückten, standen ihnen eine Anzahl Frauen zur Verfügung, dass es für jeden deren drei gereicht hätte. Und dann war immer noch ein kleiner Rest übrig. Um diesen ging dann der Streit in der Folge. Die Männer brachten sich bei jeder möglichen Unstimmigkeit gegenseitig um, bis es auf jeden Mann gar sechs Frauen traf. Onde aber wollte nicht warten bis ihm einer den Schädel einschlug. Er gebot seinen Frauen in einer Neumondnacht, ihre wenigen Habseligkeiten zusammen zu packen und sich mit ihm auf einen Gewaltsmarsch zu machen. Viele, viele Tage wanderten sie ins Landesinnere bis sie auf eine Anhöhe kamen und eine Höhle entdeckten. Diese Höhle aber entpuppte sich als ein ganzes Labyrinth von Höhlen und Gängen, welche vom Wasser in vergangenen Zeiten ausgeschwemmt worden waren. Von den Decken einiger Höhlen tropfte reichlich Wasser. Trotzdem kein Fluss in der Nähe war, befahl Onde, hier werde man die nächste Zeit bleiben. Die Frauen breiteten die Felle in jenen Höhlen aus, die Onde ihnen zuteilte. Er aber besuchte in der folgenden Zeit jede der Reihe nach und schwängerte sie. So war denn die Sippe innert vieler Sonnenwenden in so grosser Zahl gewachsen, dass auch bereits die feuchten Höhlen bewohnt werden mussten. Es kam zu Streitigkeiten, nicht nur der Höhlen wegen, sondern weil das Nahrungsangebot, welches aus Wild, Beeren und Knollen bestand, nicht mehr in genügender Zahl herbeigeschafft werden konnte und die Ausflüge für die Nahrungssuche immer weiter ausgedehnt werden mussten. So beschloss denn Onde, der Stamm müsse sich wiederum teilen und die kräftigsten Jungen sollten sich weiter im Landesinneren ihr Auskommen suchen. Man trennte sich unter Tränen aber im Frieden. Diese Trennungen kamen auch noch vor, als Onde längst von einem Bären aufgefressen worden war und seine nächsten Nachfolger Brome, Kana, Hore und Kani als Sippenchefs ebenfalls auf mehr oder weniger natürliche Art und Weise vom Erdboden verschwanden. Wer aber eines natürlichen oder gewaltsamen Todes starb, der wurde in die nahegelegene Schlucht geworfen. Dies war ein kleines Tal, ringsum mit unüberwindlichen Felswänden bestückt. Im Talesgrund floss ein kleiner Bach, welcher aus einer Felswand kam und ebenso wieder verschwand. Noch niemandem war es gelungen, die steilen Wände zu überwinden und zum Talboden zu gelangen. Bei klarer Sicht sahen die Bewohner der Höhlen kleine Nagetiere, die unten von Stein zu Stein und von Baum zu Baum huschten. Diese waren es denn auch, die sich jeweils auf die Kadaver der hinunter geworfenen Menschen stürzten und sie innert kürzester Zeit in kahle Skelette verwandelten.

Rings auf den Rändern der Felsen wuchsen kleinere und grössere Bäume und Sträucher. Hin und wieder wagte sich einer der Halbwüchsigen in die Krone einer riesigen Eiche, welche mit ihrem knorrigen Stamm schräg über das Tal ragte. Ein paarmal brachen morsche Äste ab und die Wagemutigen stürzten ins Tal, wo sie zerschmettert liegen blieben. Eines Tages aber brach ein fürchterliches Gewitter los. Die Erde schien zu beben. Die Menschen drückten sich verängstigt an die Wände ihrer Behausungen und erwarteten das Ende. Drei Tage und Nächte dauerte das Unwetter. Am Morgen des vierten Tages hörte der Sturm so plötzlich auf wie er begonnen hatte. Die Menschen wagten sich wieder nach draussen, wo sie ein fürchterliches Durcheinander von heruntergestürzten Felsbrocken, ausgerissenen Bäumen und ausgewaschenen Rinnen antrafen. Ein Teil der Bäume am Rand des kleinen Tales war hinunter gestürzt. Die grosse Eiche aber steckte mit einem Teil ihrer Wurzeln noch oben in den Felsspalten. Der Stamm aber hing über die Felswand hinunter und pendelte bei jedem Windstoss hin und her.

Chorr der, Anführer der Sippe, sandte seine ihm anvertrauten Menschen auf Nahrungssuche aus. Die Frauen zogen in die Savanne um Kräuter und Wurzeln zu suchen. Die Gruppe von jungen Jägern aber, die uns schon bekannt sind, schickte er in den Wald auf die Jagd, wo sie auch auf hohle Bäume zu achten hatten, die Bienen als Behausung dienten. Denn nicht nur die Bären betrachteten deren Honig als Schleckerei. Als die Jäger an den ausgerissenen Bäumen an den Felsklüften vorbeikamen, schauten sie auch ins Tal hinunter. Dieses hatte nur insofern unter dem Sturm zu leiden gehabt, als eben die Bäume vom Rand der Schlucht und einige Felsbrocken hinuntergestürzt waren. Sonst aber hatten die Wände ringsum genügend Schutz vor dem Sturm geboten. Plötzlich verharrte Krk mitten im Schritt. War da im Tal, nahe des Baches nicht eben ein Schatten gehuscht? Krk rief den weiter marschierenden Kameraden zu, sie sollten einen Moment anhalten und zurück kommen. Neugierig kamen sie zurück und schauten Krk fragend in die Augen. Dieser deutete mit einer Hand hinunter ins Tal und erzählte ihnen von seiner Beobachtung. Sie lachten ihn lauthals aus. Er werde wohl eine riesige Ratte gesehen haben. Denn ausser diesen flinken Nagetieren hatte noch niemand ein anderes Lebewesen im Talesgrund gesehen. Obwohl Krk sich heftig wehrte, zog die Gruppe weiter und zog ihn seiner Fantasie wegen auf, wegen der er in der Sippe bekannt war. Krk folgte ihnen, konnte sich aber nicht mehr auf das Geplapper seiner Kameraden konzentrieren, denn er glaubte felsenfest, dass seine Beobachtung kein Streich seiner Fantasie gewesen war.

Auch der Wald hatte unter dem Sturm heftig gelitten. Mühsam mussten sich die Jäger den Pfad, den sich die Sippe in Jahrzehnten getrampelt und offengehalten hatte, wieder von herumliegenden Ästen befreien. Immerhin hatten sie auch Glück dabei. Denn es lagen auch ein paar Stämme herum, die innen hohl waren und deshalb von Bienenschwärmen mit dem begehrten Honig angefüllt worden waren. Allerdings mussten sie zuerst Feuer entfachen und mit darauf gelegten Farnen und Blättern einen solchen Qualm erzeugen, dass nicht nur die Bienen sondern sie selber halb betäubt wurden. Dann aber war es ein leichtes, die Waben auszubrechen und in riesige Farne einzuwickeln. Diese banden sie mit Lianen zu grossen Bündeln, die sie sich gegenseitig auf dem Rücken befestigten. Fröhlich schwatzend machten sie sich wieder auf den Heimweg. Hin und wieder verlor der eine oder andere kleine Stücke der mit Süssigkeit gefüllten Waben, die dann der Nächstfolgende behende aufhob und in den Mund schob um sie auszusaugen. Es war auch nicht zu verhindern, dass ein kleiner Teil des Honigs zu Boden tropfte. Sie waren aber nicht die einzigen, die auf Honigsuche waren. Einer der Waldkönige, ein riesiger Braunbär ging der gleichen Beschäftigung nach. Der Zufall führte ihn auf den gleichen Pfad, den die jungen Jäger mit ihrer süssen Last genommen hatten. Er leckte die Honigtropfen genüsslich vom Boden und auch die Wabenstücke, die der hinterste der Jäger verloren hatte, kamen zwischen seine Zähne. Wenn der Bär auch wie ein plumper Zottelriese anzusehen war, bewegte er sich doch mit der doppelten Geschwindigkeit der Jäger von hinten auf diese zu. Plötzlich hörte Krk, der den Abschluss bildete, ein zorniges Brummen und Fauchen hinter sich. Erschrocken schaute er sich um und sah das riesige Bärenvieh, das sich imponierend auf die Hinterbeine gestellt hatte und mit den Vorderpratzen in der Luft herum ruderte. "Der Bär!" schrie er gellend. Die anderen drei drehten sich blitzschnell ebenfalls um. Als sie den Bären sahen, liefen sie um ihr Leben. Auch Krk wollte davonlaufen. Aber instinktiv wusste er, dass er, voll beladen wie er war und nur mit zwei Beinen ausgestattet, keine Chance hatte gegen den Bären, der gut und gerne doppelte Menschengeschwindigkeit erreichen konnte. Blitzartig liess er sich daher zu Boden fallen und stellte sich tot, wie ihm schon als kleines Kind eingetrichtert worden war. Aus halb geschlossenen Augenlidern sah er, wie der Bär nun auch die Vorderbeine auf den Boden setzte und langsam auf ihn zu kam. Vorsichtig beschnupperte er Krk zuerst an den nackten Füssen. Dann kam seine Schnauze langsam an den Beinen hoch. Krk spürte den heissen Atem. Die Haare an den Beine sträubten sich. Das musste den Bären irritiert haben, denn plötzlich biss er Krk in die eine Wade. Nun war es vorbei mit sich tot stellen. Krk stiess einen markerschütternden Schrei aus. Der Bär erschrak und liess die Wade los. Diesen Moment nutzte Krk und schleuderte dem Tier seine ganze Ladung Honig ins Gesicht. Des Bären Augen waren so verklebt, dass er nichts mehr sah. So schnell es Krk seine schmerzende Wade erlaubte, humpelte er seinen Kollegen nach. Der Bär folgte ihm nicht, er war vollauf damit beschäftigt, sich die Augen zu reinigen und anschliessend genüsslich den Honig mitsamt den Waben aufzufressen. Krk hatte noch einmal Glück gehabt. Als er am Waldrand anlangte, besah er sich die Wunde. Ein kleiner Fetzen Fleisch hing lose herunter und das Blut floss langsam aus der Wunde. Krk suchte im hohen Gras nach geeigneten Blättern, mit denen er die Wunde notdürftig verbinden konnte. Schon als kleinen Kindern hatten die Alten ihnen dieses Wissen beigebracht. Denn mit Verletzungen musste man jeden Tag rechnen. Dann humpelte er seinen Kameraden nach, welche ohne ein einziges mal anzuhalten den Höhlen zu gerannt waren, wo sie laut schreiend ihr Erlebnis erzählten. Da Krk ihnen nicht gefolgt war, nahmen sie als sicher an, der Bär sei eben daran, ihn aufzufressen. Aber als Krk blutüberströmt eintraf, verwandelten sich die Trauerschreie in solche der Freude. Seine Amme Sore führte ihn zum Feuer und bedeutete ihm, sich auf einen Stamm zu setzen. Dann nahm sie vorsichtig die Blätter von der Wunde weg, welche sofort wieder zu bluten begann. Ruhig bleiben, sagte sie, das Blut wird die Gifte des Bären aus der Wunde waschen. Sie ging in ihre Höhle und kam mit allerlei Tränklein und Blättern zurück, mit denen sie nun Krk behandelte. Trotz starker Schmerzen gab Krk keinen Ton von sich sondern schaute der alten Ersatzmutter neugierig zu.


Krks Mutter, Enie war bei der Geburt gestorben. Sie war noch kaum erwachsen, als sie von Chorr, der damals selber noch sehr jung war, geschwängert worden war. Die älteren Frauen sahen mit Erstaunen , wie Enie schon nach kurzer Zeit viel dicker war als sie es von sich gewohnt waren. Als es zur Geburt kam, merkten sie bald, dass es zu Komplikationen kommen werde. Denn das Becken Enies hatte sich nicht so schnell auf die Veränderung einstellen können. Der erste Junge, der mühsam herausgezogen werden konnte, war tot. Die Frauen merkten, dass noch weiteres Leben im Bauch war. Nach schier endlosem Warten und immer leiser werdenden Schreien der jungen Mutter kamen noch zwei weitere Jungen ans Licht. Auch sie bewegten sich nicht. Nach kurzer Zeit tat auch Enie ihren letzten Atemzug. Dies war im Alltag der Sippe nichts Aussergewöhnliches. Bei jeder dritten Geburt starb das Neugeborene innerhalb eines Tages. Und auf etwa zehn Geburten starb auch gleich die Mutter. Falls ein Kind die Mutter überlebte, nahmen sich diejenigen Frauen, die selber Kinder säugten, der Neugeborenen an. Sogar wenn eine säugende Mutter aus anderen Gründen nicht die Brust geben konnte, fand sich immer sogleich eine Ersatzmutter. Denn je mehr Kinder eine Frau gebar oder auch nur säugte, desto höher war ihr Ansehen in der Sippe.

Die tote Mutter und die drei Säuglinge wurden von den Männern sofort an den Rand der Schlucht getragen, damit sie dort hinunter geworfen werden konnten. Denn es galt als schlechtes Omen, wenn Tote nicht vor Sonnenuntergang aus der Sippe entfernt waren. Als sie die kleinen Körper mit Schwung in die Tiefe werfen wollten, hörten die Männer ein leises "Krk", wie das heisere Gekrächze eines jungen Raben aus dem Mund des einen Kindes. Erschrocken hielten sie in ihrem Tun inne und scharten sich um das Kind, das nackt auf dem Rand des Felsens lag. Chorr kniete sich zu ihm nieder und hielt sein Ohr an den Mund des Kleinen. Dann begann er aufgeregt, dessen Bäuchlein zu massieren, wie sie es bei Kleinkindern gewohnt waren, die Bauchschmerzen hatten. Bald begann das Knäblein zu wimmern und aus dem Wimmern wurde ein herzerweichendes Schreien. Nun standen die Männer ziemlich hilf- und ratlos im Kreise herum. Denn einen solchen Fall hatte noch keiner von ihnen erlebt. Dann aber bedeutete Chorr den Herumstehenden, sie sollten mit der Beseitigung der Leichen fortfahren während er das Knäblein an sich drückte und den Höhlen zustrebte. Als er dort ankam, rief er nach Sore, die ihren eigenen Säugling eben stillte. Sie begriff sofort, legte ihr Kind auf ein Fell und nahm den schreienden Knaben an ihre Brust. Sofort hörte dieser mit seinem Schreien auf und begann heftig an der Brust zu schmatzen. Chorr stand sinnend daneben. Die Erlebnisse der Geburt gingen ihm durch den Kopf. Er hörte noch immer das leise "Krk", das dem jungen Menschenkind das Leben gerettet hatte. Krk, so sollte denn also der Name des Knaben sein, beschloss er. Und so wurde es auch gehalten. Als Krk ein paar Sonnenwenden alt geworden war, erzählte ihm seine Amme die Geschichte seiner Geburt neben all den anderen Geschichten der Sippe, die von einer Generation zur anderen immer wieder überliefert und ausgeschmückt wurden.


Trübselig hockte Krk am Lagerfeuer. Seine Kameraden waren zur Jagd gegangen, er aber konnte nicht mit, denn sein Bein war noch nicht soweit genesen, dass er den Strapazen des Marsches gewachsen war. Und eine weitere Flucht vor einem Feind konnte er sowieso nicht riskieren. Die Kinder der Sippe aber fanden es gut, einmal einen jungen Jäger im Lager zu haben, der nicht immer gleich zornig wurde wenn man ihn mit Fragen und Problemen überschüttete. Warum sollte er denn, war er doch selber froh, von seinem Missmut ein wenig abgelenkt zu werden. Und wenn er so am Lagerfeuer sass, dessen Fütterung er freiwillig übernommen hatte, sah er mit Staunen den Kindern zu, die in ihrem Spieleifer zwar meist die Erwachsenen nachzuahmen versuchten, aber auch auf eigene Ideen kamen. Die Mädchen hatten gelbe Blumen gesammelt, deren Stiele Röhren artig hohl waren. Sie steckten sie zusammen und beförderten ihren Speichel hindurch indem sie diesen mit dem Mund in die Röhrchen bliesen. Krk sah es und es kam ihm eine Idee: Wäre es denn nicht möglich, auf die gleiche Art das Wasser, das aus den Felsen tropfte und in Behältern aus Ziegenfell eingesammelt wurde, zu den Höhlen zu befördern? Aber natürlich müssten die Blumenstiele ja viel dicker sein, denn die Menge, die die Mädchen beförderten, hätte kaum ausgereicht, einem Säugling genug zu trinken zu geben. Als er Holz nachlegte, kam ihm ein dünner Stamm in die Hände, dessen Inneres faul war. Mit einem Stock stocherte er das faule Holz zutage und ass daraus genüsslich die Maden, die sich auf seiner Hand krümmten. Immer tiefer stocherte er bis er schliesslich den ganzen Klotz durchgebohrt hatte und er vom faulen Holz befreit war. Da kam ihm die Erleuchtung: Durch solche Holzröhren sollte man das Wasser leiten können! Aber eigentlich war es ja gar nicht nötig, dass die Röhren ringsum geschlossen waren? Er versuchte, den dünnen Baumstamm mit seinen steinernen Werkzeugen der Länge nach zu spalten. Zu seiner Überraschung gelang ihm das in kürzester Zeit. Er legte das Ende der einen Hälfte auf den Anfang der anderen. Dann unterlegte er die beiden Hälften so, dass es ein leichtes Gefälle gab. Nun holte er eines der Wassergefässe und schüttete Schluck um Schluck in die erste der Holzschalen. Das Wasser lief! Lange starrte Krk auf seine Arbeit. Dann rief er die spielenden Kinder zu sich und zeigte ihnen sein Werk. Sie jubelten. Jedes wollte auch einen Schluck Wasser von einem Ende zum anderen fliessen sehen. Krk aber nahm ihnen den Wasserbehälter weg, denn Wasser war ein zu kostbares Gut um zum Spielen verschwendet zu werden. Aber sie wussten sich zu helfen: Jedes stellte sich breitbeinig über den Wasserlauf und liess seinen eigenen Wasserstrahl hinein laufen. Das Gekreische rief auch die Frauen, die mit ihren Tagesabläufen beschäftigt waren, zum Feuer. Zuerst schüttelten sie nur ihre Köpfe. Sie konnten sich absolut keine Vorstellung davon machen, zu was denn die beiden gespaltenen Scheiter gut sein konnten. Aber Krk forderte die Kinder auf, alles aufgestapelte Brennholz auf solches zu überprüfen, das innen faul war. Bald war ein ansehnliches Häufchen aufgestapelt und unter der Anleitung Krks versuchten sie sich eifrig im Spalten. Gegen Abend waren so viele vom Faulholz befreite Halbscheite vorhanden, dass Krk mit ihnen mit dem Bauen einer Wasserleitung weiterfahren konnte. Er zeigte ihnen, wie man starke Äste von ihren Zweigen befreien und als Gabeln unten zuspitzen konnte. Sie bohrten mit Speeren Löcher in den kiesigen Boden, in die sie die Gabeln steckten. Fortlaufend versahen sie sie mit den Halbschalen, immer einen Anfang über das Ende. Krk führte den Bau in Richtung der Höhle, von deren Wände die grössten Bächlein flossen. Die Sache begann zu funktionieren. Unter Gekreische stellten die Kinder nun am unteren Ende der Wasserleitung die Kessel aus Ziegenhaut auf und schauten andächtig wie sie sich langsam füllten.


Als die Jäger zurückkamen, waren diesmal nicht sie diejenigen, die Aufmerksamkeit erregten sondern sie selber mussten das Wunder bestaunen, das Krk mit den Kindern heute hingekriegt hatte. Jeder stellte sich ans Ende der Wasserleitung und sog andächtig das Rinnsal in sich hinein.


In den nächsten Tagen zogen die Jäger wieder in den Wald. Aber diesmal suchten sie nicht nach lebendiger Beute sondern nach Bäumen, die innen hohl waren. Denn man hatte sich am Abend noch um das Lagerfeuer geschart und das grosse Ereignis gefeiert. Dabei war einer auf die Idee gekommen, dass, wenn das Wasser nicht mehr über den Höhlenboden laufen würde, es doch gewiss angenehmer sein müsse zum Wohnen darin. Denn bis jetzt waren die trockensten Gewölbe ausschliesslich als Vorratsraum genutzt worden, weil hier die Gefahr am kleinsten war, dass die Nahrung darin verschimmelte. Wurzeln und Knollen wurden an der Sonne getrocknet, das Fleisch auf dem Feuer geröstet bis sich ringsum eine schwarze Kruste bildete. Dann wurde alle Nahrung schichtweise auf ein Lager von dürrem Savannengras gelegt und dazwischen immer wieder dürre Gräser und wohlriechende Nussbaumblätter gestreut, die allen Nahrungsmitteln einen guten Geschmack verliehen und die Nagetiere und andere Mitesser weitgehend von ihrem frechen Tun abhielten.

Als die Wasserleitungen vollendet waren, sass Krk wieder missmutig am Feuer. Die Wunden an der Wade hatten sich durch die vorangegangenen Anstrengungen wieder geöffnet. Sore machte ein bedenkliches Gesicht und schimpfte mit ihrem Pflegesohn. Die Kinder spielten mit Wasser, das nun immer reichlich vorhanden war. Niemand schimpfte sie mehr aus, wenn sie es dazu benutzten, zusammen mit Erde kleine Klumpen zu kneten, aus denen sie allerlei formten. Auch Krk besann sich wieder auf seine Knabenzeit und formte mit. Dabei fiel ihm ein Klumpen in das Feuer. Als er ihn später wieder herausholte, war er steinhart gebacken. Interessiert begann Krk mit einem Stein darauf herum zu hacken. Der Kloss liess sich kaum mehr zerbröckeln. Krk überlegte, man könnte doch eigentlich Wassergefässe, die durch ihr Alter Löcher aufwiesen, mit solchem Erdbrei flicken. Er nahm einen solchen, welcher auf einem Haufen ausgedienter Geräte und Häute lag und machte sich ans Werk. Als er den Behälter dem Feuer näherte, begann er zu rauchen und zu stinken. Also nicht zu nahe, dachte Krk. Er nahm zwei Astgabeln, die beim Leitungsbau übrig geblieben waren und steckte sie links und rechts des Feuers in den Boden. Dann legte er einen alten Speer über die Gabeln. Den Behälter aus Ziegenhaut, an dem er vorher mit Erdbrei das Loch gestopft und den überzähligen Brei noch aussen verrieben hatte, band er mit einer Liane so an den Speer, dass er eine Elle über der Glut hing. Krk stützte seinen Kopf auf die Hände und wartete lange. Als er den Behälter von der Stange nahm, konnte er ihn mit Wasser füllen, ohne dass er rann. Er überlegte: Eigentlich sollte es doch möglich sein, den ganzen Eimer dick mit solchem Brei zu bestreichen und zu brennen. Er rief die Kinder zu sich, dass sie ihm beim Mischen des Breis helfen sollten. Dabei stiess eines der Kinder einen Eimer um, den eine der Frauen am Abend zuvor mit dem Blut einer Ziege gefüllt bereit gestellt hatte, dass es am Abend, wenn die Jäger zurückkämen, mit den erhitzten Steinen gekocht werden sollte. Ein Teil des Blutes floss auf die Erde. Die Frau begann das Kind auszuschelten. Krk aber mischte das Blut mit der Asche und gab es der Mischung aus Wasser und Erde zu. Nun liess es sich angenehm auf der Aussenseite des Ledereimers in einer dicken Schicht aufstreichen. Warum denn nicht auch noch gleich innen? dachte Krk und beschmierte grosszügig das Innere des Eimers mit dem Brei. Vorsichtig hängte er das Gefäss wieder an den Speer und liess es bis zum Abend über dem Feuer. Immer noch blieb ein rechtes Quantum des roten Breis übrig. Krk rieb sich die Hände an einer Felswand sauber. Zuerst aber drückte er sie an die glatte Wand. Als er die Hände wegnahm, blieben seine Abdrücke am Stein. Krk nahm wieder einen Klumpen des roten Gemisches und versuchte, auf dem Felsen die Umrisse des Bären zu zeichnen, der ihn angefallen hatte. Die Kinder schauten ihm begeistert zu. Nun wollte jedes es ihm nachmachen.

Als die Jäger heim kamen, hatte sich die ganze Wand mit Zeichnungen von Tieren gefüllte. Ja, ganze Jagdszenen waren dabei. Die Männer und Frauen stellten sich in einer Reihe auf und entliessen ihren Mündern bewundernde Rufe. Die Frauen ermunterten die Kinder, auch das Innere der Höhlen mit ihren Zeichnungen zu verschönern. Bei jenen, die inzwischen getrocknet waren, weil das Wasser abgeleitet wurde, gelang dies denn auch. Bei jenen, deren Wände noch immer feucht waren, schwemmte die Feuchtigkeit die rote Erde innert Kürze weg.

Krk hatte seinen Eimer ganz vergessen. Endlich nahm er ihn vom Feuer weg. Er klopfte mit einer Hand dagegen. Ein wohlklingender Laut erklang. Die Menschen in der Nähe hoben ihre Köpfe, lauschten und kamen näher. Alle wollten auf den Eimer klopfen. Als einige dies gar zu heftig taten, nahm Krk das Gefäss weg und füllte es mit Wasser. Gespannt wartete er ob sich der Brei wieder verflüssige. Aber die Form des Eimers blieb erhalten, das Wasser blieb darin. Nun hob Krk das Gefäss vorsichtig und hängte es wieder über die Glut des Feuers. Dann legte er Stück um Stück dürres Holz auf die Glut. Eine hellblaue Flamme züngelte am Eimer empor. Als der Mond erschien, begann das Wasser zu brodeln. Die Menschen standen staunend rings um das Feuer. Nun würde es nicht mehr nötig sein, Steine in das Feuer zu legen und sie, wenn sie fast glühend waren, umständlich und vorsichtig in einen mit Wasser gefüllten Eimer aus Ziegenfell zu legen bis das Wasser heiss genug war. Die Frauen holten was sie an Nahrungsmitteln hatten, Fleisch, Wurzeln und Kräuter und warfen alles in das kochende Wasser. Schweigend und gespannt hockten alle, Männer, Frauen und Kinder um das Feuer und schauten, wie sich die Farbe des Wassers langsam veränderte. Krk aber war in Gedanken bereits daran, seine Entdeckung für anderes zu verwenden. Wenn es doch möglich war, dachte er, diesen Brei am Feuer zu einem Gefäss zu brennen, so sollte es ihm doch auch gelingen, zusammen mit Steinen die Höhleneingänge zuzumauern und Feuer an den Fuss der Mauer zu legen, damit die Mauer hart und wetterfest würde. Bei nächster Gelegenheit würde er sich dieser Aufgabe annehmen. Dann wäre das mühsame Verhängen der Höhleneingänge mit Fellen und Schilf in der kalten Jahreszeit ein für allemal beendet. Ja, vielleicht könnte er gar versuchen, das Schilf selber mit dem Brei zu bestreichen und dann die Wand mit dem Feuer auszuhärten? Ja, seine Gedankengänge gingen sogar so weit, dass sein Kopf ob dem ungewohnten Denken manchmal fast zu platzen drohte! Wie wäre es denn, wenn man das Rattental als Falle benützen könnte, die Beutetiere nämlich von allen Seiten eingekreiste und in die Schlucht jagte? So sollte es doch möglich sein, den Nahrungsbedarf für einen ganzen Winter in einem einzigen Tag zu erjagen?

Als der Mond voll am Himmel stand, rief plötzlich Sore: "Wamba-Caumba-webe! Heute ist ja das Fest des Vollmondes und der Sonnenwende! Lasst uns feiern und singen!" Sie begann im Takt eines selber gesungenen Liedes und dem Klatschen der Hände der Zuschauer langsam und immer schneller um das Feuer zu tanzen. Einige erhoben sich und tanzten mit. Die meisten aber begnügten sich mit dem Nachsingen der Worte, die Sore ihnen vorsang. Sie sang die Geschichte ihrer Sippe bis zurück, als sie vom grossen Wasser weggezogen waren, weil Zank und Streit ein gemeinsames Zusammensein verunmöglicht hatten.

Krk sang mit. Aber in Gedanken war er an einem ganz anderen Ort: Er sah wieder den Bären, der ihn angegriffen hatte. Und er sah, wie er ihm den Honig ins Gesicht geschleudert hatte, was den Bären für eine Weile ausser Gefecht gesetzt hatte und Krk die Chance gab, zu fliehen. Und ein unheimlicher Hass gegen den überlegenen Gegner erwachte in ihm. Er nahm sich vor, den Bären zu töten und wenn er dabei das eigene Leben verlieren würde. Ein Plan nahm langsam Gestalt an, der in dieser Vollmondnacht, wo alle Fleischfresser auf der Savanne unter den Grasfressern ihr Blutbad anrichteten, sich in sein Gehirn frass und nicht mehr los liess. Und ein anderer Gedanke liess ihn in dieser Nacht nicht ruhen: Der Schatten in der Schlucht, den er damals geglaubt hatte gesehen zu haben, als er mit den drei anderen Jägern in den Wald auf Honigsuche gegangen war. Aber die Rache am Bären hatte Vortritt. Sobald seine Wunde wieder verheilt war, würde er ganz allein den Weg zum Wald unter die Füsse nehmen. Auf seine Kameraden würde er sich nicht verlassen können, denn sie hatten damals vor dem riesigen Tier Reissaus genommen statt sich gemeinsam gegen es zu stellen.


Der nächste Vollmond zeichnete sich am Himmel ab. Krk war wieder voll bei Kräften. Nur ein leichtes Humpeln beim Gehen liess noch den Angriff des Bären ahnen. Krk hatte sich in diesen Tagen immer und immer wieder sein Vorgehen auf der Suche nach dem Bären und seine Taktik bei der Jagd in seinem Kopf vorgestellt. Täglich machte er Kraftübungen mit seinen gleichaltrigen Kameraden, ohne ihnen aber zu sagen was er vorhatte. Zudem hatte er auf die gleiche Art, wie er den Wassereimer hergestellt hatte, zwei kleinere Gefässe gebastelt. Er hatte genug Zeit gehabt, eine Handvoll Pfeile mit extra dünner Steinspitze und einen langen Speer, dessen Spitze aus einem besonders glänzenden und scharfen Feuerstein bestand, herzustellen. Seine Keule, die er schon vor mehr als einer Sonnenwende aus einer Verwachsung an einem Fichtenast geschnitten hatte, kreiste er jeden Tag mehrmals in der Luft um sich den Schlagarm zu stärken. Er kontrollierte an seiner Steinaxt den Halt der Schneide.

Am Morgen jenes folgenden Vollmondes packte er sich seine Waffen mit Lederriemen auf den Rücken. Den einen kleinen Eimer füllte er am Lagerfeuer mit Glut und Asche, den anderen mit Wasser. Nahrung brauchte er nicht einzupacken, denn diese würde er in der Gestalt von Knollen und Beeren auf der Jagd reichlich finden. Chorr sagte er am Vorabend seines Wegganges, er werde sich wieder mal auf der Savanne umsehen. Chorr hatte zustimmend genickt, hatte aber so eine Ahnung, was Krk vorhatte. Denn schliesslich war Krk eine Frucht seiner eigenen Kraft, gezeugt mit Enie. Und Chorr vermochte sich ganz gut an seine eigene Sturm- und Drangzeit erinnern, als er es manchmal einfach nicht in der Sippe ausgehalten hatte und allein auf die Jagd gegangen war. Vielleicht würde Krk einmal, wenn Chorrs Kräfte erlahmten, die Sippe führen. Zwar war Esem Krk rein von der Muskelkraft her überlegen. Aber Krk machte dies mehr als wett mit seiner Begabung, Situationen rein vom Gefühl her in kürzester Zeit zu lösen, was er ja eben erst mit seinen Erfindungen bewiesen hatte.


Krk nahm gewiss nicht an, der Bär würde ihm die Freude machen, genau an ihrem letzten Treffpunkt wieder aufzutauchen. Denn Bären hatten ein ungeheuer grosses Gebiet, das sie jeden Tag durchstreiften auf der Suche nach Beeren, Honig und kleinen Tieren. Aber Krk wusste auch, dass sich in der Nähe des Kampfplatzes mehrere Höhlen befanden, die von den Bären als Winterquartier benutzt wurden. Diese Höhlen suchten sie auch im Sommer immer wieder auf um zu sehen, ob sich nicht etwa ein Nebenbuhler die Behausung angeeignet hatte. Krk schlich sich auf den Trampelpfaden, die von Jägern und Gejagten emsig benutzt wurden, durch den Wald, welcher immer dichter und dunkler wurde. Hin und wieder setzte er sich auf einen Stein oder Baumstrunk um die in der Umgebung des Pfades ausgegrabenen Knollen zu verzehren. Beeren gab es in Hülle und Fülle. Wasser trank er spärlich. Und jedesmal wenn er an einen Bach kam, füllte er den kleinen Eimer wieder auf. Ab und zu stocherte er auch im Feuergefäss um sich zu überzeugen, dass die Glut noch vorhanden war und um kleine dürre Holzstücke nachzulegen. Nun kam er in eine Lichtung, auf der lauter Beerenstauden wuchsen. Wie er aber auch nach Beeren suchte, er fand keine. Offenbar waren sie bereits von einem Konkurrenten abgelesen worden. Ein frischer Kothaufen liess es ihn zur Gewissheit werden, dass sich hier ein Bär herumtrieb. Noch war aber nicht sicher, dass es sich um "seinen" handelte. Die Gewissheit stieg aber, als er beim nächsten Wasser auffüllen in einem Bach riesige Spuren von Tatzen fand, welche noch mit trübem Wasser gefüllt waren. Hätte sich klares Wasser darin befunden, hätte er annehmen müssen, der Besuch des Bären sei schon vor längerer Zeit gewesen. Immer vorsichtiger schaute Krk auf Tatzenspuren, Kot und abgerissenen Zweigen. Er hatte seine Hand eben wieder auf einen Kothaufen gelegt um festzustellen, ob er noch warm war, als er hinter sich ein Knacken von Zweigen hörte. Blitzschnell duckte und drehte er sich. Da, der Bär kratzte, gerade aufgerichtet, an einem mit Moos bewachsenen Baum um eventuellen Konkurrenten seine Grösse zu markieren. Dann liess er sich wieder auf alle Viere fallen und bewegte sich in Richtung Krk. Dieser machte sich noch kleiner. Er legte alle Waffen und den Wasserbehälter leise auf den Boden und nahm das Feuergefäss zur Hand. Er fischte die oberste Schicht Asche heraus und liess sie zu Boden fallen. Der Bär witterte in seine Richtung. Sehen konnte er ihn vermutlich nicht, aber der Duft der Asche musste ihm in die Nase gestochen haben. Als der Bär noch zwei Schritte vor Krk war, liess dieser einen lauten Schrei ertönen und richtete sich auf. Der Bär war einen Moment lang verdutzt, richtete sich aber ebenfalls drohend auf seine Hinterläufe auf. Krk wartete nicht bis der Gegner sich wieder gefasst hatte. Mit einem einzigen Satz sprang er den Bär an und schüttete ihm den Inhalt des Feuergefässes in die Augen. Der Bär brüllte und hielt sich die Augen mit den Vorderpfoten zu. Krk sprang zurück, griff sich die Keule, sprang um den Bären herum und hieb sie ihm mit aller Kraft auf den Schädel. Der Bär schüttelte sich nur ein bisschen, liess sich auf alle Viere fallen und drehte sich herum. Krk hatte diese Reaktion aber erwartet und befand sich bereits wieder auf der anderen Seite. Nun, da der Bär ja auf der gleichen Höhe wie er selber war, gelang es ihm besser, die Keule auf den Schädel des Untieres sausen zu lassen. Zornig wollte der Bär sich wieder aufrichten. Aber die Wirkung der Schläge hatte ihn bereits benebelt. Er setzte sich auf seinen Hintern und ruderte mit den Vorderpfoten in der Luft herum. Krk hatte nun leichtes Spiel. Denn wenn ein Bär einmal auf seinem Hinterteil sitzt, wird er zwangsweise immer friedlicher. Noch ein paar massive Schläge mit Krks Keule, dann fiel der Bär langsam nach vorne. Krk sprang ihm zwischen die Vorderpfoten und mit letzter Kraft versetzte er seinem Gegner den Todesschlag. Der Bär rührte sich nicht mehr. Seine Zunge hing an den Lefzen heraus und schon machten sich ein paar Fliegen daran, den Speichel abzusaugen und ihre Eier an den Kadaver zu legen. Schwer atmend legte sich Krk auf den Rücken. Der Puls schlug ihm in der Halsschlagader als ob er sie im nächsten Moment zum Zerplatzen bringen wolle. Aber nur einen Moment gönnte sich Krk. Dann sprang er auf, holte seine Waffen und rammte dem Bär den Speer ein Dutzendmal in den Hals. Das Blut quoll dunkelrot heraus. Krk legte seine Lippen an den Hals des Tieres und saugte das köstliche Nass heraus. Dann nahm er die Axt und hieb mit wuchtigen Schlägen die Hinterbeine an ihrem Ansatz ab. Nun galt es noch, den riesigen Schädel vom Hals zu trennen. Krk brach sich einige junge Bäume und machte aus ihnen mit Hilfe von Lederriemen einen Schlepper. Das Fleisch band er auf diesen und bedeckte es mit einem Haufen Zweigen, damit die Fliegen nicht noch weitere Eier darauf ablegen konnten. Nun war es höchste Zeit, den Heimweg unter die Füsse zu nehmen. Denn es würde Nacht werden bis er bei den Höhlen angelangt war. Und die Gefahr war gross, dass auf dem Weg über die Savanne der Jäger selber zum Gejagten wurde!

Er hatte Glück. Zwar hörte er immer wieder in seiner Nähe die Laute von Tieren. Aber es waren meist Pflanzenfresser, die da im Scheine des Vollmondes ästen und nur kurz verharrten um ihn vorbeiziehen zu sehen.

Als er bei den Höhlen war, hörte er von allen Seiten das Geschnarche der Männer und alten Frauen. Er war zwar so müde wie noch nie in seinem Leben. Aber sein Wille befahl ihm, das Feuer zu schüren und die Bärenschinken darüber zu hängen. Den Schädel warf er einfach ins Feuer. Denn die Haare an der ganzen Beute mussten weg gebrannt werden. Das hell lodernde Feuer weckte aber die ganze Sippe. Einer um den anderen kamen schlaftrunken aus ihren Höhlen und rieben sich verwundert die Augen. Krk tat als ob er etwas Alltägliches täte. Mit Gelassenheit drehte er den Spiess mit den Bärenschinken um und um. Chorr stand mit verschränkten Armen hinter Krk und grinste verstohlen. Er hatte sich nicht getäuscht mit seiner Meinung über Krk!

Am nächsten Tag ging Krk mit seinen Jagdkameraden nochmals in den Wald um dem Bären das Fell abzuziehen. Denn dazu hatte Krk die Zeit gefehlt. Glücklicherweise war der Kadaver noch nicht von Raubtieren entdeckt worden. Nur die Fliegen hatten massenhaft ihre Eier darauf abgelegt und die Maden hatten dort, wo Krk die Teile abgeschnitten hatte, sich in das Fleisch gefressen. Maden aber waren für die Jäger ein Leckerbissen, den man sich nicht entgehen liess, denn sie, so sagten die Alten, gaben Kraftreserven in den Muskeln. Das Fell wurde gemeinsam abgezogen und mit trockenen Blättern vom Blut gereinigt. Zum Scherz hüllte sich Krk hinein und rannte laut brüllend im Walde herum. Die Kameraden hielten sich die Bäuche vor Lachen. Damit der Tag genutzt war, suchte sich noch jeder ausser Krk eine rechte Bürde Brennholz. Krk aber hatte vollauf genug zu tragen mit seinem Fell. Zu Hause angelangt spannte er seine Trophäe auf Pfählen zum Trocknen auf.


Nun hatte Krk bewiesen, dass er wieder vollständig einsatzfähig war. Seine Achtung bei der Sippe war kometenhaft gestiegen. Nun war aber noch eine andere Sache, die erledigt werden musste: Die Sache mit dem Schatten in der Schlucht, den ihm seine Kameraden nicht hatten glauben wollen. Krk war in der letzten Zeit oft am Abgrund gestanden und hatte sich die Topographie des Felsens gut eingeprägt. Eigentlich war nur der oberste Teil des Felsens so glatt und gefährlich, dass sich niemand getrauen konnte, nach unten zu klettern. Seit dem Sturm aber baumelte die riesige Krone der alten Eiche genau auf diesem Felsen hin und her, wenn der Wind in seine Äste fuhr. Krk reizte es, am Stamm hinunter zu klettern und zu schauen, ob von dort aus nicht ein weiterer Abstieg möglich wäre. Das Bärenfell kam ihm gerade gelegen. Er schnitt es, als es genügend getrocknet war, in lauter zwei Finger breite Streifen, was die anderen Sippenmitglieder mit missbilligendem Kopfschütteln quittierten. Denn alle hatten natürlich geglaubt, Krk werde sich ein Kleid davon fertigen oder es als Unterlage für sein Lager verwenden. Aber Krk hatte andere Pläne. Er flocht aus den Streifen einen starken Strick nach der gleichen Methode, die die Kinder mit dürren Grashalmen anwendeten, wenn sie sich Hüte flochten. Der Strick wurde etwa zwanzig Schritte lang. Krk rief ein paar starken Jungen, die auf der einen Seite ziehen mussten während er das gleich am anderen Ende tat. Der Strick dehnte sich zwar um einiges, hielt jedoch den Zug bestens aus. Nun galt es nur noch gutes Wetter abzuwarten. Denn eine Kletterpartie in den Abgrund bei Regenrisiko wäre allzu gefährlich geworden, dachte Krk.

Als die Alten für die nächsten Tage Sonnenschein verhiessen, machte sich Krk an die Arbeit. Er nahm seine üblichen Waffen und einige Nahrung und band sich alles auf den Rücken. Den Lederstrick wand er sich schräg über die Schultern. Dann ging er zu Chorr, dem er in knappen Worten sein Vorhaben kund tat. Chorr runzelte zwar die Stirn, wusste aber, dass sich Krk um keinen Preis von seinem Vorhaben abbringen lassen würde. So legte er ihm denn wortlos seine runzligen Hände auf die Schultern, schaute ihm lange in die Augen und klatschte dann kurz in die Hände, was soviel heissen mochte als: "Na dann zieh halt los, Junge. Es ist ja dein Leben mit dem du spielst!" Krk wandte sich wortlos zum Gehen.

Als er zu der Eiche kam, band er seinen Lederstrick an einem Wurzelstock daneben an. Dann legte er sich auf den Stamm und liess sich langsam nach unten gleiten. Er wollte in einem ersten Anlauf nur testen ob der Baum denn wirklich noch mit seinen Wurzeln genügend oben fest sass. Dass er den grössten Teil seiner Blätter noch besass und diese grün geblieben waren, deutete immerhin darauf hin. Denn wären die Wurzeln ganz ausgerissen gewesen, hätte sich das Laub schon längst braun verfärbt. So weit es der Strick erlaubte, glitt Krk am Stamm hinunter. Es reichte genau bis zu den ersten starken Ästen. Krk lehnte sich nach aussen und besah sich die Felswand unter seinen Füssen. Nicht gerade einladend, dachte er. Aber ein schmaler Absatz führte zu einer Stelle wo etwa zehn Schritt neben der Eiche der Fels recht griffig schien. Krk zog sich an seinem Strick wieder nach oben und löste ihn vom Wurzelstock ab. Dann wand er sich einen Teil wieder gewissenhaft über die Schultern. Den längeren Teil aber schlang er um den Eichenstamm und fasste das Ende fest mit einer Hand. Nun konnte die Fahrt losgehen. Zuerst äusserst langsam, dann aber immer schneller glitt er am Stamm wieder hinunter. Auf den Ästen angekommen zog er den Strick um den Stamm zurück und wand auch diesen Teil sich um die Schultern. Nun lehnte er sich vorsichtig an die Felswand und tastete sich auf dem schmalen Band vor. Er merkte, dass es nicht dasselbe war, ob man den Abgrund vom sicheren Erdboden oder von diesem unsicheren Ort aus betrachtete. Aber Schritt um Schritt kam er der Stelle näher, die er sich zum Abstieg ausgesucht hatte. Hin und wieder blitzte ihm ein Gedanke durch den Kopf: Er sah sich über die Wand abstürzen und unten zerschmettert liegen bleiben. Dann würden nach ein paar Tagen nur noch die bleichen Knochen übrig bleiben, wie von den Toten, die sie hinunterwarfen; von den Ratten und Geiern abgenagt und in alle Windrichtungen zerstreut. Aber jedenfalls würde durch seinen Tod niemand zu Schaden kommen müssen. Er war ja nur einer von vielen Versorgern der Sippe. Sogar wenn er die Führerrolle von Chorr hätte, würde bei seinem Tod zwar ein paar Tage lang ein Aufruhr herrschen bis ein neuer Führer erkoren wäre. Dann aber würde alles wieder sein wie vorher: Die jüngeren Jäger würden im Wald ihr Leben riskieren, die älteren es sich auf der Pirsch in der Savanne gemütlich machen, die Frauen und Kinder würden im Lager auf sie warten und die Alten betreuen. Es war schon etwas Gutes, dachte Krk, in einer Sippe eingebunden zu sein. Wenn einer auf der Jagd tödlich verunglückte, übernahmen automatisch die anderen Jäger seine Pflichten. Auch für die Alten, die so viele Wamba-Caumba-webes erlebt hatten wie vier Menschen an ihren Händen Finger hatten, war für ihr Leben lang gesorgt. Nur wenn Hungersnot herrschte, zogen sie sich tief in ihre Höhlen zurück und verweigerten jede Nahrung, damit die Kinder zu essen hatten. Und wurde die Not über lange Zeit so gross, dass Gefahr herrschte, die ganze Sippe würde verhungern, starben sie wie auf Kommando, damit die Überlebenden ihr Fleisch essen konnten.

Nun kam Krk an die kritischste Stelle: Es galt, sich auf dem schmalen Felsenband hinzusetzen, sich zu drehen und vorsichtig mit den Füssen sicheren Tritt im zerklüfteten Gestein zu fassen. Krk nahm seine Waffen vom Rücken, legte sie auf das Band und setzte sich wie ausgedacht. Aber sich zu drehen getraute er sich noch nicht. Er nahm einen daliegenden Stein und warf ihn hinunter. Der Stein schlug mehrmals an der Wand auf, bevor er unten ins Gras sprang. Die Wand musste also schräg sein, dachte er. Sonst wäre der Stein ohne an ihr aufzuprallen nach unten geflogen. Das war immerhin eine Erleichterung. Er drehte sich langsam nach hinten und betrachtete den Fels, ob da irgendwo ein starker Vorsprung sei, an dem er sich beim Drehen halten könnte. Aber nur schmale Ritzen waren zu sehen, in denen seine Finger nicht Platz fanden. Sein Blick fiel auf die Axt. Der rettende Gedanke kam: Er ergriff sie und einen grossen Stein, der wie für ihn geschaffen dalag. Dann drehte er sich soweit, dass sein linkes Bein angewinkelt auf dem Felsenband stand und das rechte über dem Abgrund baumelte. Dann hieb er die Schneide der Axt in eine Spalte. Geschafft! Nun konnte er sich am Stiel festhalten und sich beruhigt über den Sims gleiten lassen. Seine Füsse suchten Halt und fanden ihn. Nun galt es noch, die Axt wieder aus dem Spalt zu ziehen. Auch dies gelang mit Hilfe des Steines. Krk band sich die Waffen wieder auf den Rücken und begann den Abstieg. Es ging, nach einigen Anfangsschwierigkeiten, beinahe problemlos. Noch ein paarmal war er froh um seine Axt, wenn wieder für die Hände kein sicherer Halt zu finden war. Es genügte dann schon, die Schneide in einen Spalt zu zwängen und sich an ihr wie an einem Haken zu halten. Die Sonne stand noch nicht im Zenit, da setzte er bereits seine Füsse unten ins weiche Moos. Eine ungeheure Erleichterung überkam ihn. Aber auch ein ebensolcher Stolz, dass er als Erster seiner Sippe es gewagt hatte, seine Füsse in das Tal zu setzen. Er schaute sich um. Nichts rührte sich. Die Ratten hatten ihn schon lange beobachtet und sich in ihre Löcher verkrochen, wo sie den Eindringling argwöhnisch aus sicherer Distanz beobachteten. Krk wandte sich der Talmitte zu, wo er den Bach rauschen hörte. Hier angelangt legte er erstmals seine Waffen und den Strick zu Boden und trank mit den hohlen Händen das köstliche Nass. Es schmeckte ganz anders als das Wasser oben, das zuerst durch Felsritzen kriechen musste, bevor es zutage trat. Er zog nun auch sein Fell über den Kopf und betrat den Bach. So herrlich frisch erschien es ihm, dass er sich mit einem wohllüstigen Seufzer hinein setzte und dann langsam den ganzen Körper in die Wellen gleiten liess.

Plötzlich witterte sein Instinkt Gefahr. Mit einem Ruck richtete er sich auf und stand nun nackt wie ein Gott der Antike im Bach. Ein Schatten lag neben dem seinen im Sand des Bachufers. Er drehte sich um. Was er nun sah, stellte ihm den Atem ab: Eine junge Frau mit langen, schwarzen Haaren stand, einen Speer auf ihn gerichtet am Rande des Baches und starrte ihn ebenso entgeistert an wie er sie. Wie in Stein gehauen standen sie sich gegenüber. Die Mähne der Frau reichte ihr über die Schultern bis an die Hüfte. Die Augen waren grünblau und leicht schräg gestellt. Ein ebenmässiges Gebiss leuchtete hinter einem vollen Lippenpaar, das die Farbe der Mohnblume hatte. Zwar hatte Krk in den Erzählungen der Alten schon von solchen Menschen gehört. Aber er und seine Altersgenossen massen diesen Erzählungen nicht eben viel Glaubhaftigkeit bei. Denn sie wussten, dass die besten Geschichtenerzähler diejenigen waren, die es mit der Wahrheit nicht so genau nahmen.

So standen sie sich also gegenüber und jedes schien darauf zu warten, dass das andere etwas unternehmen würde. Hinter der Frau bewegte sich etwas. Eine Ratte huschte über die Steine und bewegte sie, was die Frau zu hören schien, denn sie drehte sich blitzschnell um ihre Achse und nahm den Speer zurück um einem Angriff gewappnet zu sein. Diesen Augenblick nutzte Krk. Er sprang die Frau von hinten an und hielt ihre Oberarme fest. Aber er hatte nicht mit ihrer Reaktionskraft gerechnet. Eine kurze Drehung und ein gleichzeitiges Nachvornebeugen liessen Krk hilflos in den Sand fallen. Sie stellte einen Fuss auf seinen Kopf und den Speer an seine Gurgel. So verharrten sie wortlos und schauten sich wieder lange in die Augen. Endlich hob Krk langsam seine Hände mit den Flächen nach innen ihr entgegen. Sie schien zu begreifen. Ein erstes leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie sprang mit einem Satz in sichere Entfernung und harrte der Dinge die da noch kommen sollten. Krk erhob sich sehr verlegen in die Hocke. Dass er von Jagdkameraden hin und wieder im Spiel zu Boden geworfen wurde, nahm er als normal hin. Dass ihn aber eine Frau von solch zierlicher Gestalt so ganz einfach über die Hüften warf, das musste er erst noch verkraften. Mit hochrotem Kopf stand er schliesslich auf und wischte sich verlegen den Sand vom Körper. Die Frau stand immer noch unbeweglich da. Krks Augen wanderten zu seinen Sachen. Da kam Leben in die Frau. Blitzschnell nahm sie die Waffen und warf sie in hohem Bogen ins hohe Gras. Das Fell aber hob sie hoch und hielt es Krk entgegen. Krk streckte ihr seine Hände entgegen. Sie machte einen Schritt auf ihn zu und warf ihm das Fell vor die Füsse. Krk hob es auf und schob es über seinen Kopf. Die Hände erhob er wiederum gegen sie, die Flächen nach aussen gerichtet. Dann stand er abwartend im weichen Sand. Die Frau deutete mit dem Kopf auffordernd hinter sich, sich in Bewegung zu setzen. Er begriff und ging mit gesenktem Kopf an ihr vorbei. Dann deutete sie auf den Bach. Krk blieb stehen. Er zeigte mit einem Finger auf sich und sah sie fragend an. Sie nickte heftig. Offenbar wollte sie, dass er im Wasser marschierte, da er sich dort weniger schnell zu einem Angriff in Bewegung setzen konnte. So tat er denn was sie von ihm verlangte. Das Wasser reichte ihm bis an die Oberschenkel. Die Steine im Bach waren überwachsen mit grünen Algen und recht glitschig. Er musste mit den Händen rudern um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Plötzlich schrie er auf. Etwas hatte ihn in die grosse Zehe des rechten Fusses gebissen. Auf einem Bein hüpfend griff er danach. Es war ein grosser Krebs, der offenbar seine Zehe als etwas Essbares angesehen hatte. Das Bild, das er bot, musste so lustig sein, dass die Frau nun in lautes Gelächter ausbrach. "Du dumme Ziege!", entfuhr es Krks Mund. Die Frau lachte noch lauter. Sie stellte den Speer in den Sand und hielt sich den Bauch vor Lachen. "Du Ziege!" rief sie nun ihrerseits. Dann streckte sie ihm eine Hand entgegen. Die andere hielt weiterhin den Speer umschlungen. Krk kam auf sie zu und nahm die dargebotene Hand in die seinen. Er schaute in ihre zu lustigen Schlitzen veränderten Augen und musste nun ebenfalls lachen. Die Frau steckte den Speer in den Sand. Dann ergriff auch sie Krks Hände. So plötzlich wie sie angefangen hatte zu lachen, hörte sie wieder auf. Auch Krks Mund wurde wieder zu einem schmalen, geraden Schlitz. Aber ihre Hände blieben ineinander verschlungen. Die Frau deutete auf sich und sagte: "Suiem". Dann deutete sie auf Krk. Er antwortete mit seinem eigenen Namen. "Krk?" fragte sie ungläubig zurück. Krk nickte und wiederholte: "Krk". Dann zog sie ihn in der Richtung, in der der Bach im Felsen verschwand. Erstaunt sah Krk, dass das Wasser in ein riesiges Loch mündete. Sie gingen hinein. Zuerst hatte Krk Mühe etwas zu sehen, da draussen heller Sonnenschein gewesen war. Aber mit der Zeit gewöhnte er sich an die Dunkelheit. Immer tiefer führte ihn Suiem in die langsam enger werdende Höhle. Zuerst ging es leicht schräg nach unten. Nach etwa dreissig Schritten teilte sich die Höhle in zwei Gänge: der eine führte das Wasser weiter nach unten, der andere ging plötzlich steil nach oben und mündete in einen Raum, in dem zwanzig Menschen bequem hätten wohnen können. Von irgendwoher fiel Licht in die Höhle. Ein leichter Luftzug zeigte an, dass der Gang noch weiterging. Hier hatte Suiem ihr Schlaflager aus lauter Rattenfellen und dürrem Gras gemacht. Sie kniete sich nieder und deutete mit einer Handbewegung an, Krk solle dies ebenfalls tun. Er tat dies wie unter Zwang. So knieten die beiden jungen Menschen eine kurze Zeit einander gegenüber und sahen sich in die Augen. Schliesslich kroch Suiem langsam auf den Knien näher. Sie streckte ihre rechte Hand aus und berührte Krks Kraushaar. Sie begann leicht darin zu wühlen, was Krk wohlige Schauer den Rücken runter laufen liess. Auch er streckte seine Rechte nach Suiem langer Mähne und streichelte sie. Suiem kroch noch näher. Krk spürte wie unter seinem Fell sich etwas zu rühren begann. Sein Atem ging schneller. Suiem neigte ihren Kopf gegen Krk. Die Nasen berührten sich. Wie auf Kommando streichelten sich die beiden Spitzen. Plötzlich drehte sich Suiem auf ihren Knien um ihre eigene Achse, zog ihr Fell über den Kopf und bot Krk ihren Po an. Auch Krk riss sich sein Fell vom Leib. Er rückte näher. Ohne dass ihm je jemand gesagt hätte, wie das zu machen sei, vereinigte er sich mit Suiem. Die Bewegungen wurden immer schneller bis schliesslich beide mit einem Schrei endeten. Ermattet legte sich Krk zu Suiem. Sie umarmten sich. Dann fischte Suiem nach den beiden Fellen. Sie bedeckte ihre beiden Körper mit ihnen. Nach kurzer Zeit fielen beide in einen tiefen Schlaf.

Als Krk erwachte war Suiem verschwunden. Schnell zog er sich das Fell über und verliess die Schlafhöhle auf der Suche nach ihr. Er fand sie lächelnd beim Feuer, wo sie auf einem Spiess zwei nackte Ratten drehte. Ein herber aber nicht schlechter Geruch ging von ihnen aus. Auch Krk hatte früher, als die Nahrung knapp geworden war, Jagd auf Ratten gemacht und sie ins Lager seiner Sippe gebracht. Aber zu seinen Lieblingsspeisen zählten sie nicht gerade. Was sollte er jedoch hier anderes verzehren, wenn er überleben wollte? Ausser diesen aufdringlichen Nagetieren und Krebsen, Schnecken, Käfern und Knollen schien es im Tal nichts zu essen zu geben. Den Knochen zufolge, die in der Nähe des Feuers herumlagen, musste Suiem allerdings hin und wieder einen grösseren Vogel erwischt haben.

Noch hatten die beiden nicht richtig versucht, miteinander zu sprechen. Nun aber, beim Verzehren des Bratens begann Suiem plötzlich ein Lied zu singen. Einige Worte verstand Krk, vieles jedoch nicht. Als sie fertig war mit ihrem Lied gab auch Krk eines zum besten, das sie manchmal sangen wenn sie von der Jagd heimkamen. Er sang von der Beute, die sie gemacht und den Gefahren, die sie dabei zu bestehen hatten. Suiem hörte aufmerksam zu. Dann begann sie langsam ihre Geschichte zu erzählen. Krk hatte anfangs Mühe auch nur wenige Worte zu verstehen, denn Suiem sang mehr als dass sie erzählte. Als er sich aber einmal an diesen Singsang gewöhnt hatte, verstand er in groben Zügen die Geschichte: Suiem war mit vielen Frauen und Mädchen in den Wäldern und der Savanne herumgezogen. Männer seien keine dabei gewesen. Denn diese hätten vor vielen Sonnenwenden untereinander ständig um die Frauen gekämpft. Man habe nicht mal mehr ruhig schlafen können, weil man nie sicher gewesen sei, ob nicht ein streitsüchtiger Mann wieder einen Nebenbuhler im Schlaf erschlug. Da hätten die Frauen Rat gehalten untereinander. Sie wären zur Meinung gekommen, dass man ohne Männer ganz gut auskommen könne. In einer Vollmondnacht hätten die Frauen ein riesiges Fest aufgezogen und den Männer viel Met zu trinken gegeben, den man aus dem Bienenhonig gebraut habe. Als die Männer alle schnarchend um das Feuer gelegen seien, hätten die Frauen ihnen allesamt die Köpfe eingeschlagen und sie in die Savanne geschleppt, wo sie noch in der gleichen Nacht von den Fleisch fressenden Tieren verspeist worden seien. Nun hätten sie endlich Ruhe gehabt. Sie hätten sich selber das Jagen und alle anderen Männerarbeiten beigebracht. Die Mädchen seien aber immer älter geworden und hätten nach Männern verlangt. So hätten sie denn beschlossen, ihre Sachen zu packen und auf Wanderung zu gehen. Immer wenn sie einen Mann auf der Jagd gesehen hätten, hätten sie ihn gefangen genommen und schnellstens verschleppt. Wenn der Mann dann seine Pflicht erfüllt gehabt habe, wäre ihm das gleiche Schicksal beschieden worden wie damals den eigenen Männern. Wären dann nach den acht Monden die Kinder geboren worden, habe man die Knaben augenblicklich getötet. So seien sie eben auch in die Nähe der Sippe gekommen, der Krk angehöre. Sie hätten sich auf die Lauer begeben. Aber bis jetzt sei nie ein Mann allein auf die Jagd gegangen. Und um es mit vier Männern im Kampfe aufzunehmen, hätten sie den Mut nicht gehabt. Da sei einmal vor kurzer Zeit ein riesiger Sturm aufgekommen, der sie aus der Savanne vertrieben habe. Sie hätten sich zuerst im Wald versteckt. Aber dieser stecke voller Bären, die ihnen Angst eingejagt hätten. Der Sturm habe viele Bäume entwurzelt, die in die Schlucht gestürzt seien. Sie hätten versucht, in diese Schlucht zu klettern, da sie gesehen hätten, dass dort der Sturm nicht so wüte. Eine grosse Eiche habe über dem Abgrund gehangen. Sie sei, als Mutigste, dazu gedrängt worden, den Abstieg zu wagen. Es sei auch ganz gut gegangen bis auf die Äste der Eiche. Dann aber sei ein riesiger Ast abgebrochen und mit ihr hinunter gestürzt. Die anderen hätte ohne helfen zu können zusehen müssen. Da sie unten betäubt gelegen habe, hätten die Frauen natürlich angenommen, sie sei tot und seien verschwunden. Sie habe aber Glück gehabt, dass sie oben auf dem Ast gelegen und sich festgeklammert habe, was den Sturz abgefedert habe. So habe sie nur einige Schrammen davongetragen, die von selber wieder abgeheilt seien. Ihren Speer habe sie glücklicherweise wieder gefunden. Sonst hätten die vielen Ratten sie vermutlich aufgefressen statt umgekehrt. Sie habe sich dann in diese Höhle verkrochen und das Ende des Sturmes abgewartet. Feuer zu machen wäre nun das wichtigste gewesen. Denn damit hätte sie sich die zudringlichen Nagetiere vom Leibe halten können und sich in der kühlen Höhle erwärmen können.


Krk hatte sich schon gewundert, dass man oben bei ihnen weder Feuer noch Rauch bemerkt hatte. Nun aber sah er warum: Das Feuer unterhielt Suiem weit hinten in der Höhle. Der Rauch zog nicht nach oben, wie man das doch annehmen konnte, sondern, weil von oben und vom Eingang der Höhle her immer ein schwacher Luftzug kam, nach unten und hinten, wo der Bach im Gestein verschwand. Auf seinem Weg räucherte er die von Suiem getöteten, ausgenommenen und ihres Felles beraubten Ratten, die auf Stöcken, die überall in den Felsritzen steckten, aufgespiesst waren. Suiem wusste ja nicht, ob sie je wieder aus diesem grünen Tal hinaus konnte. Von den Schnecken, Raupen, Engerlingen, Krebsen, Würmern, Gräsern, Knollen und Knospen konnte man ja im Moment leben. Aber sie konnte nicht wissen, ob diese auch in der kälteren Zeit noch in genügender Menge vorhanden wären. Ein Fleischvorrat war also unbedingt anzulegen. Sie hatte schon alle Gänge abgesucht nach einer Möglichkeit, ins Freie zu gelangen. Nach oben waren die Gänge zu steil. Hinten, wo der Bach verschwand, versperrten grosse Steine die Höhle.

Krk fragte Suiem, ob sie es auch schon am hinteren Ende des Tales versucht habe. Sie antwortete, nein, weil es dort hinten von den bissigen Nagetieren nur so wimmle. Dann los, sagte Krk. Wenn sie gleich zu Zweien auf die Ratten losgingen, hätten sie gewiss die grössere Chance.

Krk formte aus Erde und Wasser einen Krug, den er mit Glut aus dem Feuer füllte. Zum besseren Halt stellte er das Gefäss in ein Rattenfell, dessen Zipfel er nun mit den Händen oben zusammenhielt. Er brach einige Äste von Kiefern ab, die vom Sturm ins Tal geschmettert worden waren und hielt zwei davon ins Feuer. Die Äste waren voller Harz, das langsam und russend zu brennen anfing. Dann marschierten sie los. Unterwegs suchte er noch die von Suiem weg geschleuderten Waffen zusammen. Alles war noch heil, bis auf den Lederstrick, den die Ratten fast ganz aufgefressen hatten.

Als die Sonne auf Mittag stand, erreichten sie das obere Ende des Tales. Auch hier war eine tief ausgewaschene Höhle, aus der der Bach hervorquoll und einen Haufen Geröll mitgerissen hatte. Die Ratten nahmen Reissaus, sobald sie ihnen mit den rauchenden Kienfackeln nahe kamen. Der Weg über das Geröll in der Höhle war recht beschwerlich. Je tiefer sie kamen umso finsterer wurde es. Die Fackeln gaben nur einen matten Schimmer von Licht ab. Am Ufer des Baches lag eine Menge Holz, das ebenfalls mit dem Wasser in vielen Sonnenwechseln von irgendwo weit oben oder hinten mit geschwommen war. Sie machten kleine Haufen davon und zündeten sie mit ihren Fackeln an. Eine ganze Menge Fledermäuse hingen an der Decke. Sie liessen sich nicht mal stören, als der Raum sich mit Rauch anfüllte. Aber auch hier kam ein leichter Wind mit dem Wasser, der den Rauch nach aussen trieb. Krk dachte einen Moment lang, es könnte ja sein, dass oben auf dem Rand der Felsen jemand seiner Sippe herunter schauen und den Rauch bemerken würde. Dann würde man es Chorr melden, welcher wohl annehmen würde, Krk habe das Feuer gemacht.

Das Geröll im Gang wurde immer massiver. Das Wasser schlängelte sich in Schlangenwindungen darum herum. Bald kamen sie nur noch mit Klettern von einem Felsbrocken zum anderen vorwärts. Sie hatten keine Ahnung, wie weit sie schon gekommen waren, als sie an eine Spalte kamen, die schräg nach oben führte. Sie war gerade so breit, dass sie sich durchzwängen konnten, wenn sie ihre Körper etwas abdrehten. Immer mühsamer wurde die Kletterei. Krk schaute hin und wieder fragend zu Suiem zurück. Sie aber lachte und deutete immer wieder vorwärts. So durfte er sich doch als Mann keine Blösse geben, dachte er und kletterte immer weiter. Die Kienäste hatten sie nacheinander angezündet, immer den nächsten an der Glut des Vorgängers. Noch hatte jedes einen in Reserve. Aber langsam wurde es Krk doch angst und bange, sie würden plötzlich ohne Licht dastehen und überhaupt nichts mehr sehen. Dann erbarmen sich ihrer die Geister der Finsternis. Aber plötzlich sahen sie über sich einen runden Schimmer von Licht. Krk hielt die Fackel nach oben. Der Rauch stieg hoch. Der Spalt wurde breiter. Noch eine letzte mühselige Kletterei und sie streckten ihre Köpfe in das letzte Licht des Abends. Krk stieg aus der Spalte und streckte Suiem seine Rechte entgegen. Sie liess eine Reihe blitzender Zähne sehen als sie ihn anlachte und seine Hand ergriff, dass er sie hochziehe.

Der Anblick war unbeschreiblich. Sie befanden sich hoch über dem Tal und den Höhlen von Krks Sippe auf einem flachen, steinigen Bergkamm. Der freie Blick ging bis weit in die Savanne in der Richtung der aufgehenden Sonne und ebenso in die anderen Richtungen. Auf der Seite der untergehenden Sonne lag der Wald, wo Krk den Bären erschlagen hatte, unter ihnen. Im Licht des aufziehenden Abendrotes glänzten die Berge ringsum wie im Feuer. Sie sahen die Grasfresser in Rudeln, die ganze Sippen nicht an ihren Fingern abzählen konnten. Sie sahen aber auch solche, die von Raubtieren gehetzt über die Steppe rasten.

Sie begannen zu frieren. Suiem schmiegte sich eng an Krk. Ein ungeheures Glücksgefühl durchströmte ihn. Er fühlte, dass er in dieser kurzen Zeit zum Manne gereift war. Aber nun galt es, ein Lager für die Nacht zu finden. Hier oben war der Wind zu kalt. Keine Bäume oder hohes Gras gaben ihnen Schutz vor der Kälte. Sie mussten versuchen, den Abstieg zum Wald zu finden. Der Mond kam langsam hinter den Berggipfeln hervor. Sein Licht genügte ihnen. Immer schneller getrauten sie sich zu marschieren. Bevor sie zum Wald kamen, wurde der Boden fruchtbarer. Die ersten Gräser und Blumen waren zu finden. Und als der Mond eine Handbreit über der riesigen Bergnase stand, befanden sie sich in einem Gürtel hohen Grases, das dem Wald vorgelagert war. Das Gras stand in vollem Saft. Sie konnten also hier ein Feuer entfachen ohne zu befürchten, die Steppe würde auch mit brennen. Sie traten im Umkreis von zwei Manneslängen das hohe Gras zu Boden. Die Reste ihrer Fackeln steckten sie in den Boden, die Glut nach oben, damit sie weiter glühen sollten. Dann gingen sie zum Waldrand, wo sie innert kurzer Zeit ganze Bündel dürren Holzes fanden, das sie zu ihren Lagerplatz trugen. Bald loderte ein wärmendes Feuer zum immer noch roten Himmel auf. Nun merkten sie, dass sie bereits grossen Hunger und Durst hatten. Aber sie hatten ja weder zu essen noch zu trinken mitgenommen. Ohne zu essen konnten sie einige Tage leben. Aber nicht ohne Wasser. Sie schmiegten sich aneinander und schliefen ein.

Gegen Morgen erwachte Krk. Er fror erbärmlich. Dass auch Suiem fror, sah er, trotzdem sie noch fest schlief, denn ihr ganzer Körper wehrte sich mit Zittern gegen die Kälte. Immerhin war nun inzwischen der Tau auf die Gräser gesunken, den sie ablecken konnten. Er weckte sie vorsichtig. Denn er wusste nun schon aus Erfahrung, dass sie gleich zu den Waffen griff, wenn man sie unsanft aus dem Schlafe riss. Suiem rieb sich verschlafen die Augen und gähnte herzhaft. Ein herrlich leuchtendes Gebiss liess erahnen, dass sie auch mit dem zähesten geräucherten Rattenfleisch fertig werden könnte. Sie setzte sich in die Hocke auf, die Arme um die Knie verschränkt. Dann streckte sie ihre Hände Krk entgegen, der sie mit seinen starken Armen zu sich empor zog. Sie schmiegte sich schlotternd an ihn. So standen sie lange im Glanze der aufgehenden Sonne. Sanft befreite sich Krk aus ihren Armen. Essen suchen war angesagt. Solange in den Gräsern der kühle Tau lag, waren die Heuschrecken und Raupen leicht einzufangen. Die zarten Rispen der Gräser enthielten soviel Tau, dass, wenn man genügend von ihnen ass, der Bedarf an Wasser für die nächste Zeit gedeckt war. Dann standen sie unschlüssig in der ins Gras getretenen Mulde und berieten. Sie konnten natürlich jetzt im Wald genügend Kienholz für Fackeln brechen, mit denen sie den Rückweg durch die Spalten und Höhlen wagen konnten. Aber es gelüstete sie überhaupt nicht. Denn sie waren noch zu wenig aufgewärmt um Freude auf eine solch kalte Kletterei aufkommen zu lassen. Sie hielten Umschau. Die Ebene, auf welcher sich die Herden tummelten, waren nun noch besser zu überblicken als gestern im letzten Licht des einschlafenden Tages. Hier liesse sich gut leben, sagten sie. Aber sie wären dann immer noch alleine auf sich selber angewiesen. Die Sehnsucht nach Sippengesellschaft kam bei beiden hoch. Krk deutete in Richtung der Höhlen, wo man Menschen durcheinander laufen sah, wie in einem Ameisenhaufen. Suiem hätte sich zwar lieber auf die Suche nach ihrem Frauenstamm gemacht. Aber wo suchen? Die konnten ja längst über alle Berge sein. Also schloss sie sich dem Wunsche von Krk an, zuerst mal zu seiner Sippe zu gehen. Der Weg war weit und der Marsch durch den ungepfadeten Wald konnte gefährlich werden.
Sie fanden einen Pfad, der wohl von Hirschen getrampelt worden war, die sich ihre Nahrung in der Steppe holten, welche Krk und Suiem in dieser Nacht als Schlafplatz gedient hatte, und sie tauchten ein in die Schatten der riesigen Bäume. Als sie einen kleineren Pfad fanden, der den Hirschpfad kreuzte, schwenkten sie in diesen ein, denn es war nicht ratsam, den grösseren zu benutzen, weil auf diesem auch der Bär seine Wanderungen machte. Ihr Instinkt führte sie kreuz und quer über diese von kleineren Waldtieren in vielen Generationen offen gehaltenen Wechseln. Von der Höhe aus betrachtet hatte der Lagerplatz von Krks Sippe nahe geschienen. Aber sie wussten, dass die klare Luft ihnen dies nur vorgegaukelt hatte und die Distanz durch dieses Kreuz und Quer durch den Wald sich nochmals verdoppelte. Unterwegs assen sie was sie an Essbarem fanden: Beeren, Schnecken, Pilze, Knollen, Wurzeln und die hellgrünen Spitzen junger Fichten. Kleinere Bäche, die sie häufig antrafen, stillten ihren Durst. Hin und wieder hielten sie in ihrer Wanderung inne, wenn sie in der Nähe das Brechen von Ästen hörten. Tief sogen sie dann die Luft durch ihre Nasen ein um sie auf den Duft von Bären zu prüfen. Aber die Petze schienen noch nicht auf Nahrungssuche zu sein. Da hörten sie in der Ferne in der Richtung, die sie gerade innehielten, das Röhren von Hirschen. Hirsche in der Brunft waren mindestens so gefährlich wie die Bären. Denn Bären gingen den Menschen möglichst aus dem Weg, wenn es sich tun liess. Hirsche in der Brunft aber betrachteten jedes Lebewesen, das ihren Kühen zu nahe kam, als Konkurrenz, die es mit den Geweihen zu vertreiben galt. Also war äusserste Vorsicht angesagt. Sie versuchten, über Umwege der Gefahr auszuweichen. Aber dies war leichter gedacht als getan. Denn ausgerechnet hier fanden sich keine schmalen Pfade. Also mussten sie das Risiko eingehen, den Hirschen zu begegnen, weil ihnen nur der breite Weg offen blieb. Langsam pirschten sie sich immer näher. Das Röhren wurde immer lauter und bedrohlicher. Plötzlich hörten sie lautes Krachen, das ihnen anzeigte, dass zwei Hirsche in voller Kraft mit ihren Geweihen aufeinanderprallten. Geduckt schlichen sie sich näher. Sie kamen an eine Waldwiese. Darauf standen einige Hirschkühe, die alle in einer Richtung starrten, wo eben zwei Böcke mit riesigen Geweihen versuchten, sich gegenseitig die Bäuche aufzuschlitzen. Die beiden schienen etwa gleich stark zu sein. Ihre Leiber dampften, aus den Mündern kamen unter dumpfem Grollen ganze Dampffontänen hervorgeschossen. Krk und Suiem drückten sich in die Büsche und schauten fasziniert dem Kampfe zu. Endlich gelang es dem einen Riesen, dem anderen an der Lende eine Wunde zuzufügen, was diesen sofort zur Flucht in der Richtung veranlasste, wo sie sich versteckt hielten. Der Sieger verfolgte den Unterlegenen noch eine Weile über den Pfad. Krk und Suiem spürten unter ihren Füssen das Vibrieren des weichen Waldbodens, als die Riesen an ihnen vorbei galoppierten. Sie drückten sich noch tiefer in die Büsche und verhielten sich still. Nach einer Weile kam der Platzhirsch mit stolz erhobenem Geweih zurück und schaute triumphierend in die Runde seiner Kühe, die inzwischen wieder zu äsen begonnen hatten. Noch eine kleine Verschnaufpause, dann lief er mit heraufgezogenen Lefzen auf eine jüngere Kuh zu, die im ersten Moment erschrocken davonlief. Bald aber stand sie still und schaute mit abgedrehtem Hals zu ihrem Gebieter zurück, welcher nun an ihrem Hinterteil zu schnuppern begann. Seine Erregung zeigte sich an seiner Männlichkeit, die am Bauch aus ihm heraus zu wachsen schien und bald in heftigen Schlägen auf und ab baumelte. Er stellte sich hinter die Kuh und besprang sie. Die Kuh machte zuerst erschreckt ein paar kurze Schritte, hielt dann aber still und liess den Herrscher seine Lust stillen. Als er zitternd von ihr liess, begann sie in aller Ruhe weiter zu äsen. Nun umkreiste der Bock seine Kühe und trieb sie in einen Seitenpfad. Krk und Suiem liefen schnell über die Lichtung und kamen an einen Bach, an dem sie den Schweiss, der ihnen beim Zusehen des Naturschauspiels ausgebrochen war, abwuschen. Dann gingen sie weiter, Suiem voran. Verstohlen schaute sie sich ab und zu nach Krk um. Wieder kamen sie an einen Bach. Das Ufer war mit einer Decke aus saftigem Moos bewachsen. Suiem kniete sich in diese weiche Polsterung. Ihr Blick sah in Krks Augen einen Glanz, wie sie ihn vorher beim Hirsch gesehen hatte. Sie spürte die gleiche Erregung, wohl ausgelöst durch das Treiben der Hirsche, in sich aufkeimen. Sie zog ihr Fell über den Kopf und lachte Krk mit blitzenden Zähnen an. Mit einem leisen Stöhnen riss er sich das Fell über den Kopf und legte sich auf Suiem.

Eine Weile lagen sie ermattet im weichen Moos. Dann suchte Suiem in den Baumwipfeln nach der Sonne. Sie stand beinahe auf Mittag. Sie sprang in den Bach und wusch sich am ganzen Körper. Krk tat es ihr gleich. In einem Anfall von kindlichem Übermut bespritzten sie sich gegenseitig mit dem kühlen Nass. Dann war es höchste Zeit, aufzubrechen. Rasch bekleideten sie ich, nahmen ihre Waffen auf und gingen schneller als zuvor ihren eingeschlagenen Weg.

Als sie in die Nähe der Höhlen kamen, wurden sie von spielenden Kindern gesehen, welche erschreckt zu den Höhlen liefen und schon unterwegs die "Gefahr" ankündigten. Die ganze Sippe, soweit sie nicht auf Nahrungssuche unterwegs war, griff zu den Waffen und erwartete die Ankömmlinge mit schussbereiten Bogen und Speeren. Als sie aber Krk erkannten, ging ein grosses Erschrecken über ihre Gesichter. Sie meinten, sein Geist sei zurückgekommen um ihnen Unheil zu bringen. Denn dass Krk das Abenteuer der Kletterei überlebt haben könnte, hatten sie schon nach ein paar Tagen nach seinem Verschwinden aufgegeben. Aber Krk lachte sie mit blitzenden Zähnen aus. "Fasst mich doch an, ihr ängstlichen Hasen", rief er ihnen zu. Es waren die Kinder, die sich zuerst Mut fassten und vorsichtig auf die beiden zu schritten. Zuerst fassten sie an Krks Arme und Beine und schienen schnell davon überzeugt zu sein, es könne sich doch tatsächlich nur um ihren Krk handeln. Dann standen sie mit offenen Mündern vor Suiem. Sie zeigte ihre ebenmässigen Zahnreihen als sie lachte. Damit hatte sie schon gewonnenes Spiel bei den Kindern, die nun die beiden an den Händen zu den Erwachsenen zogen. Langsam senkten diese ihre Waffen. Chorr trat vor und legte Krk seine Hände auf die Schultern, was soviel hiess wie: "Ich bin froh, dich wieder hier zu haben". Aus seinen Augen blitzten Tränen. Damit war der Bann gebrochen. Die ganze Sippe stand um die beiden Ankömmlinge herum und Krk musste den mit offenen Mündern Zuhörenden seine Abenteuer erzählen, welche er allerdings noch gebührend ausschmückte. Die Frauen bildeten einen Kreis um Suiem und befühlten zaghaft ihr langes, schwarzes Haar. Langsam kam ein Gespräch zwischen ihnen in Gang, das fast mehr aus Gesten denn Worten bestand. Sie führten Suiem in die Höhlen und zeigten stolz ihre wenigen Habseligkeiten und auch die Felsmalereien, die Krk mit den Kindern gemacht hatte. Dann führten sie sie zum Lagerfeuer und bedeuteten ihr, sich zu setzen. Rasch wurden Fleisch, Kräuter und Knollen zerhackt und in den Topf geworfen, den Krk modelliert hatte. Sie vergassen nicht zu erwähnen, es sei Krk zu verdanken, dass man nun nicht mehr heisse Steine in Lederkessel werfen müsse, sondern den Kochtopf direkt über das Feuer hängen könne. Suiem lächelte. Was sie hier als neueste Errungenschaft vorgeführt erhielt, war bei ihrem Stamm seit vielen, viel Generationen bekannt. Aber sie hütete sich, dies den stolzen Frauen auf die Nase zu binden, denn sie wollte ihnen die Freude nicht verderben. Die Männer und die Kinder umlagerten Krk. Immer mehr wollten sie wissen. Auch über seine Begleiterin wollten sie gebührend Auskunft haben. Aber Krk unterliess es wohlweislich, den Aufstand der Frauen zu erwähnen. Es hätte sich sonst eine Front gegen Suiem bilden können. Nun wollte Krk aber wissen, wo denn seine Kameraden Ere, Ono und Esem sich befänden und wurde belehrt, die jungen Jäger und einige der älteren, routiniertesten, hätten sich auf eine mehrtägige Pirsch auf Schweine gemacht, denn es sei Zeit, die Vorratshöhlen mit Fleisch zu füllen, weil in einigen Monden viele Tiere die Savanne verlassen würden. Und dann sei da noch eine alte, längst als erledigt betrachtete Gefahr wieder auferstanden: Die Wölfe, die man in vielen Sonnenwenden aus der Gegend vertrieben hatte, seien wieder auf der Savanne und im Wald erschienen. Unwillkürlich sträubten sich Krks Nackenhaare als er diese Nachricht hörte, denn die Alten hatten ihnen in vielen Vollmondnächten Schauermärchen über diese wilden Bestien erzählt.

Ein Problem galt es noch zu lösen: Krk hatte Suiem unterwegs von den Sitten und Gebräuchen in seiner Sippe erzählt. Unter anderem, dass die Frauen alle in ihren eigenen Höhlen wohnten und nur von Chorr besucht werden durften. Allerdings sei Chorr in den letzten Sonnenwenden etwas nachlässig geworden. Die Frauen waren mit ihm darum längst nicht mehr zufrieden und machten den anderen Männern hinter dem Rücken des Anführers Augenzeichen, sie in der Nacht zu besuchen. Da Chorr die Angewohnheit hatte, immer mit einer Kienfackel zu den Frauen zu gehen, war es ein leichtes, immer zu wissen, welche der Frauen gerade seine Gunst genoss. Die anderen Männer schlichen dann in der Finsternis in diejenigen Höhlen, wo Chorr bestimmt nicht anzutreffen war. Hin und wieder kam es auch vor, dass die gleiche Frau von zwei Männern besucht wurde, was den Frauen offenbar gefiel. Suiem aber verlangte von Krk, sie wolle nur bei ihm schlafen. Denn dieser Tausch der Frauen und Männer sei gerade der Beginn gewesen, der die Männer zu ihren stetigen Machtkämpfen veranlasst habe. Und sie sei unter keinen Umständen bereit, sich einem anderen denn ihm hinzugeben. Wie sollte er nun Chorr dies begreiflich machen? Suiem aber sagte, da sei gar nichts begreiflich zu machen. Sie würde einfach mit ihm in die Höhle gehen.

Das Fest zog sich bis tief in die Nacht hin. Die Frauen hatten Met eingeschenkt. Alle torkelten schliesslich herum und sangen ihre alten Lieder. Suiem aber nahm nach jedem Einschenken einen kleinen Schluck und warf den Rest unbemerkt hinter sich. Krk bemerkte es, grinste und tat es ihr gleich. Sie waren also die einzigen, die nicht torkelten, als Chorr in die Hände klatschte und laut Bettruhe befahl. Suiem fasste Krk bei der Hand. Sie nahm ihn beiseite und sagte, wie würden nun warten, bis alle verschwunden seien und erst dann in Krks Höhle gehen. Krk raunte, heute sei in dieser Höhle zwar niemand anderes als sie. Wenn aber die Jäger zurückkämen, müsse er das Lager mit den jüngeren von ihnen teilen. Sie umarmte ihn und sagte leise, falls er es zulasse, dass sie von einem anderen Mann angerührt würde, werde sie sich zu wehren wissen.

Nach drei Tagen kamen die Jäger mit grosser Beute zurück. Es gab ein grosses Gebrüll, als sie den tot geglaubten Krk sahen. Als Krk ihnen aber Suiem zeigte, kam zuerst ein betretenes Schweigen auf. Krk sah, wie sich unter den Fellen der Kameraden etwas regte. Unheil schwante ihm. Wie sollte er denn Suiem schützen? Die Gesetze und Gebräuche in der Onde-Sippe waren nun einmal so, dass die Frauen fast wehrlos den Männern ausgeliefert waren. Das hatte sich in vielen, vielen Generationen erwiesen, dass dies das beste Mittel war, Hungersnöte und Gefahren zu überstehen. Die Frauen und Kinder aber gehörten erstens dem Anführer und zweitens allen anderen Männern der Sippe.

Chorr hatte natürlich bemerkt, dass Suiem am Morgen nach der ersten Nacht mit Krk die Höhle verliess. Seine Miene verfinsterte sich. Aber er war so einsichtig, der Fremden vorerst eine Sonderstellung einzuräumen. Als aber die Jäger wieder im Lager waren, änderte sich die Situation. Sie nahmen an, die Fremde sei bereits in der ersten Nacht von Chorr aufgesucht worden. Vielleicht hatte er sie auch noch in der folgenden Nacht besucht. Aber Chorr war ja alt. Er würde froh sein, wenn er nicht mehr allzu oft seine Kräfte erschöpfen musste. Als Suiem einmal in einer Angelegenheit, bei welcher auch der Stolzeste selber hingehen muss, ins Gebüsch ging, schlich ihr Esem nach. Nach ein paar Augenblicken ertönte ein markerschütternder Schrei aus Suiems Kehle und gleich darauf einer von Esem. Suiem kam mit blitzenden Augen und bleckenden Zähnen ans Feuer und stellte sich vor Krk hin. Ihr Atem ging so schnell, dass sie kein einziges Wort aus ihrem Mund brachte. Mit einer Hand zeigte sie auf Esem, der eben mit betretener Miene aus dem Gebüsch kam und mit der anderen Hand zeigte sie auf Krks Keule. Alle im Lager hielten ihren Atem an. So eine Situation hatte es weder in ihrem eigenen Leben noch in den Geschichten, die ihnen die Alten erzählt hatten, je gegeben. Langsam kamen alle zum Feuer und stellten sich abwartend in einem Halbkreis auf. Krk schaute verdattert erst auf Suiem, dann auf Esem, dann auf Chorr. Letzterem wuchs die Sache offensichtlich über sein Begriffsvermögen. Unschlüssig schaute er im Kreise herum. Suiem trat näher zu Krk. Sie ergriff seine Oberarme und schüttelte ihn in blinder Wut. Als auch dies keine andere Reaktion denn Unverständnis weckte, stiess sie einen tierischen Schrei aus und verschwand in der Höhle, wo sie mit Krk geschlafen hatte. Nach kurzer Zeit kam sie mit ihren Waffen heraus, stellte sich abermals vor Krk, welcher mit offenem Munde dastand und nichts begriff. Suiem schaute in die Runde. Nichts als Unverständnis schlug ihr entgegen. Sie drehte sich abrupt auf ihren Fersen herum und lief in die finstere Neumondnacht hinaus. Krk schaute ihr ganz entgeistert hinterher. Dann packte er seinen Speer und setzte ihr nach. Aber wie er auch nach ihr rief, es kam keine Antwort. Nur in weiter Ferne konnte man das vielstimmige Geheul der Wölfe hören, die auf Krks Rufen antworteten. Krk liess seinen Speer auf die Erde sinken. Eine ungeheure Traurigkeit überfiel ihn. Er kam mit hängenden Schultern, den Speer hinterher schleppend ins Lager zurück. Dann setzte er sich an den Eingang der Höhle, die Tränen liefen ihm über sein Gesicht. Er sah in Gedanken die Veränderungen, die sich seit Suiems Erscheinen bei seinem Volk ereignet hatten. Auch dass Suiem bei den Frauen hoch stand, hatte sie in ihnen doch ein ganz neues Selbstbewusstsein erzeugt. Ganz abgesehen von den vielen Kleinigkeiten im täglichen Leben, die Suiem von einer ganz anderen Seite betrachtete und anging. Eine Aufgabe der Frauen und Kinder war zum Beispiel, in der Zeit, da die Grossvögel in der Savanne auf ihren Nestern hockten, sich anzuschleichen und sie lebend zu erwischen. So konnte man ihnen nicht nur ihre Eier wegnehmen, sondern die Hühner, gefesselt an den Beinen, selber als lebendigen Vorrat zur Höhle bringen, wo man ihnen die Flügel stutzte, damit sie nicht wegfliegen konnten. Aber die Frauen und Kinder konnten sich meistens nur bis auf ein paar Schritte dem Federvieh nähern, dann flogen die Hühner mit lautem Kreischen davon. Als Suiem das erste Mal mit auf die Jagd ging, hielt sie sich den Bauch vor Lachen, was die Frauen aber sehr verärgerte. Daheim in der Höhle aber zeigte Suiem ihnen, wie man aus Haaren grosse Netze flechten konnte. Diese band sie mit langen Lianen an vier Stecken. Nun zogen die Frauen und Kinder wieder auf die Jagd. Immer vier Frauen schlichen, das Netz ein paar handbreit über dem Gras, über die Savanne. Immer wenn ein Huhn laut gackernd aufflog, liessen sie das Netz blitzschnell fallen und das Huhn verhedderte sich im Netz.

An den folgenden Tagen nach Suiems Verschwinden ging Krk auf die Suche nach ihr. Immer weitere Kreise zog er durch die Savanne. Jeden Augenblick fürchtete er, die abgenagten Gebeine seiner Gefährtin zu finden. Dann suchte er auch im Wald. Aber Suiem schien vom Erdboden verschwunden zu sein. Nach einer Handvoll Tagen gab er die Suche auf. Jedesmal wenn er Esem begegnete, kam ein ungeheurer Zorn in ihm auf. Mehr als einmal hätte nur ein einziges aufreizendes Wort genügt um Esem die Keule über den Kopf zu schmettern. Aber dieser hütete sich wohlweislich, seinen Kameraden zu reizen. Die anderen Mitglieder der Sippe taten so, als ob nie etwas geschehen, nie eine Suiem hier gewesen wäre. Nur Chorr schaute öfters auf Krk und schien endlich zu begreifen. Die Frauen hatten in der Zeit der Neumondnacht alle ihre blutigen Tage und waren vollauf damit beschäftigt, sich in den darauffolgenden Zeit, vor den Blicken der Männer verborgen, zu reinigen. Nun ging es auf Vollmond zu. Ihre Taktik änderte sich von einem Tag zum anderen. Denn es ging darum, in den Vollmondnächten wenigstens einen Mann in der Höhle zu empfangen, weil dann die fruchtbare Zeit war.

Einen Tag bevor der Mond seine volle Rundung zeigte, kam plötzlich Suiem zurück. Als ob nichts geschehen wäre, setzte sie sich zu Krk ans Feuer. Wieder kamen alle Mitglieder der Sippe und setzten sich im Kreis ums Feuer. Die Spannung knisterte lauter als das Holz in der Glut. Krk schaute Suiem mit gesenktem Kopf von der Seite an. Sie schien es nicht zu bemerken, denn sie war eben dabei, eine Ratte, die sie mitgebracht hatte, auszunehmen und an ihrem Spiess zu braten. Aus der Ferne erscholl wieder das Geheul der Wölfe. Sie hob ihren Kopf und ein Lächeln spielte um ihren Mund. Als die Ratte durchgebraten war, ass sie sie mit Genuss. Dann ging sie zum Wassereimer, trank einige Handvoll und verschwand in der Höhle. Krk schaute auf Chorr. Dieser schien angestrengt nachzudenken. Dann gab er Krk mit dem Kopf ein Zeichen. Krk verstand. Er erhob sich und verschwand ebenfalls in die Höhle. Die jungen Jäger schauten verblüfft auf Chorr. Aber dieser zeigte nur auf eine Vorratshöhle. Sie verstanden. Diese Nacht hatten sie sich dorthin zurückzuziehen.

Am Tag der Vollmondnacht kamen Krk und Suiem als Letzte an das Feuer. Den ganzen Tag über schmiegten sie sich aneinander. Wenn eines aufstand, stand auch das andere auf und ging mit, wohin immer sich das andere begab. Einmal aber, als sie sich gerade im hohen Gras liebten, ertönte aus der Ferne das Geheul eines einzelnen Wolfes. Abrupt stiess Suiem Krk von sich, setzte sich starr auf und antwortete mit dem gleichen markerschütternden Geheul. Dann schaute sie Krk mit weit aufgerissenen Augen lange an. Als er sich ihr wieder nähern wollte, schüttelte sie langsam den Kopf und begann lautlos zu weinen. Den Kopf in die Hände gestützt, liess sie es immerhin gefallen, dass er ihr tröstend über ihre lange schwarze Mähne streichelte. Als er sich wieder zu ihr legen wollte, stand sie auf und ging wie in Trance den Höhlen zu. Sie fühlte, dass in ihrem Leib neues Leben spross. Krk folgte ihr in wenigen Schritten Abstand. Für ihn war eine kleine Welt zusammengebrochen, eine neue, für ihn unverständliche, tat sich auf.

Die Nacht kam. Der Mond stand voll am Himmel. Die Sippe stimmte ihr Lied an: "Wamba-Caumba-webe.....". Auch Krk und Suiem sangen mit. Sie tanzten um das Feuer. Immer schneller. Und immer lauter ertönte das Lied über die Savanne: "Wamba-Caumba-webe, wamba-Caumba-webe". Krk hatte seinen Stein in der linken Hand. Mit den Füssen hielt er einen grösseren, den er zu einem Hammer bearbeitet hatte. Er trieb mit dem Pfeilbogen einen dürren Stab in den Hammer, da er die Absicht hatte, später einen Stiel hinein zu schlagen. Plötzlich stiess Suiem einen Schrei aus. Sie ergriff Krks Axt, sprang mit einem Satz zu Esem und hieb ihm die Waffe in den Schädel. Mit herausquellenden Augen sank Esem seitwärts zu Boden. Dann stellte sich Suiem breitbeinig über ihn, formte ihre Hände zu einem Trichter und stiess ein Geheul aus, das sich in nichts vom Geheul des Wolfes unterschied, das am Nachmittage über die Savanne geklungen hatte und von ihr beantwortet wurde. Als ertönten tausend Echos, kam ein infernalisches Geheul aus kürzester Entfernung zurück. Dann aber stimmten Frauenstimmen in das Geheul ein. Und wie Geister brachen plötzlich die Schwestern Suiems in einer Anzahl über die Sippe, dass niemand auch nur den Hauch einer Chance hatte, sich zu wehren. Sie schlugen sämtlichen Männern und den halbwüchsigen Knaben die Schädel ein. Bei jedem Schlag ertönte ein Triumphgeschrei, welches aus hundert Wolfsrachen aus der Ferne beantwortet wurde. Auch Suiem selber hatte die Axt wieder aus Esems Schädel gerissen. Sie stellte sich vor Krk und bedeutete ihm mit Feuer in den Augen, sich ja nicht zu erheben, sonst sitze er hier in ein paar Augenblicken mit ebenso gespaltenem Schädel wie die anderen Männer. Aber Krk konnte nicht anders als zu versuchen, den Kameraden zu Hilfe zu eilen. Er stand noch nicht auf einem Bein, sauste Suiems Axt auf ihn nieder und spaltete ihm den Schädel. Suiem starrte entsetzt auf ihn nieder. Bevor er hinfallen konnte, umfing sie ihn mit ihren Armen und bedeckte ihn mit ihren Tränen.

Krk fuhr aus seinem Körper. Einen Moment lang schwebte er unbeweglich und ratlos über seiner toten Hülle. Dann schwebte er höher. Er sah das ganze Lager, die toten Kameraden, Chorr, die Jünglinge. Er sah alles überdeutlich. Der Mond schien auf das Schlachtfeld. Die Frauen mit den langen Haaren umtanzten das Feuer und die Männer. Sie sangen das gleiche Triumphlied, das ihre Vorfahrinnen gesungen hatten, als sie zum ersten mal ihren Männern den Garaus gemacht hatten. Die Frauen, Mädchen und jungen Knaben der Ondesippe sassen wie erstarrt herum. Endlich löste ein leises Schluchzen aus der Kehle einer jungen Frau die Erstarrung. Die anderen schienen zu erwachen. Entsetzt begannen sie zu schreien und zu weinen. Die fremden Frauen hörten abrupt mit ihrem Gesang auf. Auch sie schienen wie aus einer Trance zu erwachen. Sie setzten sich zu den Frauen der Sippe und begannen sie tröstend zu liebkosen. Nach einiger Zeit aber lösten sie sich von der Gruppe der Trauernden. Sie begannen, die Toten in Richtung der Savanne zu schleppen. Krk schwebte höher. Er sah auf der Savanne ein riesiges Feuer. Mädchen mit langen, schwarzen Haaren, in die sie bunte Blumen geflochten hatten, tanzten singend und lachend ringsum. In einer Entfernung von etwa fünf Manneslängen ruhte im Kreis ein grosses Rudel Wölfe. Die Mädchen unterbrachen ihren Tanz. Jedes ging zu einem Wolf. Die Tiere legten sich auf den Rücken und liessen sich den Bauch von den Mädchen kraulen. Dann sah er wieder zum Lagerplatz der Onde-Sippe. Inzwischen hatten auch die trauernden Frauen damit begonnen, den fremden beim Abschleppen der Leichen zu helfen. Und während sie schleppten, wuchsen ihre Kraushaare zu langen, schwarzen Mähnen, die im Winde zerzaust wurden. Krk sah, wie Sore, seine Amme, Suiem beim Schleppen seines eigenen Körpers half. Und während sie dem Lager der Wölfe zustrebten, verschmolzen Sore und Suiem zu einer einzigen Gestalt. Um den Hals trug diese Gestalt einen herrlichen Kranz aus den schönsten Blumen der Savanne.


Als die Frauen mit den Leibern der Männer bei den wartenden Mädchen und Wölfen ankamen, öffnete sich der Kreis der Wölfe. Ihre Haare waren auf dem Rücken gesträubt und sie knurrten mit gebleckten Zähnen. Die Frauen legten die Leichen rings um das Feuer. Die Wölfe warteten auf ein Zeichen, sich darauf zu stürzen.


Krk schwebte weiter hinauf. Er wurde vom Orkan der Zeit und des Raumes aufgesogen. Das letzte was er hörte, war das Aufheulen der Wölfe. Und nun nahmen ihn die Wolken in ihre Mitte. Sie tanzten mit ihm und zogen ihn mit sich fort. Blitze zuckten. Ein Orkan erfasste die Wolken und ihn. Ringsum begann das All zu brüllen. Plötzlich war ihm, er werde gegen eine riesige Wand geschleudert. Er verlor das Bewusstsein.


Als Krk zu sich kam, lag er auf einer Wiese in einer Gegend, die ihm wild und fremd vorkam. Er erschrak als er an sich herunter blickte, denn er steckte in einem ihm völlig fremden Körper, in Kleidern, nicht aus Bärenfell, die ihm aber trotzdem irgendwie bekannt vorkamen. In der Entfernung eines guten Steinwurfes sah er ein aus riesigen Steinblöcken zusammengebautes Etwas, das ihm auch irgendwie bekannt vorkam. Blitzartig durchzuckte ihn die Erkenntnis: Es war das Schloss seiner Erinnerungen. Eine Stimme rief seinen Namen: „Gerold“. Er erhob sich und schüttelte die Grashalme aus den Beinkleidern. Dann trabte er zum Tor des Schlosses, wo ihn ein Mann aufgebracht erwartete. Er befand sich also in einer ihm fremden Zeit, in einer ihm fremden und doch vertrauten Gegend und sein Name war Gerold. Folgsam stolperte er hinter dem Manne her, der sein Gebieter war.


Der Tyrann

„Du verdammter Nichtstuer, wo hast du dich wieder herumgetrieben? Habe ich dir nicht aufgetragen, das Lederzeug meines Pferdes einzuwichsen? Wo zum Teufel hast du es hingeschmissen?“ Er zog seine Peitsche aus dem Stiefelschaft und wollte Gerold den Riemen über seinen Kopf sausen lassen. Aber Gerold duckte sich blitzartig, weil er es bereits erwartet hatte. Der Hieb fuhr über sein zerschlissenes Wams am Rücken und war kaum spürbar. Schnell sprang er zur Seite und rief: „Nicht schlagen, Herr. Das Lederzeug hängt, wie ihr es mir befohlen habt, neben dem Brunnen auf der Stange. Und es ist vorzüglich vom Schweiss des Pferdes gewaschen und eingewichst. Ihr wisst doch, Herr, dass ich es nicht wagen würde, euren Befehl zu missachten.“
Kuno, Gerolds Gebieter beruhigte sich. Gerold wusste aus Erfahrung, dass er nach seinem Mittagsschlaf noch bärbeissiger war als sonst schon. Kuno wickelte sich den Lederriemen der Peitsche ein paarmal über Hand und Ellenbogen und steckte ihn dann zusammen mit dem Schaft wieder zurück in den Stiefel. Dann schritt er gemächlich zum Ziehbrunnen und begutachtete Gerolds Arbeit. Langsam verflog der böse Ausdruck aus seinem Gesicht. Es konnte ihm nicht entgangen sein, dass Gerold das Lederzeug mit Spucke und Speckschwarten gut eingerieben und danach mit alten Lappen auf Hochglanz poliert hatte. Natürlich konnte er, nachdem er ihn grundlos zusammengestaucht hatte, nicht etwa zu erkennen geben, er hätte gute Arbeit geleistet. Schliesslich war er ja der Herr und Gerold nur ein geduldeter, stinkender Niemand, wie er sie sich dutzendweise im Schloss halten konnte. Deshalb gab er dem Sattel einen überflüssigen Tritt mit dem Stiefel, dass das Leder einen Ton von sich gab, das an das Grunzen eines Frischlings erinnerte. Dann aber raunzte er Gerold über die Schulter zu: „Versorg das Zeug in der Remise, du Affe!“ Dann zog er mit langen Schritten davon und verschwand über die Treppe im Schloss.

Vor dem Schloss, am Hang quasi angeklebt, waren Ställe und die Hütten der Bediensteten der Schlossherren. Hier wohnte auch Gerold mit seiner Frau Kathrin und seinen zwei Kindern. In einiger Distanz lagen um das Schloss ein paar Höfe, die von Leibeigenen bewirtschaftet wurden. In guten Jahren gaben die Äcker genug Nahrung ab um die Bauern selbst zu ernähren und ihren Zehntel ins Schloss zu bringen. In diesem Jahre aber, von dem hier die Rede ist, war seit Jänner kaum ein Tropfen Regen gefallen. Was die Bauern auch aussäten, es kam gar nicht erst zum Keimen. Nur gerade die Gärten, die sich die Frauen rings ums Haus hielten, konnten bewässert werden, da auch die Brunnen langsam austrockneten. Der Bach, der vom Berg herunter durch Göskon lief und in die Aare mündete, war bereits ausgetrocknet, die letzten Krebse hatten sich im Schlamm eingewühlt und wurden von den Bauern eingefangen, damit sie nicht nutzlos krepieren mussten. Sie durften sie jedoch nicht selber verspeisen, denn die Schlossherren hatten das alleinige Recht darauf. Und wehe, ein Untertan wurde dabei erwischt, dass er sich einen Krebs zu Gemüte führte. Kuno drohte jedem, ihm eigenhändig einen Finger der rechten Hand abzuschlagen als Strafe.
Natürlich war es nicht nur hier so trocken. Nein, im ganzen Land und sogar bis weit über die Grenzen hinaus litten die Menschen unter einer bitteren Hungersnot. Viele in den umliegenden Ländern wanderten aus. Die meisten in die Berge, wo die Gletscher die Bäche noch einigermassen mit Wasser füllen konnten. Dieses aber wurde bereits für das Bewässern der kargen Bergäckerlein verwendet, bevor es in die breiteren Flüsse gelangen und auch die einst so fruchtbaren Täler des Mittellandes mit ihrem kostbaren Nass befruchten konnte. Die Aare war nur noch ein schmales Rinnsal. Die Fische sammelten sich in den wenigen tiefen Stellen und konnten bereits von Hand gefangen werden. Einige Handwerksleute aus dem Lande Bayern kamen auf der Suche nach Arbeit und Essen bis hierher, wo sie sich erschöpft nieder liessen. Klar, dass sie auch hier in der Gegend von niemandem zu essen bekamen. So wateten sie denn tagelang nackt in der Aare auf Jagd nach Fischen. Und sie waren so erfolgreich darin, dass sie noch genug ins Schloss bringen konnten. Zwar ärgerte sich Kuno masslos über die „Payerbrut“, wie er die Neuankömmlinge nannte. Da sie ihm jedoch nicht zur Last fielen und sogar noch zum Lebensunterhalt des Dorfes und des Schlosses beitrugen, und weil er sich dachte, er könnte die guten Handwerksleute nach Abklingen der Hungersnot gut gebrauchen, liess er sie gewähren, als sie zu äusserst am Dorfrand ihre primitiven Schilfhütten aufbauten und sich ansässig machten.

Johannes, der Göskoner, Kunos erbittertster Feind, hatte seine Goldstücke aus dem Versteck genommen und ein Dutzend Boten zu Pferde bis hinab in die Nähe des Meeres gesandt, dass sie ihm und seinen Untertanen das nötigste an Esswaren besorgen sollten. Er hatte ihnen eingeschärft, immer in der Gruppe zu bleiben und ja keine Einzelaktionen veranstalten zu wollen. Denn überall wimmelte es von Hungrigen, die sich als Räuber und Wegelagerer ihr und das Leben ihrer Familien sicherten. Falls sie mehr Nahrung auftreiben könnten, sagte er ihnen, als sie zu Pferd transportieren konnten, sollten sie einen Kahn mieten und die Waren auf dem Rhein und der Aare bis nach Göskon schiffen lassen.
Natürlich konnte dieser Ausritt nicht verborgen bleiben. Die Köchin des Göskoners erzählte es dem Bauernfraueli, das die Milch ins Schloss brachte und dafür Mehl erhielt. Das Bauernfraueli erzählte es seinem Mann; dieser gab das Gehörte dem Wagner weiter, der es auf der Stör in Olten einem Ritter weitergab. Und dieser schliesslich überbrachte die Neuigkeit auf einem Ritt Kuno, dem Schlosshern, als er einen Anstandsbesuch bei ihm machte.
Diese Nachricht bereitete Kuno schlaflose Nächte. Natürlich hätte auch er die nötigen Goldstücke gehabt, damit er Waren im Ausland hätte beschaffen können. Aber diese Lösung wäre ihm wohl nur in äusserster Lebensnot eingefallen. Nein, sein Trachten ging schon bald in die Richtung, wie er dem verhassten Göskoner die eingeschifften Waren abspenstig machen könnte. Als er die Lösung gefunden zu haben glaubte, rief er Gerold, den Schmied Jufli und seine Kollegen, die Stallburschen Bernhard, Karel und Friederich in das Schloss, was eine absolute Seltenheit war, denn Kuno schaute sonst mit eiserner Härte darauf, dass das Niedere Gesinde keinen Fuss über die Schlosstreppe machen durfte. Kuno sass auf seiner Stabelle am riesigen Eichentisch und stierte sie an. „Ihr wisst ja alle“, fing er seine Rede an,“ dass wir alle am Hungertuch nagen.“ Dann machte er eine Kunstpause, was Gerold Gelegenheit gab, in seinem Kopf den Gedanken hochkommen zu lassen, dass er zwar wusste, wie das ganze Schloss und die Bauern jeden Abend mit knurrenden Mägen in die Strohsäcke krochen. Aber bei ihrem Herrn Kuno sah man noch keine einzige Rippe am Leib hervortreten. “Und ihr wisst ja alle auch“, fuhr Kuno fort, „dass mir der Göskoner noch eine Menge Geld schuldig ist“. Wieder machte er eine Pause und schaute mit seinen stechenden Augen allen lauernd ins Gesicht, ob sie wohl wüssten, dass die Wahrheit doch eher andersherum war, nämlich, dass Kuno für ein Ross, das er dem Göskoner vor einem Jahr abgekauft hatte, noch immer den Kaufpreis schuldig war. Dies wusste ja im Umkreis von ein paar Meilen jedes Kind, denn solche Nachrichten verbreiteten sich wie ein Lauffeuer auf dem Oltner Markt. „So ist es denn nicht mehr als recht, wenn ich versuche, mein Guthaben mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln einzutreiben. Also, wie ich gehört habe, hat der Göskoner ein Schiff auf der Aare gen Göskon schwimmen, das vollbeladen ist mit Esswaren, die ja auch wir dringend nötig haben. Nun geht mein Plan dahin, dass zwei von euch in Aarau auf die Anfahrt des Nachens lauern. Die zwei Abgesandten können sich jeder ein schnelles Ross aussuchen. Sobald das Schiff auftaucht, reitet der eine von euch im Blitztempo zu mir auf die Burg um zu rapportieren, wieviel Mann Besatzung es hat und wann es vor der Göskoner Burg eintreffen wird. Der andere aber reitet unauffällig auf der Höhe des Schiffes mit, damit er mir berichten kann, falls die Waren an einem anderen Ort abgeladen werden sollten. In der Zwischenzeit mache ich mit den anderen von euch einen Plan, wie wir dem Göskoner die Ware am besten abluchsen können. Also, wer von euch meldet sich freiwillig für den Ritt?“
Alle starrten auf ihre Fussspitzen und sagten kein Wort. „Das habe ich mir doch gedacht, dass ihr alles Feiglinge seid,“ brüllte Kuno plötzlich los, dass sie alle erschrocken davon rennen wollten. Aber Kuno hatte vorgesorgt. Die Türe war verriegelt, ein Ausreissen also unmöglich. „Hiergeblieben,“ schnarrte Kuno schon ein wenig leiser. „So soll denn halt das Los entscheiden. Ich habe in weiser Voraussicht bereits ein paar Stecklein gebrochen. Kommt her; wer die zwei Kürzeren zieht, macht sich unverzüglich daran, die Rosse zu satteln und mit dem nötigen Proviant für vier Tage zu beladen. Kommt also her!“
Einer um den anderen traten wortlos zu Kuno hin und zogen aus seiner Hand ein Knebelchen. Auf Kommando hielt jeder das gezogene in die Höhe. Es hatte Gerold und den Schmied Jufli erwischt! „So geht denn in des Teufels Namen und macht eure Sache gut. Und dass ihr nicht etwa auf den Gedanken kommt, abzuhauen. Denn ihr wisst ja: eure Familien hätten es ansonsten auszufressen!“ Sein schallendes Gelächter machte ihnen deutlich, dass er nicht zögern würde, zwei unschuldige Familien einfach so aus einer Laune heraus in den Kerker zu werfen oder gar draussen an der Burgmauer aufzuhängen als abschreckendes Beispiel. „Und sagt zu keinem Menschen, wohin ich euch geschickt habe, nicht einmal euren Frauen!“
So ging Gerold denn zu seiner Frau und erklärten ihr, was sie sich unterwegs hatten einfallen lassen: Sie seien von Kuno ausgesandt worden, Nahrung zu beschaffen, was ja auch einigermassen der Wahrheit entsprach. Dann sattelten sie die Rosse, schickten die Magd Lisi in die Küche, sie solle ihnen für vier Tage Proviant holen. Offenbar hatte Kuno dort bereits Bescheid gesagt, denn Lisi kam mit zwei Leinensäcklein, in denen ein paar steinharte Brote und für jeden fünf Moorrüben lagen. Das war zwar nicht gerade ein lukullisches Essen, was Lisi da aufgetrieben hatte. In Anbetracht dessen aber, dass zu dieser Zeit wohl nicht viel Besseres im Vorratsraum lag, zurrten sie die Säcke an die Sättel, behändigten die Speere und machten sich auf den Weg.
Im leichtem Trab erreichten sie noch vor dem Abend Aarau, wo sie sich in der Nähe der Schifflände auf der Wiese lagerten. Zwar waren in der Nähe einige Herbergen. Da sie aber nur einige abgegriffenen Geldstücke zu eigen hatten, war die Auswahl schnell getroffen. Sie konnten nur hoffen, die Sommernächte würden nicht zu kühl und es würde nicht etwa zu regnen anfangen. Diese Hoffnung aber war recht zwiespältig, denn andererseits war Regen genau das, was sich das ganze Land seit Monaten erhoffte und vom Himmel erbat.

Ihr Lagern konnte natürlich nicht unbemerkt bleiben. Immer wieder kamen Männer aus der Stadt oder solche, die mit den Schiffen zu tun hatten, zu ihnen auf einen Schwatz, und natürlich auch um sie auszuhorchen. Aber sie erzählten jedem, dass sie auf ihren Herrn warten würden, der mit einem Schiff vom Meer her kommen werde.
Der Schiffsverkehr auf der Aare war des niedrigen Wasserstandes wegen recht gering. Und zumeist waren es Holzlieferungen oder Holzkohle, die da mühselig die Aare hoch gestachelt wurden. Endlich am dritten Tage ihres Wartens aber kam ein Kahn, der mit Plachen zugedeckt war. Hier musste sich, so mutmassten sie, ganz besonders kostbare Ware darunter befinden. Vier Schiffer mit breitrandigen Hüten, aber sonst nur mit Hüfttüchern bekleidet, stachelten den Kahn mit ihren langen Stangen gemächlich ans Ufer und begannen es an den eingerammten Pfählen zu vertäuen. Man hatte verabredet, dass Jufli bei den Rossen bleiben würde, die an langen Leinen angebunden am Aarebord das spärliche Gras abweideten. Gerold aber schlenderte, als wäre er auf einem Spaziergang, auf die Männer zu und begann, sie nach dem Woher und Wohin auszufragen. Zuerst wollte keiner mit einem Wort herausrücken und sie taten, als ob sie kein Wort seiner Sprache verstehen würden. Als er ihnen aber den mit frischem Wasser gefüllten Ledereimer zum trinken hinhielt, nahmen sie diesen dankend an und tranken ihn abwechselnd leer. Die Zungen waren gelöst. Sie hätten Waren, die sie nicht näher bezeichnen möchten, nach Göskon zu schiffen, sagten sie. Gerold fragte noch so nebenbei, ob sie denn noch heute weiterfahren wollten. Sie schauten einander an und einer sagte, nein, hierfür wäre es ja zu spät. Sie würden sich`s auf dem Kahn bequem machen und mal wieder eine Nacht lang abwechselnd schlafen. Unterwegs hätten sie ja immer auf Wegelagerer aufpassen müssen, was sie kaum zum schlafen ermuntert habe. Hier an diesem belebten Ort aber wäre wohl mit einem Raubzug nicht unmittelbar zu rechnen, weshalb es genüge, wenn sich jeweils einer von ihnen wachhielte. Gerold wünschte ihnen noch eine angenehme Nachtruhe und ging mit dem Kessel in der Hand gemächlich zu Jufli. Sie verabredeten, Gerold solle sofort nach Anbruch der Nacht im Galopp heim zu reiten. Jufli aber werde sich an der Aare zur Ruhe legen und das Schiff beobachten.
So setzte Gerold sich denn auf sein Ross und ritt heim zu. Zuerst ritt er nur langsam. Als er aber die Stadt nicht mehr sah, gab er dem Ross die Sporen und preschte heim zu, wo er noch vor Mitternacht eintraf und Kuno, der sich bereits in seinem Bett befand, Bericht erstattete. Dieser sprang erregt hoch. „Gut!“ krächzte er. „Leg dich jetzt schlafen. Am Morgen, bevor der Hahn kräht, müssen wir uns aufmachen. Schlaf aber hier im Stall. Ich will dich nicht daheim holen lassen. Und es ist auch besser, wenn du nicht deiner Frau unter die Augen treten musst. Du könntest sonst vielleicht in Versuchung kommen, unser Vorhaben zu verraten!“
Wenn Kuno nun anfänglich gemeint hatte, zu Fünft könne man ein Schiff überfallen, musste er wohl oder übel seine Meinung ändern. Denn als er hörte, es seien vier Schiffer auf dem erwarteten Kahn, machte er ein bedenkliches Gesicht. Klar wäre es besser gewesen, die Mitwisser auf eine möglichst kleine Anzahl zu beschränken. Gerold hatte ihm auch gesagt, die vier Schiffer seien offenbar immer bestens auf der Hut, was ja die Aussage des einen bestätigte, der sagte, sie seien auch nachts immer auf Wache. Und schliesslich war es ja unmöglich, einen Überfall auf dem Wasser unbemerkt zu starten. Gerold war gespannt, was sich Kuno einfallen lassen wollte. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn er auf die Sache verzichtet hätte. Dies war aber leider nicht der Fall. Denn gleich nachdem er sich entfernt hatte, rief Kuno auch noch den Knecht aus dem Keller, den Burschen, der die Aufgabe hatte, die Einkäufe auf dem Markt zu tätigen und den Wagner Eduard zu sich, die er in die Sache einweihte. Auch sie waren natürlich alles andere denn begeistert über die Aussicht, in Händel verwickelt zu werden. Schliesslich hatten sie auf dem Schloss die letzten Jahre weder Kriege geführt noch das Waffen führen mehr als zum Spass geübt. Aber Kuno sagte ihnen, es sei überhaupt keine Gefahr zu befürchten, denn sein Plan lasse den Überfall ganz ohne Blutvergiessen bewerkstelligen. Wenn das nur gut geht, dachte sich wohl jeder insgeheim.
Früh in der Nacht war auch noch Jufli eingetroffen und berichtete, der Kahn werde, nicht wie gestern bereits vernommen, im Laufe des späten Morgens seinen Lagerplatz in Aarau verlassen, sondern, weil die Schiffer Angst bekommen hätten, dass gestern ein Spion sie habe aushorchen wollen, und weil ja Vollmond sei, bereits kurz nach Mitternacht starten. Es hiess also keine Zeit mehr verlieren. Auch Gerold wurde eiligst wieder geweckt, kaum dass er seine Füsse im Stroh ausgestreckt hatte. Die anderen waren bereits angezogen und die Rosse, soweit Sättel vorhanden, gesattelt. Für jeden stand auch noch ein Packpferd bereit. Aufgeregt schwirrte alles durcheinander. Kein gutes Vorzeichen, dachte Gerold grimmig. Wie sollte ein solches kriegsungewohntes Häuflein zusammengewürfelter Knechte, Wagner und anderer Zeitgenossen es fertigbringen, einen kriegsmässigen Überfall auf eine Händel gewohnte Schiffsbesatzung gewinnen?
Aber Gerold musste dann doch über Kuno staunen. Denn als sie hinter ihm zur Aare galoppiert waren und an der Furt zwischen Schönenwerd und Göskon anlangten, sahen sie durch die dichten Nebelschwaden im seichten Wasser eine Menge Treibholz, Wurzelstöcke, Äste, ganze Baumstämme quer über die Fahrrinne geschichtet. Kuno grinste über sein ganzes Banditengesicht. „Das habe ich, als ihr noch alle im Stroh gelegen habt, im Lichte des Vollmondes mit meinem Ross dahin geschleppt und mühsam aufeinander geschichtet,“ erzählte er mit meckerndem Lachen. Insgeheim musste Gerold ihn nun doch bewundern. Nicht umsonst war er als der stärkste Dreinhauer im Umkreis von fünfzig Meilen im Land herum bekannt und berüchtigt. Aber dass er nun einmal selber Hand an eine Arbeit legte, das war ihm denn doch neu. Denn er hatte ihn noch nie einen Handstreich selber ausführen oder schmutzige Hände kriegen sehen. Für das hatte er schliesslich seine Knechte.
Kuno hiess sie nun, die Rosse im hohen Schilf anzubinden und sich dann selber darin zu verstecken. Gerold schickte er eine Meile die Aare hinunter. Er solle dort auf der Wiese hinter dem Schilfgürtel einen Haufen dürre Äste und Flechten zusammensuchen und aufschichten. Und sobald der Kahn passiert habe, solle er das Zeugs anzünden.
Gerold entfernte sich auf dem Bollenufer so schnell er von einem Stein zum anderen springen konnte, wobei ihm die Nebelschwaden den Bart in ein glitzerndes Kunstwerk verwandelten, und tat dann wie geheissen. Kaum hatte er den Haufen beisammen, sah er im Rank vor sich den Kahn aus dem Nebel auftauchen. Ruhig stachelten die Schiffer ihn Meter um Meter im kaum sich bewegenden Wasser die Fahrrinne entlang in seiner Richtung. Als sie vorbei waren, zündete Gerold die Flechten an, welche mit kleinen, blauen Flämmchen zu züngeln begannen und dann auf das dürre Holz übergriffen. Er versteckte sich im Schilf und schaute dem sich entfernenden Kahn nach, der mit sanftem Schwingen bei jedem Stoss der Stachel kleiner wurde und dann seinem Blickfeld entschwand. Dann kämpfte er sich wieder durch das Schilf nach oben zur Wiese. Hier war der Nebel bereits so licht, dass er mindestens eine Meile weit sehen konnte. Eilends begab er sich zum Lagerplatz seiner Leute, die den Rauch und das Feuer bereits gesichtet hatten und nun aufgeregt der Dinge harrten, die da kommen sollten. Offenbar hatte Kuno in Gerolds Abwesenheit die Mannen weiter instruiert. Sie kauerten in zwei Kolonnen im kleinen Durchgang zum Wasser, den sie ins Schilf getrampelt hatten. Jeder hatte seine Waffe umklammert, um den Leib ein Hanfseil gewickelt und wartete auf das Kommando, loszulaufen. Sie mussten nicht mehr lange warten. Die Schiffer unterhielten sich des leisen Rauschens des Wassers wegen sehr laut, so dass sie sie bereits hörten, als sie noch über hundert Meter vor ihnen lagen. „Achtung,“ raunte Kuno, „nun werden sie gleich in die Biegung fahren und den Holzstapel sehen!“ Und so war es denn auch. Zwar war da noch ein kleiner Nebelfetzen über dem Wasser, der den Kahn für einen Moment lang verschwinden liess. Dann aber war plötzlich ein Fluchen aus vier Männerkehlen zu hören. Dann ein Knirschen, als sie den Kahn in das Kies fuhren. Die wartende Rotte sah durch das Schilf, wie sie ihn mit „hohruck-hohruck“ so weit auf die Steine zogen, bis er ihnen nicht mehr davon schwimmen konnte. Dann gingen sie gemächlichen Schrittes unbewaffnet zum aufgestapelten Holz. Einen Augenblick standen sie da und berieten sich. Offenbar kamen sie zum Schluss, der Fluss selber habe den Haufen hier angeschwemmt. Dann spuckten alle vier in die Hände und begannen, Stück um Stück des Holzes abzutragen und auf die Kiesel zu werfen. Diesen Moment hatte Kuno abgewartet. „Auf sie!“ raunte er. Sie sputeten auf die Männer los. Diese standen wie erstarrt, als sie eine Horde Wilder aus dem Schilf auf sich zu rennen sahen. Einer ergriff zwar noch einen langen Prügel, mit dem er abwehren wollte. Aber die Gegner waren ihnen zahlenmässig und in der Bewaffnung so überlegen, dass sie bald jeden Widerstand aufgaben und ihre Hände über ihre Köpfe hielten. Schnell fesselten Kunos Leute einem nach dem anderen die Hände auf dem Rücken und führten sie ins Schilf, wo Kuno ihnen befahl, sich hinzulegen. Falls sie seinen Anweisungen Folge leisten würden, sagte er drohend, würde ihnen weiter nichts geschehen. Dann gingen sie ans Ausladen der Nahrungsmittel, welche sie den Packpferden auf die Gestelle luden. Der Waren waren aber so viele, dass sie unmöglich alles aufladen konnten. So schleppten sie den Rest des Essbaren höher in das Schilf und bedeckten alles mit diesem. Was nicht essbar war, liessen sie im Kahn. Dann befahl Kuno ihnen, mit dem Rest der Seile und den Rossen das Schiff in den Auslauf eines Baches zu ziehen, welcher keinen Tropf Wasser führte, und ihn ebenfalls mit Schilf zu decken. Den Schiffern stopften sie nun noch einen Knebel in den Mund und befestigten diesen mit einem Strick um den Kopf. Dann befahl Kuno ihnen, sich die Beine kreuzweise übereinander zu legen, dass man sie zu einem Paket verschnüren konnte. Er versprach ihnen, nachdem alle Waren abtransportiert seien, würde er sie persönlich wieder aus ihrer misslichen Lage befreien. Jeder der Reiter lud sich selber noch zwei Säcke auf sein Ross. Dann brachen sie auf.
Auf Schleichwegen ritten sie der Burg zu. Schnell luden sie die Waren im Hof ab. Die Mägde verstauten sie in den Vorratskammern. Kuno verbot ihnen bei ihrem Leben, auch nur ein Wörtchen nach aussen sickern zu lassen. Dann ritten die Wegelagerer im Galopp wieder der Aare zu und luden den Rest der Esswaren noch auf die Rosse. Der Nebel hatte sich wieder verdichtet. Er füllte das ganze Flussbett und die angrenzenden Wiesen und Äcker mit seinen grauen Fangarmen. Während sie in aller Eile beluden, sagte Kuno, er werde nun eigenhändig die Schiffer von ihren Fesseln befreien und ihnen befehlen, sich die nächsten paar Stunden nicht vom Fleck zu rühren. Als er zurückkam, hatte er ein infames Grinsen auf seinen wulstigen Lippen, die Augen waren zu zwei schmalen Schlitzen zusammengekniffen. „So, jetzt habe ich sie von ihrem Leiden erlöst“, kam es meckernd aus seinem mit braunen Zahnstoffeln bestückten Mund. Dann gab er das Zeichen zum Aufbruch. Die Frauen und Kinder schauten sie mit offenen Mündern an als sie im Burghof erschienen. Zu fragen, woher denn plötzlich so viel an Essbarem komme, getraute sich niemand. Hauptsache, man hatte für die nächste Zeit genug zu essen.

Gerold hatte keine Ruhe mehr. Kunos letzte Worte gingen nicht aus seinem Schädel. Was hatte er nur gemeint damit, als er von „Leiden erlöst“ sprach? Und dann kam ihm noch der Gedanke, was würde passieren, wenn die vier Schiffer nach der befohlenen Wartezeit ihre Meldung auf der Göskoner Burg machen würden? Die Männer konnten das Aussehen der Räuber doch bestens beschreiben, hatten sie sie doch ausgiebig betrachten können, während sie die Waren umluden. Und Jufli und Gerold hatten sie ja bereits in Aarau gesehen, den Jufli zwar weniger als Gerold, der sich ja mit ihnen unterhalten hatte!
Gerold ging nach Hause und legte sich wortlos auf das Stroh. Seine Frau Kathrin schaute ihn aus merkwürdig fragenden Augen an. „Du hast doch etwas auf dem Herzen?“ fragte sie plötzlich. Die Kinder spielten draussen Ritter und Räuber. Gerold war noch nie ein guter Lügner, deshalb hielt er Kathrins fragende Augen nicht lange aus. Stockend erzählte er ihr die Geschichte, die sie eben erlebt hatten, ausführlich. Kathrin schlug entsetzt die Hände über ihrem Kopf zusammen. „Da stimmt doch etwas nicht in dieser Geschichte!“ flüsterte sie. „Du musst heute Nacht unbedingt zum Fluss, um dich zu überzeugen, dass Kuno die Männer tatsächlich losgebunden hat. „Aber er hat ja die Stricke nachher auf sein Ross gebunden, allerdings nicht alle. Die Beine habe er den Männern nicht losgebunden, sagte Kuno zu uns, damit sie nicht gleich los rennen könnten“, erwiderte Gerold zaghaft. Kathrin schüttelte ihren Kopf. „Da stimmt trotzdem etwas nicht. Du musst unbedingt nachschauen. Sonst gehe ich selber,“ fügte sie noch fast drohend bei.

So machte Gerold sich nach Einbruch der Dunkelheit also zu Fuss auf den Weg zur Aare. Die Nacht war ziemlich hell, denn es war ja Vollmond. Als er sich vorsichtig dem Ort der Handlung vom Morgen näherte, kam ihm plötzlich in den Sinn, es wäre ja denkbar möglich, dass man dort auf ihn lauerte. Denn es hatte ja immer noch Waren im Kahn, und es wäre ja immerhin möglich, dass die Räuber in der folgenden Nacht diese auch noch zu holen versuchten. Er änderte also seine Route. Ein paar hundert Meter weiter unten schlich er durch das Schilf zum Ufer, und dann, immer sich in das Schilf drückend, dem Platz zu, wo er den versteckten Kahn wusste. Gottlob, dieser war noch immer mit Schilf bedeckt. Dann schlich er dorthin, wo die vier Schiffer gefesselt worden waren. Plötzlich gefror ihm das Blut in den Adern. Denn er stolperte über ein paar Männerbeine. Er dachte, nun werde man ihn packen und vor den Richter schleppen. Aber die Beine machten keine Anstalten, sich in Bewegung zu setzen. Und nun sah er die ganze Bescherung: die Männer lagen mit eingeschlagenen Schädeln regungslos im Schilf! Da war nicht mehr zu helfen, dachte er entsetzt und machte sich schleunigst auf den Heimweg. Nur mit Überwindung brachte er es fertig, Kathrin das Erlebte zu schildern. Sie tat einen tiefen Atemzug und sagte dann leise: „Genau so habe ich mir die Sache vorgestellt. Der Kuno konnte doch nicht riskieren, die Männer laufen zu lassen. Die wären ja schnurstracks zum Göskoner gelaufen und hätten euch verraten. Der Kuno ist ein Mörder. Und ihr habt ihm unwissend dabei geholfen. Wie können wir nun je fertig werden mit diesem Wissen und Gewissen?“
Es war inzwischen Tag geworden. Die Hähne erinnerten sie daran, dass es galt, dem normalen Tagewerk nachzugehen. Auch Gerold schlich, nun bereits zwei Nächte ohne Schlaf hinter sich, dem Schloss zu, wo er seine tägliche Arbeit, mehr schlafend denn im Wachzustand, erledigte. Auch die Kumpane schlichen wortlos ihrer Arbeit nach. Nur Kuno schien heute besonders gut aufgelegt zu sein. Die Mägde hatten auf sein Geheiss jedem am Überfall Beteiligten einen Sack mit Lebensmitteln gerüstet. Hätten sie sie verrotten lassen sollen? Hier war Überlebensnahrung für die nächsten Wochen. Also nahm halt jeder seine Ration mit nach Hause.
Offenbar hatten auch die Kumpane, die verheiratet waren, mit ihren Frauen ähnliche Diskussionen gehabt, wie Gerold mit seiner Kathrin. Nach Einbruch der Dunkelheit besammelten sich darum alle Erwachsenen hinter dem Schloss in der Remise. Einer hielt Wache draussen. Im Inneren aber begann eine hitzige Diskussion über das weitere Vorgehen. Als Resultat davon kann man nur vermelden, dass alle überzeugt wurden, keiner von den Männern käme mit dem Leben davon, wenn es auskäme, dass sie am Raub beteiligt gewesen waren. So beschlossen sie denn, keinem Menschen auch nur ein Sterbenswörtchen zu verraten von der ganzen Sache.

Natürlich wurden die toten Männer am Aareufer im Schilf entdeckt. Allerdings nur drei. Vom vierten fehlte jede Spur. Man wusste ja nicht mal, dass es eigentlich vier hätten sein sollen. Die Tat sprach sich wie ein Lauffeuer im ganzen Land herum. Eine hektische Untersuchung begann. Aber noch in der selben Woche begann es endlich zu regnen. Sieben Tage und Nächte lang goss es wie aus Kübeln. Anfänglich jubelten alle. Aber die Bauern sahen mit Sorgen, wie die ausgetrockneten Äcker sich mit dem Regenwasser zu schmutziggelben Rinnsalen vermischten. Wo die Äcker an Hängen lagen, war dies verheerend. Tiefe Rinnen bildeten sich zu Sturzbächen, die samt Erde in die Bäche flossen. Auf den Äckern der Ebene aber begann die Saat, die vor Monaten ausgesät worden war, in Rekordzeit zu spriessen. Falls das Wetter und die Sonne mitspielten, konnte im Spätherbst noch mit reifem Korn gerechnet werden. Auch das Gras auf den Wiesen schoss in die Höhe. Endlich bekamen die Kühe wieder reichlich Futter. Die Schweine hatten nie Not gelitten, denn sie waren von den Frauen in die Wälder zum Eicheln fressen getrieben worden. Dort fühlten sie sich wie im Paradies, wenn sie als besondere Leckerbissen dicke Würmer und Larven aus dem lockeren Boden rüsseln konnten. Ein paar Sauen paarten sich sogar mit den reichlich vorkommenden Keilern, so dass nach ein paar Monaten die ersten Mischlinge zwischen Sauen und Wildschweinen zur Welt kamen. Auch die meisten Menschen hatten nun ausgesorgt.
Das Erlebnis an der Aare hatten sie verdrängt. Jeder hütete sich ängstlich, es wieder auszugraben. Dass jedoch jeder sich in Gedanken damit beschäftigte, sah man daran, dass sie sich nicht mehr so offen in die Augen sehen konnten wie früher.
Nicht nur die Schweine des Waldes und die der Bauern gingen fremd. Die ganze Gegend wusste von Kuno, dass er jedem einigermassen gut aussehenden Weib nach starrte. Die Mägde des Schlosses konnten ein Lied davon singen. Wann immer Kuno auftauchte, versuchte jede, sich dünn zu machen. Aber es war unmöglich, ihm immer auszuweichen. Wenn immer es sich machen liess, tauchte er unter einem Vorwand in der Küche auf und machte seine ordinären Sprüche mit den Mägden, dass ihnen das Blut vor Scham in das Gesicht stieg. Aber nicht genug damit, griff er auch jeder unter die Röcke, wenn sie sich irgendwo bückten. Jeder andere bekam postwendend eine Ohrfeige für solches Tun. Kuno gegenüber aber traute sich keine, auch nur aufzumucken. Hatte eine im Keller zu tun, bat sie eine Kollegin, mit ihr hinunter zu gehen. Aber jedesmal konnten sie das nicht machen. Manchmal wenn Kuno nach einem Abenteuer zumute war, richtete er es so ein, dass er eine Magd alleine antraf und sie dann in den Keller nach einer Karaffe Weines schickte. War sie unten, ging er ihr nach und drängte sie in eine Ecke, wo er ihr den Mund zuhielt und nicht eher locker liess, bis sie ihren Rock aufhob und ihn gewähren liess. Hatte er dann was er wollte, konnte es gar vorkommen, dass er die Bedauernswerte noch mit Worten beleidigte und in ihrer Ehre angriff. Kam sie dann später mit verheultem Gesicht wieder nach oben, wussten alle, was sich da im Keller unten wieder zugetragen hatte.
Aber nicht nur die Mägde hatten unter Kunos Abartigkeit zu leiden. Auch die Frauen der Umgebung waren nicht sicher vor ihm. Wenn die Beeren im Wald reiften, gingen die Frauen mit ihren Kindern hin um ihre Körbe mit den köstlichen Früchten zu füllen. Diese kochten sie zum Teil ein, zum Teil aber gaben sie sie auch den Marktfrauen mit, die damit in die Stadt von Haus zu Haus gingen, die Beeren laut ausrufend. Wenn Kuno in den Wald ritt um Wild zu jagen, dachte er meist weniger an vierbeiniges denn an zweibeiniges. Und es machte ihm wenig aus, wenn es Kinder dabei hatte. Sichtete er eine ihn geil machende Frau, schickte er die Kinder einfach weg, sie sollten anderswo ihre Beeren ablesen. Dann fiel er über die Frau her, die aus Angst, es könnte ihr oder der ganzen Familie vom bösen Herrn noch weit grösseres Ungemach zuteil werden, das Unvermeidliche über sich ergehen liess. Falls eine ihm gar scheinbar entgegenkam in seinen abartigen Wünschen, konnte sie mit einem saftigen Hasen- oder Rehbraten rechnen noch in der gleichen Woche.
Ihren Männern verheimlichten die Frauen diese Dinge. Aber es konnte nicht bis in alle Ewigkeit verheimlicht werden. Da sie es manchmal, wenn sie den inneren Druck nicht mehr aushielten, ihren Nachbarinnen oder Freundinnen erzählten, und weil diese dann, trotz hochheiligem Versprechen, es niemandem zu verraten, wiederum ihrer besten Freundin weitersagten, konnte der Moment nicht verhindert werden, da der eigene Mann es vernahm.
Bevor die grosse Trockenheit kam, ging Kathrin jeweils wenn Not am Manne resp. der Frau war, ins Schloss, wo sie bei der Wäsche oder in der Küche aushalf. Lohn erhielt sie, wie auch Gerold und die anderen Bediensteten, nur in Form von Esswaren und Kleidern. Höchstens gegen das Jahresende zu, oder wenn die Bauern den Zehnten ins Schloss lieferten, und wenn Kuno gerade gnädig gestimmt war, gab es eine Silbermünze, die dann sofort für das Nötigste in der Familie oder im Haushalt umgesetzt wurde.
Etwa ein Jahr nach dem Raubzug nahm Kathrin ihre beiden Kinder Thomas und Gerhardt mit in den Wald zum Beeren pflücken. Als Gerold spät nachts nach Hause kam, sass seine Frau in einer Ecke, still vor sich hin starrend. Auf dem Herd war kein Essen zum wärmen bereitgestellt. Gerold erschrak mächtig. Denn solches war in den bald zehn Jahren ihrer Ehe noch nie passiert. Er setzte sich zu ihr und fragte teilnahmsvoll, ob sie denn krank sei. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf und schaute zu Boden. „Hast du etwas gegessen heute, das dir nicht gut tat?“ Wieder nur das leise Kopfschütteln als Antwort. „Ist mit den Buben etwas passiert?“ fragte Gerold immer erregter. Da liess sie ihren Kopf auf den Schoss sinken, dass Gerold davon nur noch die blonden Kraushaare sehen konnte. „Dann sag mir wenigstens, wo du heute gewesen bist und was du gemacht hast!“ bat er eindringlich. Da begann sie zu schluchzen, leise zuerst, aber immer mehr schüttelte es den zierlichen Körper und sie fing gar plötzlich laut zu schreien an. Dann stand sie auf und rannte aus dem Haus. Gerold sofort hinten drein. Beim Garten holte er sie ein und riss sie in seine Arme. „Halt mich fest, Gerold, halt mich bitte ganz fest!“ schluchzte sie. Nun kamen auch noch die beiden Buben, die durch den Lärm offenbar erwacht waren, aus dem Haus und suchten sie. Als sie die weinende Mutter sahen, umklammerten sie ihre Beine und weinten mit. Gerold hob das Gesicht des älteren, Thomas, schaute ihm streng in die Augen und fragte, wo Mutter heute gewesen sei. „Im Wald haben wir Beeren gesucht,“ rief er weinend. Nun kam Gerold ein böser Verdacht. Er schickte die beiden Buben ins Stroh und fragte Kathrin leise: „Ist euch der Herr begegnet?“ Sie nickte nur mit dem Kopf und wollte sich von ihm lösen. Aber er liess sie nicht los. „Hat er dich.....?“ Sie nickte wieder. Da drückte er sie noch heftiger an sich und führte sie ins Haus zurück, wo er sie mitsamt den Kleidern auf das Bett sinken liess. Sie drehte sich gegen die Wand. Das Schluchzen hörte auf. Gerold setzte sich neben das Bett bis sie eingeschlafen war. Dann ging er zum Haus von Jufli, dem Schmied. Jufli wohnte alleine. Seine Frau war im ersten Kindbett gestorben. Das war noch bevor Gerold aufs Schloss kam. Als sie sich befreundeten, tauschten sie ihre Sorgen gegenseitig aus. Aber meistens war Gerold es, der einen guten Rat erhielt. Gerold klopfte an die Tür. Drinnen brannte noch eine Kerze, wie er durch das Fenster gesehen hatte. „Wer ist da?“ tönte es aus dem Haus. „Ich bin’s, der Gerold,“ kam die Antwort. Die Tür wurde geöffnet und Jufli schaute vorsichtig heraus. „Komm herein,“ sagte er und ging voraus. Drinnen setzte Gerold sich wortlos auf eine Stabelle. Jufli sah ihm, ebenfalls schweigend, ins Gesicht. Dann ging er zum Schrank, nahm eine Flasche und ein Glas heraus und schenkte eine. „Da, trink. Ich glaube, du hast es nötig,“ sagte er. Dann zog er eine Stabelle vom Tisch weg und setzte sich frontal vor Gerold hin. Dieser griff zitternd nach dem Glas und schüttete sich den Inhalt in die Kehle. Es war ein billiger Fusel, den ihm da Jufli eingeschenkt hatte. Aber er wirkte. Langsam begann Gerold zu erzählen. Jufli nickte nur hin und wieder, als hätte er nichts anderes erwartet. Als er alles gehört hatte, stand er auf und schenkte auch sich ein Glas voll, das er in einem Zuge hinter die Binde goss. Er schüttelte sich. Dann setzte er sich wieder vor Gerold hin und begann zu erzählen: „Wie du ja unschwer wissen wirst, bist du, oder besser gesagt deine Kathrin, nicht die und der erste, denen das passierte. Ich kann dir sagen, dass Kuno schon als Halbwüchsiger hinter den Weibern her war. Er hat auch die Meinige einmal im Stall vergewaltigt. Neun Monate später kam sie ins Kindbett und ist daran gestorben. Sie hat immer gesagt, sie wolle mich nicht mit einem Kind strafen, das ihr von einem abartigen Lüstling aufgedrängt worden sei. Und sie hat es fertiggebracht, es zu verhindern. Ich denke, sie hat sich so lange gewehrt, das Kind aus dem Leib zu lassen, bis sie daran verblutet ist. Damals war noch die Mutter meiner Agnes bei uns im Haus. Sie wusste von ihrer Tochter, wie das Kind gemacht worden war. Sie war eine Kräuterfrau. Einige Leute behaupteten sogar, sie verstünde mehr um die Dinge zwischen Himmel und Erde als andere Menschen. Als sie ihrer Tochter nicht helfen konnte, und als sie sie in meinen Armen sterben sah, tat sie einen unheimlichen Schwur. Sie werde nicht ruhen, rief sie so laut, dass es alle draussen hören mussten, bis der Teufel in Gestalt des Ritters Kuno seine gerechte Strafe erlangt habe. Eine junge Magd, die ein Auge auf Kuno geworfen hatte, hinterbrachte ihm brühwarm, was da im Hause des Schmieds passiert und geschrien worden war. Kuno verreiste noch am gleichen Tag und wurde nicht mehr gesehen bis er volljährig war. Seine beiden Brüder waren gar nicht erbaut, als er wieder auftauchte. Der Vater lag im Sterben und war eben daran, das Erbe unter ihnen aufzuteilen. Als Kuno zu ihm ans Bett trat, kam ein unheimlicher Fluch aus seinem Munde. Er wünsche ihn zum Teufel, zu dem er ja schon zu Lebzeiten gehöre, keuchte er mit bereits fast erloschenen Augen. Dann starb er, ohne das Erbe verteilt zu haben. Die Brüder bekamen bösen Streit. Aber einer von ihnen verunglückte auf der Jagd auf merkwürdige Art, und den zweiten fand man eines morgens erschlagen auf einem Acker. Es wurde gemunkelt, dass beidemal der Junker Kuno seine Hand im Spiele gehabt hätte. Aber beweisen wollte und konnte man es ihm nicht.
Bevor meine Schwiegermutter starb, rief sie mich an ihr Lager. Lange schaute sie mich an bevor sie redete. Dann aber, mit letzter Kraft flüsterte sie mir zu: `Du bist der einzige Mann in und ums Schloss, der diesem Teufel von Kuno sein verdientes Ende bereiten kann. Schmiede eine Nadel, nicht dicker als ein Strohhalm und etwa zwei Mittelfinger lang. Spitze sie an einem Ende so zu, dass sie mit Leichtigkeit in das Fleisch des Teufels eingedrückt werden kann. Dann, wenn er wieder einmal besoffen ist, jage ihm diese Nadel so tief ins Herz, dass man ihr Ende von aussen nicht mehr gewahren kann. Kein Mensch wird dann daran zweifeln, dass der Unhold anders gestorben ist als er es verdient hat, nämlich an seinem Rausch.` Dann ergriff sie meine Rechte und verlangte, dass ich schwöre, es genau so zu tun, wie sie es von mir verlangt habe. Nach einigem Zögern schwor ich es denn mit erhobenen drei Fingern. Ein kurzes Lächeln flog über ihr Gesicht, dann tat sie ihren letzten Atemzug.
„Und, hast du denn die Nadel geschmiedet?“ fragte Gerold, schon ein bisschen über sein eigenes Elend getröstet. „Ja, das habe ich“, erwiderte Jufli. Er stand auf und begab sich zum Kasten, wo er eine Holzschatulle herausholte, die er Gerold geöffnet in die Hände drückte. Tatsächlich: hier lag, eingebettet in ein Tüchlein, eine bereits ein bisschen angerostete Eisennadel von etwa sechs Zoll Länge. „Das Tüchlein stammt vom Leichenhemd meiner Agnes“, sagte Jufli und rieb sich die Augen. Dann folgte eine lange Pause. Gerold wickelte die Nadel wieder in das Tüchlein, klappte die Schatulle zu und überreichte sie Jufli mit der Frage: „Und, wie geht die Geschichte weiter?“ „Kommt Zeit, kommt Rat!“ erwiderte dieser vielsagend. „Warten wir doch ab, was das Schicksal von uns will!“ Gerold stand auf, drückte Jufli die Hand und ging nachdenklich zu seinem Haus, wo er seine Kathrin friedlich schlafend und noch immer angekleidet im Bette fand. Er deckte sie mit dem Leintuch zu und setzte sich dann an den Tisch, den Kopf auf seine Arme und diese auf die Tischplatte gelegt. So schlief er den Rest der Nacht, und böse Träume durchschwirrten seinen Schlaf.

Einige Jahre vergingen. Die Natur schien für das Jahr der Dürre entschädigen zu wollen. Denn eine Rekordernte löste die andere ab. Die Vorratslager waren bis obenhin gefüllt mit Fleisch, Dörrfrüchten und Korn für die Menschen, und Stroh, Rüben und Heu für das Vieh. Auch der Schlossherr war für einmal zufrieden mit dem, das ihm seine Untertanen geliefert hatten. Der Kopf stand ihm nach einem Fest. Die Knechte und Mägde bekamen den Auftrag, das Schloss herauszuputzen und mit Girlanden aus Blumen zu schmücken. Einige Tische wurden im Schlosshof aufgestellt und Pfähle in den Boden getrieben, auf die Bretter als Bänke gelegt wurden. Dann wurde aufgetischt, was in den Vorratskammern zu finden war. Die Bauern des Engeren Kreises waren mit ihren Frauen und Kindern eingeladen. Und jede Familie brachte von ihren eigenen Vorräten an Backwaren einen Korb voll mit als Zugabe.
Alle standen um die Tische. Kuno war als Letzter gekommen und ging zum Tisch, wo das Gesinde des Schlosses bereits seine Plätze stehend eingenommen hatte. Kuno setzte sich an die Frontseite des Tisches und rief: „Nun setzt euch schon, ihr Hungerleider. Heute könnt ihr euch mal wieder eure Mägen vollschlagen und euch auf Kosten des Hauses besaufen, hahaha!“ Alle setzten sich. Aber keiner getraute sich, den ersten Bissen zu nehmen, bis auch Kuno sein Brot brach und den ersten Schluck aus seinem Becher getrunken hatte. Dann aber hieben alle drauf, dass es eine Freude war, ihnen zuzuschauen. Die Kinder waren als erste satt. Sie tollten im Schlosshof herum und spielten Reiter und Ross. Nach etwa einer Stunde bekam Kuno glasige Augen. Er griff den um ihn herumsitzenden Mägden in die Kleider und kniff sie in ihre prallen Brüste. Da nützte alles Sichwehren nichts. Aber die Weiber wussten, wie sie ihn besänftigen konnten: Fleissig füllten sie ihm den Becher und liessen ihn hochleben, dass er vor Saufen kaum mehr zum Verschnaufen kam. Volltrunken griff er sich die Köchin und wollte sie vor aller Augen auf dem Tisch nehmen. Aber mitten im „Spiel“ sackte er plötzlich zusammen und griff sich ans Herz. Wie erstarrt standen alle um ihn herum. Schliesslich war es Jufli, der das Kommando gab: „Hebt ihn auf und bringt ihn in seine Kammer.“ Die Knechte taten wie Jufli kommandiert hatte. Sie schleppten ihn mehr als sie ihn trugen die engen Treppen hoch in die Schlafkammer. Alle am Fest Beteiligten folgten im Gänsemarsch die Treppen hoch. Jufli aber entfernte sich stillschweigend. Sämtliche Erwachsenen umstanden Kunos Bett und warteten auf etwas, was wie ein Geheimnis im Raume schwebte. Dann kam Jufli wieder. Er befahl den Kindern, sich im Schlosshof die Zeit zu vertreiben, denn sie hätten im Schloss nichts zu suchen. Dann trat er in die Kammer ein. „Schaut mal her was ich da habe“, rief er laut. Alle drehten sich nach ihm um. Er hob die Schatulle, die Gerold schon bei ihm gesehen hatte und schwenkte sie durch die Luft. Dann erzählte er die Geschichte der Nadel, die er nun aus der Schatulle hob, genau so, wie er sie Gerold einmal erzählt hatte. Die Menge erstarrte. Wäre die Nadel nun zu Boden gefallen, man hätte sie klingen hören. „Tue es!“ sagte plötzlich Kathrin neben Gerold. Dieser schaute sie entgeistert an. „Tue es!“ riefen nun auch die anderen Frauen laut. Aber Jufli schaute wie zu einer Salzsäule erstarrt auf den verhassten Schlossherrn. Seine Hände zitterten, sein Atem ging keuchend. Da riss Kathrin ihm die Nadel aus der Hand und rief: „Wer macht mit?“ „Ich, ich, ich...!“ tönte es aus dem Kreis der Frauen zurück. Kathrin trat nun ans Bett. Sie öffnete Kuno das Wams und tastete den Brustkorb ab. Dann setzte sie vorsichtig die Spitze der Nadel schräg unter die letzte Rippe der linken Brustseite. Langsam begann sie sie in die Haut zu pressen. Als die Spitze kaum ins Fleisch eingedrungen war, begannen die Frauen zu kreischen, und jede wollte auch ein kleines Stücklein das Mordwerkzeug in den Leib des Teufels drücken. So kam eine um die andere und tat ihr Werk. Als die Nadel kaum noch zu sehen war, trat Jufli ans Bett und stiess mit einem lauten „Fahr zur Hölle, wo du hergekommen bist!“ die eiserne Nadel so weit in den Leib Kunos, dass nichts mehr zu sehen war, als ein kleiner, roter Punkt. Dann bekreuzigte er sich und alle taten es ihm gleich.
Der Körper Kunos lag nun bewegungslos auf dem Bett. Kathrin ergriff seinen rechten Arm und fühlte, ob noch Puls zu fühlen sei. Aber nichts mehr war zu spüren. Sie wollte eben das Wams wieder zuknöpfen, als sie erschreckt innehielt. Sie trat einen Schritt zurück und deutete wortlos mit dem Zeigefinger auf den roten Punkt, wo sich etwas zu regen schien. Alle starrten hin. Und nun bewegte sich langsam aus dem roten Punkt ein dunklerer. Aus dem dunklen Punkt formten sich zwei Augen. Ein fast fingerdicker Leib folgte. Fadenartige Beine strebten emsig ans Licht. Zuletzt lag ein fast handlanger Körper einer Larve auf dem Brustkasten Kunos. Nach einigen Momenten der Ruhe bewegte sich dieses Ding. Es begann sich zu häuten. Gebannt schauten die Umstehenden dem Schauspiel zu. Nach einer Zeit, die allen ewig lang vorkam, war ein anderes Insekt aus dem ersten geschlüpft und begann nun langsam seine Flügel aufzupumpen. „Eine Teufelsnadel!“ wie ein einziger Schrei ertönte es aus allen Kehlen. „Das geht doch mit dem Teufel zu“, flüsterte eine der Mägde. Und Kathrin präzisierte: „Der Teufel in Gestalt Kunos hat sich mit der Nadel, die wir ihm ins Herz gestossen haben, zur Teufelsnadel vereinigt. Fahr zur Hölle!“ Sie ging zum Fenster und öffnete es weit. Die Libelle drehte sich auf dem Leib Kunos in Richtung des Fensters und begann, ihre Flügel zu schwingen. Die Stille im Raum wurde unerträglich, man glaubte, das Sirren der Flügel zu hören. Plötzlich erhob sich die Libelle in die Luft. Sie schwebte über Kunos Augen ein paarmal hin und her. Dann flog sie höher, zog einen Kreis über den Köpfen der Menge und entschwand durch das Fenster.
Die Starre im Raum wich plötzlich emsiger Geschäftigkeit. Kathrin begann nun, das Wams wieder zuzuknöpfen, was sie ja schon vorher hatte tun wollen. „Seht doch mal her“, raunte sie plötzlich. „Von der Wunde ist überhaupt nichts mehr zu sehen!“ Und alle konnten und wollten sich überzeugen. Aber wie sie auch gewissenhaft prüften: die Haut Kunos hatte sich spurlos geschlossen.
Alle standen nach getanem Werk noch lange im Zimmer. Schliesslich war es Jufli, der wieder das Wort ergriff: „Wir wollen nun alle bei allem was uns heilig ist, schwören, dass keiner auch nur ein Sterbenswörtchen nach draussen dringen lässt. Schwört ihr?“ „Wir schwören es!“ riefen alle mit erhobener rechter Hand in den Raum.
Ein Knecht wurde ins Dorf geschickt. Der Geistliche kam und segnete Kuno. Er wollte wissen, wie denn Kuno zu Tode gekommen sei. Einhellig erzählten sie ihm die Geschichte, wie ihr Herr plötzlich am Tisch zusammengebrochen und verstorben sei. Der Geistliche war es so zufrieden und sandte seinerseits einen Boten zur Regierung, die das Nötige für die Beisetzung veranlasste. Die Verwaltung des Schlosses mit seinen Besitzungen übernahm die Regierung.

Ein Jahr später: Das schauerliche Erlebnis war schon fast vergessen. Da kamen von der Stadt vier Schergen auf Rössern ins Schloss geritten. Ein Herold blies auf seinem Cornett ein paar langgezogene Töne. Alle die gerade im Schloss anwesend waren, versammelten sich im Schlosshof. Einer der Männer zog eine Schriftrolle aus einem Behälter aus Baumrinde und verlas eine Proklamation. Es habe sich ein Mann bei der Regierung eingefunden, der behaupte, damals bei einem Überfall auf der Aare dabei gewesen zu sein. Er sei als einziger von vier Schiffersleuten mit dem Leben davon gekommen. Allerdings habe er einen schweren Schädelbruch davon getragen, welcher ihm einige Jahre das Gedächtnis geraubt habe. Nun aber sei die Erinnerung an das Erlebte wieder in seinen Kopf zurück gekehrt und er habe sein Gewissen bei der Regierung erleichtern müssen. Dann habe er akribisch genau die Ereignisse des Überfalles geschildert und die Männer beschrieben, die damals beteiligt gewesen seien. Dann fragte der Herold, wo denn die fehlenden Leute seien. Man solle sofort nach ihnen schicken. Verängstigt liefen die Frauen und Kinder in alle Windrichtungen um ihre Gatten und Väter zu holen, die draussen in den Feldern arbeiteten. Als alle versammelt waren, zeigte der Anführer der Abgesandten der Stadt auf ein paar Männer. „Der da, und der da und der da, und jener auch. Ihr kommt mit uns in die Stadt zum Gericht.“
Es fehlten nur diejenigen Männer, die entweder gestorben oder aus der Gegend ausgezogen waren seit dem Überfall. Die bewaffneten Männer legten den bezeichneten Männern Ketten um. Unter dem Wehklagen der Frauen und Kinder wurden sie aus dem Schlosshof gezerrt.
Es wurde ein Schauprozess veranstaltet, wie dies zu jener Zeit üblich war. Der Schiffer, der wieder aufgetaucht war, erkannte unter den Verhafteten mit Sicherheit nur Jufli und Gerold. Die anderen wurden auf der Stelle frei gelassen. Jufli und Gerold aber warf man ins Verliess. In der Stadt wurden die Galgen, die ein paar Jahre lang unbenutzt herum gestanden hatten, auf ihre Tauglichkeit geprüft. An einem Samstag im Wonnemonat Mai wurden Gerold und Jufli hingerichtet. Die Annalen des Stadtarchivs bekamen ein Kapitel hinzu gefügt.


Rückkehr

Langsam erwachte Friedel aus seinem bleiernen Schlaf. Seine Hände tasteten zuerst nach der klaffenden Wunde an seinem schmerzenden Schädel, dann an seinen Hals, der ihm am Galgen zugeschnürt worden war bis er die Besinnung verlor. Aber nichts war zu spüren als die Haarsträhnen, die auf der Kopfhaut klebten. Sein Körper fühlte sich an wie in einer Sauna. Mühsam richtete er sich auf. Im Zimmer stank es infernalisch. Als sich sein Blick langsam klärte, sah er Dino hechelnd bei der Türe sitzen und ihn anschauen. Vor der Türe lagen ein paar Häufchen Hundekot und ein kleiner See führte von der Türe weg bis fast zu ihm. Friedel erschrak so sehr, dass er zitterte. Was war denn hier los? Sollte er denn etwa so lange geschlafen haben? Er schaute auf seine Armbanduhr. Sie zeigte Mittag an. Aber welcher Mittag denn? Endlich konnte er sich auf das Datum konzentrieren. Das war doch nicht möglich: Dienstag! Am Samstag hatte er mit Dino den Spaziergang gemacht. Auf diesem Spaziergang hatte er doch den Stein mit dem Loch in der Mitte gefunden? Wo war der Stein? Er schaute umher und fand ihn neben der ausgetrunkenen Flasche, auf der stand: "Für Friedel. Auf Wiedersehen". Nun endlich begriff er: Er hatte den Inhalt der Flasche ausgetrunken. Aber vorher hatte er noch einige Flaschen Bier in sich hinein geschüttet. Das war ihm offenbar gar nicht gut bekommen. Denn statt sich in die Zukunft zu seiner Aida zu versetzen, führte ihn ein Höllenritt zurück in seine tiefste Vergangenheit.

Stöhnend griff sich Friedel wieder an den Kopf. Ihm war speiübel. Schnell wollte er sich ins Bad begeben. Aber die Beine sackten ihm unter dem Körper weg. Dino kam zu ihm. Er leckte ihm den kalten Schweiss im Gesicht ab. Friedel hielt sich am Rücken des Hundes und versuchte wieder aufzustehen. Diesmal gelang es ihm, sich wenigstens auf die Knie aufzurichten und zur Türe hin zu kriechen. Seine Hose sog Dinos Seelein auf. Friedel griff nach der Türfalle und drückte sie nieder. Die Türe öffnete sich und schob beim Aufgehen die Hundehäuflein nach hinten. Friedel kroch ins Bad. Er wollte sich mitsamt den Kleidern in die Wanne legen. Aber Dino war ihm gefolgt und begann zu heulen. Friedel begriff: Das Heulen der Wölfe könnte dasjenige seines eigenen Hundes gewesen sein! Der arme Kerl! Wie hatte er nur einen solchen schlechten Meister verdient! Mühsam zog sich Friedel auf die Beine hoch. Schwankend und sich an den Wänden haltend ging er zur Haustüre und öffnete sie. Dino raste hinaus, schnurstracks zum kleinen Weiher, wo er sich erst mal mit Wasser den Durst löschte. Dann legte er sich ins Wasser und wälzte sich darin. Friedel ging zurück ins Badezimmer, die Haustüre blieb offen um einerseits Dino den Wiedereintritt zu ermöglichen aber andererseits um schon ein bisschen den schrecklichen Gestank in der Wohnung hinaus zu lassen. Er entkleidete sich, stieg in die Wanne und drehte den Wasserhahn voll auf.

Nach etwa einer Stunde fühlte er sich besser. Er wusch sich, liess das Wasser ablaufen und duschte sich anschliessend noch bis er das Gefühl hatte, wieder ein Mensch zu sein. Dann frottierte er den ganzen Körper lange. Endlich konnte er wieder sein Gehirn normal in Betrieb nehmen. Noch nackt, putzte er Dinos Hinterlassenschaft gewissenhaft weg. Dann öffnete er sämtliche Türen und Fenster des Hauses weit. Eine erfrischende Brise zog ins Haus. Schnell kleidete er sich an. Dann nahm er seinen Terminkalender hervor. Glücklicherweise konnte er seine Touren zu den Bauern, Viehhändlern und Futtermittelzentralen selbständig gestalten. Dem Chef genügte es, wenn jeden Monat genügend Bestellungen eingingen. Die Bestelldaten interessierten ihn nicht im geringsten. Hauptsache, die Kasse stimmte. Von dieser Seite her waren also die verschlafenen drei Tage kein Unglück. Und die fehlenden Bestellungen würde er in ein paar Tagen wettgemacht haben. Den Rest des Tages konnte er also dazu verwenden, mit Dino einen langen Spaziergang zu unternehmen. Aber vorher würde er ihm noch draussen im Rasen mit der Gartenspritze das Fell sauber waschen und ihm anschliessend als Wiedergutmachung eine dreifache Portion besten Futters zubereiten. Er selber konnte sich erst am Abend ein paar Eier in die Pfanne hauen. Denn der Appetit war ihm abhanden gekommen.



Fischerlatein


Wenn er manchmal auf seinen Touren von ferne Wohnwagen irgendwo unter Brücken oder in einer Waldecke sah, suchte er den Weg zu ihnen, stellte seinen Wagen in sicherer Entfernung ab und marschierte zu ihnen. Aber jedesmal sah er schon bevor er ganz nahe war, dass es sich nicht um diejenigen von Lana, Luna und Elvira handelte. Und jedesmal ging er mit einer Enttäuschung mehr wieder zu seinem Wagen zurück, wo Dino erwartungsvoll auf ihn wartete.


Um an den Abenden und Wochenenden nicht allzusehr zu vereinsamen, ging er manchmal in eine Wirtschaft, wo sich seine Fischerkollegen zu treffen pflegten. Hier hatte der Wirt auf dem Stammtisch einen Aschenbecher aufgestellt, der ihm vom Fischerverein gestiftet worden war. Es war allen Fischern bekannt, dass an diesem Tisch niemand die absolute Wahrheit sagen durfte, denn der Tisch hiess bei ihnen nicht Stammtisch, sondern Lügentisch, was denn auch die Inschrift auf dem Aschenbecher besagte. Und was da von den Jüngern Petri so zusammengeschwindelt wurde, das ging wohl auf keine Kuhhaut.

An einem regnerischen Samstag trafen sich also wieder mal einige der besten Prahler des Vereins und erzählten ihre Kapitel Fischerlatein. Und es waren akkurat die zwei allerbesten Aufschneider anwesend, als Friedel in ihre angeheiterte Runde trabte. Er hörte gerade noch wie Seppi eine Geschichte zu erzählen anfing. "Halt, Seppi," unterbrach Friedel den Erzähler. "Ich möchte die ganze Geschichte hören. Habe ich etwas verpasst?"

"Überhaupt nicht. Du kommst gerade recht. Also das war so:



Das schwarze Biest.


Sie war mir im Warenhaus schon lange aufgefallen, die Grosse, Schlanke, mit grossen goldfarbenen Ringen Behängte. Jedesmal wenn ich sie sah, stellte ich mir vor, wie sie schmiegsam und leicht in meinen Händen liegen und wie ich ihr zärtlich über ihren phantastischen Körper streicheln würde, wenn sie mein wäre. Und jedesmal wenn ich wieder in diesem Warenhaus einkaufen ging, wanderte mein Blick in die Ecke, wo ich sie zum ersten mal gesehen hatte. Und jedesmal hatte ich Angst, mein Blick würde ins Leere stossen, weil sie nicht mehr da wäre, die Grosse, Schlanke, Schwarze.

Schliesslich fasste ich mir Mut und fragte kühn eine gerade in der Nähe sich befindende Verkäuferin, warum denn die Schwarze immer so einsam in der gleichen Ecke stünde. Die Verkäuferin lächelte verschmitzt. Sie musste mir wohl angemerkt haben, dass ich mich bis über beide Ohren verliebt hatte. Ich hätte recht, sagte sie. Auch ihr und dem ganzen Verkäuferinnenteam sei diese Schwarze schon lange ein Dorn im Auge und alle wären froh, sie endlich loszuhaben. Denn, so sagte sie, diese Schwarze sei ein Fremdkörper in der Abteilung. Aber warum, so fragte ich schon recht mutig geworden, lasse man denn die Schwarze einfach so in einer Ecke stehen, unbeachtet, fast beleidigend ignorierend. Dies sei, sagte die Verkäuferin fast flüsternd, einen verstohlenen Blick in die Runde werfend und aufmerksam beobachtend, ob nicht etwa der Chef in der Nähe sei, ein Überbleibsel aus einer kleinen Sendung Fischerruten, die nie so recht gelaufen sei, weil man in diesem Geschäft eigentlich eher für den Bedarf des kleinen Mannes gerüstet sei. Und dieser kaufe eben in der Regel lieber die billigen, kurzen Ruten, so um die zweieinhalb Meter lang. Die schwarze aber sei wohl gerade das doppelte an Länge. Und trotzdem man den Preis bereits mehrmals herabgesetzt habe, sei einfach niemand interessiert daran.

Ich sei aber schon interessiert, sagte ich bestimmt. Zielbewusst näherte ich mich dem Ziel meiner Wünsche und besah mir die Klebeetikette, die am dicken Ende der Rute zu sehen war. Ich konnte feststellen, dass der Preis tatsächlich schon mehrmals durchstrichen und neu angesetzt worden war. Der aktuelle, vor lauter durchgestrichenen Zahlen fast nicht mehr auffindbare, war gerade noch einen Zehntel des ursprünglichen Preises.

Wenn man aber, so kalkulierte ich insgeheim, die Rute trotzdem nicht los wurde, so läge vielleicht sogar noch eine weitere Reduktion drin. Ich prüfte die Biegsamkeit, die Verbindungen der einzelnen Fiberglasstücke und die Qualität der Ringe und tat so, als ob ich nun doch nicht so recht interessiert sei. Dann meinte ich so beiläufig zur Verkäuferin, für meinen Buben wäre dies vielleicht gerade noch die richtige Rute, um sich am See damit die Zeit zu vertreiben. Aber, wenn das Ding nun schon so lange herumgestanden sei, dann sei scheinbar auch der reduzierte Reduzierpreis immer noch zu hoch. Ich wäre bereit, das Monstrum zu nehmen, wenn man nochmals um rund einen Drittel verringern würde.
Die Verkäuferin machte ein bedenkliches Gesicht. Dann sagte sie, ihr wäre es ja recht, wenn sie das Ding nicht mehr anschauen müsste. Sie müsse aber noch den Chef fragen. Bitte sehr, sagte ich, wenn sie das machen würde, solle es mir recht sein. Ich hätte aber nicht mehr viel Zeit. Dabei schaute ich auf meine Uhr und machte ein Gesicht, als ob man mich schon lange zu einem wichtigen Termin erwarten würde.

Die Verkäuferin verschwand eiligen Schrittes und kam schon nach wenigen Minuten mit dem Chef wieder. Dieser begrüsste mich mit durchdringenden Augen, so als ob er meine Kreditwürdigkeit erforschen wollte. Aber nach einigem Wortgeplänkel sagte er in einem Ton, als ob er soeben ein wohltätiges Werk getan hätte, so solle ich halt in Gottes Namen die Rute nehmen, weg sei weg. Dann schaute er auf seine Uhr und weg war auch er.

Ich aber trug voller Stolz meine neueste Errungenschaft nach Hause, wo ich ihr augenblicklich eine Rolle verpasste.

Leider war das Ding noch eines aus der vorteleskopischen Zeit. Da ich zu bequem war, die einzelnen Glieder jedesmal zu zerlegen, schleppte ich es immer in voller Länge zum nahegelegenen Aarekanal. Bald einmal musste ich merken, dass es gar nicht so einfach war, unter den dort in Vielzahl vorhandenen Bäumen und Büschen einen gezielten Wurf zu plazieren. Dafür aber konnte ich Stellen erreichen, die ich mit einer kurzen Rute niemals erreicht hätte. So konnte ich auch einige Fänge tätigen. Nur brachte das Bergen der Fische einige Mühe, denn ich konnte die lange Rute nicht mehr senkrecht halten, wie ich es mit den kurzen gewohnt war. Jedenfalls musste ich meinem Nachbarn recht geben, der damals und auch heute noch behauptet, nicht die Länge einer Rute sei massgebend, sondern was man damit anfangen könne! Kurz und gut: Die Arbeit müsse sie sehen!

Dann kam der denkwürdige Abend, den ich nie mehr vergessen werde. Wieder hatte ich die Angel unter einigen herunter hängenden Ästen plaziert. Plötzlich gab es einen unheimlich starken Ruck, dass mir die Rute beinahe vor Schreck aus den Händen fiel. Dann tauchte die Rutenspitze unter. Geistesgegenwärtig löste ich die Bremse der Rolle und liess den Fisch ziehen. Vorsichtig begann ich zu bremsen. Aber wütend zog der Fisch immer tiefer. Endlich, nach wohl einer Viertelstunde verringerte sich das Tempo und nach einigen weiteren Metern Schnur laufen lassen, trat Ruhe ein. Nun konnte ich vorsichtig daran gehen, den Faden einzuziehen. Aber immer wieder zog das Ungetüm von einem Fisch davon.

Schliesslich, es musste schon mehr als eine halbe Stunde vergangen sein und der Abend begann schon bedenklich zu dämmern, brodelte es vor meinen Füssen. Leider war die Sicht inzwischen so karg geworden, dass ich nicht einmal feststellen konnte, ob es sich um eine Forelle oder um eine Barbe handelte. Und einen anderen Fisch dieser Grösse konnte ich mir an dieser Stelle gar nicht vorstellen.

Nun kam das Problem mit der Landung. Von oben hingen Äste herab bis auf etwa einen Meter über dem Wasser. Hinter mir stieg ein Bord an, bewachsen mit kleinen Büschen, Wurzeln und Brombeerstauden. Ich hatte das Gefühl, der Fisch sei nun müde genug. Vorsichtig versuchte ich, den Handteil der Rute nach hinten zu schieben. Immer wieder verhedderte sich die Rolle irgendwo. Dann nahm ich den Feumer aus dem Futteral und breitete ihn aus. Langsam hob ich die Rutenspitze und versuchte, den Feumer unter den Fisch zu bringen. Dabei konnte ich nur ahnen, wo genau er war, denn es war schon recht dunkel geworden. Kaum aber berührte ich den Fisch, als er schon wieder mit alter Kraft davonzog, die Rutenspitze mitreissend. Ich konnte gerade noch verhindern, dass die ganze Rute mitging. Wieder begann das vorsichtige Einziehen der Schnur. Aber meiner Schwarzen schien das Spiel verleidet zu sein. Mit einem ächzenden Laut knickte sie bei der hintersten Hülse.

Verzweifelt stand ich da. In der rechten Hand hielt ich die Rolle mit dem Handstück. Mit der linken versuchte ich, den Fisch einzuziehen. Nochmals brachte ich ihn bis vor meine Füsse. Dann aber riss die Schnur. Der Fisch schlug noch einmal mit dem Schwanz, triumphierend, wie mir schien. Das Wasser klatschte mir ins Gesicht. Ohnmächtig vor Wut schmiss ich die Rute zu Boden.

Als ich mich wieder in der Gewalt hatte, nahm ich meine Utensilien und schlich mich mit hängenden Ohren nach Hause.

Am anderen Tag besah ich mir den Schaden. Gottlob, der Bruch war genau bei einer Verbindungshülse. Ich schabte das Ende aus dieser und verleimte das im übrigen ganz gebliebene Stück wieder. Dann machte ich mich wieder auf zu der gleichen Stelle, wo mir am Abend zuvor das Malör passiert war. Hier hatte ich schon jahrelang gefischt. Hatte auch ab und zu einen normalen Fang gemacht. Das Biest von gestern würde wohl nicht nochmals zuschlagen, dachte ich. Aber es schlug wieder zu, und wie! Ich verdammte mich, dass ich nicht die Hechtrute mitgenommen hatte diesmal. Aber wahrscheinlich hatte ich meiner Schwarzen halt noch eine Chance geben wollen.

Was soll ich noch sagen? Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mir das Riesenvieh nochmals einen Kampf lieferte, an dessen Ende meine geliebte Schwarze den Kürzeren zog. Der zweite Bruch war angesagt. Der Fisch zog davon, den zweiten Angel im Maul. Und auch diesmal konnte ich nicht einmal sagen, ob es nun eine kapitale Forelle gewesen war, ein Hecht oder nur eine Barbe.

Wieder flickte ich die Schwarze. Am nächsten Abend aber zog ich mit der Hechtrute los. Dem Biest von Fisch wollte ich es zeigen. Aber wie ich auch übte, kein Biss kam mehr an diesem Abend und auch nicht an den drei folgenden. Ich gab auf.

Es war kein gutes Jahr gewesen für mich. Ganze drei Forellen hatten sich von mir übertölpeln lassen. Es war nur ein geringer Trost, dass es den Kollegen auch nicht besser gegangen war.

Der letzte Tag der Forellensaison kam. Ich hatte mir noch einen Ferientag aufgespart. Ziel des Tages war die Klos. Hier hatte ich noch immer etwas gefangen in den letzten Jahren. Leider waren meist über zwei Drittel der Forellen untermässig und mussten zurückgesetzt werden. Mir taten diese Fische leid, denn selten kam eine unverletzt davon. Daher hatte ich in diesem Jahr die Klos gemieden. Nun aber wollte ich versuchen mit meiner schwarzen Langen die Löcher zwischen den als Wellenschutz hin gebauten Felsbrocken auszufischen. Möglich, dass sie hier hockten, die Kapitalen. Der beste Platz für diese Aktion war ein Zementrohr, das als Überbleibsel der Kanalisation senkrecht einige Meter vor dem Aarerand stehen geblieben war, bevor die Kläranlage gebaut wurde. Dieses Zementrohr war einen Meter im Durchmesser, hatte innen Steigeisen und sein Rand war etwa anderthalb Meter über dem Wasserspiegel, wenn die Aare Normalwasser führte. An diesem Tag allerdings schaute sie nur noch einen Meter aus dem Wasser, denn die letzten Tage hatte es ergiebig geregnet. Auch an diesem Tag regnete es hin und wieder. Darum, und auch weil es zu dieser Jahreszeit schon recht kühl war, hatte ich die Hüftstiefel, den Allwetterhut und den Motorradmantel angezogen.

Da stand ich also breitbeinig auf dem Zementrohr. Früher hatte da wohl noch ein Deckel drauf gelegen. Irgendein Schelm hatte diesen aber wohl in die Aare geschmissen. Anfänglich stand ich ganz bequem. Mit der Zeit aber machten sich die scharfen Kanten der Röhre unliebsam bemerkbar. Ich begann, das Gewicht von einem Fuss zum anderen zu verlegen. Immer öfter. Schliesslich wurde es mir zu dumm, mich so zu quälen, denn ich hatte innert einer Stunde noch keinen einzigen zaghaften Biss gespürt. Als ich meinen Posten verlassen wollte, machte ich einen Fehltritt. Mit einem Fuss fiel ich in die Röhre, der andere blieb oben hängen. Die Rute legte sich quer über die Röhre. Und da mein ganzes Gewicht auf sie fiel, zeigte sie plötzlich mit beiden Enden gen Himmel. Mitten entzwei war sie gebrochen.

Wütend rappelte ich mich hoch und begann nun von einem Felsbrocken zum anderen zu springen. Das hätte ich besser unterlassen, denn meine Tasche begann im selben Rhythmus nach vorn und hinten zu schwingen. Als ich dann noch einen Felsen mit glitschigem Moos erwischte, stürzte ich und fiel kopfüber in die Fluten. Glücklicherweise bekam ich die Füsse schnell nach unten und spürte Boden. Ich richtete mich auf und klammerte mich an einem Felsbrocken fest. Dann konnte ich mich langsam umdrehen und versuchen, mich daran hochzuziehen.

Die Rute wollte davon schwimmen. Aber die Schnur hatte sich um eines meiner Beine verheddert, so konnte sie nicht weit. Hingegen sah ich ein paar Kleinigkeiten, die sich eben noch in der Tasche befunden hatten, fröhlich der Stadt zu schwimmen. Mühsam gelang es mir, mich auf den Felsen zu schwingen. Aber je weiter ich nach oben kam, desto weiter wurden auch meine Hüftstiefel, denn das Wasser wollte partout sein angestammtes Revier nicht verlassen. Schliesslich war ich so weit oben in Sicherheit, dass ich es wagen konnte, die Strapse zu lösen. Das Wasser entleerte sich soweit, dass ich nun mühelos aufstehen und nach oben klettern konnte. Hier angelangt, zog ich mich bis auf die Unterhosen aus. Alles war platschnasse. Glücklicherweise stand mein Wagen nicht allzu weit und ich begegnete keinem Menschen.

Es war mir nur recht, dass meine Frau gerade auf Einkaufstour war, denn sie hätte wohl vor Schreck einen Ohnmachtsanfall bekommen, wenn sie mich so gesehen hätte. Und ich hätte wohl oder übel rapportieren müssen, dass das, was sie schon lange befürchtet und prophezeit hatte, nun tatsächlich passiert sei. So aber nahm ich eiligst ihren Fön und trocknete meine Kleider damit. Die Tasche, den Hut, die Stiefel und den Mantel spritzte ich mit dem Gartenschlauch sauber und hängte alles über die Wäscheleine zum Trocknen.

Meine Frau lobte mich, als ich ihr erzählte, ich hätte als Abschluss der Forellensaison die ganzen Utensilien gewaschen. Die lange Schwarze aber flickte ich nun zum drittenmal. Dann aber hängte ich sie in der Garage an die Decke. Und da hängt sie heute noch, verstaubt, pensioniert, aber nicht vergessen! Und manchmal, wenn ich unter ihr durchgehe, blinzle ich ihr zu und raune: `Also böse bin ich dir ja schon lange nicht mehr. Aber fall` mir ja nicht eines Tages noch auf den Kopf, du Biest. Sonst hat dein letztes Stündlein geschlagen!"


Die Runde lachte. Natürlich glaubte keiner dem Erzähler auch nur ein Wort. Aber auch das gehörte zu den Gepflogenheiten des Lügentisches, dass jeder der sich daran setzte, sich absolut jeden ungläubigen Kommentars zu enthalten hatte. Rasselte jedoch einer mit einer hinausgeplatzten Bemerkung während des Erzählens dazwischen oder konnte sich am Ende nicht beherrschen, war er bereits zum Bezahlen einer Bierrunde verurteilt. So nahm sich also jeder Zuhörer äusserst zusammen, ja nicht mit einer falschen Bemerkung dieses schwere Los auf sich zu ziehen.


Nun räusperte sich Fredi, der Stumpenraucher, was soviel heissen sollte wie, die nächste Lügengeschichte werde er beisteuern. Da die Serviererin gerade eine neue Runde auftischte, ergab sich eine kleine Verschnaufpause. Dann aber schlug Fredi voll zu:



Die Schnorrer


"Begegnet waren sie sich schon seit Jahren. Jedes Jahr von Mitte März bis ende September verging wohl keine Woche, ohne dass sie aneinander vorbeigingen beim Fischen. Dann nickte derjenige, der gerade mit beiden Händen an der Rute manipulierte mit dem Kopf und der andere, der auf dem nahen Fussweg zum nächsten ihm passenden Plätzchen ging, hob dann leicht eine Hand zum Gruss. Manchmal aber blieb der eine einen Moment stehen und deutete mit seinem Kinn auf die Fischertasche des anderen, was in der Fischersprache etwa hiess: "Hast du etwas gefangen?" Dann schüttelte der andere meist den Kopf, was dem Kollegen verständlich zu machen hatte, dass man wieder einmal nichts gefangen habe. Hatte man aber mal Glück gehabt, dann streckte man einfach einen oder mehrere Finger leicht nach oben. Dann wusste der andere, dass es scheinbar doch noch Fische gab in diesem Wasser.

Ja früher, das war damals, als von der Papierfabrik noch aller Unrat und die Überreste der Papierfabrikation einfach in den Fluss geleitet worden waren, da hing die Schnur zwar innert Minuten voller Papierschnitzel und sah aus wie eine Wäscheleine voller Miniaturtaschentücher. Aber von diesen Abfällen lebten all die Kleinlebewesen, die dann von den Fischen als Leckerbissen gefressen wurden. Seit aber überall am Fluss Kläranlagen standen und jeder Umweltsünder hart beim Wickel gefasst wurde, war der Grund des Flusses so klar, dass man jedes Steinchen erkennen konnte. Die Flora konnte sich nicht so schnell an die veränderten Bedingungen umgewöhnen, wie die Bedingungen selber. Die Köcherfliegenlarven und all die anderen niedrigen Flussbewohner aber fanden nichts mehr zum Fressen und starben aus. Den Fischen blieb also nichts anderes übrig, als ihre Standplätze zu verlassen und weiter oben in den kleineren Flussläufen nach Nahrung zu suchen. Falls sie nicht unterwegs schon von grösseren Fischen gefressen wurden.

So blieben also unsere beiden fischenden Strandläufer jedes Jahr erfolgloser bei ihren Versuchen, einen Braten auf den Teller zu bekommen. Immer häufiger blieb jetzt der eine beim anderen stehen, weil ja die Zeit, wo man mit dem an der Angel angehängten Wurm das Wasser kitzelte, sowieso nutzlos vertan war. Noch immer hatten sie zwar kein einziges Wort miteinander gesprochen, aber beide spürten, dass die Zeit nicht mehr ferne war, da man nicht mehr darum herum kam, es zu tun.

Die Gelegenheit kam, als beim einen der Fischer endlich wieder einmal die Rute sich krümmte und der andere gerade dahinter stand. Und da er sah, dass der Kollege anscheinend einen Mehrpfünder an der Angel hatte, nahm er seinen Feumer und hielt ihn unter den Fisch.

"Danke". Das war also das erste Wort. "Bitte". Das war die Antwort. Nun da beide aber wussten, dass der andere erstens sprechen konnte und zweitens erst noch der deutschen Sprache mächtig zu sein schien, stellten sie sich auch gleich vor: "Fritz," sagte der eine, der den Fisch an der Angel gehabt hatte. "Franz," antwortete der andere, der den Feumer nass gemacht hatte. "Kommst du zu einem Bier?" fragte Fritz leicht verlegen. "Gerne," antwortete Franz.

So stiegen also beide auf ihre Mopeds und strebten dem "Frohsinn" zu, wo Fritz allsogleich eine Runde Bier bestellte. Nach der ersten Flasche waren die Zungen soweit gelöst, dass man bereits wusste, dass Fritz Schreiner und Franz Schlosser war. Nach der zweiten Flasche vernahm Fritz vom Franz, dass dieser erstens bei seiner Mutter lebte und noch unverheiratet war und Franz wusste von Fritz, dass dieser ebenfalls Junggeselle war, aber eine eigene Wohnung hatte. Da dies für den Moment alles war, das man voneinander erfragen konnte, ohne in Verdacht zu geraten, man sei unheilbar neugierig, brachte auch die dritte Flasche keine weiteren Informationen mehr zutage.


War das erste Treffen im "Frohsinn" noch rein zufällig ausgefallen, konnte man von den nächsten mit Fug und Recht behaupten, dass sie von beiden geplant und erwünscht waren. Allerdings redete man nur noch von den Fängen, die man vor Jahren noch in üppiger Zahl hatte machen können und den allerschlimmsten Misserfolgen, die eben auch zu einem Fischerschicksal gehören.

Am Ende der Saison aber verabredete man sich wieder für die nächste, die ja wie immer Mitte März kommen würde. Und man versprach sich, unter keinen Umständen sich in den Hafen der Ehe locken zu lassen, denn dann wäre es aus mit der grossen Fischerfreiheit. Das wusste man von Kollegen, denen dieses harte Schicksal leider widerfahren war und die nur mehr selten und mit bitteren Mienen am Fluss erschienen.

So verging also Jahr um Jahr. Man traf sich zum ersten Tag Mitte März und fischte nach Herzenslust und meist ohne Erfolg bis ende September.


Da kam das bittere Jahr, da zwar Fritz pünktlich an seinem Plätzchen stand, aber Franz den ganzen Tag nicht antraf. Auch am nächsten Wochenende und am übernachten kam Franz nicht. Nach zwei Monaten, Fritz hatte die Hoffnung schon aufgegeben, erschien Franz auf der Bildfläche, bleich, wortlos. Nach wohl zwei Stunden des einander Anschweigens fasste sich Fritz ein Herz und platzte mit der Frage heraus: "Bist du denn krank gewesen?"

Franz schüttelte nur stumm den Kopf.

"Bist du im Ausland gewesen?"

Stilles Kopfschütteln kam als Antwort.

"Was ums Himmels willen ist denn passiert?"

"Geheiratet!"

"Ja bist du denn von allen guten Geistern verlassen? Wir haben doch ausgemacht, dass wir ledig bleiben. Nun hast du ja bereits am eigenen Leib erfahren müssen, zu was das Heiraten führt."

Franz senkte nur schuldbewusst sein Haupt.

"Ist sie wenigstens hübsch?"

Kopfschütteln.

"Dann ist sie wenigstens reich?"

Kopfschütteln.

"Ja was hat sie denn, dass sie dir den Kopf verdrehen konnte?"

"Würmer!"


Gabi, die Serviererin, hatte sich, nachdem sie aufgetischt hatte, ebenfalls zu der Runde gesetzt. Nun aber sprang sie entsetzt von ihrem Stuhl auf. "Ihr grausigen Kerle!", rief sie so laut, dass die ganzen Gäste plötzlich auf die Stammtischrunde sahen. "Ihr könnt einen ja zum Erbrechen bringen mit euren dummen Reden. Wisst ihr denn keine besseren Geschichten?"
Auch Dino, den Friedel mit in die Wirtschaft genommen hatte und zu Füssen seines Herrn gemütlich vor sich hin döste, kam erschrocken hervor und schaute die Männer knurrend an. Alle lachten und wollten dem Hund ein paar Streicheleinheiten verpassen. Dino aber versteckte sich flugs wieder zwischen den Füssen seines Herrchens, denn von Fremden liess er sich nur äusserst ungern anfassen.

"Habt ihr das gesehen?," rief entrüstet die Serviererin. "Sogar der Hund missbilligt euer unanständiges Gerede. Ich verschwinde lieber. Könnt mich ja rufen, wenn wieder eine Lage fällig ist." Sie verliess demonstrativ den Tisch, was mit einem allgemeinen Gelächter der schon leicht angeheiterten Männer quittiert wurde.

So, nun kämest du eigentlich dran," nahm Fredi die Erzählrunde wieder auf und wandte sich dabei an Friedel.

Friedel dachte an die Zigeunerinnen und seine Reise in die Dritte Dimension. "Ich hätte euch da schon eine Geschichte zu erzählen, jaja," fing er den Faden auf. "Aber erstens ist sie wahr, zweitens würdet ihr sie trotzdem nicht glauben und drittens möchte ich nicht, dass ihr heute nacht nicht schlafen könnt deswegen."

Die Kollegen lachten lauthals und Seppi rief entrüstet: "Gilt nicht, deine Ausrede. Entweder erzählst du, oder du lässt es sein. Aber eine Geschichte antippen und dann nicht erzählen, das ist unfair. Also lass dir etwas einfallen."

Und Friedel musste sich schnellstens eine Ersatzgeschichte einfallen lassen, wenn er nicht als Spielverderber dastehen, bzw. sitzen wollte. "Na gut," fing er bedächtig an, da er sich erst noch einige Stichworte zurechtlegen musste, aus denen er dann im Verlaufe der Erzählung gewiss eine passable Lügengeschichte würde konstruieren können. "Aber im Moment fällt mir gerade keine Geschichte über das Fischen ein. Hingegen weiss ich euch etwas zu erzählen, das uns zwei, den Dino und mich, nicht mehr ruhig leben lässt:



Der Hundefänger


Vor etwa zwei Jahren war das. Aber mir ist, es wäre erst gestern geschehen. Und keine Woche in diesen zwei Jahren ging vorbei, ohne dass ich wenigstens einmal nachts schweissgebadet aufschreckte. Nun aber ist die Sache längst verjährt. Ich will reinen Tisch machen. Ob man mir dann auch glaubt, interessiert mich nicht. Hauptsache, ich kann mein Gewissen erleichtern und dann hoffentlich wieder einmal ruhig durchschlafen. Und dies ist meine Geschichte, die ich wohl am besten in der Gegenwartsform erzähle, weil sie mir noch heute stets wie ein Film vor den Augen abrollt:


Aufregung ist im Dorf. Hunde verschwinden auf rätselhafte Weise. Auch in den umliegenden Dörfern ist Unruhe. Niemand kann sich das unbemerkte Verschwinden seines Lieblings erklären. Die Polizei, von vielen Hundebesitzern alarmiert, gibt eine Warnung und die Signalemente der verschwundenen Tiere im Anzeiger heraus. Keine Reaktionen aus der übrigen Bevölkerung, dass irgendwo so ein Vierbeiner aufgetaucht sei. Bürgerwehren sind im Begriffe sich zu bilden. Morddrohungen werden laut, falls man den Kerl erwische....


Ich gehe mit meinem Hund Dino, der mir eben die Schuhbändel anknabbert, an einem Bach entlang, welcher in der Nähe eines Waldrandes fliesst, spazieren. Die Wildkirschen sind reif. Ich denke nicht an die Polizeiwarnung, verköstige mich an den übersüssen Früchten. Mein Hund plätschert derweil im Bach. Immer weiter entfernt höre ich sein Schlabbern. Er hat sicher keinen Durst mehr, aber das Wasser hat auf ihn dieselbe Anziehungskraft und Faszination wie auf kleine Kinder.

Mein Bauch ist zum Platzen voll von den köstlichen Früchten. Die Hände klebrig. Ich gehe sie im Bach waschen und schaue nach dem Hund. Weit und breit nichts zu sehen. Leise lasse ich das von Menschenohren unhörbare Pfeifensignal ertönen, das ihn mir schon unzählige Male zurückgebracht hat. Heute aber klappt es anscheinend nicht. Ich mache mich, langsam argwöhnisch geworden, auf die Suche. Da sehe ich ihn plötzlich über die Wiese tollen. Hinter ihm eine riesige Dogge. Zuerst glaube ich, die beiden würden miteinander spielen. Dann aber muss ich feststellen, dass die Dogge mit jedem Meter, die sie hinter meinem Hund nachjagt, bedrohlicher knurrt. Meiner ist zwar nur etwa einen Fünftel der Körpermasse seines Jägers, dafür aber umso wendiger. Immer wenn der Grosse glaubt, den Kleinen nun packen zu können, schlägt dieser wie ein Hase einen Haken und rast in umgekehrter Richtung davon. Lange konnte er dieses Spiel jedoch nicht mehr machen. Zwar wird auch die Dogge zusehends müder, aber sie scheint diese Art von Jagd gewohnt zu sein und hat dementsprechend die grösseren Reserven und mehr Beharrlichkeit. Immer langsamer werden die Richtungswechsel meines kleinen Dino. Schliesslich rutscht er bei einer Wende aus und der Grosse erwischt ihn im Genick.

Wie erstarrt hatte ich dem Schauspiel aus einer Entfernung von etwa dreissig Metern aus einem Gebüsch zugeschaut. Nun aber will ich meinem Liebling zu Hilfe eilen. Als ich aber aus dem Busch komme, sehe ich, dass einige Meter von mir entfernt ein hagerer Mann sich versteckt hält. Dieser schaut dem Geschehen grinsend zu. Nun aber gibt er seinem Hund einige halblaute Befehle. Dieser schaut aufmerksam auf seinen Meister. Dann trottet er, seine zappelnde, winselnde kleine Beute im Maul, seinem Meister entgegen. "Ein Hundefänger," zuckt es mir durch den Kopf. Das war also der Grund des Verschwindens so vieler Hunde in letzter Zeit. Da machte einer dieser gewissenlosen Halunken mit einem Versuchslabor sein grosses Geschäft.

Dass meine Vermutung recht ist, das sehe ich jetzt durch ein weiteres Indiz bestätigt. Der Mann hat nämlich in der einen Hand eine Injektionsspritze. In der anderen Hand sehe ich den Lauf einer Pistole. Gut, denke ich, dass ich nicht, wie im ersten Schreck beabsichtigt, auf der Bildfläche erschienen bin.

Nun aber handle ich instinktiv. Leise ziehe ich mich an das Wasser zurück und schleiche geduckt in Richtung des Mannes im Gebüsch. Gut, dass der Bach heute viel Wasser führt und dementsprechend ziemlich laut rauscht. Trotzdem gebe ich mir die grösste Mühe, ja kein Zweiglein zu brechen, um den Mann nicht durch dessen Knacken zu warnen.

Endlich stehe ich geduckt hinter dem Hundefänger. Eben hat dieser seine Spritze aus einer Ampulle gefüllt. Fachmännisch hält er die Nadel nach oben und lässt die Luft entweichen. Er will eben einen Schritt nach vorne tun, als ich mich von hinten auf ihn werfe. Mit meiner Rechten schlage ich ihm die Spritze aus der Hand, dass sie am Boden in tausend Glassplitter zerfällt. Mit der Linken halte ich seine andere Hand, in welcher er die Pistole hält. Dann fahre ich ihm mit meiner Rechten um den Kopf herum in die Augen. "Lass die Waffe fallen, oder ich drücke dir beide Augen aus deinem verdammten Schädel," schreie ich ihm ins Ohr.

Nur einen Moment ist der Hundefänger wie gelähmt. Dann ruft er nach seinem Hund: "Fass, Hasso, fass!" Die Dogge stutzt einen Moment, dann lässt sie meinen Dino fallen und hetzt in wenigen Sprüngen auf uns zu. Mit einem Riesensatz will sie mir an die Gurgel fahren. Aber geistesgegenwärtig reisse ich den Mann als Schutz vor mein Gesicht. Statt meine Gurgel ist es nun die seine, in die das Riesenbiest seine furchtbaren Reisszähne schlägt. In diesem Moment gelingt es dem Mann, seine linke Hand los zu reissen. Und fast im selben Augenblick, da der Hund zubeisst, drückt sein Meister ab. Der Schuss fährt der Dogge von unten in den Hals, durchschlägt den ganzen Kopf und tritt an der Stirn wieder aus, ein grosses Stück der Schädeldecke mitreissend. Der Hund gibt nur noch einen dumpfen Laut von sich, dann hängt er schlaff an der Gurgel seines Meisters, diese aber nicht mehr loslassend.

Ich habe das Ganze wie in Zeitlupe miterlebt. Starr halte ich noch den Mann in meinen Armen, als er langsam schwerer wird und zu Boden sinkt. Auch als er ganz auf der Wiese liegt, hat der Hund noch seine Gurgel zwischen den Kiefern. Das Blut des Hundes mischt sich mit demjenigen seines Herrn. Der Mann schaut mit starren Augen und weit aufgerissenem Mund gen Himmel. "Gebrochene Augen," fährt es mir durch den Kopf. "So sieht das also aus".

Ich schaue mich nach meinem Dino um. Dieser hat sich inzwischen aufgerappelt und versucht sich den Hals zu lecken, was ihm natürlich nicht gelingt. Ich nehme ihn auf die Arme und trage ihn ins Wasser, wo ich ihm vorsichtig den Geifer der Dogge vom Körper wasche. Er zittert am ganzen Leib. Aber gottlob, er blutet nicht und scheint auch sonst keinen Schaden davongetragen zu haben.

Ich gehe wieder nach oben. Unschlüssig, keines klaren Gedankens fähig, stehe ich vor den beiden Leichen. "Polizei," sage ich halblaut zu mir selber. Mit diesem gemurmelten Wort aber beginnt mein Gehirn wieder zu funktionieren. Das würde mir ja kein Mensch glauben, überlege ich mir. Zumindest einige Tage in U-Haft würden mir blühen. Und es würde gemunkelt werden, wenn ich meine Unschuld auch noch so beweisen könnte.

Ich trete einen Schritt vor, meinen Hund immer noch auf den Armen. Ich sehe mich in der Umgebung um. Kein Mensch weit und breit. Dann sehe ich mir den Ort des Kampfes an. Ausser ein paar zertretenen Grasbüscheln und abgerissenen Zweigen deutet nichts auf das Drama hin, das doch eben hier geschehen war.

Entschlossen gehe ich zum Wasser, ziehe Schuhe und Socken aus und betrete vorsichtig den Bachgrund. Zuerst tut es ziemlich weh an den Füssen und ein Krampf will sich ankündigen. Dann aber gehe ich im Bachbett entschlossen einige hundert Meter nach oben und verlasse es an einer günstigen Stelle.

Um nicht gesehen zu werden, gehe ich in den Wald. Als ich einige Meter durch das Gebüsch gegangen bin, sehe ich einen kleinen Lieferwagen, mit Zweigen und Riedgras gut getarnt. Dies musste wohl der Wagen des Hundefängers sein. Vorsichtig nähere ich mich und schaue durch die Fenster. Dann wickle ich mein Taschentuch um eine Hand und öffne den Kofferraum. Es riecht stark nach Hund. Ein grosser Jutesack liegt auf dem Boden der Ladefläche. Etwas bewegt sich darin und winselt ganz leise. Ich nehme den Sack vorsichtig heraus und binde die Schnur los, die darum herum gewickelt ist. Dino schnüffelt ganz aufgeregt und versucht, mit seiner Schnauze in den Sack zu dringen. Ich leere den Inhalt langsam auf den Waldboden. Es ist ein Spaniel. Immer noch von einer Spritze betäubt, zuckt er nur ab und zu mit den Beinen und lässt ein leises Winseln ertönen. "Armer, kleiner Kerl", denke ich, "was soll ich bloss mit dir anfangen?"

Kurzentschlossen packe ich den Hund wieder in den Sack. Ich nehme Dino an die Leine und den Sack auf den Rücken. Inzwischen ist es schon recht dunkel geworden. Ich nehme den Weg zum Dorf unter die Schuhe. Vor den ersten Häusern lege ich den fremden Hund unter einen Baum auf den Sack, in dem er eingesperrt war. Dann gehe ich, als ob nichts passiert wäre, nach Hause. Glücklicherweise ist meine Frau gerade auf einem Ausflug mit ihrer Mutter. So brauche ich keine unangenehmen Fragen, die lange Abwesenheit betreffend, zu beantworten.


Am übernächsten Tag steht eine Mitteilung der Polizei im Anzeiger. Der Hundefänger sei nun gefunden worden. Leider scheine er einem unglücklichen Unfall zum Opfer gefallen zu sein. Oder er habe sich diesmal die falsche Beute, eine deutsche Dogge, als Beute ausgelesen. Diese sei jedoch stärker gewesen als der Hundefänger. Der Hund habe keine Marke am Hals getragen. Der allfällige Besitzer der Dogge, oder Zeugen des Unglücksfalles, würden gebeten, sich mit der Polizei in Kurligen in Verbindung zu setzen. "Das werden die beiden wohl unterlassen", denke ich, "der eine, weil er nicht mehr reden kann, der andere, weil er nicht reden will". Dann lege ich die Zeitung gewissenhaft zusammen und auf den Stapel für die Altpapiersammlung."


Stille war in der Wirtschaft eingetreten. Friedel hatte sich in eine solche Ekstase hineingeredet, dass er gar nicht merkte, wie die Gäste sich langsam um ihn scharten. Einer fragte naiv: "Wie können Sie nur mit einem solchen furchtbaren Geheimnis noch leben? Wäre es nicht besser für Ihr Gewissen, wenn Sie sich bei der Polizei melden würden? Schliesslich haben Sie ja in Notwehr gehandelt."

Die Stammtischrunde konnte sich vor Lachen kaum retten. Der Gast aber, der eben geredet hatte, wurde vom Wirt vorsichtig über die Eigentümlichkeit des Lügentisches aufgeklärt. Er bekam rote Ohren und rief nach der Serviererin. "Bringen Sie den Herren noch eine Runde auf meine Rechnung," sagte er und verschwand ins Klo.


Als sich die Lügentischrunde auflöste, stand der Wirt an der Türe und verabschiedete jeden der Fischerkollegen mit Handschlag. Friedel ging als Letzter. Der Wirt hielt ihn bei der Hand, bis die anderen sich etwas entfernt hatten. Dann flüsterte er Friedel zu: "Sag mal, da war doch vor ein paar Jahren tatsächlich so ein Fall, der so ziemlich identisch war mit deiner Geschichte. Man hat den Sachverhalt damals nicht endgültig klären können. Hast du nun diese Geschichte als Vorbild für die deinige genommen, oder hattest du damals etwas damit zu tun? Mir kannst du es ja sagen. Ich bin doch schliesslich so etwas wie ein Geheimnisträger und wie ein Arzt unter Schweigepflicht!"

Friedel zog seine Hand aus derjenigen des Wirtes, beugte sich zu Dino hinunter, kraulte ihn am Hals und fragte: "Was meinst du, Dino, können wir ihm trauen?"

Dino guckte verständnislos von einem zum anderen empor. Dann gähnte er laut und streckte sich. "Siehst du," sagte Friedel zum Wirt. "Er traut dir nicht so recht. Und ohne Dinos Einwilligung werde ich mich hüten, die volle Wahrheit zu sagen. Nicht mal in Anwesenheit eines Anwaltes!" Sprach`s, nahm Dino auf den Arm und liess den verdutzten Wirt in der Türe stehen. Nach einigen Schritten blieb er aber stehen und drehte sich um. Der Wirt stand immer noch in der offenen Tür. Friedel flüsterte geheimnisvoll: "Du hast doch vorhin gesagt, du hättest sowas wie eine Ärztliche Schweigepflicht. Kannst du aber denn wirklich schweigen?"

"Natürlich kann und werde ich das!" tat der Wirt entrüstet.

"Ich auch!" lachte Friedel und verschwand im Dunkel.



Die fünf Vierlinge


Friedel hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, auf seinen Geschäftstouren jeden Tag um die gleiche Zeit unterwegs in einer Wirtschaft einzukehren. Meist traf er dann an den Tischen Handwerker und Vertreterkollegen, mit denen es sich hübsch plaudern und Erfahrungen austauschen liess. Es waren immer die gleichen Wirtschaften und, wenn er die Zeit einigermassen einhalten konnte, die gleichen Typen an den gleichen Tischen. Wenn gerade kein bekanntes Gesicht da war, nahm er eine Zeitung von der Wand und schmökerte ein bisschen darin. Meist hörte er dann mit einem Ohr auf die Unterhaltungen nebenan und sah mit einem Auge auf die Türe, um zu sehen, ob vielleicht doch noch einer seiner Kollegen auftauche.

An diesem einen Morgen, von dem hier die Rede sein soll, blätterte er gelangweilt im "KLICK", der grössten Tageszeitung des Landes. Plötzlich fiel sein Auge auf einen Titel, der in Vierzentimeterschrift auf der Titelseite prangte: "Zigeunervierlinge". Und in winzig kleiner Schrift: "Siehe Seite 3"

Schnell blätterte er auf die erwähnte Seite und las:

"Wie erst jetzt bekannt wurde, hat die Jenische Luna Mader vor bald drei Wochen auf einem Rastplatz, der öfters von Jenischen besucht wird, Vierlinge geboren. Es sind zwei Buben und zwei Mädchen. Der Vater der Vierlinge und Lebensgefährte der Mutter, Joshi Buser, hat "KLICK" gegenüber erwähnt, man habe mit der Anmeldung der Kinder noch zugewartet, bis man sicher gewesen sei, dass alle vier mit dem Leben davonkommen würden. Mutter und Kinder sind wohlauf. Bereits haben sich Fernsehen und Radio für das ungewöhnliche Ereignis interessiert. Heute abend bringt das Fernsehen in seiner täglichen Sendung "Tägliches" darüber. "KLICK" wünscht der jungen Familie alles Gute und übergibt dem glücklichen Vater einen Check über tausend Franken."

Vier gut gelungene Bilder vervollständigten den ungewöhnlichen Bericht. Eines zeigte in Grossaufnahme den Vertreter des "KLICK" bei der Übergabe des Checks. Ein anderes die Mutter und ihre Zwillingsschwester, die beide je zwei der herzigen Vierlinge in den Armen hielten. Friedel stockte der Atem, denn es waren zweifelsfrei Luna und Lana, die da abgebildet waren und zärtlich auf die Babys blickten. Den Vater, der auf einem anderen Bild zu sehen war, wie ihm der Gemeindepräsident des Geburtsortes gratulierte, kannte Friedel ja nicht, da er ihn nie zu Gesicht bekommen hatte.

Friedel begann zu rechnen: Wann war es denn gewesen, als er das Abenteuer mit den drei Frauen gehabt hatte? Richtig, im Juni letzten Jahres. Jetzt war es April. Die Geburt hatte angeblich bereits vor drei Wochen stattgefunden. Kein Zweifel, die Rechnung konnte stimmen, denn es waren so ziemlich genau zehn Monate her, seit er in der Lichtung am Fluss hatte fischen wollen und von den Zigeunerinnen davon abgehalten worden war. Friedel schwante plötzlich Ungeheuerliches: Es könnte ja sein, dachte er mit Schrecken, dass er der Vater der Vierlinge war!

Er hatte keine Ruhe mehr. Nicht mal den Kaffee konnte er austrinken, so aufgeregt wurde er plötzlich. Friedel, der Unfruchtbare, als Vater von gesunden Vierlingen! Er rief der Bedienung und bezahlte mit einer Note. Ohne auf das Herausgeld zu warten verliess er die Wirtschaft, was bei der Serviererin ungläubiges Kopfschütteln hervorrief, war sie es doch eher gewohnt, dass ein Gast ohne zu bezahlen abhaute, als dass einer ein Trinkgeld in doppelter Höhe des Kassazettels gab.

Draussen kam ihm in den Sinn, dass er vergessen hatte, sich den Ort der Geburt in der Zeitung zu merken. Er wollte jedoch nicht mehr in die Wirtschaft eintreten. So besorgte er sich am nächstgelegenen Kiosk einen "KLICK" und schmiss ihn auf den Beifahrersitz. Dann fuhr er zu einem Ausstellplatz an der Überlandstrasse und parkierte. Inzwischen etwas ruhiger geworden, nahm er sich die Zeitung nochmals gründlich durch. Er musste feststellen, dass auch dieses Exemplar des "KLICK" genau dasselbe berichtete, wie dasjenige in der Wirtschaft. Dabei hatte er doch irgendwie die unterschwellige Hoffnung gehegt, einer Fata Morgana aufgesessen zu sein.

Nun fand er auch die Bezeichnung des Ortes, wo die Zigeunerwagen stehen sollten. Er schaute sich die Landkarte an. Der Ort befand sich kaum achtzig Kilometer von demjenigen, wo er parkierte. Dann konsultierte er seine Agenda. Diese Termine konnte man alle vergessen, denn es waren Kunden, die sich immer selber meldeten, wenn sie etwas nötig hatten und nur höflichkeitshalber besucht werden mussten. Ohne noch lange zu überlegen, startete Friedel den Wagen und fuhr an den in der Zeitung angegebenen Ort.

Er brauchte nicht lange zu suchen. Schon von weitem sah er unter der Autobahnbrücke eine Wagenburg. Es sah aus, als ob hier nächstens Karussells und andere Attraktionen aufgestellt würden. Friedel zögerte. War er wirklich an der richtigen Adresse? Warum standen denn da nicht nur zwei Wagen, nämlich diejenigen, die er von zuhause kannte?

Er fuhr so nahe als möglich in die Nähe des Platzes, stellte seinen Wagen neben einen Pfeiler der Brücke und nahm Dino an die Leine. Als ob er hier mit dem Hund auf einem Spaziergang wäre, ging er unauffällig der Wagenburg zu. Als er noch etwa dreissig Meter entfernt war, kam ihnen plötzlich ein Rudel kleiner Hunde bellend entgegen gerannt. Friedel liess Dino eilig von der Leine, denn sonst hätte es zu einem Kampf kommen können, weil Dino sich herausgefordert und bedroht gefühlt hätte. Das Rudel umschwärmte Dino, freundlich mit den Schwänzen wedelnd und ihn beschnuppernd. Da keiner Dino mehr als einen Kopf überragte, schätzte er die Gefahr als gering ein und liess seine im ersten Moment steil aufgerichteten Rückenhaare langsam wieder in Ruhelage sinken.

Die Marschpause, die durch diese Begrüssung entstand, benutzte Friedel, sich den Wagenpark etwas genauer anzusehen. Der Wohnwagen der beiden Zwillinge war unschwer auszumachen. Hingegen fehlte derjenige von Elvira in dieser Sammlung.

Langsam schlenderte Friedel näher. Emsiges Treiben herrschte zwischen und in den Wagen. Auf der Seite des Wagens von Luna und Lana sassen zwei Frauen und jede hatte zwei Babys an ihren Brüsten. Kein Zweifel; es waren die Gesuchten. Aber warum hatten denn beide Säuglinge an ihren Brüsten? wunderte sich Friedel. Es konnte doch nicht sein, dass beide Milch produzierten, wenn nur eine geboren hatte?

Die beiden Frauen waren so mit Stillen beschäftigt, dass sie keine Notiz nahmen von dem sie verwundert betrachtenden Mann. Erst als das Rudel Hunde mit ihrem vierbeinigen Besucher sie umschwärmte, sahen sie auf. "Das ist doch....." rief erschrocken Luna. Dann sah sie auch den sie beobachtenden Mann. Abrupt unterbrach sie ihr Stillen und flüsterte ihrer Schwester etwas zu, das auch diese zum Erschrecken brachte. Beide sahen starr auf Friedel, welcher sich jetzt unschlüssig in ihre Richtung bewegte. Sie standen schnell auf und verschwanden im Wagen, die Türe hinter sich zuschlagend. Friedel blieb stehen und harrte der Dinge, die da vielleicht noch kommen sollten.

Er musste nicht lange warten. Aus der Türe des Wagens kam ein junger Mann. Er ging ohne sich umzublicken um den Wagen herum und kam mit zwei offensichtlich leeren Milchkannen zurück, die er singend und pfeifend in den Kofferraum eines Autos stellte. Der Kofferraum blieb offen. Dann stieg er ein und fuhr hupend weg.

Friedel hatte sich langsam in den Schatten eines Pfeilers gestellt und wartete weiter. Dino tollte mit der Hundemeute um die Wohnwagen und markierte fleissig. Die anderen Hunde warteten dann jeweils, bis sie sich, einer um den anderen, der Zeremonie anschliessend konnten.

Friedel hatte so etwa fünf Minuten gewartet, als die Türe des Wagens sich langsam öffnete und Lana erschien. Sie blickte umher, als ob sie etwas bestimmtes suchen würde. Als sie Friedel erblickte, machte sie mit einer Hand eine Bewegung, als wollte sie ihn zum Verschwinden veranlassen. Friedel aber schüttelte langsam den Kopf. Lana ging zurück in den Wagen. Nach einer Weile kam sie wieder und deutete auf ihre Uhr am Handgelenk. Dann hob sie fünf Finger empor. Friedel verstand. Er liess einen Pfeifton erklingen, der Dino besagte, es wäre Zeit, den Besuch abzubrechen. Etwas unwillig gehorchte der Hund. Sie gingen zu Friedels Wagen zurück, stiegen ein und warteten. Die Hundemeute trieb sich draussen in der Nähe herum.

Nach kaum fünf Minuten kam ihnen eiligen Schrittes Lana entgegen. Friedel öffnete die Beifahrertüre. Ohne Umschweife stieg Lana ein und sagte aufgeregt: "Fahr schnell dort ins Wäldchen."

Friedel kapierte. Er startete den Wagen und tat, wie ihm geheissen. Der Weg führte an einer verlotterten Hütte vorbei. "Halt", sagte Lana, "da ist es auch gut."

Friedel fuhr den Wagen hinter die Hütte und stellte den Motor ab. Er blickte der jungen Frau ins Gesicht. Sie atmete heftig vor Erregung und flüsterte: "Was willst du von uns? Lass uns doch in Ruhe. Du hast kein Recht, dich hier herumzutreiben."

"Du irrst dich," antwortete Friedel ruhig. "Wir befinden uns auf öffentlichem Grund und Boden. Ich kann hier mit meinem Hund spazieren gehen, wann und so oft ich will. Oder ist da vielleicht etwas einzuwenden? Sagt ihr denn allen Spaziergängern, die hier ihren Hund Gassi führen, sie sollen verschwinden?"

"Tu nicht so naiv," zischte Lana. "Ich weiss ganz genau, was du im Schilde führst. Natürlich hast du die Scheissmeldung in der Zeitung gelesen und du hast dir dabei etwas ausgerechnet. Stimmt`s?"

Friedel schaute ihr in die vor Wut und Angst leuchtenden Augen. Eine Weile war es ruhig im Wagen, zu ruhig. Friedel schaute nur immer stumm in das hübsche Gesicht seiner ehemaligen Gespielin und fragte sich, was wohl in ihrem Kopf sich abspiele jetzt. Schliesslich fasste er vorsichtig nach ihrer Hand und streichelte sie beruhigend. "Ich möchte nur wissen", begann er langsam, "was ihr damals für ein Spiel mit mir getrieben habt, du, Luna und Elvira. Und ich werde nicht eher wieder von der Bildfläche verschwinden, bis ich erschöpfende Auskunft bekommen habe. Ihr dürft doch nicht glauben, es mit einem kompletten Idioten zu tun zu haben."

Endlich schaute sie ihm in die Augen. "Wie ein verwundetes Reh," ging es ihm durch den Kopf.

"Ich sehe schon", begann sie flüsternd, "dass wir dir eine Erklärung geben müssen. Bitte schön. Aber eines muss ich dir vorweg sagen: Es gibt da nichts zu ändern oder sich einzumischen. Alles ist gut so, wie es ist. Also: Es ist in unseren Sippen so Brauch, dass die Eltern oder Verwandten Umschau halten, wenn ein Mädchen oder ein Bursche ins heiratsfähige Alter kommt. Wir können uns schliesslich nicht in Discos begeben und am Mikrofon ausrufen, ob da wohl ein Jenischer oder eine Jenische darunter sei, die oder der einen Heiratspartner suche. Also ist das System, wie es schon seit altersher geübt wird, gar nicht so dumm. So wurden eben auch meine Schwester Luna und Joshi zu einem Paar. `Aber es wird nicht geheiratet, bevor ihr sicher seid, dass die Nachkommenschaft gesichert ist` sagten die Eltern der beiden.

Leider hat es bei Joshi und Luna nicht geklappt. So wurde beschlossen, ich solle auf Besuch gehen. Wenn es dann bei mir klappen würde, dann würde Joshi mich heiraten.

Leider hat auch das nicht funktioniert. Darum wurde Elvira, die im Rufe steht, hexen, zaubern und noch ein paar Sachen zu können, die andere nur vom Hörensagen her kennen, angefragt, ob sie uns helfen würde. Sie ist zu uns gereist und hat da einiges mit Tränklein und Sprüchen probiert. Leider auch dies ohne Erfolg. Das war aber weder für Elvira, die ihren Ruf verlieren konnte und uns selber gar nicht gut. Denn es wäre zu Streit zwischen den Sippen gekommen, weil jede der anderen die Schuld für die Kinderlosigkeit in die Schuhe geschoben hätte.

Also befragte Elvira die Sterne und die Karten. Und was da herausgekommen ist, das weisst du ja selber. Sie hat uns weisgesagt, es komme zu einer gewissen Stunde bei Vollmond ein junger Mann zum Fischen, der selber keine Kinder habe. Diesen könnte sie aber soweit bringen, und zwar nur bei Vollmond, dass er für unsere Zwecke äusserst dienlich sein würde. Es war aber nicht ausgemacht, dass auch sie sich noch an dir vergreifen sollte. Weiss der Kuckuck, warum sie plötzlich auch noch auf den Geschmack gekommen ist!

Kinder zu klauen, wie das den Fahrenden seit Jahrhunderten nachgesagt wird, ist ja auch nicht mehr praktikabel. Samen klauen schon um einiges einfacher. Wir hatten gedacht, wenn es nur bei einer von uns klappen würde, dann wäre uns ja schon geholfen. Leider, wenn man dem so sagen kann, sind wir gleich alle beide schwanger geworden. Natürlich ist Joshi, und mit ihm die ganze Verwandtschaft, der Meinung, ER habe das Kunststück fertiggebracht. Darüber ist er denn auch stolz wie ein aufgeblasener Gockel und erzählt nun in der ganzen Welt herum, was für ein Teufelskerl er sei. Wobei er natürlich niemandem verrät, dass die `Vierlinge` von zwei Müttern herstammen.

Es wurde vereinbart, dass er die erste, die gebären würde, heiraten sollte. Das Kind der anderen würde dann einfach der Erstgebärenden untergeschoben. Das wäre kein Problem gewesen, denn wir jenischen Frauen gebären ja meist ohne Spital oder Hebamme, weil wir uns selber zu helfen wissen.

Dummerweise haben wir nun beide Zwillinge bekommen. Das ist soweit nichts Aussergewöhnliches, da dies bei Zwillingen des öfteren vorkommt, dass sie wiederum ein Pärchen bekommen. Bei uns hat dies aber zu Problemen geführt. Zwillinge geht ja noch, aber gleich Vierlinge.....!

Wir haben Familienrat abgehalten. Und schliesslich haben wir uns gefragt: Warum eigentlich nicht? Wer weiss, vielleicht werden wir noch berühmt so!

Und das ist denn auch prompt eingetroffen. Als Joshi die Geburt beim Zivilstandsbeamten in der Gemeinde, wo wir jetzt stehen, angab, flippte der fast aus. Der Bürgermeister hat uns mit einer Delegation besucht und uns eine Urkunde für die Vierlinge gebracht. Dann ist die Presse aufgetaucht, die vom Bürgermeister informiert wurde. Fernsehen, Radio waren auch schon da und mit ihnen eine ganze Horde Journalisten aus dem Ausland. Und das Schönste an der Geschichte: Die Geschäfte und Unternehmer reissen sich darum, unsere Vierlinge mit Werbung vermarkten zu dürfen. Windeln, Babynahrung, Spielsachen und noch vieles andere, wurde uns schon gebracht und weitere zugesichert. Ein Campingwagenhändler hat uns sogar ein zwar altes, aber recht luxuriöses Wohnmobil geschenkt. Du wirst es wohl gesehen haben, denn es steht gleich neben unserem alten Wagen, den wir nun nur noch als Küche und Waschraum benutzen. Und die Gemeinde ist den Kindern Pate. Die Ausbildung ist vom Kanton und von Gewerblern gesichert, bis die Kinder erwachsen sind. Einzige Bedingung: Wie müssten uns sesshaft machen. Denn wenn wir weiterhin im Land herumziehen und die Kinder unregelmässig zur Schule gehen, dann ist die Einschulung, aber auch die Vermarktung schwierig. Joshi wurde bereits eine Wohnung für uns und eine gut bezahlte Stellung im Werkhof der Gemeinde zugesichert.

Alles hat sich also so gut angelassen. Joshi hat zwar plötzlich wenig Lust, zu heiraten, denn er kann sich nur schlecht zwischen Luna und mir entscheiden und möchte doch weiterhin mit beiden........ Und dann hat er noch einige Bedenken, dass er das regelmässige Leben mit festem Beruf und Einkommen satt bekommen könnte. Wir zwei aber, die Luna und ich, wir haben uns schon so darauf gefreut, endlich als vollwertige Bürger zu gelten und nicht mehr als Zigeunerpack. Dem Joshi haben wir versprochen, wir würden den geschenkten Wagen nicht verkaufen, sondern damit in den Ferien herumziehen, wie wir das von jeher gewohnt sind. Er ist einverstanden. Und die Sippenräte sind es auch, weil sie die absonderliche Situation einsehen.

Und nun tauchst du auf und wir müssen fürchten, du bringst uns die ganzen schönen Pläne durcheinander."

Sie war bei den letzten Worten in den Sessel zurückgesunken und Friedel hörte ein leises Schluchzen. Er drückte ihre Hand fester und sagte: "Ihr braucht keine Angst zu haben. Für mich ist es das Selbstverständlichste, dass wir zuerst an das Wohl der Kinder denken müssen. Ich selber habe keine schöne Jugend gehabt. Die Eltern sind bei einem Autounfall gestorben, als ich noch nicht mal zur Schule ging. Eine Tante hat mich aufgezogen. Sie hat es zwar sicher nur gut mit mir gemeint. Aber ihr Gutmeinen hat die Liebe von richtigen Eltern nicht ersetzen können.

Sie hat mich zwar immer nach ihren Möglichkeiten unterstützt, die gute Tante Ella. Sie hat mich auch den Beruf erlernen lassen, den ich mir wünschte. Aber als ich die Prüfung hinter mir hatte, da hat sie erleichtert zu mir gesagt, nun könne sie sich endlich auch wieder etwas leisten. Denn bisher habe sie immer nur auf mich Rücksicht nehmen müssen. Das war hart. Sie hat dann angefangen, in der Welt umher zu reisen im Urlaub. Dabei hat sie einmal am Strand von Rimini einen Witwer kennengelernt. Sie haben sich verliebt und die gute Tante Ella ist Hals über Kopf zu ihm gezogen. Das hat zwar ein wenig weh getan. Aber schliesslich hatte sie ja auch noch ein wenig Recht auf Glück im Leben. Ich habe die beiden am Anfang hin und wieder besucht. Aber ich musste merken, dass ich nur geduldet wurde. So habe ich mich eben zurückgezogen.

Dann die verpfuschte Ehe. Sie ging in die Brüche wegen...... Nein, das darf doch nicht wahr sein! Wegen meinem körperlichen Ungenügen konnten wir keine Kinder haben und nun bin ich Vater von Vierlingen...."

"Fünflinge, wenn schon...." platzte Lana heraus.

"Was soll das heissen? Ist etwa eines gestorben bei der Geburt?" fragte Friedel entsetzt.

"Ach was," antwortete Lana verlegen. "Das wollte ich dir eigentlich gar nicht verraten....."

"Na sag schon," drängte Friedel. "Schlimmer kann es ja sicher nicht werden."

Lana schaute ihn teils amüsiert, teils forschend an. Würde er denn die ganze Wahrheit ertragen können? Dann gab sie sich einen Ruck und sagte lachend: "Du erinnerst dich doch, dass auch Elvira noch Freude an dir gehabt hat? Naja; einen Monat nachdem sie bei uns war, hat sie einem Schausteller, der sie schon lange umworben hat und bei dem sie hin und wieder mit Wahrsagen aushalf, die Hand gegeben. Nun ist sie glücklich verheiratet, hat einen strammen Buben als Nachkommen für den Schausteller und sie macht ihr Geschäft mit Wahrsagen aus den Karten und aus der Hand."

"Und was hat das mit mir zutun?" fragte Friedel erstaunt.

"Knapp sieben Monate, nachdem sie verheiratet waren, hat Elvira ihrem Ehemann diesen strammen Sohn geboren. War halt ein Siebenmonatskind! Verstehst du denn nichts?"
"Soll das etwa heissen, dass ich da ebenfalls.....?"

"Was glaubst du denn, warum sie es plötzlich so eilig hatte, einen Mann zu haben, nachdem sie sich jahrelang dagegen hartnäckig gesperrt hatte?"

"Oh Gott!" Friedel sank ganz erschlagen in das Polster zurück. Wohl eine Viertelstunde hörte man nur das Schnarchen von Dino auf dem Hintersitz. Endlich fasste sich Lana. Sie streichelte Friedel von der Seite her sachte über die Wange. "Tut mir leid für dich," sagte sie. "Aber wir sind dir unendlich dankbar. Ich verspreche dir auch, dass es den Kindern gut gehen wird und sie eine anständige Erziehung und Schulung werden geniessen können."

Friedel spürte ihre Aufrichtigkeit. Er schaute ihr traurig in die Augen. Dann sagte er: "Du musst mir versprechen, dass ihr, wenn es einmal schief gehen sollte mit eurem gemeinsamen Ehemann, ungeniert mit mir Fühlung aufnehmt. Der Gedanke, es könnte meinen Kindern nicht gut gehen, der macht mich jetzt schon krank."

Lana nickte. "Das verspreche ich dir. Die Adresse haben wir ja. Oder hat sich die geändert?"

Friedel nahm seine Brieftasche hervor und übergab ihr eine Visitenkarte. Dann füllte er einen Check aus und übergab ihn Lana. "Den Betrag kannst du selber noch eintragen. Aber bring mich bitte nicht an den Bettelstab. Wenn ich schon nicht zu meinen Kindern stehen darf, will ich mich wenigstens ab und zu finanziell beteiligen. Würden sie bei mir aufwachsen, würde mich dies schliesslich auch eine rechte Stange Geld kosten. Nein, nimm es ruhig," unterbrach er ihren Protest. Ich bin zwar nicht Millionär, aber arm bin ich auch nicht. Und ich werde mir schleunigst in einer Bank fünf Sparschweinchen besorgen, in die ich regelmässig meinen Weihnachtsbatzen einwerfen werde. Nun interessiert mich aber noch folgendes: Warum seid ihr damals, in der ominösen Nacht am Fluss, so Hals über Kopf verschwunden?"

"Das hatte seinen ganz speziellen Grund. Plötzlich ist nämlich Joshi aufgetaucht. Er war aus dem Untersuchungsgefängnis abgehauen. Mit einem `ausgeliehenen` Zugfahrzeug übrigens. Wir mussten sofort packen und uns einen Platz suchen, der Joshi sicherer schien. Wir Frauen hatten die grösste Mühe, dich so im hohen Gras zu verstecken, dass er dich nicht sah. Einzig deinen Hund hat er gesehen, weil der einen solchen Radau gemacht hat, als wir dich mit vereinten Kräften wegschleppten. Wir mussten den kleinen Kerl mit Gewalt verjagen, sonst hätte er alles verraten. Den Joshi haben die Polizisten aber am nächsten Tag trotzdem wieder mitgenommen. Wie soll man denn einen Wohnwagen verstecken, zumal noch mit einem geklauten Jeep davor!?"

Sie schwiegen wieder. Plötzlich sagte Lana aufgeregt: "Ich muss ja gehen, bevor Joshi vom Wasser holen zurückkommt. Du hast ihn ja vermutlich mit den Milchkannen wegfahren sehen. Wir haben ihn weggeschickt um Wasser zu holen und ihm noch eine Note in die Hand gedrückt, damit er die Vierlinge in einer Wirtschaft begiessen kann. Das hat er sich nicht zweimal heissen lassen. Aber nun wird er wohl etwa die Note versoffen haben und zurückkehren.

Ach, was ich noch sagen wollte: Hast du nicht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Rudel Hunde, die euch begrüsst haben, und deinem Pudel festgestellt? Es würde mich nicht verwundern, denn unsere Hündin hat ein paar Wochen, nachdem ihr uns am Fluss besucht habt, Junge geworfen!"


Friedel musste sich vor Lachen den Bauch halten. "Hast du das gehört?" wandte er sich an den im Fond des Wagens erschrocken aufgewachten treuen Genossen. "Wir sind also eine ganz furchtbar fruchtbare Familie, wir zwei. Aber wo ist denn die Mutter der Hundchen hingekommen?" fragte er besorgt.

"Ach die," antwortete Lana ausweichend. "Als die Jungen keine Milch mehr brauchten von ihr, da haben unsere Männer sie zu einem Festessen verarbeitet. Du brauchst gar nicht so erschrocken und empört in die Luft zu starren. Hundefleisch zu essen ist auch nicht verurteilungswürdiger, als wenn man sich ein Kalb von einem Unbekannten totschlagen lässt und dann das Fleisch in der Metzgerei kauft."

Dagegen konnte auch Friedel nichts einwenden, denn dieser Gedanke war ihm selber schon des öfteren gekommen, wenn er sich ein Steak gebraten oder eine Wurst gegessen hatte. Seltsamerweise ging ihm nun das Bild durch den Kopf, wie sein kleiner Dino die doch um einiges grössere Hündin begattet hatte. Er musste laut lachen, was Lana zur Frage drängte, warum. "Oh, ich habe mir nur meinen Zwergpudel vorgestellt, wie er es schaffte, eure Hündin zu schwängern! Er konnte sie ja schliesslich nicht in der Missionarsstellung nehmen!"

Sie lachte nun ebenfalls ihr glockenreines Jungfrauenlachen und sagte: "Ja, das hättest du sehen sollen. Im gleichen Moment, da sich Elvira deiner bediente, haben die zwei Hunde Schwerarbeit geleistet. Wir beide, die Luna und ich, haben ihnen staunend zugesehen und sie machen lassen. Der arme Kerl, der Pudel, wurde dann noch eine halbe Stunde lang von unserer Hündin mitgeschleppt, weil sie aneinander hängengeblieben sind....."

"....und ihr habt den kleinen armen Dino einfach hängenlassen?"

"Hätten wir ihm denn sein kleines Ding abschneiden sollen?"

"Nein, natürlich nicht," antwortete Friedel. Dann trat eine längere Stille ein im Auto. Die beiden jungen Menschen sassen auf den Sitzen und hielten sich die Hände. Ein zufällig Vorbeigehender hätte annehmen müssen, es handle sich um ein Liebespaar.

Lana öffnete langsam die Autotüre und hängte ein Bein nach draussen. Dann schaute sie lange auf Friedel. "Leb wohl, lieber Junge," sagte sie leise. "Ich muss dir noch sagen, dass Luna und ich viel an dich gedacht haben und noch denken. Es wäre gewiss schön geworden mit dir, wenn wir uns unter anderen Umständen getroffen hätten. Aber wer weiss........" Sie beendete den Satz nicht, sondern drückte ihm einen Kuss auf den Mund. Dann stieg sie aus dem Auto und lief Richtung Wagenburg davon. Friedel wartete noch eine Weile wie im Traum. Dann startete er seinen Wagen und fuhr in Gedanken versunken und Trauer im Herzen nach Hause.



Die Vermittler


Nach dieser Begegnung mit Lana zog sich Friedel noch mehr in sich selber zurück. Es hätte zwar niemand sich beklagen können, dass er seine Pflichten gegenüber der Allgemeinheit im Allgemeinen und gegen seinem Arbeitgeber im Besonderen vernachlässigt hätte. Aber ihm war manchmal, als ob sein Geist und sein Körper nur noch automatisch ihre vorgegebenen Pflichten erfüllen würden: Am Morgen aufstehen, Dino in den Rasen lassen, sich waschen und rasieren, frühstücken, die Mappe mit den für diesen Tag benötigten Papieren einpacken, auf Tour fahren.

Eines Tages aber spürte er endlich wieder den Drang, aus diesem Einerlei auszubrechen. Am Wochenende, so nahm er sich vor, würde er sich mit Dino in die Bahn setzen und in die geliebten Berge fahren. Dieser Entschluss brachte wieder ein wenig seines einstigen Elans zurück.

Am Samstagmorgen fuhr er also ins Wallis, wo er früher schon viele Stunden in den Bergen verbracht hatte. Schon in der Eisenbahn war ihm die junge, blonde Frau aufgefallen, die kaum von der vorbei flitzenden Landschaft Kenntnis zu nehmen schien.

Mit einigem Erstaunen sah er, dass die Frau dasselbe Postauto bestieg und sogar die gleiche Endstation löste wie er. Und erst jetzt bemerkte er auch, dass die Frau in ihrer mitgeführten grossen Handtasche einen kleinen Hund zu haben schien. Jedenfalls glaubte Friedel, einen winzig kleinen Kopf bemerkt zu haben.

Er setzte sich im Postauto hinter die junge Dame. Und bald sah er, dass er mit seiner Beobachtung richtig lag, denn sie liess des öfteren ihre Hand in die Tasche gleiten und murmelte ein paar beruhigende Worte dazu.

Aber auch Friedels Hund Dino hatte den kleinen Passagier längst bemerkt und zeigte seine Neugierde unverhohlen. Hin und wieder streckte das kleine Bisschen von Hund sein Köpfchen aus der Tasche und schnupperte in die Richtung von Dino. Friedel aber, nicht wissend, wie die Frau auf fremde Hunde reagieren würde, hielt seinen Hund an kurzer Leine und verhinderte so eine allzu intime Annäherung der beiden Vierbeiner.

Im Bergdorf angekommen überholte Friedel die Frau, die nun ihren Zwerg von Hund aus der Tasche nahm und an der Leine hielt. Damit sich Dino nicht zu sehr mit ihm einlassen konnte, nahm er auch ihn kurz. Aber an der Seilbahnstation musste er anstehen und die Frau stiess zu der Gruppe der Wartenden.

Nun richtete Friedel es so ein, dass er gleichzeitig mit der Frau eine Kabine betreten konnte. Die beiden Hunde zeigten ihre Freude mit leisen, winselnden Lauten und mit Schwanzwedeln. Die Augen der beiden Passagiere trafen sich. In beider Augen war die Botschaft zu lesen: "Du bist mir sympathisch." Aber die Worte blieben ungesprochen und die Augen senkten sich und getrauten sich nicht mehr, einander zu treffen.

Oben auf dem Berg stiegen beide aus. Die Frau wandte sich einer Route zu, die zu einem Bergrestaurant führte. Friedel aber hatte sich für heute eine Tour vorgenommen, die keinen weiteren Zeitverlust mehr duldete. So schulterte er halt seinen schweren Rucksack, packte den Bergstock mit fester Hand und machte sich auf den Weg.

Dino, sonst immer weit vor seinem Meister herlaufend und sämtliche erhöhten Stellen unterwegs markierend, trottete missmutig hinterher. Und als Friedel sich wieder einmal besorgt nach seinem Weggefährten umsah, war dieser nicht mehr hinter ihm. Friedel sah ihn gerade noch auf dem eben gegangenen Weg verschwinden. Alles Rufen fruchtete nichts; der Hund schien seine ganze gute Erziehung vergessen zu haben.

So blieb Friedel eben nichts anderes übrig, als sich auf die Suche nach seinem ungetreuen Begleiter zu machen. Er brauchte aber nicht lange zu suchen, denn Dino kam im Galopp wieder. Dicht auf seinen Fersen folgte ihm das kleine Knäuel von Hund. Stolz und doch mit offensichtlich schlechtem Gewissen legte sich Dino vor seinen Meister, der in Anbetracht der komischen Lage nicht einmal mit seinem Hund schimpfen konnte, sondern ihn lachend streichelte.

Dies war für Dino das Zeichen, dass er recht gehandelt hätte. Mit einem Satz raste er davon, der kleine Gefährte hinterher. Friedel hatte sich im Geiste bereits damit abgefunden, dass aus seiner grossen Bergtour heute wohl nichts werden würde. Er zottelte hinter den beiden Hunden her, die inzwischen bereits bei der fremden Frau angekommen waren. Diese aber hatte sich schon grosse Sorgen um ihren Liebling gemacht und war unendlich erleichtert, als sich dieser wieder bei ihr einfand und erst noch in Begleitung eines größeren Vierbeiners. Sie wartete verlegen auf Friedel. Ihre Augen trafen sich wieder, diesmal länger als in der Gondel. Friedel fragte: "Darf ich Sie zu einer Tasse Kaffee einladen?" Sie nickte. Gemeinsam gingen sie langsam zum Bergrestaurant.

Aus einem Kaffee wurden deren zwei. Und es blieb nicht beim Kaffee. Schliesslich kann man nicht stundenlang nur Kaffee trinken. Sie erzählten sich aus ihrem Leben. Und sie erzählten sich von ihren klugen Hunden, die gerade heute wieder ein ausserordentliches Muster ihrer Klugheit bewiesen hatten. Die aber, von denen geredet wurde, lagen unter dem Tisch und leckten sich gegenseitig das Fell. Und in ihrer unendlichen Weisheit wussten sie genau, dass ihre Meister es ihnen in Bälde nachmachen würden!

Und so war es denn auch. Man einigte sich darauf, dass Friedel auf seine grosse Tour verzichten und mit Elena, so hiess die Frau, einen Bergbummel machen würde. Sie bezahlten also. Friedel wollte zwar galanterweise die ganze Konsumation übernehmen. Aber Elena wollte dies partout nicht, denn, so sagte sie, sie sei es gewohnt, auf eigenen Beinen zu stehen.

Auf dem kleinen Marsch erzählten sie sich weiteres aus ihrem Leben. Elena arbeitete seit Jahren als Sekretärin in einem Anwaltsbüro. Ausser Bergwandern hätte sie noch als Hobby das Singen in einem Kirchenchor, was ihr sehr viel Befriedigung bringe, sagte sie. Nein, einen Mann oder Freund gäbe es zur Zeit in ihrem Leben nicht, sagte sie auf eine vorsichtige Anspielung Friedels reagierend. Zwar sei ein solcher eine Zeitlang an ihrer Seite gewesen. Da er aber immer wieder auf eine baldige Heirat gedrängt und sie selber absolut noch nicht dafür zu haben gewesen sei, habe sich diese Liaison kalt gelaufen. Weitere kleinere Experimente in dieser Sache seien immer auf dieselbe Art zu ende gegangen.

Dafür sei wohl die gescheiterte Ehe ihrer Eltern verantwortlich, meinte Elena. Sie sei als Kind ewig zwischen den beiden Elternteilen hin und her gerissen worden. Und da jedes auf das andere eifersüchtig gewesen sei, habe sich das Leben des armen Kindes langsam in eine Hölle verwandelt.

Naja, da wäre allerdings noch ein Mann gewesen in ihrem Leben, erzählte sie zögernd nach einer kleinen Pause, dass Friedel gleich merkte, dass sie es nur ungern tat, aber ihm gegenüber ehrlich sein wollte. Dieser Mann sei ihr Chef gewesen. Sehr aufmerksam, sehr lieb, sehr grosszügig. Aber leider verheiratet. Immer wieder habe er erzählt, sich von seiner Frau scheiden zu lassen. Aber zuletzt habe sie ihm nicht mehr geglaubt und die Stelle und damit auch ihre Liebe zu ihm gekündigt. Seither schreibe er ihr oft und versuche auch, sie anzurufen. Aber sie hänge jeweils nur auf und die Briefe lese sie zwar, beantworte sie jedoch nicht. Denn sie lasse nicht mehr mit sich spielen, habe genug Zeit ihres Lebens mit diesem Manne vertrödelt.

Friedel konnte Elena gut verstehen. Denn er hatte ja schliesslich auch nicht viel Glück gehabt in seinem bisherigen Leben. Und auch nicht das Glück, in einer intakten Familie aufwachsen zu dürfen.


Auf dem nahegelegenen Hügel setzten sich die beiden hin und Friedel packte seine Vorräte aus. Elena zierte sich zwar ein wenig, denn sie habe, so sagte sie wenigstens, die Absicht gehabt, ihr Mittagessen im Bergrestaurant einzunehmen. Friedel aber meinte, sie werde ihn wohl nicht alleine essen und dann das Übriggebliebene ins Tal tragen lassen. Das könne sie ihm ja wohl schlecht antun, erwiderte Elena lachend und biss herzhaft in einen gereichten Apfel.


Nachdem sie sich mit Speis und Trank gesättigt hatten, legten sie sich auf die Wolldecke, die zu Friedels Standardausrüstung gehörte, wenn er auf Wanderung ging. Die beiden Hunde, die ihr Teil der Mahlzeit abbekommen hatten und gemeinsam das von Friedel mitgenommene Wasser aus Dinos Wanderteller schlürften, legten sich eng aneinander geschmiegt neben sie. Lange lagen sie so da. Nur das gelegentliche tiefe Schnaufen eines Hundes und in der Ferne die Glocken einer Rinderherde waren zu hören.

Friedel und Elena aber träumten vor sich hin. Ein angenehmer Kerl, dachte sei. Eine kluge, schöne Frau, dachte Friedel. Ob sie wohl auf die Dauer zueinander passen würden? Ach was; sie hatte doch gesagt, sie lasse sich nicht so leicht einbinden. Aber versuchen könnte man es doch, dachte er weiter. Und sie dachte: Der meint vielleicht nach meiner Schilderung über die Erfahrungen mit Männern, ich sei eine verdrehte Ziege. Dabei gefällt mir dieser Friedel immer besser. Und wie der mit seinem und meinem Hund umgeht! Man sagt doch, wer mit Tieren gut sei, der könne kein schlechter Mensch sein. Wenn er doch nur den Anfang machen würde! Ich bin doch eine Frau. Und uns hat man doch noch beigebracht, der Mann habe um die Frau zu werben! Ja, die heutige Generation hat es in dieser Beziehung leichter. Da wird nicht darauf geschaut. Wer Lust auf den anderen hat, der teilt ihm das ungeniert mit. Ob ich das wohl auch noch zu lernen habe? Er scheint ja recht schüchtern zu sein. Wenn nicht unsere beiden Hunde klüger gewesen wären......

Sie schauten sich in die Augen, lange, intensiv. Er hat schöne Augen, dachte sie. Ihre Augen sind so klar wie ein Bergseelein, sinnierte er. Da könnte man glatt eintauchen und ertrinken!

Die beiden Hunde wurden unruhig. Sie gähnten eins übers andere Mal. Wie lange wollen denn die beiden dummen Menschenkinder noch daliegen und einander in die Augen starren? Komm Pipsi, wir müssen ihnen helfen.

Die beiden Hunde standen auf und jagten einander im Kreis herum. Friedel und Elena setzten sich auf und guckten ihnen lachend zu. Dann stand Friedel auf und reichte seine Hände Elena, damit sie sie nehme und ebenfalls aufstehe. Und als sie aufgestanden war, liessen sie einander für eine Weile nicht mehr los, sondern lagen sich in den Armen. Einfach so. Ohne zu reden. Dann hob Elena ihren Kopf und Friedel wusste, dass dies das Zeichen war zur Erlaubnis und der Aufforderung: Du darfst mich küssen. Bitte tue es, bevor die romantische Stimmung verflogen ist. Und er verstand die unausgesprochenen Worte. Und sie waren froh darüber, denn in ihnen beiden war wieder eine Sehnsucht aufgebrochen nach Zweisamkeit.

Hand in Hand gingen sie langsam dem Bergrestaurant zu. "Glaubst du, dass die noch ein freies Zimmer haben?" fragte Elena, die Angst hatte, Friedel würde den Mut nicht aufbringen, dies zu fragen.

"Man kann sich ja erkundigen," antwortete Friedel, froh, dass sie es gewagt hatte, denn er hätte sich tatsächlich nicht getraut.

Man hatte noch jede Menge Zimmer. Sie konnten sich eines davon aussuchen. Und sie fanden eines mit dem schönsten Blick in die Berge. Abendessen brauchten sie keines. Sie hatten keinen Appetit. Jedenfalls nicht auf ein Abendessen. Ihr Appetit stand nach anderem. Und sie verstanden es, diesen Appetit immer wieder zu entfachen die ganze Nacht.

Die beiden Hunde lagen eng aneinander geschmiegt auf den Bettvorlagen und wussten dass ihre Ahnung sie nicht betrogen hatte.


Als die beiden Verliebten am Morgen spät erwachten, getrauten sie kaum, sich zu rühren. Denn jedes fürchtete, beim Öffnen der Augen würde ein Traum wie eine Seifenblase zerplatzen. Aber die beiden Hunde spürten das Erwachen ihrer Gebieter und sorgten mit Stupsen ihrer Nasen und leisem Winseln, dass die beiden ihre Lage als Wirklichkeit zu erfassen begannen. Sie drehten sich gleichzeitig zueinander und schauten sich staunend in die Augen. "Du?" flüsterte Friedel zärtlich. "Du," flüsterte nicht minder zärtlich Elena zurück. Dann umschlangen sie sich und versanken in eine Wolke des Glücks.

Aber die Hunde hatten anderes im Sinn als Küssen und Schmusen. Denn sie hatten es plötzlich eilig, an die frische Luft zu kommen und ihren natürlichen Bedürfnissen zu frönen. So liessen sie denn den Jungverliebten keine Ruhe mehr, bis diese sich lachend bekleideten und mit ihnen hinaus in die frische Bergluft gingen. Sie wanderten Hand in Hand der Sonne entgegen, die durch die dünne Nebelschicht zu spüren war. Als sie oben auf einer kleinen Anhöhe standen, teilte sich das Grau und mit einer Wucht, die ihnen die Augen verschloss, strömten die warmen Sonnenstrahlen auf sie ein. Eng umschlungen standen sie da und genossen die sie durchdringende Wärme. Dann aber brach auch bei ihnen wieder die junge Kraft von im besten Saft stehenden Menschen durch und sie vereinigten sich zu einem nie enden wollenden Kuss.

Sie wurden aufgeschreckt durch das Bimmeln einer Kuh, die, ebenfalls von der Wärme angelockt, auf die Anhöhe trat. Die beiden Hunde bellten sie aus sicherer Distanz an. Sie aber schüttelte nur ihren mächtigen Kopf und trottete weiter, hier und da ein Büschel Gras sich genehmigend.

"Komm", sagte Friedel. "Nun regt sich bei mir der Appetit. Nicht der von gestern nacht", lachte er, "sondern auf ein währschaftes Berglerfrühstück. Und du?"

"Ich habe auch Hunger," erwiderte Elena. "Aber du musst ja schliesslich einige Kalorien erneuern, die du mir geschenkt hast!"

Beide lachten, etwas verlegen geworden. Dann riefen sie ihren Hunden und gingen eng umschlungen wieder zur Bergwirtschaft, wo sie bereits gedeckte Tische erwarteten.


Erst während sie assen, merkten sie, wie ihnen die Mägen knurrten. Aber auch die Hunde schauten sehnsüchtig, ob da nicht auch etwas abfalle für sie. Sie mussten warten, bis die beiden Menschen sich in aller Ruhe ihre Bäuche vollgeschlagen hatten. Dann holte Friedel ein Becken, das im Eingang des Restaurants für durstige Vierbeiner bereitstand und füllte es mit der übriggebliebenen Milch und einigen Brötchen, die er zu kleinen Häppchen zerriss. Dann füllte er im Lavabo des Klosetts das Becken fast bis zum Rand mit Wasser auf. Er trug das Becken auf die Terrasse, wo bereits Elena mit den beiden hungrigen Hunden wartete. Diese stürzten sich gemeinsam über das Gebrachte und im Nu war das Becken blitzblank geleckt.

Sie schauten den beiden treuen Begleitern lächelnd zu. Friedel hatte einen Arm um Elena gelegt und drückte sie zärtlich an sich. Sie erwiderte seinen Druck mit einer weichen Wärme, die seine Lust auf eine Wiederholung der Nacht weckte. Aber es war Zeit, sich zu duschen und sich Gedanken zu machen, wie es mit ihnen weitergehen solle.

Erfrischt und zu neuen Taten bereit sassen sie nach einer Stunde auf der Sonnen umfluteten Terrasse. "Wann musst du zurück?" fragte Friedel, sich zu einem fröhlich lächelnden Gesicht zwingend.

"Mein Programm hat sich einfach um vierundzwanzig Stunden verschoben," erwiderte Elena. "Um fünf fährt die Sesselbahn, die mir den Anschluss an Postauto und Bahn gestattet. Und du?"

"Das war und ist auch genau mein Programm," lachte Friedel, dem plötzlich in den Sinn gekommen war, dass er noch nicht mal nach dem Familiennamen Elenas und nach ihrem Wohnort gefragt hatte. "Sag mal", begann er vorsichtig, "wie heisst du eigentlich mit Nachnamen und wo wohnst du?"

"Du wirst lachen", sagte sie fröhlich. "ich wollte dich im gleichen Moment dasselbe fragen. Also mit Nachnamen heisse ich Ammann und mein Wohnort ist Eichen. Zufrieden? Nun aber ist die Beichte an dir."

Friedel gab nun auch noch seinen Familiennamen preis und stellte mit einiger Überraschung fest, dass sie kaum zehn Kilometer voneinander weg wohnten. "Fährst du Auto?" fragte er nach.

"Nicht mehr," antwortete sie. "Nachdem mir einmal im Quartier ein Kind vor den Wagen gelaufen ist, habe ich den Wagen verkauft und habe auch nicht die Absicht, je wieder selber zu fahren. Wenn ich manchmal die jungen Mütter, oft mit ihren eigenen Kindern im Kindersitz, im Auto durch das Quartier rasen sehe, graust mir, ob soviel Rücksichtslosigkeit und Unverstand. Ich glaube, die denken jeweils: `Mein Kind sitzt ja hinter mir, das kann ich nicht überfahren` und drücken das Gaspedal durch. Nein, diese Verantwortung kann ich nicht mehr tragen. Ich sehe manchmal im Traum noch das Kind auf der Strasse. Es war zwar nur leicht verletzt. Aber es hätte ja auch tot sein können. Und dieser Gedanke genügt mir schon, auf den Luxus des Autofahrens zu verzichten. Aber wie steht es denn bei dir? Du fährst doch tagtäglich hunderte von Kilometern. Hast du denn nie Angst?"

"Doch," sagte nachdenklich Friedel. "Die Angst fährt ständig mit. Das gehört zu meinem Job. Bis heute hatte ich noch Glück. Ausgenommen ein paar Beulen und Kratzer am Wagen ist mir bis jetzt noch nichts passiert. Und was das Fahren in den Quartierstrassen anbetrifft: Ich habe mir zur Angewohnheit gemacht, in jedem Garteneingang und in jeder Kreuzung spielende Kinder zu sehen, auch wenn gar keine da sind. Das führt automatisch zu einer gedrosselten Fahrweise. Und was deine Erfahrung mit den jungen Müttern betrifft, kann ich dich nur unterstützen. Diese jungen Dinger haben ja keine Ahnung, dass sie auf einer fahrbaren Waffe sitzen, die jeden Augenblick zu einem tödlichen Schlag ausholen kann."


Der Abschied kam für beide viel zu schnell. Auf dem Hauptbahnhof trennten sich ihre Wege. Sie verabredeten, dass Friedel Elena am kommenden Wochenende bei ihr zuhause abholen werde und man dann gemeinsam irgendwohin fahren wolle, wo viel Grün und eine Menge Sonne sei. Jedes werde sich inzwischen einen Vorschlag zurechtlegen.
Die beiden Hunde konnten es nicht begreifen, dass sie nicht für immer zusammen bleiben durften. Ihre Besitzer mussten sie mit Gewalt auseinander reissen und noch lange schauten sie sich nach dem Spielkollegen um, bis sie sich nicht mehr sehen konnten. Die beiden Menschen aber wussten, dass es für sie wieder einen Wert hatte, sich des Lebens zu freuen.


Sie trafen sich noch ein paarmal in der nächsten Zeit. Zuerst auf neutralem Boden. Dann mal bei ihm, mal bei ihr. Und alle Treffs endeten schliesslich im Bett. Aber immer hatte Friedel das Gefühl, Elena sei beim Lieben abwesend. Als ob sie dabei an jemand anders denken würde, dachte er mit der Zeit.


Dann kam der folgenschwere Brief: "Lieber Freund, verzeih mir. Denn ich habe ein unredliches Spiel mit Dir getrieben. Ich hätte wissen müssen, dass ich jenen Mann, von dem ich Dir erzählt habe, nicht vergessen konnte. Innerlich ist er immer der Chef geblieben in meinem Herzen.

Nun ist er plötzlich vor meiner Haustür gestanden. Mit einem Strauss Blumen in der einen Hand. In der anderen trug er das Scheidungsurteil. Ich habe es gelesen und dann vor Freude geweint.

Ich weiss, das ist irgendwie nicht fair, wenn ich Dir so ausführlich von meinem Glück erzähle. Aber Du sollst wissen, dass Du Dir besser keine Hoffnung machen sollst auf eine gemeinsame Zukunft mit mir.

Verzeih mir. Und bitte: Ruf mich nicht an oder versuche, mich sonstwie zu erreichen. Ich danke Dir und ich hoffe, dass ich Dir wenigstens ein bisschen Dein Leben erfreuen konnte.

Elena"



Hoffnung.


Friedels Ego hatte einen weiteren Tiefschlag erlitten. Warum nur immer ich? sinnierte er stundenlang. Hatte er denn kein Anrecht auf ein Zipfelchen bleibenden Glückes? Warum haben die einen alles und den anderen bleibt nur das Leiden?

Wäre nicht Dino gewesen, der allerdings selber unter der Trennung von seinem liebgewonnenen Hundefreund litt, Friedel hätte den Löffel in die Ecke geschmissen. Aber da war eben doch ein Lebewesen, das von ihm abhing, das seine Zuneigung brauchte und diese in hundertfacher Weise zurückgab. Nur diesem Umstand verdankte es Friedel, dass er sich nach einiger Zeit wieder auffing und den gewohnten Lebenslauf abwickelte, wie ein Automat, den irgendein unbekannter Meister in Gang setzte und steuerte.


Als Friedel wieder mal in einer Wirtschaft seine Kaffeepause machte, holte er wie gewohnt die "KLICK"-Zeitung vom Haken an der Wand. Sofort sprang ihm eine dicke Schlagzeile in die Augen: "Messerstecherei unter Zigeunern" und kleiner: "siehe Seite fünf."

Hastig blätterte er weiter und fand folgende Meldung:

"Drama um die Zigeunervierlinge. Der Vater der berühmten Zigeunervierlinge (es stand im "KLICK") wurde bei einer Messerstecherei unter seinen Sippengenossen so schwer verletzt, dass er unmittelbar nach seiner Einlieferung ins Spital verschied. Wie zu vernehmen war, hatten ihn seine Sippenangehörigen immer wieder aufgezogen, weil Zweifel an seiner Vaterschaft in den Sippen kursierten. Als er, wieder einmal stockbetrunken, einen Vetter deshalb tätlich angriff, zog dieser das Messer und stiess es J.B. in den Unterleib. Der Täter flüchtete. Die Polizei vermutet, er habe sich, unter Mithilfe von Sippenangehörigen, ins Ausland abgesetzt. Die Polizei bittet um sachdienliche Mitteilungen aus der Bevölkerung."


Sich in seinen Wagen setzen und zum Platz fahren, wo er die Sippe zuletzt gesehen hatte, war eins, sie aber finden, war unmöglich. Zwar stand da noch der alte Wagen, den die Frauen zur Küche umfunktioniert hatten. Darum herum aber liefen aufgeregt einige Männer, unschwer als Fahrende zu identifizieren, die sich anschrien. In Deckung eines Brückenpfeilers geduckt hörte Friedel, dass sie sich um das Recht stritten, sich das alte Ding unter den Nagel reissen zu dürfen. Friedel realisierte haarscharf, dass es sich bei den Männern um die Angehörigen von Joshi und den Zwillingen handeln müsse. Er hatte genug gesehen und schlich sich aus der Gefahrenzone zurück zu seinem Wagen. Traurig fuhr er heim zu. Wer weiss, dachte er, ob sich die Frauen nun mit ihren Kindern ins Ausland abgesetzt hatten. Er würde sie wohl niemals wiedersehen. Denkste!

Als er gegen Abend durch die Quartierstrasse fuhr, in der sein Heim stand, erblickte er schon von weitem eine Schar Kinder aus dem Quartier, die sich um ein Wohnmobil herum ergötzten. Dieses stand, halb auf der Strasse, halb auf Friedels Parkplatz vor seinem Heim. Langsam fuhr er auf die Kinderschar zu. Nun sammelten sie sich zu einem Rudel und warteten gespannt, wie er wohl reagieren würde, wenn da plötzlich ein Wohnmobil stand. Er stellte seinen Wagen auf den Parkplatz der Nachbarin und stieg aus. Dino raste bellend auf die Kinderschar zu, die ihn entzückt erwarteten. Jedes wollte ihn streicheln und auf den Arm nehmen. Aber heute hatte Dino überhaupt keine Lust, auf den Arm genommen zu werden, weshalb er jedesmal laut knurrte, wenn ihm eines der Kinder zu nahe kam.

Unschlüssig stand nun Friedel vor dem Wohnmobil, das er unschwer als dasjenige der Fahrenden erkannte. Dann, einen Entschluss fassend, klopfte er an die Türe des Vehikels. Langsam öffnete sich diese und Friedel konnte einen Blick ins Innere werfen. Kein Zweifel: es waren Luna, Lana und die "Vierlinge," die ihn besuchten. Dino genügte der Türspalt, um sich eilig hindurchzuzwängen. Freudiges Gebell erwartete ihn drinnen.

"Komm herein und benimm dich wie zu Hause," forderte ihn Lana auf. Friedel trat ein und schloss hinter sich die Türe, eine staunende, neugierige Kinderschar hinter sich lassend. "Das ist gut", sagte er lachend, "ich soll mich wie zu Hause fühlen, als ob ich nicht hier zu Hause wäre. Aber Spass beiseite: Was geht hier eigentlich vor?"

Statt einer Antwort drückte ihm Lana zwei Kinder in die Arme und sagte: "Du kommst wie gerufen. Ich sollte nämlich Abendbrot zubereiten. Aber die Kleinen fühlen wohl das Ungewöhnliche der Situation und wollen partout nicht ruhig sein. Willst du mit essen oder hast du schon gehabt?"

Verdattert wiegte Friedel die Zwillinge in den Armen, die sofort mit Weinen aufhörten. Ein unbekanntes Gefühl schlich sich in sein nicht eben mit Liebe verwöhntes Herz und liess eine rechte Portion Vaterliebe durch seine Adern fliessen. Es kam ihm plötzlich vor, er sei nicht zum ersten Mal in diesem Wagen und halte seine Kinder. Er beschloss, nicht auf eine Antwort auf seine Frage zu warten. Wichtig war jetzt nur, dass sich die Kinder und die Frauen wohl fühlten.

Lana drückte ihm wortlos zwei Flaschen in die Hände. Etwas ungeschickt hielt er die Schnuller den Zwillingen an ihre roten Lippen. Lana korrigierte seine Armstellung, da Gefahr lief, die Kinder würden ihm zu Boden fallen. Dann übergab sie zwei weitere Flaschen ihrer Schwester. Eine wohltuende Stille, nur unterbrochen von einem vierstimmigen Schmatzen, erfüllte den Raum.

Lana schaute sich das friedliche Bild eine Weile lächelnd an. Dann begann sie die Abendmahlzeit für die drei Erwachsenen zuzubereiten. Eines nach dem anderen der Kinder schlief während dem Trinken ein. Luna legte die ihren in die Bettchen und nahm nun auch noch die Zwillinge der Schwester Friedel aus den Armen, um sie ebenfalls zu den anderen zu legen.

Der Tisch war inzwischen wie durch Zauberhand gedeckt. Mit einer Handbewegung forderte Lana die beiden Dasitzenden auf, an den Tisch zu kommen.

"Nun aber sagt mir bitte endlich, was hier passiert," forderte Friedel während dem Essen auf.

Diesmal fing Luna zu reden an: "Du hast doch zu Lana gesagt, wir könnten uns jederzeit auf dich verlassen, oder? Nun ist halt der Moment gekommen, wo du beweisen kannst, ob deine Worte Sinn hatten oder nur leere Versprechen waren. Du wirst vielleicht gehört oder gelesen haben, dass Joshi tot ist? Nun ist die ganze Verwandtschaft hinter uns her. Die einen wollen uns die Kinder wegnehmen, weil sie glauben, wir könnten ja doch nicht damit fertig werden und die anderen möchten sich den schönen Wagen hier unter den Nagel reisen. Wir zwei aber haben beschlossen, dass es aus ist mit im Land herumfahren, ohne einen einzigen Tag im Leben zu wissen, ob man morgen noch am gleichen Platz sei. Wir waren zwar eben damit beschäftigt, die Wohnung, die uns die Gemeinde zur Verfügung gestellt hat, zu beziehen. Aber damit war es nichts, denn unsere lieben Verwandten mischten sich in alles ein und wollten uns unbedingt am sesshaft werden hindern. Diese vier Kinder haben aber nicht nur das Blut von Jenischen in den Adern, wie du ja inzwischen weisst. Es wäre also sehr ungewiss, ob sie das ewige Hin und Her auf die Dauer verkraften könnten. Dazu kommt, dass wir unsere lieben Verwandten im Verdacht haben, dass es ihnen mehr um die sicheren Einnahmequellen dank den Kindern geht, als um verwandtschaftliche Gefühle. Kurz und gut: Wenn wir mit dir rechnen können, bleiben wir bei dir."

Friedel hatte fast andächtig Lunas Rede angehört. Nun entstand eine lange Pause. Dann aber hatte Friedel seinen Entschluss gefasst: "Ihr bleibt hier. Ich weiss zwar noch nicht, auf was ich mich da einlasse. Aber der Gedanke, plötzlich eine Familie zu haben, und erst noch in doppelter Ausführung, der behagt mir ausnehmend. Ihr könnt euch auf mich verlassen."

Er stand auf, ging zur Türe und schaute hinaus. Die Kinderschar war verschwunden. "Kommt dann ins Haus, sobald ihr wollt," sagte er noch und ging hinaus. Dino und der andere Hund hüpften als erste über die niedrige Treppe. Draussen wollte der andere, den die Frauen Obelix nannten, ungeniert sein Häufchen auf den Parkplatz setzen. Aber Dino, zwar um einiges kleiner als sein Kollege, stellte sich auf die Hinterbeine, packte Obelix im Nacken und versuchte ihn zu schütteln. Als ihm dieses nicht gelang, packte er ihn an einem seiner langen Ohren und schleppte ihn unter einen Busch im Garten. Brav setzte nun Obelix sein Geschäftchen fort. Friedel und die Frauen sahen dem Schauspiel lachend zu. "Braver Dino," lobte Friedel. "Du wirst deinem Kollegen noch einiges an Anstand und Ordnung beibringen müssen. Aber du wirst es schon schaffen; ist ja schliesslich dein Sohn." Und bei sich dachte er: "Und dasselbe wird wohl auch mir blühen. Wir werden uns alle ein wenig umgewöhnen müssen!"

"Könntest du bitte den Stecker dieses Kabels bei dir irgendwo einstecken, damit wir bequemer kochen können?" rief Luna aus dem Wagen. "Ich nehme an, wir dürfen doch bei dir anzapfen, oder? Wir möchten nämlich unsere Gasflaschen nicht unnötig vergeuden. Und schliesslich wird es bald einnachten. Dann wäre es gut, nur am Schalter drehen zu können, statt die Gaslampen anzuzünden."

"Bei mir anzapfen ist gut," rief Friedel heiter zurück. "Als ob ihr bei mir nicht schon genug angezapft hättet!" Folgsam nahm er jedoch den Stecker und ging damit in seine Garage.

Bevor er ins Haus ging, leerte er wie jeden Abend seinen Briefkasten. Nebst der Tageszeitung und den obligaten Werbeprospekten befanden sich noch zwei Briefe drin. Der erste den er öffnete, enthielt eine Mitteilung der Erbengemeinschaft des Hauses, das er nun schon ein paar Jahre zufrieden bewohnte. Man teilte ihm mit, man habe sich nun doch zum Verkauf des Hauses entschlossen. Allerdings sei es noch nicht öffentlich ausgeschrieben. Falls Herr Reist interessiert wäre, könnte man ihm das Vorkaufsrecht einräumen, da man froh wäre, wenn die Liegenschaft in gute Hände käme. Und dass dies zutreffen würde, habe man ja in den paar Jahren feststellen können. Und ob er wollte. Er nahm sich vor, gleich morgen bei der angegeben Adresse sein Interesse anzumelden. Schliesslich war ja jetzt Gewähr geleistet, dass das Haus sich für die nächsten Jahre mit Leben füllen werde. Und den Parkplatz würde er wohl auch noch vergrössern müssen, dachte er. Man konnte das Wohnmobil ja nicht halb auf der Strasse stehen lassen.


Der zweite Brief lautete:

"Lieber Friedel

Wir wünschen Dir und Deiner Grossfamilie alles Gute für Eure gemeinsame Zukunft. Wir ziehen in ein paar Wochen in unser Winterquartier und es würde meinen Mann und mich riesig freuen, Euch in Bälde zu einem Besuch begrüssen zu dürfen.

Herzlich

Elvira, alias Anja, alias Aida, alias Suiem"!


Friedel musste sich setzen. Das war doch unglaublich, dachte er. "Im richtigen Moment habe ich die Möglichkeit, ein gemachtes Nest für meine Zugvögel zu übernehmen. Und dann kommt im gleichen Moment noch diese Mitteilung von Elvira! Sie konnte doch unmöglich den Tod von Joshi voraus gewusst haben? Aber anders konnte das ja gar nicht funktionieren. Denn der Brief wurde geschrieben, bevor die Messerstecherei stattgefunden hatte.

Und was sollte das mit den angefügten "alias" bedeuten? Anja war doch das Zigeunermädchen gewesen, das kurzfristig mit ihm die Schule besucht und in das er sich so hoffnungslos verliebt hatte. Und Aida? Ach ja, das war doch die Frau von Fedor! Sollte das etwa bedeuten, alle diese Frauen seien ein und dieselbe, nämlich Elvira?

Friedel schüttelte noch ungläubig und verwirrt den Kopf, als die beiden jungen Frauen lächelnd eintraten. Luna hielt einen Blumenstrauss und Lana einen selbstgebackenen Kuchen in ihren Händen. Ohne Umstände begaben sich die beiden in Friedels Küche, als ob sie nie etwas anderes gewohnt gewesen wären und setzten das Wasser für einen Kaffee über. Friedel zeigte ihnen den Brief von Elvira und gab seinem Erstaunen darüber Ausdruck. Die beiden Frauen lachten verschmitzt und legten den Brief zur Seite, als ob dieser das Normalste der Welt wäre. "Da muss ich mich ja noch auf einiges gefasst machen," dachte Friedel. Dann stand der dampfende Kaffee auf dem Tisch und verlangte getrunken zu werden.

Nachher schubsten ihn die Frauen auf die Veranda hinaus. "Lass dir`s wohl sein und ruh` dich aus," sagten sie zu ihm. "Wir machen jetzt den Aufwasch. Und wenn wir schon dabei sind, bringen wir gleich noch einiges in Ordnung, was halt so ein Mannsbild vernachlässigt im Haushalt."

Friedel protestierte nicht. "Ein gutes Gefühl", dachte er, "wieder eine Frau im Haus zu wissen, die für Ordnung schaut. Naja; es dürfen ausnahmsweise ja auch mal zwei Frauen sein, wenn sie sich so gut verstehen wie Zwillinge. Schliesslich haben die Männer im Morgenland ja auch keine Probleme mit mehreren Frauen!"


Nach etwa einer Stunde traten die Frauen leise zu Friedel, der eben am Himmel das letzte Abendrot bewunderte. Ihm lag noch eine Frage auf der Zunge, die ihm eben eingefallen war. "Sagt mal", wollte er wissen, "wann habt ihr denn eigentlich auf dem Wohnmobil fahren gelernt? Lange Zeit hattet ihr ja nicht zur Verfügung, es zu lernen."

Ein schallendes Gelächter war der erste Teil der Antwort. Dann sagte Luna schelmisch: "Wir konnten überhaupt nicht damit umgehen. Zwar sind wir jeweils auf dem Wagen von Joshi ein bisschen auf den Plätzen herumgefahren. Eine Prüfung aber haben wir nie gemacht. Und das Wohnmobil ist natürlich ganz anders zu fahren, als so ein alter Klapperkasten, wie sie Joshi immer fuhr. Aber schliesslich nennt man uns Jenische ja nicht ohne Grund `Die Fahrenden`. Das verpflichtet doch, oder? Jedenfalls sind wir mit einigem Knirschen und Krachen im Getriebe bei dir gelandet. Genügt das nicht anstelle eines Fahrausweises?"

Nun musste auch Friedel laut lachen. "Schon gut," sagte er. "Aber meinen eigenen Wagen lasst ihr bitte so lange in Ruhe, bis ich euch das Fahren richtig beigebracht habe und ihr einen entsprechenden Ausweis in der Tasche habt. Einverstanden?"

Sie nickten artig mit ihren Köpfen. Ob sie sich jedoch auch an ihr wortloses Versprechen halten würden? Friedel hatte da so seine Zweifel. Jedenfalls nahm er sich vor, den Zündschlüssel nicht sorglos herumliegen zu lassen. "Die Katze lässt das Mausen nicht," dachte er, fasste die beiden Frauen um ihre Hüften und drückte sie zärtlich an sich. Sie erwiderten diesen Druck und schmiegten ihre Köpfe an seine Schultern. So standen sie lange da und warteten auf die Sterne, die sich in immer grösserer Zahl am Himmel zeigten. "Schau da", rief Lana plötzlich, gegen Osten zeigend, "da fällt eine Sternschnuppe. Wünsch dir schnell etwas!"

"Den Wunsch erfülle ich mir gleich selber," antwortete Friedel keck und zog die beiden Frauen ins Haus! "Ich mache mit euch einen kleinen Ausflug in den Garten Eden, ins Paradies!" Dann wanderten seine eben noch auf den schlanken Hüften gelegenen Hände suchend und tastend nach oben, bis er die prallen, ewig lockenden Brüste spürte.

Die beiden Frauen lachten. Dann sagte Luna schelmisch: "Bis nach Eden ist`s zwar noch weit. Ein bisschen zu weit. Aber einen kleinen Ausschnitt des Paradieses sind wir zwei schon in der Lage, dir zu zeigen. Mach` dich aber auf einiges gefasst! Und denk` bitte daran, dass Adam schliesslich nur EINE Eva hat zufriedenstellen müssen!"

"Nun ja", erwiderte Friedel keck, "wenn`s weiter nichts ist. Ich werde wohl auch noch einen zweiten Apfel zu vernaschen imstande sein, oder besser gesagt: vier," und zärtlich drückten seine Hände dabei je einen dieser Paradiesäpfel.

Luna zwinkerte ihrer Zwillingsschwester heimlich zu und kicherte dann: "Sonst haben wir ja notfalls immer noch Elviras Wunder-Rezepte!" Dann aber geheimnisvoll zu Friedel: „Luna und Lana, zu EINER Eva vereint; nimm dich auf etwas gefasst, du starker Adam!“

ENDE


 
 


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Kommentare (5)

schorsch

Liebe APet,
was du vielleicht gar nicht wusstest: Das Lesen (und sogar das Schreiben) ist in unserem Forum kein Muss, sondern ein Dürfen.
Ich wünsche dir eine gefahrlose Corona-Zeit.

Schorsch

APet

Ich finde es auch unglücklich,
so lange Texte hier im Blog zu veröffentlichen.
Ich mochte es gar nicht lesen.

 

Pan

Entschuldigung, lieber Schorsch, Du scheinst es gut zu finden, Deine gesamten Bücher hier im BLOG zu veröffentlichen?
Ich jedenfalls empfinde es als absurd! Es gibt hier im ST noch eine Reihe von Autoren, die auch Bücher geschrieben haben. Wenn die nun alle ihre Werke hier einsetzten, kannst Du  Dir diesen Wirrwarr vorstellen?
Ich könnte einen "Auszug" eines Buches noch verstehen - (aber auch dafür gibt es hier im Forum eine entsprechende Sparte, das solltest Du als langjähriges Mitglied doch kennen?)
Ich würde mir niemals erlauben, eines meiner eigenen Bücher hier in voller Länge zu veröffentlichen! 
Es kann nicht Sinn eines Blogs zu sein, Egozentrik zu schüren, dann nämlich könnte es geschehen, dass überhaupt niemand solche Werke - ob gut oder weniger gut - noch lesen möchte!
Ich jedenfalls nicht. (Ich hatte Deinen "Arme-Leute-Bub" seinerzeit gekauft, jetzt darf ich ihn hier nochmals lesen)
- No sir, this is not my business, never again.
lg, Pan~
 

schorsch

Lieber @Pan

Vielleicht hättest du meine Begründung, die ich vor der Veröffentlichung, im ST gab, lesen sollen? Ich wies darauf hin, dass es vielleicht LeserInnen im ST gäbe, die um Lesestoff froh wären -, weil ihnen zuhause die Decke auf den Kopf fällt - wegen Zuhausebleibenmüssens! Deine Bemerkung "Es kann nicht Sinn eines Blogs zu sein, Egozentrik zu schüren" kommt mir ein bisschen wie Neid vor.

Da ich - seit wohl bald 20 Jahren - keine Bücher mehr zum Verkaufe habe, wäre auch ein eventueller Verdacht, ich würde damit Werbung betreiben, ebenfalls fehl am Platze.

Und zum Schluss noch dies: Bevor ich meine Schreibereien im Blog veröffentlichte, hatte ich Kontakt mit Karl. Hätte er Bedenken geäussert, hätte ich es unterlassen. Deine Bedenken aber...….

Pan

Lieber schorsch  
das meinst du doch nicht ernst, oder? 
Neid ist etwas, das ich wirklich nicht kenne, nie kannte!

Andererseits - meine Tante  (90 Jahre, rüstig) in Luzern, schrieb mir,
dass sie nicht mehr spazierengehen darf.
Das gibt es bei uns nicht! Abstand, ja. Ausgehverbot, nein!
---

Gut, dann ist das Wort Egozentrik fehl am Platze, dafür entschuldige ich mich. Sonst jedoch bin ich voriger Meinung. Darf ich ja auch oder?
---

ansonsten
lg,
Pan


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