Nun ist sie tot ...

Autor: ehemaliges Mitglied

Manchmal gehen wir mit einem Menschen nur ein kurzes Stück Wegs gemeinsam und doch kann er uns stärker und nachhaltiger prägen als ein Mensch der uns viele Jahre unseres Lebens begleitet.
© Rose von der Au
(*1953), deutsche Lyrikerin und Aphoristikerin


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Sie war einige Jahre meine Freundin. Sie war laut, peinlich, unkonventionell, eckte an; sie nahm sich, was sie wollte (manchmal auch ohne zu bezahlen), sie bediente sich am Buffet, bevor es eröffnet war; sie lud sich selbst ein, gab zu allem ihren "Senf" dazu, war mit "Jan und Mann" verkracht; machte, was sie wollte …

Sie war aber auch großzügig, intelligent, kannte sich aus in Kunst und Kultur, hatte ganz Europa bereist; sie war zuverlässig, stand mit Rat und Tat zur Seite; mit ihr ging ich auf den Flohmarkt und ins Theater, machte Radtouren und Messebesuche, mit ihr erntete ich in Wiesen und Feldern die reifen Holunderbeeren, den wilden Bärlauch und die Brombeeren…

Sie brachte mir zum Geburtstag einmal einen bunten Blumenstrauß. Dazu hatte sie an jedem Haus ihrer Straße geklingelt und gefragte, ob sie sich eine Blume aus dem Vorgarten abschneiden dürfe ...

Auch zwischen uns kam es vor einigen Jahren zum Eklat. Ich verspürte sowohl Erleichterung wie auch Bedauern, als unsere Beziehung beendet war …

Nun ist sie tot! - Sie hat mein Leben bereichert, dafür empfinde ich Dankbarkeit …


 


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Kommentare (5)

ehemaliges Mitglied

Danke an Wurzelflügel, Brigitte, Rena, Renate und Uschi für euer Interesse, eure Anmerkungen und Gefällt-Herzchen.
LG
Agnes

Distel1fink7

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn ein Mensch geht, die Hinter-
bliebenen trauern um diesen wunderbaren Menschen. Ja, ich habe das
mit meinem Bruder erlebt, der einfach toll  war. War er auch, imLaufe der
Zeit fiel mir dann so Einiges ein und auf, was ich einfach hätte noch klären
können, was einfach ungerecht war.
Auch das gehört zum aufarbeiten, zum loslassen, den oder die Verstorbenen
zu sehen, wie sie wirklich waren, falls das überhaupt möglich  ist, und ihn
dann weiter zu lieben oder zu mögen. Für  immer so wie er oder sie war.

Ich verstehe die tiefe Dankbarkeit, diesen Menschen gekannt zu haben,
bei ihm gewesen zu sein, die Erinnerung zu haben.

Liebe Grüße
Distel1fink7    Rena

ladybird

Liebe Agnes,
Du hast Roxanna alle Fragen beantwortet, die ich Dir auch gestellt hätte und daraus kann ich mir ein kleines Bild machen. Interessant fand ich, dass auch Deine Freundin ncht versucht hat in Kontakt zu bleiben, sondern Ihr euch doch ziemlich "einig" ward diese Freundschaft nicht weiter fortzusetzen?
Statt Freundschaft bleibt Dankbarkeit, das ist doch etwas Positives?
Wer weiß, hatte sie gar die selben Gefühle für Dich?
Und diese hat sie mitgenommen,
es grüßt Dich herzlich
Renate

Roxanna

Nach allem, wie du die Freundin beschreibst, liebe Marijam, war sie eine schillernde Persönlichkeit, aber auch anstrengend. Deine zwiespältigen Gefühle, als die Beziehung beendet war, kann ich sehr gut nachempfinden. Ich würde dich gerne fragen wollen und hoffe, es ist nicht zu indiskret, ob du noch einmal vor ihrem Tod mit ihr Kontakt hattest und wenn nicht, ob du es ein wenig bedauerst, dass du dich nicht von ihr verabschieden konntest. Manchmal bleibt ja noch Ungesagtes, das man noch gerne vor dem endgültigen Abschied gesagt hätte. Wie hast du denn von ihrem Tod erfahren?

Herzliche Grüße
Brigitte

ehemaliges Mitglied

@Roxanna  

danke für deine verständnisvollen Worte, liebe Brigitte. Ich bin nie einem Menschen begegnet, der so ambivalente Gefühle in mir auslöste.

Es war uns beiden klar, dass eine Fortsetzung unserer Freundschaft nicht mehr möglich war. Sie war mir nicht gleichgültig, aber ich konnte sie nicht mehr ertragen. Außer flüchtigen, zufälligen Begegnungen sahen/sprachen wir uns nicht wieder. 

Wir leben in einem kleinen Dorf. Da spricht es sich rum, wenn jemand verstirbt. In diesem Fall leider nicht schnell genug. Ich hätte sie auf ihrem letzten Weg  begleitet, wenn ich es rechtzeitig erfahren hätte...

Was bleibt? Vorrangig Dankbarkeit für die schönen gemeinsamen Stunden. Außerdem das Bewusstsein, auf dem Lebensweg Menschen zu begegnen, die mich ein Stück begleiten, an denen ich wachsen, denen ich nahe sein kann, die ich wieder loslassen muss; sowie die Erkenntnis, das "Hier und Jetzt" noch  mehr Wert zu schätzen, mich an lieben Menschen, freundlichen Kontakten, guten Gesprächen zu erfreuen ...

Alles Liebe
Agnes

 


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