Onkel Martin
erzählt von Syrdal
 
Das bedrohliche Brummen am Himmel ist verstummt. Die Bombenflieger, die man schon von weitem hören konnte, kommen nicht mehr und die Sirenen haben seit Wochen nicht mehr geheult. Deshalb mussten wir auch nicht mehr im düsteren Keller hocken. Gott sei Dank, ich habe dort unten immer so gefroren. Und es riecht in dem engen Raum auch so komisch... Aber über den Sommer hin haben wir das alles vergessen. – Wir, das bin ich mit meiner Freundin Gabi, die in der Wohnung einen Stock tiefer wohnt.
 
Meistens spielen wir im Garten. Es gibt da eine kleine Ecke zwischen dem Stachelbeerbusch und den Johannisbeeren, die uns gehört. Wir haben uns eine kleine Bank gebaut aus zwei alten Ziegelsteinen von der Mauer im Hof und quer drauf ein kleines Brett, auf dem wir gut sitzen können.
 
Einmal bin ich an einem Stachelbeerzweig hängen geblieben und habe mir eine Dreiangel in die Hose gerissen. Die Dornen hatten sich fest eingehakt und so ist das dann passiert. Ich hatte ziemliche Angst, dafür ausgeschimpft zu werden, aber es ging glimpflich aus. Mutter hat die Risse wieder zugenäht und die Sache war erledigt. Seitdem passe ich immer gut auf, dass ich nicht wieder an den spitzen Dornen hängen bleibe.
 
Bei gutem Wetter spielen wir dort im Garten, manchmal üben wir zusammen Buchstaben, ganz stolz, dass wir unsere Vornamen mit Druckbuchstaben schreiben können. Sicher wird das gut ankommen, wenn in zwei Wochen die Schule beginnt. Wir sind schon ganz gespannt auf die Zuckertüte, die wir dann mit in die Schule nehmen dürfen. Einen Schulranzen habe ich schon, auch eine Schiefertafel und eine kleine Holzschachtel, in dem sich zwei Griffel, ein Bleistift und sogar ein ganz neuer Radiergummi befinden. Und meine Tante aus dem Westen hat mir Buntstifte in einer flachen Blechschachtel geschenkt, alle schön angespitzt. Die nehme ich aber nicht mit in die Schule, die behalte ich nur zuhause.
 
Heute sind wir zusammen rüber zum Markt gelaufen. Das Spielzeuggeschäft hat zwei große Schaufenster. In den Auslagen sind immer so tolle Sachen zu sehen, Bilderbücher, ein buntes Kaleidoskop und daneben ein Baukasten mit beklebten Bausteinen, die eine Landschaft mit einer Burg zeigen. Ganz vorne an der Scheibe liegt ein aufgeklapptes Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel mit kleinen bunten Kegelmännchen und einem schwarzen Würfel. So ein Spiel haben wir auch zuhause. Daneben gibt es eine Halma-Platte und auch eine für Mühle und Dame mit kleinen runden Holzscheiben. Und es gibt auch eine polierte Platte mit vielen Kästchen und etlichen komischen schwarzen und weißen Figuren, die in je zwei Reihen auf zwei gegenüberliegenden Seiten aufgestellt sind.
 
Ich gucke mir aber immer ganz besonders den dicken Pappkarton an, auf dem eine große schwarze Eisenbahnlokomotive abgebildet ist mit einem Güterwagen. Da möchte ich zu gerne mal hinein schauen und die Lok anfassen. Ob da auch Schienen dabei sind?
 
Gabi gefallen ganz andere Sachen. Sie zeigt mit ihren dünnen Ärmchen hoch zu einem kleinen Podest, auf dem Kartons mit durchsichtigem Deckel stehen. Darin liegen Puppen mit richtigen blonden Haaren und schönen glänzenden Kleidern. Gabi sagt, dass ihr alle gefallen, eine aber ganz besonders, weil die richtige Wimpern hat und ganz, ganz blaue Augen.
 
Von all diesen schönen Sachen sind wir so begeistert, dass wir nicht merken, wie hinter uns ein großer Mann steht und mit zuschaut. Den kennen wir nicht und wir sind sehr erschrocken. Der Fremde hat eine staubig-grünliche Uniform an, auf dem Kopf trägt er eine Schildmütze. Über seiner Schulter hängt ein unförmiger Beutel. – Der Mann ist groß und fremd und irgendwie komisch. Plötzlich fragt er Gabi:
„Wie heißt du denn?“
Ich kann gar nichts sagen, weil ich immer noch so erschrocken bin. Da höre ich schon „Gabi“.
„Gabi? Das ist ein schöner Name, Gabriele.“
„Nein, Gabi!“
„Jaja, ich weiß schon, Gabi. – Dir gefällt die Puppe mit den blauen Augen,“
„Die ist soooo schön.“
„Möchtest du die mal in den Arm nehmen?“
Gabi schaut den Mann an und zögert.
„Die ist doch in dem Karton drin.“
„Vielleicht können wir den aufmachen. Wollen wir das mal probieren?“
Ungläubig guckt Gabi den Fremden an und murmelt dann leise „...probieren?“
Sie kennt das Wort nicht.
„Komm, wir gehen mal zusammen rein.“
Der Fremde öffnet die Tür zum Laden. Es gibt einen Bimmelton. Der Mann schiebt Gabi hinein, mich sogleich mit, nestelt an seinem Beutel herum und nimmt ihn jetzt von der Schulter. Aus einer schmalen Tür hinter dem großen Ladentisch kommt eine kleine alte Frau hervor.
„Bitte!“
Der Fremde sagt: „Guten Tag, im linken Schaufenster stehen Puppen, eine mit blauen Augen, die wollen wir uns mal ansehen.“
„Ach, da komme ich so schlecht ran. Aber hier habe ich auch solche Puppen, schauen Sie mal...“
„Ich kann Ihnen helfen, ich bin groß.“
„Na schauen Sie doch erst mal.“
Die alte Frau legt einen Karton auf den Ladentisch, der aber so hoch ist, dass wir nicht hineinsehen können. Der Fremde nimmt den Karton, öffnet ihn und zeigt uns die Puppe.
„Gefällt sie dir?“, fragt er Gabi.
„Ja, aber...“
„Ich weiß schon, die hat nicht so blaue Augen, gelle.“
„Die andere ist schöner“, sagt Gabi.
Der Fremde wendet sich zu der alten Frau:
„Kommen Sie, ich hole Ihnen mal die Puppe aus der Auslage.“
„Na gut. – Moment, ich muss erst den Vierkant holen.“
Es dauert ein Weilchen bis sie zurück kommt und dem Fremden etwas in die Hand drückt. Er öffnet mit dem Ding die Tür zum Schaufenster, greift um die Tür herum nach oben und holt den Karton mit der Puppe, die so schöne blaue Augen hat, herunter.
„Da ist sie.“
Langsam öffnet er den durchsichtigen Deckel und hält Gabi den Karton hin. Gabi staunt, ihre Augen leuchten vor Glück.
„Soll ich sie mal heraus nehmen?“
„...Ja.“
„Moment, das geht nicht so einfach, die ist doch festgemacht“, sagt die alte Frau. „Ich mach das!“
Sie nimmt den Karton und werkelt eine Weile darin herum. Dann hebt sie die Puppe heraus und gibt sie dem fremden Mann, der sie einen Moment still betrachtet. Dann legt er sie ganz langsam meiner Freundin in den Arm. Gabi ist glücklich... sprachlos...
„Möchtest Du die Puppe haben?
Gabi bleibt stumm, schaut den Mann nur ungläubig an...
„Du darfst sie behalten, ich schenke sie dir.“
Überglücklich nimmt Gabi die Puppe ganz vorsichtig in die Arme. Der Mann schaut zu, ein kurzes Lächeln huscht über sein Gesicht.
Leise, kaum hörbar kommt von Gabi „...Danke.“
„Wirst Du ihr einen Namen geben?“
„Weiß nicht.“
„Aber ich weiß wie sie heißt.“
Wieder macht Gabi große Augen...
„Sie heißt Maria, das ist auch ein schöner Name.“, sagt der Fremde.
„Ja, sie heißt Maria.“
Gabi kann sich von Maria nicht wieder trennen. Der Mann gibt mir den leeren Karton in die Hand, geht zum Ladentisch und unterhält sich mit der alten Frau. Dann verlassen wir den Laden, ich mit dem Karton, Gabi mit der Puppe und der Fremde mit seinem alten Beutel, den er wieder über seine Schulter gezurrt hat.
Dann fragt Gabi plötzlich: „Wie heißt denn du?“
Der Mann sagt: „Martin.“
„Und wo wohnst du?“
„Weiß ich noch nicht, mein Haus ist kaputt.“
„Wo gehst denn du jetzt hin?“
„Erst mal nach Philippsthal und dann irgendwohin weiter, mal sehen...“
Der Fremde beugt sich nieder, gibt Gabi einen leichten Kuss auf die Stirn, reicht ihr die Hand und sagt: „Pass auf Maria gut auf, gelle.“
„Ja, Onkel Martin.“
Jetzt reicht er mir die Hand. Ich schaue ihn an, Tränen rollen ihm über das Gesicht.
„Pass du auf Gabi auf, ja!“
Ich nicke ihm nur still zu, als würden wir uns verstehen – sozusagen von Mann zu Mann. Dann richtet er sich auf und geht langsam die Straße dem Untertor zu, hin zur Werra-Brücke, nach Philippsthal...
.....................
Martin haben wir nicht wieder gesehen. Doch nach über 70 Jahren sehe ich noch heute seine Tränen...
 
 
PS. Das ist eine wahre Geschichte, erlebt im August 1945 in der thüringischen Werrastadt Vacha, unmittelbar an der damaligen Demarkationslinie zwischen der später Sowjetisch besetzten Zone (SBZ) und dem von den Amerikanern besetzten Teil Deutschlands (Bundeslandes Hessen).

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Kommentare (19)

Syrdal
Syrdal
Mitglied


Höchlichst erstaunt hat mich das rege Interesse mit den vielen Kommentaren zu dieser, doch recht lang ausgefallenen Geschichte. So also bedanke ich mich für die bei weitem heute nicht mehr selbstverständliche Geduld und für die vielen guten Gedanken zu dem geschilderten Geschehen, das zwar schon über 70 Jahre her ist, aber noch immer die Herzen bewegt. – Danke!
 

Und freilich geht auch
mein herzlicher Dank für die
freundlichen  Schneeflocke  Bekundungen an
Musedo
APet
indeed
Willy
Muscari
Elbstromerin
Rosi65
Komet
debi
nnamtor
 
Allen wünscht ein sonniges Spätherbstwochende
mit heiter-freundlichen Grüßen
Syrdal
 

ladybird
ladybird
Mitglied

Lieber Syrdal,
es ist alles schon geschrieben und empfunden und ich könnte das alles nur wiederholen...
danken möchte ich Dir, dass Du uns hier teilnehmen läßt an einem solch
besonderen Erlebnis. Das gehört wirklich unter:  "Geschichten die das Leben
schrieb ". Es sind immer die schönsten.
"Onkel Martin " erinnerte mich an den Film " Soweit die Füße tragen"
und wer weiß, (das wäre jetzt mein Wunsch) gibt es Gabi noch und sie würde jetzt nach 70 Jahren gerade dieses Geschichte lesen.
Mit Gruß aus dem sommerlichen Rheinland
herzlichst
Renate

Syrdal
Syrdal
Mitglied



Liebe Renate,
 
vielleicht gibt es solche wunderbaren Geschichten auch woanders, wir wissen es nicht. Aber sollte Gabi nach den vielen Jahren es hier zufällig lesen, wird sie sich ganz sicher melden. Wir können gespannt sein...
Ich habe oft an diese Geschichte gedacht. Als ich in diesem Sommer nach langen Jahren mal wieder in dem kleinen Städtchen weilte und entdeckt habe, dass es das Spielwarengeschäft am Markt noch immer gibt, musste ich die Geschichte mit „Onkel Martin“ endlich aufschreiben. – Da ist sie nun...
 
Liebe Grüße an den spätsommerlichen Rhein von
Syrdal

Elbstromerin
Elbstromerin
Mitglied

Lieber Syrdal, spannend und herzerwärmend hast Du es erzählt, ich mußte immer schnell weiterlesen. Nein, es war kein Kinderschänder wie in dem alten Fritz-Lang-Film, sondern ein wunderbarer Mensch, der diesem Schrecken entkommen ist.
Der Gedanke, dass kleine Gaben so lange im Gedächtnis der Beschenkten bleiben und auch wir zu so etwas beitragen können, kam mir gerade in den Sinn.
Danke und liebe Grüße
Elbstromerin
 

Syrdal
Syrdal
Mitglied



Die wirklich „echten“ Geschichten, liebe Elbstromerin, „schreibt“ das Leben. Ich habe eine davon nach vielen, vielen Jahren endlich in Worte gefasst, damit das erstaunliche Geschehen nicht einfach so vergessen wird.
Was auch immer den Soldaten Martin bewegt hat, war es wirklich eine herzerwärmende Sache, die – fern von den uns verborgen bleibenden Hintergründen dieser Geschichte – selbst in weit kleinerer Form beispielhaft sein könnte für vielleicht auch einmal eigenes Handeln... irgendwann, ...irgendwo. 
 
Möge sie eingehen in die Herzen der Leser...
 
Liebe Grüße zu Dir
Syrdal

HeCaro
HeCaro
Mitglied

Lieber Syrdal,

nach dem Lesen Deiner mit dem Herzen erzählten Erinnerung, habe ich mich gefragt: Was hat Martin wohl dazu bewogen, Gabi die Puppe zu schenken? Hat das Kind ihn an jemanden erinnert, den er verloren hat? Vielleicht an eine Maria?

Wäre die Geschichte erfunden, würden wir es erfahren. Da sie aber wahr ist, können wir es nur vermuten. Martin ist gegangen und hat sein Geheimnis mitgenonmmen.

Liebe Grüße Carola


 

Syrdal
Syrdal
Mitglied



Liebe Carola,
 
das Warum und das Wohin des wohl aus dem erst vor wenigen Monaten beendeten Krieges rückkehrenden Soldaten ist auch mir ein bleibendes Rätsel geworden. Eine Vermutung hatte ich schon in meiner Antwort bei Angelika (Tulpenblüte) geäußert, doch ob es wirklich so war, ist für alle Ewigkeit offen... Und ja, möglicherweise hat Martin sein eigenes Kind – vielleicht Maria -  durch die Bombardierung seines Hauses verloren. So gesehen, hat er mit dem Kauf der Puppe für Gabi seinen Herzensschmerz ein wenig lindern wollen. Es bleibt ein Geheimnis...
 
Noch heute über das damalige Geschehen nachdenkend
liebe Grüße zu Dir von

Syrdal

werderanerin
werderanerin
Mitglied

Eine sehr anrührende Geschichte, lieber Syrdal....wenn man sie liest, hat man das Gefühl unmittelbar dabei gewesen zu sein, so herrlich ist sie erzählt. 

Ich habe beim Lesen und den bevorstehenden Ereignissen der Einschulung so an die heutige Zeit gedacht...manche Schultüte ist so voll, dass sie der kleine Erstklässler kaum tragen kann. Da hat sich viel geändert, was auch gut ist, nur werden die Kinder heute mit vielen einfach überhäuft...sie können es natürlich garnicht richtig wertschätzen..., wie auch.

Wer diese Zeit damals miterlebt hat, hat zum Überfluss in der heutigen Zeit ganz sicher ein gespaltenes Verhältnis, könnte ich mir vorstellen...und das mit Recht.

Wenn man dann liest, wie Martin der kleinen Gabi einen Herzenswunsch erfüllt - einfach so - das geht ins Herz hinein und die Tränen in den Augen des Soldaten kann man richtig spüren....was ist wohl aus allen geworden, lieber Syrdal ?

Kristine

Syrdal
Syrdal
Mitglied



Liebe Kristine,
 
Deine Gedanken zum Überfluss in der heutigen Zeit kann ich nur unterstreichen. Unsere Generation, die in den schweren Nachkriegsjahren aufgewachsen ist, geriet ja dann später in einen permanenten Zwiespalt: Unseren Kindern soll es mal besser gehen!  Dass dabei nicht selten jegliche Beschränkung verloren gegangen ist, steht auf einem anderen Blatt. Leider aber – das hast Du völlig Recht – ist die Wertschätzung der Dinge allenthalben verloren gegangen.
 
Ich besitze noch heute die in der Geschichte auch mit angeführten Buntstifte in der flachen Blechschachtel, sie haben mich ein Leben lang begleitet und waren mir all die Jahre sehr viel wert.
 
Nun fragst Du, was wohl ist aus allen geworden? Ich weiß es nur von dem, der diese Geschichte nach über 70 Jahren aufgeschrieben hat und Dich hier herzlich grüßt
Syrdal

Tulpenbluete13
Tulpenbluete13
Mitglied

Lieber Syrdal,

das ist eine traurig-schöne Geschichte und ein Beweis, daß es auch in dieser schlimmen Zeit kleine "Glücksmomente" gabe. Wie tröstlich.

Schön, daß Du uns an der Geschichte teilhaben ließest- danke

einen lieben Gruß
Angelika

Neugierig wie ich bin: was ist aus Gabi und Maria geworden?
 

Syrdal
Syrdal
Mitglied



Liebe Angelika,
 
für meine kleine Freundin Gabi war es ein unvergesslicher Glücksmoment, für mich eine unwahrscheinliche Erstaunlichkeit und für den fremden Mann... wer weiß.
Ich denke – so die weit spätere Überlegung – dass der Soldat seine eigene Familie, auch seine kleine Tochter, bei der Rückkehr aus dem Krieg nicht wieder gefunden hat (...er sagte ja: „Mein Haus ist kaputt“). Vielleicht sah er in Gabi in diesem Moment ein Kind wie seine kleine eigene Tochter. Er musste das mit der Puppe einfach tun...

 
Wir – meine Eltern und ich – sind dann bald weggezogen, denn die Grenze war nur 100 m von unserem Wohnhaus entfernt und es gab dort oft Schießereien und auch Tote. So habe ich Gabi mit ihrer Puppe aus den Augen verloren. Doch bin ich sicher – sollte Gabi noch leben – dass die Puppe sie ein Leben lang an diese einmalige Geschichte erinnert hat.
 
Mit Grüßen
Syrdal

Willy

Eine traurige, aber wunderbare Geschichte. 
Schade, dass die verdienstvollen Macher des ST so der Zeit hinter her hinken und es nicht schaffen, dass man solche (längeren Arbeiten) nicht scrollen muss, sondern in einem aufklappbaren Buch lesen kann, wie das in anderen Portal längst üblich ist.
b.G.
Willy

Syrdal
Syrdal
Mitglied



Lieber Willy,
das ist sicher ein guter Vorschlag. Ich weiß nicht, wie das in anderen Portalen mit dem Umblättern geht, weil ich ja sonst kaum Geschichten schreibe. Du kannst das ja mal bei den Machern anregen...
 
Danke für Deinen Vorschlag.
 
Mit Grüßen
Syrdal

Muscari
Muscari
Mitglied

Dies ist eine unglaublich schöne Geschichte, und traurig zugleich..
Was mag wohl in Martin vorgegangen sein .....?
Solche Begegnungen bleiben tief in der Erinnerung haften.

Ich danke Dir.
Andrea

Syrdal
Syrdal
Mitglied



Liebe Andrea,
immer mal wieder habe ich im Laufe der Jahre über dieses Kindheitserlebnis nachgedacht. Das irgendwie gelöste Gesicht des weinenden Soldaten ist mir wie eine Fotografie in Erinnerung, es hat sich mir unvergesslich eingeprägt.
 
Nicht viel später – im Herbst 1945 – kam mein Vater gottlob unversehrt  nach Hause, in ähnlicher Uniform des einfachen Lanzers wie der fremde Mann Martin. Er war aus russischer Gefangenschaft in der Ukraine ausgebüchst und ist mit einem Kumpel wochenlang Nacht für Nacht die Donau entlang nach Deutschland und bis nach Hause in das kleine Werrastädtchen gelaufen. Irgendwann wurde dann auch über die Begebenheit mit der Puppe „Maria“ gesprochen. Die Eltern meinten, es sei vielleicht ein Heimkehrer gewesen, der seine Familie, seine Frau und ein kleines Mädchen verloren hatte, denn sein Haus war zerbombt...
 
So könnte es gewesen sein... Mich bewegt das noch immer.
 
Liebe Grüß
Syrdal

Manfred36
Manfred36
Mitglied


eine äußerst rührende Geschichte aus einer Zeit, in der es Anlässe genug gab. Erlebte Rührung prägt sich ein und kann immer wieder abgerufen werden. Oft ganz banal. So erinnere ich mich an einen völlig abgerissenen und abgemagerten Soldaten, der ins Dorf heimkehrte und vor uns Kindern stehen blieb, als wir auf dem Wäschestein eines Dorfbrunnens saßen und im Wasser planschten. Ich und meine 2 oder 3 neun- bis zehnjährigen Freunde. Er blieb vor mir stehen und fixierte mich lange, bevor er mich ansprach: Du bist doch der Männe; weißt du nicht mehr, was wir alles angestellt haben und ich dich auf der Schulter herumgetragen habe, als dein Papa, mein Freund, schon im Krieg war? Ist der noch fort? Dann drückte er mich und es liefen ihm die Tränen über die Backen und ich wusste nicht recht, wie mir zumute war. Er hatte noch 2 km bis nach Hause, gönnte sich aber diese Pause; er war angekommen, der „Onkel Emil“.
Gruß
Manfred
 

Syrdal
Syrdal
Mitglied



Ja, lieber Manfred, Geschichten, Anlässe... gibt es immer wieder, auch heute und überall. Aber nur wenige prägen sich so ein wie diese mit dem „Onkel Martin“. Du hast ja in frühen Kindheitstagen auch solch eine Begegnung erlebt, die Dir noch heute in bildhafter Erinnerung ist, weil sie so außergewöhnlich ist...
 
Wie schön wäre es, wenn jeder seine Unvergesslichkeiten aufschreiben würde, daraus könnte ein wunderbares Buch entstehen, gleichsam ein „Strauß der Unvergesslichkeiten“.
 
Liebe Grüße zu Dir von
Syrdal

APet
APet
Mitglied

Berührend, deine Erinnerung.
Vielen Dank sagt Agathe 

 

Syrdal
Syrdal
Mitglied



Diese Geschichte habe ich in all den Jahren nicht vergessen. In diesem Sommer war ich mal wieder dort in Vacha. Das Spielwarengeschäft gibt es noch immer und alles war sofort wieder da, als sei es gestern gewesen. Das Gesicht des Soldaten hat sich mir eingeprägt, ich würde es heute noch wieder erkennen.
 
Liebe Grüße
Syrdal


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