Ordensritter im Dietrichsberg





Ordensritter im Dietrichsberg

Friedhelm, des Rockschneiders Geselle,
hat einen fertigen Loden* gebracht
zum Forsthaus an der Haselquelle*,
vom Meister genäht vergangene Nacht
leis‘ in der Werkstatt bei Kerzenlicht,
auf dass es den Waidmann zufrieden stellt
treu zum Termin, denn das war ihm Pflicht
und dringlich war ihm zudem das Lohngeld.

Den Weg wollt‘ der Adlatus* kürzen
über des Dietrichsbergs* steinigen Hang,
dort wo die Felsen schroff abstürzen
ist‘s ihm, als höre er Männergesang;
inne hält er und lauscht den Stimmen,
sie schallen direkt heraus aus dem Stein,
sieht er da einen Lichtschein glimmen –
es muss irgend etwas im Fels dort sein.

Der Schneidergeselle macht sich lang,
reckt sich, steht stramm auf den Zehenspitzen,
da ist ein Spalt im Berg und ein Gang –
o Schreck, er sieht dort zwölf Ritter sitzen
in weißen Roben mit rotem Kreuz,
die Haltung – fürwahr – von adliger Art,
ein Ausdruck von elegantem Stolz –
solch Bild wohl noch niemand gesehen hat!

Plötzlich gibt‘s ein Glöckchengebimmel,
erschrocken stößt Friedhelm zitternd hervor
„Gelobet sei der Herr im Himmel!“
und sogleich sprechen die Ritter im Chor:
„In Ewigkeit, Amen! – Tausend Jahr
warten wir treulich nur auf diesen Gruß,
du, Sartor*, bringst ihn uns endlich dar,
nun keiner von uns länger leben muss!“

Und wieder hört er des Glöckchens Klang,
in Berges Halle schreiten die Herren
im Kreis zu feierndem Lobgesang,
mit dem sie Friedhelm dankbar verehren.
Beinah erstarrt schaut der Schneider zu,
wie sich die Ritter plötzlich auflösen
und mit Getöse schließt sich im Nu
der schmale Spalt im Dietrichsbergfelsen.

…………………………

Friedhelm hat darüber geschwiegen,
man hätt' ohnehin es ihm nicht geglaubt,
so lag der Berg lange in Frieden
und niemand hat nach der Spalte geschaut.
Doch Reinhold Goetz* beim Spaziergang fand
den Eingang an tief versteckter Stelle
in der felsigen Dietrichsbergwand
zu Deutschlands größter Bergspaltenhöhle*.



© Syrdal 2020

…………………………………………..
Erklärungen:
*Loden = ein aus dichtem, gewalktem Streichgarngewebe (zumeist Wolle) gefertigtes Kleidungsstück
*Adlatus = Gehilfe, Helfer
*Haselquelle = Quelle des Haselbaches westlich vom Meininger OT Dreißigacker, der in den Sülzbach und dann in die Werra mündet
*Dietrichsberg = direkt bei Meiningen unmittelbar ab der Werra steil ansteigende bewaldete Berghöhe (499,5 Meter ü.NN.)
*Reinhold Goetz = Meininger Kaufmann, der im Jahr 1915 bei einem Spaziergang am Dietrichsberg den Eingang zu einer Spaltenhöhle entdeckt hat
*Sartor (lat.) = im Mittelalter Bezeichnung für Schneider
*Bergspaltenhöhle = eine vor etwa 25.000 Jahren durch einen Bergabriss am westlichen Rand der Werrastadt Meiningen entstandene Spaltenhöhle, die als größte, seit 1934 begehbare Höhle dieses Typs in Deutschlang gilt („Goetz-Höhle“)


 


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Kommentare (8)

Christine62laechel

Es gibt wohl kein Volk ohne so eine Legende über die (mitten in einem Berg schlafende) Ritter.Und mögen sie weiter ruhig schlafen...

   Wäre es aber möglich, lieber Syrdal, ohne auf bessere Zeiten zu warten, und geschweige denn auf ein "posthum", dass du deine schönen Legenden hier nicht nur in schriftlicher Form, sondern auch als eine Audio/Videoaufnahme posten würdest? Es liest sich sehr gut; Anhören wäre prima. 

Mit Grüßen
Christine

Syrdal

@Christine62laechel
 
Liebe Christine, es ist sehr richtig, dass in einem Berg „schlafende“ Ritter, Kaiser, Könige und andere Gestalten in vielen Regionen und Völkern vorkommen. Damit verbunden sind die verschiedensten Geschichten, angefangen von Verzauberung, Verbannung, Mord und Sühne bis hin zu spiritueller Erlösung, Wahrsagung und Untergangsszenerie. Immer aber gibt es irgendeinen realen Bezug zu einem speziellen Ereignis oder einen historisch verbrämten Hintergrund.

Dem Wunsch nach Audio/Videoaufnahmen würde ich liebend gerne nachkommen, doch fehlen mir dazu die technischen Kenntnisse und vor allem auch die erforderlichen technischen Geräte. Ich habe lediglich einige Ton-Mitschnitte von meinen Veranstaltungen, die aber stets eine Durchlauflänge von fast eineinhalb Stunden haben. Und das eignet sich nicht für den ST. Aber ein Video mit einer Tonaufnahme zu ausgewählten Motiven könnte ich mir auch gut vorstellen.

Vielen Dank dir und noch einen schönen Sonntagabend wünscht mit lieben Grüßen
Syrdal
 

indeed

Lieber Syrdal,

wieder so eine Legende und schön erzählt. Es wird auch so manches vor der vermeintlichen Erstentdeckung bereits entdeckt worden sein und dann in Vergessenheit geraten, bis zur besagten erneuten Entdeckung. 

Nun hast du schon eine ganze Sammlung von Sagen, Mären und Legenden lyrisch verarbeitet und könntest vielleicht einmal einen Band hierüber erstellen. 

Meinen Dank hast du und ich lese immer wieder gerne.

Ingrid




 

Syrdal

@indeed
 
Oh ja, liebe Ingrid, da gibt es schon eine ziemliche Sammlung von Sagen-Gedichten. Ob meine Kinder mal ein Buch daraus machen, wird sich posthum zeigen, ich selbst habe weder die Kraft noch das nötige Geld für ein solches Projekt. Aber sobald es wieder Veranstaltungen (ohne Maske im Publikum) geben darf, ist eine Soirée mit einer Auswahl aus den Sagengedichten vorgesehen. Doch wann das mal wieder sein kann, steht derzeit noch in den Sternen…

Danke für deine Anregung. Doch hier werden sicher noch weitere Sagengeschichten folgen – versprochen...

Sagenhaft“ freundlich grüßt
Syrdal
 

Monalie

hallo Syrdal diese Sage kannte ich noch nicht,vielen Dank fürs erzählen. lieben Gruß von Mona

Syrdal

@Monalie
 
Nun, liebe Mona, auch ich habe diese hübsche Sage – obwohl Meiningen die Heimat meiner Kindheits- und Jugendjahre ist – auch erst vor kurzem gefunden, was mich aber sogleich dazu animiert hat, sie in meinen Themenfundus einzufügen. Und nun ist das Ergebnis da...

Liebe Grüße zum Sonntagnachmittag
Syrdal
 

Dnanidref

Lieber Freund, herzlichen dank für dieses sonntägliche Sagengedicht, dass Du uns in wohlgeformten Worten, spannend hier erzählst und uns damit den Sagenschatz näher bringst!

Mit freudigen Sonntagsgrüßen
Dein Freund
Ferdinand
 

Syrdal

@Dnanidref  

Lieber Ferdinand, obgleich ich viele wichtige Jugendjahre in dem schönen Werrastädtchen leben durfte, habe ich erst kürzlich von dieser interessanten Sage gehört. Noch immer kenne ich dort fast jeden Winkel und erinnere mich freilich auch gerne an die sehr schöne Goetz-Höhle am Dietrichsberg, die ich vor einiger Zeit wieder einmal besuchen konnte. – Grund genug, die Sage poetisch zu erzählen…
Dass dir das Gedicht gefällt, ist mir eine besondere Freude.

Sei zum schönen Sonntag freundschaftlich gegrüßt von
Syrdal
 


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