Paradies mit kleinen Fehlern


Paradies mit kleinen Fehlern

Es ist im Grunde genommen noch angenehm kühl, als wir zu unserer Wanderung aufbrechen. Unendlich viele Ginsterbüsche, dieses Gold des Eifellandes, leuchten von fern und nah, ein betäubender Duft liegt in der sonnengeschwängerten Luft. Schon bald aber verändert sich die Kühle des Morgens zu einer sonnendurchwärmten Luft. Tausende verschiedener Insekten bevölkern schon an diesem frühen Morgen den Luftraum über dem Nationalpark Eifel, den wir an diesem Morgen erwandern wollen.
Auf diesem farbenfreudigen Meer von unzählbaren Wildblumen und Kräutern herrscht ein emsiges Treiben. Schmetterlinge vieler Arten gaukeln von Blüte zu Blüte. Bläulinge, Tagpfauenaugen, Weißlinge, Distelfalter und Admirale und noch viele Arten, die wir noch nicht kennen, geben sich auf diesem bunten Naturteppich ein Stelldichein. 
Dazwischen viele andere Insekten wie Hummeln und Bienen, Schwebfliegen und diverse Käfer. Es ist, als habe die Natur gerade an diesem Tag ihr schönstes Sommerkleid angelegt, um uns zu empfangen.
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     Der Blick geht weit ins Land. Sanfte Hügel, kleine Baumgruppen wechseln ab mit gelbgrünen Flächen, die im Sonnenglast wie Bilder von  Cézanne oder Monet in der Landschaft der Provence erscheinen. Wer sagt denn eigentlich, dass nur diese südfranzösische Landschaft diese faszinierende Eigenschaft besitzt? Dieser Nationalpark Eifel kann mit den gleichen Attributen aufwarten, denke ich.
Es ist warm, aber noch gut zu ertragen, nichts hindert uns daran, diesen Tag in Gottes freier Natur so zu erleben, wie sie es verdient: Als einzigartiges Bild der Schönheit und des unbeschwerten Daseins. Wie oft im Leben hat man dieses Gefühl von Freiheit? Kann sein, es geschieht öfter, als wir es spüren, dennoch erkennt man es nicht immer, weil das Eingebundensein in das reale Leben den Blick für das Wesentliche oft verstellt.
     Nach etlichen Kilometern hat sich die Luft schon auf Temperaturen erwärmt, die denen der tropischen Länder gleichen. Die Wanderschuhe laufen sich regelrecht in das Land hinein, die Wanderstöcke geben den angestrengten Beinen einen guten Halt. 
Dann ein Schild zu wiederholten Malen gesehen: 
Das Betreten außerhalb der Wege ist mit Lebensgefahr verbunden. Bitte bleiben Sie auf den festen Wegen!
Dies hat natürlich auch einen Grund: Vom Ende des Zweiten Weltkriegs an bis noch vor einem Jahrzehnt war dieses Gebiet des Nationalparks noch ein Truppenübungsplatz! 
Viele Munitionsreste liegen dort noch heute in der Gegend verstreut, deshalb dieses Verbot!
Eifel_H_079.JPG

     Hier wurde auch seinerzeit ein ganzes Dorf [Wollseifen] einfach von allen Bewohnern zwangsgeräumt und dann Jahr für Jahr zusammengeschossen bzw. als Übungsplatz für Häuserkämpfe benutzt. Es passte so prima in die strategischen Lage der Nato-Truppen, in Belgien oder den Niederlanden war eben kein Platz für dergleichen Spielereien ...
Die heutige Landschaft lässt nichts von diesen Ungerechtigkeiten erahnen, sie erscheint sauber und rein wie am ersten Schöpfungstage. Diese Gegend, dieser Naturpark kann ja nichts dafür, dass er lange Zeit so geplagt wurde. Das Land versucht nun seit einigen Jahren, sich so zu regenerieren, dass es wirklich eines Tages zu einem kleinen Paradies werden kann, wenn man es gewähren lässt.
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     Die langen Steigungen und Gefälle im Auf und Ab des Wanderwegs tun alles, um Anstrengungen auch gefühlsmäßig im Gedächtnis zu behalten. Die Ginsterbüsche in unzähliger Menge machen das Übrige, um auch die optische Wirkung des Landes nachhaltig und positiv zu beeinflussen.
Dann nach etlichen Stunden weiterer Wanderung dann wieder ein Wermutstropfen in dieser wunderschönen Landschaft. Vor uns die wuchtigen und wirkungsvoll in die Landschaft gesetzten monumentalen Überreste der früheren Ordensburg »Vogelsang«.
        Diese lyrische Bezeichnung täuscht sehr über die damalige Verwendung dieses NSDAP-Internats hinweg. 
Hier wurde die »Ordensjunker«, wie sie sich selber nannten, als neue Elite der Nazi-Partei zum Kader der Nation herangebildet, um als »Herrenmenschen« über alle anderen Völker Europas herrschen zu können! 
Zeitweilig waren hier auch die Adolf-Hitler-Schulen untergebracht, das waren die Oberschul-Internate für die jüngsten Schüler - in etwa den Gymnasien gleichgesetzt.
     Es ist unwahrscheinlich, wie dieses Bauwerk heute noch seine Anziehungskraft auf die Besucher ausübt. Zwar wird hier in Ausstellungen und entsprechenden Dokumentationen vorbildlich auf die Vergangenheit dieser Schulungsstätten hingewiesen. Dennoch habe ich vielfach von Besuchern sehr viel Positives über dieses Denkmal der NSDAP-Vergangenheit hören müssen! Das hat mir doch sehr zu denken gegeben!
Ich selbst finde es nicht in Ordnung, wenn dort von Besuchern auf eine (wenn auch ruhmlose) Vergangenheit hingewiesen wird.
Irgendwann besteht vielleicht die Gefahr, dass dort eine sakralen Stätte entsteht. Und das wäre das Schlimmste, was diesem Ort geschehen könnte!
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     Vogelsang liegt hinter uns, Gottlob, ich möchte es auch nicht wiedersehen. Im Gegensatz zu dem wunderschönen Land, das sich uns darbietet. Diese sanfte Hügellandschaft hat einen ganz besonderen Charme, dem eigentlich jeder erliegt, der sich darauf einlässt, Vergangenheit hin oder her.
Die Urft-Talsperre, die wir dann noch vor uns sehen, ist die älteste Eifeltalsperre und schon 110 Jahre alt. Ein Relikt aus alter Zeit, aber sie tut immer noch ihren Dienst. Die Urft, dieser kleine Fluss, der hier zum See aufgestaut wird, ist ein Nebenfluss der Rur (Roer) der schließlich in die Maas (Meuse)mündet. 
     Diese sehr schön gelegene Eifellandschaft bietet Ruhe und Geborgenheit dem Urlauber, der sich hierher zurückzieht. Wir jedenfalls fanden die Zeit im Nationalpark Eifel sehr erholsam und können allen Menschen, die wirklich Ruhe suchen, empfehlen, sich auf diese Landschaft einzulassen.

     Wenn ich in der Überschrift schrieb »... mit kleinen Fehlern«, so gilt dies nicht für die Schönheit der Natur! Es betrifft lediglich das neu erwachende nationale Bewusstsein hinsichtlich der Vergangenheit, das ich hier angetroffen habe. Das aber ist im Zeitalter des europäischen Zusammenwachsens fehl am Platze. Der Vergangenheit gedenken, ja, um daraus zu lernen. Aber sobald eine Glorifizierung eintritt, bitte die Notbremse ziehen. Das wünsche ich mir.

     Der Abend nimmt uns bei der Rückkehr wieder auf in seiner herrlichen Stimmung mit Blütenduft und Schmetterlingen, mit einem Sonnenuntergang der Extraklasse und wohliger Müdigkeit. Es war ein wunderschöner Tag, der in das eigene Erleben einfließen wird als Erinnerung an den Nationalpark Eifel, mitten im Herzen Europas.


©by H.C.G.Lux

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Kommentare (7)

Juttchen

Hallo Pan,
wenn wir wieder reisen dürfen, wird die Eifel eines der ersten Urlaubsgebiete sein, die wir ansteuern. Danke Dir recht herzlich für diesen ersten schönen "Vorgeschmack" auf die Eifel.
Einen netten Gruß von
Jutta

Pan

@Juttchen  

Es lohnt sich wirklich! Ich erinnere mich z.B.  gern an unseren Urlaubsort "Dreiborn",
ein kleiner Ort zum Entspannen ...
Grüße von 
Horst

Rosi65

@Pan

Man sagt, die Eifel ist steinreich.😉 Das bezieht sich sicher nicht nur auf das hohe Steinvorkommen, sondern auch auf die Vielfalt der Naturschönheiten. Danke, für die schöne Wanderung bei angenehmen Wetter.

Viele Grüße
   Rosi65
  

Pan

Ja - und gut zu Fuß sollte man auch sein, sagt mit etwas Wehmut
Horst 

ladybird

als regelmäßiger Eifelbesucher, inzwischen ein bißchen auch Eifel-kenner (nicht unbedingt wie meine Westentasche),
lieber Horst,
bin ich gerade mit Euch gewandert und konnte alle Eure Eindrücke und Empfindungen nur bestätigen.
Wir liebten von Vogelsang nur den faszinierenden Blick über die Urft-talsperre. Und ich gehe mit Dir unbedingt konform: KEINE Glorifizierung dieser Vergangenheit..
Mit Dank für diese für mich wunderbare Erinnerung an fröhliche Eifeltage
und Gruß aus der herbstlichen Eifel
eifel im herbst 008.jpg die wieder andere Reize hat
herzlichst
🐞-Renate

 

Manfred36

Es ist eine schöne Erinnerung. Du wirst heute diese beschwerliche Wanderung wohl nicht mehr bewältigen. Auch ich habe viele Fotos meiner Frau davon, in die ich mich immer wieder gern vertiefe. 

Pan

Ach Manfred, ist ja erst zwei Jahre her! 
Es geht alles, zwar ein bisschen langsamer, gewiss,
aber dennoch immer noch.
Grüße von mir ...


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