Peter von Orb
 
Im tiefdunklen Wald des Speheshart*,
versteckt in einer schattigen Senke,
liegt Orbaha*, ein ärmlicher Ort –
dreißig Kotten* mit Kirche und Schenke.
Das Salz ist der Leute einzig Schatz,
gewonnen wird’s aus zwei trüben Quellen,
mitten im Weiler am Soleplatz
verdampft man Wasser zu Salzkristallen.
Schwer ist die Arbeit am Siedetopf,
sauhart ist das, pro Woche sechs Tage,
es brummt dem Salarius* der Kopf
bei der elendig salzigen Plage.
Als Lohn für die ganze Schinderei
berappt der Arrendator* zwei Taler,
dass davon redlich zu leben sei,
behauptet nicht mal des Kaffes Pater.
Auch herrscht schon seit Jahren Krieg* im Land,
am Waldweiler geht er nicht vorüber,
ein Salzhändler machte heut’ bekannt,
er sah Soldaten – gehängt, kopfüber.
Dann sprach er noch von Räuberbanden,
die oft sich im Speheshart verstecken –
wer könnte da wohl Frieden finden,
wenn täglich solch’ Nachrichten erschrecken!
Ein Räuber – der Peter – stamme von hier,
zischelt man leise auf Dorfes Gassen
und in der Schenke abends beim Bier
wird gemunkelt, man könnt’ ihn fassen,
doch einfach sei diese Sache nicht,
denn Peter von Orb ist ein schlauer Mann
von hohem Wuchs und großem Gewicht,
dem man nicht einfach so beikommen kann.
Er hab’ sich einen Rotfuchs* gezähmt,
der treu ihn auf Schritt und Tritt begleitet –
nun hat der alte Blasto* erwähnt,
dass er des Räubers Taten verteidigt,
der wildere zwar oben im Wald
erlege auch oft einen Hirsch, ein Schwein,
doch immer wieder fänden alsbald
manch Arme Wildbret auf dem Hausstein*,
ganz heimlich würd’s nächtens hingelegt
von einem, der weiß von der Leute Not,
einer, den es im Herzen bewegt,
wenn arger Hunger das Leben bedroht.
Der Wildschütz könne so schlecht nicht sein,
sonst würd’ er die Armen nicht beschenken,
er macht es ja heimlich obendrein,
das söllt’ man bei allem wohl bedenken!
„Wahrscheinlich ist es unser Peter,
der hier vor etlichen Jahren verschwand,
ein Mann ohne Tadel und Fehler,
ins Feuer leg ich für ihn meine Hand!“ 
Drei Wochen später wurde bekannt,
man habe sieben Räuber gefangen,
einer werd’ Peter von Orb genannt,
im Wartturm* müsst’ er ums Leben bangen,
schmählich solle er dort verenden
in Turmes Verließ auf dem Molkenberg*,
sein Fuchs jedoch konnt’s Schicksal wenden
mittels ungeheuerem Hexenwerk.
Ein Loch scharrte er unter den Stein
bis hin zu seinem allgütigen Freund,
so konnt’ sich der Delinquent* befrein,
unentdeckt sind sie gemeinsam getürmt.
Nie wieder wurd’ der Peter gesehn,
nur ein klein’ Büschelchen Rotfuchshaare
zeugte vom heimlichen Fluchtgeschehn. –
Vergangen sind darauf viele Jahre
als an einem taukühlen Morgen
warmfrisches Wildbret lag auf dem Hausstein
der armen Leute, deren Sorgen
gemildert wurden... Von wem könnt’s wohl sein?
 
© Syrdal 2019
 
Frei gestaltet nach der Erzählung „Fuchsstein“ von Adalbert von Herrlein

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Erklärungen:
*Speheshart = altdeutsche Bezeichnung des Spessart (eine Zusammenziehung der lateinischen Wörter spissa et ardua silva = übersetzt: dichter und beschwerlicher Wald)
*Orbaha = altdeutscher Name von Orb (heute Bad Orb im Spessart)
*Kotten = ärmliches Wohnhaus (Hütte), meist ohne Landbesitz
*Salarius = Salzdsieder
*Arrendator= Pächter
*Krieg = gemeint ist hier der Dreißgjährige Krieg (1618 – 1648)
*Hausstein = steinerne Stufen am Hauseingang
*Rotfuchs = der Fuchs steht in dieser Sage (wie in vielen Sagen und Märchen)  für „Hexe“
*Blasto = Gasthausmeister, Wirt
*Wartturm; Molkenberg = denkmalgeschützter, neun Meter hoher Turm; Wahrzeichen von Bad Orb auf dem südwestlich der Stadt gelegenen Molkenberg
*Delinquent = ehemals oft genutzte Bezeichnung für einen Straftäter


 


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Kommentare (9)

Syrdal


Mein Dank für das feine   
Herz 
geht heute an
Roxanna
Minalie
Christine
mit freundlichen Grüßen von
Syrdal

Rosi65

Hier im Münsterland, ganz in meiner Nähe, kann man noch viele (68) wunderschöne Wasserschlösser besichtigen. Wenn man Glück hat, werden Führungen der Innenräume angeboten.
Einige habe ich mir schon angeschaut. Dann schlurft man in dicken Filzpantoffeln bedächtigt durch die großen Räume und Gewölbe.
Und ich bin immer wieder total faszieniert von den Eindrücken die man dort erhält.Wie haben die Menschen früher gelebt? Oft stößt man auch auf die Entstehung von alten Sprichwörtern. "Es ist mir durch die Lappen gegangen", "der Prahlhans", oder "etwas auf die hohe Kante legen," sind nur einige davon.
Dazu paßt Dein Gedicht ganz hervorragend. Stelle mir gerade vor, wie Du es persönlich vorträgs.
Und es ist ganz still, denn die Gruppe lauscht Deinen Worten. In Gedanken befinden wir uns alle im Jagdzimmer der Burg Vischering. An den Wänden hängen riesige Gobelins mit turbulenten Jagdszenen. Schafft es das Reh den Häschern zu entkommen? Oder wird es ihnen, in panischer Angst, einfach durch die Lappen gehen?
Fantasie aus.Zwinkern
 

Syrdal


Aber ja, liebe Rosi, bei meinen musikalisch-lyrischen Soiréen kann man „eine Nadel fallen hören“, so still lauschen die Zuhörer dem Vortrag der Gedichte und freilich auch den zugehörigen Texten, in denen ich vieles aus der Historie der jeweiligen Geschehensräume darlege. – Und gerade in den alten Schlössern wabert es ja in dichtester Weise von Sagen, Erzählungen und Geschehnissen...
 
Mit Dank für Deine Einlassung auf das Spessart-Gedicht grüßt
Syrdal  

Monalie

ja ich dachte auch gleich an Robin Hood.er hat auch für die  Armen gesorgt,ja das Gute im Menschen darf auchnicht verloren gehen,aber leider hungern soviele Menschen auf der Welt,eine gute ge Monaschichte mit gutem Ausgang,was mich sehr freut,gern gelesen lieben Gruß

Syrdal


Ja richtig, liebe Monalie, Robin Hood ist ebenfalls so ein barmherziger Wilderer gewesen und sicher gab es solche Wilderer-Gestalten mit guter Seele in noch vielen anderen Regionen und Dunkelwäldern. Gab es damals zu früheren Zeiten immer wieder Hunger in der Welt, so ist das noch heute – trotz Überfluss und Vergeudung – in vielen Regionen dieser Erde noch immer so... leider! Gewildert wird wohl heute nicht mehr, dafür gibt es gottlob aber andere Hilfe für die Armen, um die sich viele gute Seelen kümmern. – Auch darüber darf man sich freuen...
 
Herzlich dankt mit Grüßen
Syrdal  

HeCaro

Lieber Syrdal,

wenn man bedenkt,  dass früher viele Menschen hungern mussten obwohl in den Wäldern der " Tisch" reich gedeckt war, so ist es ein Verbrechen gewesen,  die Menschen nicht mitessen zu lassen.Da ist es nicht verwunderlich,  wenn gewildert würde. 

Der Peter von Orb erinnert ein bisschen an Robin Hood und ich habe mich sehr über den guten Ausgang der Geschichte gefreut. Zum Glück siegt manchmal auch das Gute 

Danke für's erzählen

Liebe Grüße, Carola .  
 

Syrdal


Oh ja, zu früheren Zeiten wurde nicht selten aus Hunger gewildert und nicht zuletzt sind daraus solche Geschichten entstanden. Mit dem Peter von Orb ist es gottlob gut ausgegangen, der Rhön-Paulus hingegen wurde gefangen und dem Strang ausgeliefert. Es waren damals bei weitem keine guten Zeiten...
 
...sind sie es heute?
 
Liebe Grüße nach Franken von
Syrdal  

Roxanna

Um den Spessart, lieber Syrdal ranken sich viele Sagen und Geschichten. Ich denke da gerade auch an Wilhelm Hauffs "Das Wirtshaus im Spessart". Tief dunkle Wälder, die den Menschen sicher auch Angst gemacht haben, eignen sich besonders für solche Geschichten. Danke für die deine im Gedicht erzählte des Peter Orb. Wie schwer es Menschen doch früher hatten, um an ihr täglich Brot zu kommen.

Herzliche Grüße
Brigitte

Syrdal

Liebe Brigite,
mit der Assoziation zum „Wirtshaus im Spessart“ liegst du, liebe Brigitte, ganz nahe an der Wirklichkeit dieser Geschichte, die sich aber überall in ähnlicher Weise abgespielt haben könnte. Ich erinnere an die Sage vom „Rhön-Paulus“, die ich vor Jahren schon mal als Thema für ein Gedicht ausgewählt hatte.

Und richtig: Tiefe dunkle Wälder haben den Menschen früherer Zeiten viel Stoff für gruselige Geschichten gegeben. – Ich selbst habe mich vor vielen Jahren einmal im Spessart auf einem „ausgeschilderten“ Rundweg verlaufen. Als es nach Stunden zu dämmern begann, habe ich mich entschlossen, den Weg nicht weiter zu verfolgen, sondern umzukehren und die ganze Strecke zurück zugehen. Ich hatte Mühe, vor Einbruch der Dunkelheit meinen Ausgangspunkt – den Parkplatz, auf dem ich mein Auto abgestellt hatte – zu finden, was mir erst gelang, als ich in die Nähe einer Straße kam und Autogeräusch hörte und Scheinwerferlichter huschen sah. – Wie ist das erst zu Zeiten gewesen, als durch die Wälder noch keine Straßen führten... Gruselig, bei einbrechender Nacht plötzlich in so einem fremden, dunklen Wald zu stecken!
 
Und so sind früher sicher auch viele Geschichten entstanden, wobei sowohl der „Rhön-Paulus“ als auch „Peter von Orb“ tatsächlich lebten, was aus den jeweiligen Kirchenbüchern ersichtlich ist.
 
Danke für dein Interesse und für die Geduld, ein so langes Gedicht zu lesen.
Liebe Grüße
Syrdal  
 


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