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Ragnarök

In einer Sage aus urferner Zeit
wird vom hohen Nordland berichtet,
dort herrschen Not, Elend und Widrigkeit,
Hagel hat die Ernte vernichtet,
so quälen Mangel und Hunger das Land,
die Töpfe sind leer, es gibt kein Brot,
eishart der Nordwinter, Fimbul* genannt,
Menschen verenden im Kältetod.

Über das Land wallen dunkle Wolken,
drohend zieht schweres Unheil herauf,
schon bersten Berge und hohe Felsen,
die Fesseln des Fenrir* reißen auf,
der Wolf rennt mit aufgesperrtem Rachen,
glühendem Aug’ und Funkensprühen
durch die Gefilde – sein Feueratem
bringt ringsum alles zum Verglühen.

Er tötet den Göttervater Odin
und reißt die Sonne in seinen Schlund,
es ist des Weltunterganges Beginn,
in die Tiefe zum Urmeeresgrund.
Die giftige Midgardschlange* taucht auf,
kriecht aus der Brühe zäher Fluten
und wälzt sich auf ihrem glitschigen Bauch
durch stinkmodrige Sudelgruben.

Gott Loki* steuert das Schiff Naglfar*
aus des Totenreichs höllheißem Land
und Feuerriesen* setzen furchtbar
am Wigrid-Wall* die Erde in Brand.
Nichts kann dem Höllenfeuer entkommen,
es tobt die letzte Vernichtungsschlacht,
auch der Baum Yggdrasil* steht in Flammen,
gewaltig ist der Weltbrand entfacht.

Ragnarök* lässt sich nicht mehr aufhalten,
glühend versinkt die Erde im Meer
zum Urgrund, erlöschend die Gewalten –
das Nordland, es existiert nicht mehr.

...........................

Doch hat die Kraft des Urlichts Erbarmen,
hebt aus der Flut eine neue Welt,
mit Feldern, die süße Früchte tragen,
und Flüssen, reich mit Fischen bestellt.

Einzig ein Menschenpaar hat überlebt,
behütet durch des Himmels Weisheit,
Liv und Livtrase* sind innig bestrebt
das Land zu gestalten. – Weit und breit
ergrünen Wälder, Blumen erblühen,
schön wie nie in einst urferner Zeit.
In Liebe darf alles neu beginnen –
Leben in hehrer Glückseligkeit.


© Syrdal 2018

Angelehnt an Aspekte aus der nordischen Mythologie

...............................…

Begriffserklärungen:
*Fimbul = Fimbulwinter („riesiger Winter“, in der nordischen Mythologie die erste der vier endzeitlichen Katastrophen, die den Untergang der Götter (Ragnarök; Weltuntergang) einleiten.
*Fenrir = Fenriswolf, in der nordischen Mythologie das erste Kind des Gottes Loki und der Riesin Angerbode, der sich in der Zeit des Weltenbrandes von seinen Fesseln befreit und die Götterdämmerung Ragnarök (Schicksal der Götter, Götterende) einleitet
*Loki (nicht zu verwechseln mit dem Riesen Logi, dem Wildfeuer) = Gestalt aus der nordischen Mythologie, das Kind zweier Riesen, dennoch einer der Asen. In der Ragnarök ist er der Anführer der Vernichtung der Götter- und Menschenwelt.
*Naglfar = Totenschiff, es führt die Feinde der Götter zur letzten großen Schlacht
*Feuerriesen = Riesengeschlecht, Feinde der Asen
*Wigrid = die Ebene, auf der nach der der Endkampf Ragnarök zwischen Riesen und Göttern ausgetragen wird.
*Midgardschlange = eine die Welt umspannende Seeschlange; sie wurde wie auch der Fenriswolf von Loki gezeugt und gehört damit zu den drei Weltfeinden
*Yggdrasil = riesenhafte immergrüne Weltesche, die das ganze Weltgebäude darstellt
*Ragnarök = Kampf der Götter und Riesen, in dessen Folge die ganze Welt untergeht (Schicksal der Götter, Götterende)
*Liv und Livtrase = die Namen der beiden Menschen, die Ragnarök überleben werden
*Odin = der Göttervater, weises Oberhaupt der Götter, Quell des Wissens und der Weisheit

 

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Kommentare (7)

Rosi65

Nachdem Götter, Menschen und der Erdenball schreckliches Ungemach erleiden müssen, setzt sich der Weltenlaufzyklus durch, und das Gute erscheint wieder in seiner ursprünglichen und reinsten Form.
Ganz hervorragend von Dir geschrieben, lieber Syrdal!

Viele Grüße
  Rosi65

Syrdal

@Rosi65

Liebe Rosi, erst jetzt sehe ich deine Wort… Du äußerst eine sehr feinsinnige Sicht auf den Weltenlauf mit spürbarer Überzeugung auf das Wiedererscheinen des Guten in seiner ursprünglichen und reinsten Form – eine wunderbare Überzeugung, die ich nur allzu gerne mit großer Freude in mich und mein Hoffen aufnehme.

Mit Dank grüßt dich in dieser frohen Hoffnung
Syrdal  

Pan

Das alte Thema "Ragnarök" fasziniert auch mich immer wieder.
Ich erinnere mich, dass wir beide uns darüber schon einmal
ausgetauscht hatten (mein Gedicht).
Wirklich interessant, nicht wahr?

(Wat der olle Odin doch so auf die Beine stellt?)

Bleib gesund - sagt
Horst

Syrdal

@Pan

Ja, lieber Horst, wir hatten uns damals (2018) schon dazu ausgetauscht. Nochmal habe ich das Gedicht jetzt aus Anlass der schlimmen Umweltkatastrophe in NRW und Umgebung eingestellt. Was da gerade geschieht erinnert ja doch sehr an die alte nordische Welt-Untergangsmythologie. Vielleicht hilft es ja ein wenig an mancher Stelle nicht nur zum endlich in den verkrusteten Hirnen ankommenden Nachdenken, sondern vor allem auch zum adäquaten Handeln…

Bleib auch Du gesund und unbeschadet…
...wünscht dir von Herzen
Syrdal  

Heidi Grünwedl

@Syrdal  Tolles Gedicht, Syrdal, hast du es selber geschrieben? Die 2 Menschen sind angelehnt an Adam und Eva aus der Bibel, oder? Ich mag so etwas. Gestern habe ich geträumt, dass Jesus von der Schlange in deinem Gedicht gebissen wurde. Und ein Gegengift bekommen hat. Ein römischer Soldat hat dann die böse Schlange getötet und gegessen. Dann konnte sie kein Unheil mehr anrichten. Ich aber habe im meinem Traum alles beobachtet. Dein Gedicht hat mich an meinen Alptraum von gestern Nacht erinnert. Herzlichen Dank! Ich hoffe nämlich nicht, dass du denkst, ich wäre diese Schlange. Eher denke ich, ich wäre die Liv. Mein Vater nannte mich nämlich Eva, obwohl ich Heidi heiße. Jetzt weiß ich auch wieso, nämlich wegen deinem Gedicht. Er hätte mich auch Liv nennen können. Er kannte diese Geschichte nämlich. Da bin ich mir sicher. Er war nämlich nicht dumm. Danke, dass du mir dies gezeigt hast. Du hast mich an meinen Vater erinnert und mich stolz auf ihn gemacht. Jetzt habe ich meinen Vater verstanden und habe ihn wieder lieb und habe ihm vergeben können. Herzlichen Dank!
Wie findest du es eigentlich, dass ich meine 3 Bloginhalte gelöscht habe? Bist du erfreut darüber?
Liebe Grüße von Heidi Grünwedl

Syrdal

@Heidi

Liebe Heidi Grünwedl, natürlich habe ich das Gedicht selbst geschrieben, ich habe es ja auch entsprechend unterzeichnet. Es ist schon 2018 entstanden, doch habe ich es jetzt angesichts der schlimmen Unwetterkatastrophe in NRW als eine Art Gleichnis nochmal im ST veröffentlicht.
Der Inhalt ist in etlichen Teilen an die
alte skandinavische Geschichte von der Entstehung und dem Ende der Welt angelehnt, wie sie in dem großen Werk „Codex Regia“ – eine Weissagung der Seherin (Völuspá) – berichtet werden. Und ja, man könnte die beiden Menschengestalten Liv und Livtrase durchaus sinnhaft transponieren auf die Bibel mit Adam und Eva aus der christlichen Urgeschichte.

Aus deiner sehr persönlichen Schilderung wird recht deutlich, was alles aus solch einem auf der Mythologe beruhenden Gedicht an Folgegedanken angeregt wird. Besonders schön finde ich, dass du dadurch ein neues Verständnis für deinen Vater gefunden hast, ihm nun vergeben und wieder lieb haben kannst… sehr schön!

Dass du deine Blogs gelöscht hast, ist ja doch unbedingt deine eigene Entscheidung und ich denke, du wirst dazu einen guten Grund haben. Es könnte ja sein, dass du deine Geschichte nach einiger Zeit und nochmaliger Bearbeitung wieder einstellst, wer weiß…

Danke sagt für deine Gedanken zum Gedicht und Grüße zum Wochenende sendet
Syrdal 
 

Heidi Grünwedl

@Syrdal  Ja, meinen Vater verstehe ich so besser. Ich konnte ihm gut durch deine Zeilen vergeben. Hab herzlichen Dank dafür. Das war eine wichtige und heilsame Erfahrung für mich, vor allem, weil er mir etwas schlimmes angetan hat, das hier nichts zur Sache tut. Ich möchte es dir noch nicht sagen - vielleicht später mal, aber dann persönlich im ST nicht im Blog.
Ich wünsche dir auch schöne Grüße zum Wochenende!
Heidi Grünwedl


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