Rückblick auf 76 Jahre Fremdenfeindlichkeit


Rückblick auf 76 Jahre Fremdenfeindlichkeit

 
Ich erinnere mich an die Zeit, als vor genau 76 Jahren
die weitaus größte Katastrophe unseres Landes geschah, als 14 Millionen »Rucksackdeutsche, Polacken und verlaustes Gesindel«(!) aus den abgetrennten deutschen Gebieten das restliche Deutschland überfluteten! Ich gehörte in diesen Jahren zu diesen Ausgestoßenen, die im Westen eintrafen, aber nicht gewollt waren, die man am liebsten postwendend wieder zurückgeschickt hätte!
        Am 8. März 1945 mussten wir unsere Heimat verlassen, bestimmt nicht freiwillig und nur mit einem Minimum an Gepäck. Meine kleine Familie beispielsweise besaß genau das, was sie am Körper trug, dazu drei Löffel, ein Handtuch und ein Stück Seife! Das war der Neubeginn eines Lebens, das heute vollmundig als Neuanfang angepriesen wird.
        Und dennoch herrscht weitgehend Unkenntnis über Bedeutung und Größenordnung dessen, was sich nach 1945 ereignet hat. Und es gibt auch keine Vorstellung darüber, welchen Platz diese Erfahrung in der kollektiven Erinnerung einnehmen sollte.
        Ich frage mich manchmal selbst, wo die Erfahrungen der Menschen von damals eigentlich geblieben sind. Erscheinen sie in Schulbüchern? Eventuell in Romanen, geschrieben von Menschen, die die damaligen Dramen nur vom »Hörensagen« kennen? Das alles kann nur ein Abklatsch sein von dem, das damals wirklich geschah. Ignoranz und Feindseligkeit war noch das kleinste Übel, das den Heimatvertriebenen und Flüchtlingen in jener Zeit entgegenschlug. Woher rührte diese Abwehr?
         Die deutsche Gesellschaft nach dem Krieg war sozusagen eine »Zusammenbruchsgesellschaft«. Sie einte damals die gemeinsame Erfahrung einer totalen Niederlage. Der Großteil der Menschen war vorrangig mit dem Aufbau ihres eigenen Daseins beschäftigt.
Die Bereitschaft, dass man jenen, denen es noch schlechter ging, zu helfen, war deshalb sehr gering. Und - nicht zu vergessen, zwölf Jahre Nazi-Propaganda hatten Spuren hinterlassen. Die Menschen waren in jener Zeit immer wieder mit dem Negativbild vom »slawischen Untermenschen«, aus dem Osten Europas als minderwertig konfrontiert worden.
        Diese Vorstellungen hatten sich nach Kriegsende nicht einfach in Luft aufgelöst! Im Jahre 1946 tönte der Landrat von Flensburg: »der Niederdeutsche sei gegen die Mulattenzucht, die der Ostpreuße nun einmal im Völkergemisch betrieben hat«.
Das klingt wirklich so, als wenn die Flüchtlinge auch nach dem II.Weltkrieg Opfer der Naziideologie wurden. Es ist zweifellos so, dass wir hier von einem handfesten Rassismus sprechen müssen!
        Die Aufnahme der Flüchtlinge gelang nirgendwo problemlos, auch wenn Deutsche zu Deutschen kamen. Für die einheimischen Menschen fühlte sich das wirklich nicht so nicht an. Die Flüchtlinge und Vertriebenen kamen oft aus Lagern, viele hatten Gewalt erlebt, waren in einem erbärmlichen und zerlumpten Zustand, als sie ankamen. Damit entsprachen sie in vielem dem Klischee der einheimischen Bevölkerung, das ihr früher eingetrichtert wurde. Es gab ganz eindeutig Fremdenfeindlichkeit!
        (Erinnert uns das nicht an viele Begebenheiten unserer jetzigen Zeit?)
Da gab es z.B. einen Herrn Fischbacher, der Mitbegründer der Bayern-Partei(*) warOstermontag 1947 erklärte er in einer Rede in Traunstein:
»Die Flüchtlinge müssen hinausgeworfen werden, und die Bauern müssen dabei tatkräftig mithelfen«, schärfte Fischbacher seinen Zuhörern ein. Und er nennt es »Blutschande«, wenn ein »Bauernsohn eine norddeutsche Blondine heirate«. Am besten schicke man die Preußen mit ihren »geschminkten Weibsen mit lackierten Fingernägeln« gleich »nach Sibirien«.

Dieser hässliche Erguss fand ihren Weg bis in die Redaktion des »Spiegels«, dessen erste Ausgabe soeben erschienen war. 
Das Magazin berichtete am 19. April 1947 ausführlich. Leider blieb diese Hassrede kein Einzelfall. Landtagspräsident Michael Horlacher, einer der Mitbegründer der CSU, machte sich dafür stark, dass Bayern den Bayern gehöre.
Und Andreas Schachner von der Bayernpartei klagte darüber, dass sich so viele Fremde an den bayerischen Futterkrippen bedienten, »dass Pogrome nötig wären, um die Gerechtigkeit wiederherzustellen«.
        Es sieht jetzt so aus, als wenn ich genau in diese Kerbe schlagen wollte, indem ich dies alles erwähne. Mitnichten, ich will nur aufzeigen, dass entgegen der landläufigen Meinung heutiger Politiker, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit kein Ergebnis unserer Zeit ist, sondern ständig vorhanden war.
        Jeder unserer Schwestern und Brüder aus den neuen(?) Bundesländern weiß davon ein Lied zu singen! (Gottlob nicht so offensichtlich wie 1945, als  Schilder an den Straßen standen mit der Aufschrift:
Flüchtlinge unerwünscht )

Ein »Willkommen« gilt immer nur für eine relativ kurze Zeit, dann aber schlägt die Kompassnadel genau in die entgegengesetzte Richtung aus.
Wer könnte das ändern? Wer???


2021 H.C.G.Lux


(*)Die Bayernpartei e. V. ist eine Landespartei
in Bayern und strebt die Wiedererlangung der
Unabhängigkeit des Freistaates an. Sie hat heute
noch einen Anteil landesweit von 0,8 % der letzten BTW

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Kommentare (8)

Roxanna

Immer wieder an anderen Stellen habe ich erzählt, dass meine Familie aus Oberschlesien flüchten musste. Über Österreich, Ulm an der Donau wurden sie, meine Mutter und meine drei Geschwister auf einem Bauernhof auf der Schwäbischen Alb in zwei Dachkammern zwangseingewiesen. Die schwäbische Bäuerin hat ihnen alles, was möglich war zu Leid gemacht. Verstanden haben sie kein Wort des schwäbischen Dialektes. Später kam mein Vater nach einer langen Odyssee ebenfalls dort an und ich wurde dort hineingeboren. Dieser Zustand dauerte 10 Jahre. Es hat die Familie in einer Weise geprägt, die nicht wirklich wieder gutzumachen war. Es ist ein Einzelschicksal, du Horst, meintest eher das Große und Ganze. Alles hat Spuren hinterlassen, die noch in die nächste Generation hineinreichen, vielleicht noch nicht einmal mehr bewußt. Den Ausdruck Rucksackdeutsche kenne ich auch sehr wohl. Alles, was aus dem Osten kam, waren Polacken.

Gruß
Brigitte

Pan

Gewiss, ich meinte schon das Ganze. Aber - ich habe alles selbst erlebt, liebe Roxanna. Und es gibt unendlich viele Dinge aus jener Zeit, die haben sich im Geist festgefressen, da kann man tausendmal sagen: "Einmal muss doch Schluss sein."
Es darf einfach nicht Schluss sein, wir sehen es doch schon wieder, wenn wir nicht nur die Augen verschließen!
Danke.

Rosi65

@Roxanna
 
Liebe Roxanna, 
auch meine Eltern waren Flüchtlinge aus Ost- und Westpreußen.
Meine Mutter wurde mit ihrem Baby von Onkel und Tante im Ruhrgebiet aufgenommen.
Als mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft kam erhielt die kleine Familie eine "Wohnung." Es war ein Kellerraum.

Herzlichen Gruß
    Rosi65

 

Roxanna

@Rosi65  

Eigentlich, liebe Rosi kann man für das Erzählen dieser schlimmen Umstände damals keine Gefällt-mir-Herzchen geben, nimm es als Zeichen, dass ich gelesen habe, was du geschrieben hast. Man könnte sagen, und das tun auch viele, es ist doch schon so lange her, lass das doch endlich mal ruhen. Aber das ist nicht so einfach. Immer wieder taucht es eben mal auf.

Liebe Abendgrüße
Brigitte

Pan

"Niemals!" 
Wer  die Vergangenheit nicht mehr erkennen will, kann die Gegenwart nicht verstehen. Und wer schweigt --- 
Wir sehen es doch heute: Niemand scheint etwas dazugelernt zu haben, die "braune Soße" rührt doch schon wieder im gleichen Topf!

Wolfgang Petry sang schon vor Jahren:

… wer die Augen schließt
Wird nie die Wahrheit sehen
Wer noch länger schweigt
Wird schweigend untergehen
Nur bis hierher und nicht weiter
Und nicht alles ist mir gleich
Lieber einmal nein
als tausendmal vielleicht …


 

Rosi65

Lieber Horst,
verschiedener konnten zwei Welten wohl kaum sein!

Auf der einen Seite standen die Besitzenden, die schon seit Generationszeiten auf ihrem Stück Heimatland lebten, und die das Schicksal vor einer Vertreibung mit großem Glück verschont hatte, und auf der anderen Seite Millionen obdachloser Flüchtlinge. Ganz arme Schlucker, richtige Bettler ohne Rückfahrkarte.
Manche der Vertriebenen hatten Verwandte, die ihnen einen Unterschlupf gewährten.
Andere kamen nur durch Zwangseinquartierungen unter.
Eine denkbar schlechte Voraussetzung für ein soziales Miteinander in einer erfolgreichen Zukunft.  

Beste Grüße
   Rosi65

Rosenbusch

@Rosi65
Jeder hat so seine eigenen Erfahrung was Flucht und Vertreibung nach dem Ende des 2.Weltkrieges anbelangt. Meine Eltern wurde erst aus ihrer Heimat in  Russland vertrieben, lebten dann im Lager in Polen aus dem sie dann in den letzten Kriegstagen per Pferdewagen unter fürchterlichen Umständen fliehen mussten,  sie waren das, was man Rucksackdeutsche nannte. Ich wurde als einzige meiner beiden Geschwister 1946 hier in Deutschland in einer Flüchtlingsbaracke geboren,  da lebten wir 7 Jahre unter Umständen die ubeschreiblich waren, Hitze oder Kälte,5 Personen in 2 Räumen, Wasser musste geholt werden, 2 Plumsklos für ca. 100 Menschen. Natürlich wurden wir gehasst, die Einheimischen hatten Angst, dass wir Hilfe bekamen,die sie nicht bekamen, die Armut war überall,deshalb war das wohl mit ein Grund, wir waren unerwünschte Eindringlinge und wir Kinder bekamen den Hass von Lehrern und Mitschüler zu spüren, wir litten furchtbar. Meine Mutter pflegte immer zu sagen, die Einheimischen mögen das oder jenes nicht, also versuchten wir uns anzupassen wo es ging.
Es hinterlies Spuren, wir  Kinder zogen auch als wir Erwachsen waren und die Eltern tot, alle weg.

Ich hörte erst vor kurzem,warum geht ihr dann nicht zurück, es ist doch Frieden in Russland,man vergisst immer,dass wir Deutsche waren.

Grüße
Rosenbusch

Rosi65

Liebe Rosenbusch,

das war eine regelrechte Kollektivstrafe, bei der man noch nicht einmal auf die Not der kleinsten Kinder Rücksicht genommen hat. Die schönste Zeit des Lebens ist doch die der Kinder- und Jugendzeit, die man Dir, und allen anderen Betroffenen quasi gestohlen hat. Man sollte alle erlebten Geschichten und Beweisfotos für die Nachwelt dokumentieren, als Mahnung gegen das Vergessen. Deine persönliche Geschichte hat mich sehr berührt. Danke fürs Erzählen.

Herzlichen Gruß
    Rosi65


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