Schön, aber teuflisch giftig!







Schön, aber teuflisch giftig!

 Schön ist sie, die robuste Pflanze,
sehr schön, aber teuflisch giftig,
dennoch birgt sie manch edle Schätze,
für Arzneien äußerst wichtig.
 
Gesellig wächst sie am Wegesrand,
nicht selten auch auf Schutthalden,
Hauptsache nur, sonnig ist der Stand
und die Wurzeln Wasser finden
 
im Grundbett nährstoffreicher Böden –
vielleicht mit Brandasche versetzt –
dort gern die Pflanzen sich ausbreiten,
mit and’ren Stauden eng vernetzt.
 
Gold’ne Perlen wie Westenknöpfe,
dicht gedrängt im Blütenteller,
verströmen bitterherbe Düfte
als Fraßwarnung in den Äther.
 
Tiere schlagen ’nen weiten Bogen,
kein Schmetterling sich nieder lässt,
lediglich kleine Raupen* wagen
sich hungrig in das Blütennest.
 
Einstens nahm man das frische Kräutich,
legte zur Leich’ es in den Sarg,
so blieb sie drei Tage ansehnlich,
bevor man sie im Tuch* verbarg.
 
Auch setzte man gern kräft’ge Pflanzen
zwischen die Kartoffelreihen,
den Duft fliehen die Käferwanzen
und die Knollen wohl gedeihen.
 
Aber noch and’res Ungeziefer
wird mit Pflanzensud vertrieben –
Blattläuse, Milben, Himbeerkäfer
Saft vom Kraut wirklich nicht lieben!
 
Der Pflanze Öldünste vertreiben
Mehltau, auch die Weiße Fliege*,
dies sichert – wie Gärtner beschreiben –
herbstens beste Fruchterträge.

Das Kraut enthält Chlorogensäure*
im Verbund mit Axillarin*,
doch noch andere Inhaltsstoffe
stecken tief in der Pflanze drin:
 
Bitterstoff, Thujon*, auch Pyrethrin*,
Gerbstoff, Kampfer, Glykoside* –
wichtig für wirksame Medizin,
die man gerne Kranken gebe
 
bei Krämpfen, Würmern, Hämorrhoiden,
Furunkeln, Rheuma, Krampfadern,
ebenso auch bei Hautreizungen
und schmerzenden Verstauchungen.
 
Doch sei stets Vorsicht angeraten,
vor allzu hoher Dosierung,
drum sei der Einsatz vorbehalten
nur dem Kenner der Anwendung!
 
Jedermann ist das Kraut gut bekannt –
Peerknöpe*, Wormkruud*, Matblämen*
auch Pompelblume* wird es genannt –
wir es wohl als Rainfarn* kennen.
 
© Syrdal 2019
 
......................................
 
Erklärungen:
*Raupen = Rainfarn ist die Futterpflanze der Raupen des Rainfarn-Mönchs (Cucullia tanaceti), des Smaragdspanners (Antonechloris smaragdaria) sowie einiger anderer Spanner und Eulenfalter, vor allem aber der Sackträgermotte (Coleophora tanaceti).
*Tuch = Leichentuch. Die ätherischen Ausdünstungen des Rainfarns verzögert die Wirkung von Zersetzungsstoffen (Bakterien), so dass – wie es früher oft Brauch war – Verstorbene drei Tage zur Abschiednahme offen aufgebettet werden konnten, bevor sie ins Tuch gehüllt wurden.
*Weiße Fliege = Fraßschädling, der gerne in feuchter Umgebung an Nutz- und Zierpflanzen nistet
*Chlorogensäure = Antioxidans (Radikalfänger), das die menschliche DNA schützt
*Axillarin = O-methyliertes Flavonol, das als Antioxidans u.a. die Entstehung der Arteriosklerose hemmt
*Thujon = Leber und Galle stimulierende farblose bicyclische Monoterpen-Ketone mit mentholartigem Geruch
* Pyrethrin = Naturstoff (Biomolekül) mit bakterizider Wirkung
*Glykoside = wichtige Pflanzeninhaltsstoffe für medizinische oder therapeutische Anwendungen
* Peerknöpe = Name des Reinfarn um Oldenburg
*Wormkruud = Name in Ostfriesland
*Matblämen = Name in Siebenbürgen
*Pompelblume = Name in Schlesien
*Rainfarn = giftige, in Mitteleuropa häufig verbreitete wintergrüne krautige Halbrosettenpflanze aus der Familie der Korbblütler (Asteraceae) mit vielen, in der Medizin zum Einsatz gelangenden Pflanzeninhaltsstoffen



 

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Kommentare (11)

Christine62laechel

Lieber Syrdal,

der Umfang Deines Wissens setzt mich immer wieder in Begeisterung. Und die Form, in der man über vieles erfahren kann - über diese Pflanze zum Beispiel, die man ja vom Sehen gut kann - braucht ja auch viel Aufwand. Dir macht es wahrscheinlich Spaß - Deinen Leserinnen und Lesern gewiß auch (mir auf jeden Fall).

Mit Grüßen
Christine

Syrdal


Nun ja, liebe Christine, mit dem Wissen ist das so eine Sache.
Ich denke, es hat wohl ein jeder so seine speziellen Interessengebiete mit jeweils umfangreichen Kenntnissen. Mir haben es u.a. eben die heimischen Pflanzen angetan, insbesondere die Heilpflanzen. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil vieles vom Wissen der alten „Kräuterweiblein“ und der Schamanen und Naturheilkundigen unserer frühen Vorfahren nahezu in Vergessenheit geraten ist. Insofern ist es interessant, solches altes Wissen wieder ans Licht zu bringen, wobei ich ja immer nur einen relativ kleinen Teil all dessen bringen kann, was es eigentlich in der ganzen Tiefe über die jeweilige Pflanze und deren Anwendungen, über die Herstellung von Arzneimitteln, Tees, Tinkturen usw. zu sagen gäbe. Ja, aufwändig ist das, aber ich halte es auch für wichtig, hin und wieder an die heilkräfte der Natur zu erinnern. – Wenn dann das, was ich darzubieten habe, bei den Lesern Interesse erregt, ist es mir eine rechte Freude... für die ich nun auch Dir Dank sagen kann.
 
Liebe Grüße aus den mitteldeutschen Bergen mit noch immer reichhaltiger Flora
Syrdal
 

HeCaro

Lieber Syrdal

diesmal hast Du eine Pflanze beschrieben, von der ich weder gehört
noch sie je gesehen habe. Erstaunlich gegen wieviele Beschwerden
man sie verwenden kann. Dein Gedicht ist gut zu lesen und wieder
gleichzeitig informativ und verständlich geschrieben. Wieder was
gelernt. Danke.

Liebe Grüße, Carola

Syrdal


Das erstaunt mich aber, liebe Carola, denn der Rainfarn ist doch so verbreitet und vom Frühjahr bis in den September hinein an vielen Stellen zu sehen. Wie auch immer, jetzt wird er Dir bestimmt beim nächsten Spaziergang auffallen und Du weißt nun, mit ihm umzugehen...
 
Danke für Dein Interesse, aber Vorsicht mit dem Rainfarn, er ist zwar schön, aber auch giftig. Ihn zu nutzen bedarf guter Kenntnis.
 
Liebe Grüße zum Abend
Syrdal 

HeCaro

@Syrdal  

Danke für die Warnung, ich werde sie beherzigen.
LG Carola

Tulpenbluete13

Lieber Syrdal,

der Rainfarn trotzt bei uns der anhaltenden Trockenheit.. Alles andere liegt schon "ermattet" am Boden und er leuchtet immer noch mit seinem strahlendem Gelb.

Wie Du anschaulich geschildert hast (Respekt!!)ist das wieder so eine "Allerweltspflanze" die fast für oder gegen alles gut ist.

Ich hatte sie auch immer gern als Blumenstrauß in der Vase, aber sie riecht  nicht gerade so gut...trotzdem sie ist in der Natur und in der Vase ein lohnender Blickfang..

Danke für Deine Hommage in Versform- wie immer einfach Spitze..

Einen lieben Gruß schickt Dir
Angelika

Syrdal


Liebe Angelika,
der Rainfarn ist eine recht robuste Pflanze, die eine ganze Strecke Trockenheit ganz gut aushalten kann (ähnlich wie Schafgarbe). In einem schönen Feldblumenstrauß machen sich die goldenen Blüten immer recht gut. – Allerdings muss man beachten, dass die Pflanze zu ihrem Schutz ätherische Öle sezerniert, die den etwas strengen Duft hervorrufen. Das ist halt eine Eigenart des Rainfarn, die man ja auch von der Margerite kennt.
Wie auch immer, eine schöne Blume ist der Rainfarn allemal und ein Strauß draußen auf dem Balkontisch ist sicher eine hübsche Freude.
 
Danke für Deine lobenden Worte und
liebe Grüße nach Franken von
Syrdal

Manfred36

Glaubst du, dass es früher "Naturmenschen" gab, die das Alles wussten?

Syrdal


Ja es gab sie... und es gibt sie – zwar sehr selten – auch heute noch.
Pflanzenheilerinnen hat es zu allen Zeiten und in allen Kulturen gegeben...
 
...sagt mit überzeugtem Gruß
Syrdal 

kleiber

Na super...nun weiss ich mehr...Daumen hoch

Diese Pflanzen wachsen massenhaft an Wegrändern.
Ich habe noch nicht gewusst,daß sie giftig sind.


Wurden auch in kleine Feldsträusschen mit anderen Blumen
Margeriten und Butterblumen zu kleinen Sträusschen geflückt.

Es war hochinterressant deine Aufklärung zu lesen...
es gibt doch vieles was man nicht weis.

Lieber Syrdal ...danke ...herzlich Margit

Syrdal


Das umfangreiche Wissen früherer Generationen über die Heilkräfte der Natur und deren praktische Anwendung, freilich auch über gefährliche Gifte und den sorgsamen Umgang mit ihnen, ist uns heute kaum noch gegenwärtig. Umso mehr staunt man über all das, was in den uns fast täglich „begegnenden“ Pflanzen und Blumen steckt. Und viele Pflanzeninhaltsstoffe sind in modernen Medikamenten enthalten oder wurden zumindest als Vorlage zur Synthetisierung genutzt.
 
Dir, lieb Margit, sei Dank für Deine zugefügten Gedanken zum Gedicht über den Rainfarn.

Sonnige Grüße zur Wochenmitte
Syrdal


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