Shalom


Ellen ist gerade 18 geworden und hat dieses Jahr ihr Abitur gemacht. Anfang des Jahres stand die Abschlussfahrt mit ihrer Jahrgangsstufe an, und ich fragte sie, wohin es denn ginge.
 
„Nach Polen“, war die Antwort, die mich sehr erstaunte. Ellen ist ein Sprachtalent, ihre Lieblingsfächer sind Englisch, Französisch und Spanisch, und ich bin verwundert, dass sie nicht nach London, Paris oder Barcelona fahren wollte. Städte, die auch im Angebot für die Fahrt der Gymnasium-Stufe waren.
 
„Nein“, meint Ellen, „nach Polen fahren die netteren Leute aus meiner Stufe mit.“ Aha, das Ziel wird also nach Freundschaftskriterien und nicht nach Attraktivität ausgesucht. Das ist mir fremd und neu, aber ich finde es interessant.
 
Auf „Polen“ müssen die jungen Leute sich vorbereiten. Sie bereisen außer Warschau und Krakau auch Oświęcim, wie „Auschwitz“ in polnischer Sprache heißt. Ellen kommt irgendwann vorbei, um sich von mir einige Reiseführer in Sachen Polen auszuleihen. Das Internet bietet für das Referat, das sie über ein kleines Museum in Krakau halten soll, zu wenig Information.
 
Wir kommen ins Gespräch, und ich frage, ob sie sich auch schon über „Auschwitz“, die Besichtigung der Lager dort, Gedanken gemacht habe. Ich höre heraus, dass sie ein wenig Angst davor hat, dass sie aber froh ist, im Kreis von Freunden und Freundinnen zu sein, und dass sie sich das „auf jeden Fall ansehen wollen“, nicht nur, weil es nun mal auf dem Programm steht. Sie verspricht sich davon, mehr begreifen zu können von dem, was sie im Geschichtsunterricht gelernt hat und wo, wie sie sagt, soviel unfassbar war, dass ihr manchmal Zweifel kamen, auch wenn sie um die Realitäten wisse.
 
Als Ellen mit ihrer Gruppe aus Polen zurück ist, besucht sie mich wieder.
Sie gibt die Reiseführer zurück, bedankt sich und erzählt fast ausschließlich von Auschwitz.
 
Sie haben zunächst das Lager in Auschwitz besucht, die Baracken angeschaut, die Informationen bieten, aber auch das ausstellen, was den Menschen vor Jahren abgenommen und dort gesammelt wurde. Am meisten hat Ellen der Raum beeindruckt, in dem eine Unzahl an Koffern gestapelt ist. Da ist ihr klar geworden, dass die Verfolgten dieser Zeit hierhin ihre letzte Reise angetreten haben.
 
Zu Beginn der Führung haben sie im Filmsaal des Lagers Auschwitz einen kurzen Aufklärungsfilm über die Befreiung von Auschwitz gesehen. Ich kenne diesen Film auch und kann verstehen, dass Ellen allein beim Erzählen über diesen Film Tränen in die Augen treten. Als ich vor einigen Jahren in Auschwitz war, habe ich den Film zusammen mit einer Gruppe von Juden aus Israel und Amerika gesehen, und als wir den Filmsaal verließen, gab es niemanden, der nicht geweint hat.
 
Zu Fuß sind Ellen und ihre Mitschülerinnen nach Birkenau gegangen. Sie hätten auch den Pendelbus nehmen können, aber sie wollten zu Fuß unterwegs sein, in dem Gedanken, dass die Insassen von Auschwitz den Weg auch zu Fuß zurücklegen mussten. Außerdem sieht man auf dem letzten Teil der Strecke sehr gut die Bahnstrecke, die vom Bahnhof Oświęcim mitten hinein in das Lager Birkenau führt. Das Foto der Bahngleise mitten durch Birkenau ist ja sehr bekannt.
 
Ellen berichtet, dass sie völlig irritiert gewesen sei von der Größe und Weite des Lagers Birkenau. Sie seien entlang der Schienen gegangen bis zu der Rampe, wo die Züge ankamen und über das weitere Schicksal der Insassen entschieden wurde: Durften sie noch ein wenig weiter leben und arbeiten, oder kamen sie direkt in die Gaskammern?
 
Ellen hatte sehr lebendige Bilder vor Augen, sie stellte sich ganz konkret Frauen mit Kindern vor, über deren Schicksal an dieser Stelle im Lager mit extremer Willkür entschieden wurde. Ellen war fähig, bei diesen Menschenmassen, die das Lager durchlaufen haben, den einzelnen Menschen zu sehen – und indem sie diese Fähigkeit hat – ihn zu würdigen, jeden einzelnen.
Ich war beeindruckt, wie sie ihre Gefühle beschrieb, die sie in Birkenau hatte.
 
Am Ende der Rampe kamen Ellen und ihre Mitschülerinnen zu einem Berg aus Betonplatten. Die Überreste der gesprengten Gaskammern. Betreten verboten.
 
Daneben das Denkmal, dessen Inschrift in vielen Sprachen verfasst ist. Ellen und ihre Gruppe haben sich an diesem Denkmal niedergelassen. Sie sagt, alle waren ruhig, es wurde kaum geredet – jeder war mit sich und seinen Gedanken beschäftigt. Sie haben lange dort gesessen, und schließlich habe eine ihrer Mitschülerinnen angefangen zu summen. Shalom shaverim. Sie haben es alle gesungen, aber sehr leise. Etwas entfernt von ihnen hätte eine Gruppe Jugendlicher aus Italien gesessen, und plötzlich sangen die auch, und eine kleine Gruppe amerikanischer Studenten, und ein paar einzelne Besucher…
 
Dann seien sie aufgebrochen, aber sie hätten weiter gesummt, ganz leise, aber doch hörbar. So seien sie in Richtung Ausgang gegangen – leise, vorsichtig, summend, mehr wissend, ahnend, in dem Gespür, was „Shalom“ bedeutet; vor allem aber in dem Bewusstsein: Wir können aus diesem Lager wieder hinaus. Hinaus in die Freiheit. Und in dieser Freiheit haben wir Verantwortung. Verantwortung für das Gedenken, Verantwortung für die Freiheit.
 
 


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