SINN NUMMER FÜNF3/4?



SINN NUMMER FÜNF3/4?

Hier war es auf einmal so still wie im Totenhaus. Meine junge Teilnehmergruppe war soeben freudig und laut zum Mittagessen geeilt. Jetzt saß ich allein am PC und gab schnell die Daten des heutigen Unterrichts in das elektronische Klassenbuch ein.

Während über mir, in den oberen Etagen des Unterweisungsgebäudes, jetzt gerade das pralle Leben tobte, war hier unten gar nichts davon zu hören. Das war der Vorteil des kleinen Schulungsraumes, denn er befand sich in der Tiefparterre. Besser gesagt, im Keller, denn das Gebäude lag an einem Hang.

Im Hochsommer war der Raum angenehm kühl, und im Winter dagegen immer muckelig warm. Die vergitterten Fenster vermittelten allerdings immer den herben Charme einer Gefängniszelle. Aus Sicherheitsgründen existierte deshalb ein zweiter Notausgang, den man aber nur über den Fluchtweg, durch finstere Kellergänge erreichen konnte. Der Souterrainraum wurde nur deshalb von der Berufsgenossenschaft als zusätzliche Unterrichtsstätte abgenommen.

Die Hälfte des neuen Themas war bereits dokumentiert, als ich mich plötzlich beobachtet fühlte. Ich schaute kurz auf, konnte aber niemanden entdecken. Nein, da war keiner. Dieses unbehagliche Gefühl schwächte kurz ab, um dann noch intensiver zu mir zurückzukehren. Ich spürte genau, dass ich hier nicht allein war. Irgend etwas beobachtete mich. Wer oder was war das?

Ich dachte an die dunklen Nischen des Fluchtweges, die fast wie Katakomben eine gute Hintergrundkulisse für jeden Tatortkrimi abgeben würden. Keines der Mädchen traute sich dort bei der Sicherheitsunterweisung alleine durch. Der schwere Schrank stand auch noch auf seinem Platz, denn er verbarg mit seiner Größe eine Verbindungstür. Wo führte die eigentlich hin? Jetzt wurde mir so richtig unheimlich zumute, denn mein Körper wurde regelrecht von fremden Blicken durchströmt.
 
So, jetzt reichte es aber!!! Ich sprang auf und drehte mich heftig zu den Fenstern hin. Dann sah ich es!
Es war am letzten Fenster. Ein grünes Augenpaar starrte mich durch die Fenstergitter hypnotisch an.

"Ach, Du bist das!!!" stellte ich mit großer Erleichterung fest. Die Augen gehörten zu unserem Moppel.
Es war der Jugenddorfkater, der mich die ganze Zeit durch das Fenster beobachtet hatte. Jetzt mauzte er erfreut, als er merkte, dass ich ihn entdeckt hatte. Wir liefen beide synchron zum Ausgang...nur ich von innen, und er von außen.
Dort streichelte ich dem freundlichem Tier das dicke gestreifte Fell. Noch nie hatte ich mich vorher so über den Anblick des Katers gefreut.

katzenaugen.jpg

Es bleibt mir allerdings ein Rätsel, welcher Sinn mir den Blick eines Tieres verraten konnte.

Rosi65
 


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Kommentare (9)

Christine62laechel


Obwohl man ein gutes Ende erwarten konnte, hast du es so geschickt beschrieben, liebe Rosi, dass es auch mir so ein wenig unheimlich wurde (das Foto habe ich erst später auf meinem Bildschirm sehen können). Da konntest du wirklich erleichtert sein; in solchen Räumen konnte doch eine echte Gefahr lauern. Was dir der Kater mit seinem Blick sagen wollte? Schwer zu sagen, doch eines steht fest: So ein Blick bedeutet schon immer etwas! :)

Mit herzlichen Grüßen
Christine

Rosi65

Liebe Christine,

damals bemühte ich mich natürlich, die Geschäftsleitung davon zu überzeugen, dass die Theorie, an Ort und Stelle des Geschehens, ein sinnvolleres Lernen verspräche. Der Hausmeister stellte uns eine Tafel im hinteren Bereich des "Übungsgeschäftes" auf, und wir mussten nie wieder in diesen Kellerraum ausweichen.
Habe jetzt ein wenig nach den Fotos suchen müssen, aber ich wollte es Dir doch gerne mal zeigen.

cjd.JPG
Eingangsbereich, ganz hinten die Tür zum Lager
cjd4.jpgLadenmitte und rechts das Büro
cjd2.JPG
cjd5.jpgSitzecke, leider etwas verdeckt, mit 12 Plätzen und der Tafel

Herzliche Grüße
    Rosi65
 

Christine62laechel

@Rosi65  

Danke für die interssanten Fotos, liebe Rosi.

Ja, in so gut ausgestatteten Räumen kann man einen modernen Unterricht machen. Ich habe an meiner Schule 25 Jahre lang gearbeitet, und mein Klassenraum war leider nie so modern, wie ich es mir gut vorstellen konnte, und worum ich die Direktion immer wieder bat. Vielleicht waren sie es nicht bewußt, dass auch die künftigen Köche, Kellner, Rezeptionisten (ich war an einem Oberschulkomplex tätig) ja auch die Fremdsprachen gut kennen sollten; seit so vielen Jahren sind wir ja in der EU! Und hoffentlich bleiben wir da auch, trotz allem, was hier nun geschehen könnte.

Die Klassenräume, wo die Schüler ihre Berufe erlernten, waren dafür nicht schlecht ausgestattet; auf dem Foto da ein Klassenraum, wo künftige Baristen und Kellner (rechts befanden sich da mehrere Tische mit Stühlen) üben konnten.

Mit lieben Grüßen
Christine

kelnerzy.jpg

Muscari

Liebe Rosi,

Deine Schilderung und die Beschreibung der unheimlichen Umgebung erschienen mir tatsächlich wie ein gruseliger Krimi.

Ist schon seltsam, dass man ein Gespür hat für derart geheimnisvolle Blicke.
Wie erlösend, dass es sich aber dann um Moppel, den Kater handelte.
Welch eine Erleichterung.

Es grüßt Dich herzlich und ohne Gruseln,
Andrea

Rosi65

Liebe Andrea,

es war wirklich unheimlich! Vielleicht hat es auch nur funktioniert weil ich in diesem Moment ganz ungestört und allein war.

Herzliche Grüße
   Rosi65

WurzelFluegel

alles ist miteinander verbunden - Menschen - Tiere - Pflanzen
deshalb können wir andere Wesen auch nonverbal erreichen (das ist meine einfache Erklärung)

es ergibt sich aus einer Art Fokussierung, die diese Verbindung bewusst werden lässt - das andere Wesen bemerkt es und reagiert

probiert es aus - fokussiert euch ganz auf einen Mitmenschen in eurer Nähe - es wird nicht lange dauern bis er aufblickt, häufig genau in eure Richtung oder mit suchendem Blick

als ich jünger war, habe ich das irgendwann entdeckt und eine Weile experimentiert - die Reaktionsquote ist hoch 
ich erinnere mich gerade, dass es mir ziemlich viel Spaß gemacht hatte 😅 

lieben Gruß
WurzelFluegel


 

Rosi65

 Dank Dir schön, liebe WurzelFlügel, für Deinen Tipp.
 Wenn ich morgen im Supermarkt bin, werde ich diese "nonverbale       Kommunikation" mal ganz vorsichtig antesten. Bin gespannt...

 Herzlichen Gruß
     Rosi65

Roxanna

Das. liebe Rosi würde ich auch gerne mal wissen, warum man spürt, wenn man beobachtet oder gemustert wird? Wenn es jemand weiß, bitte verraten. Ich habe mich mit dir gegruselt in diesem Verlies da unten. Meine Nerven wären da auch ins Flattern gekommen. Spannend geschrieben und so nett aufgelöst. Was für ein liebes Katerle, er wollte sich einfach Streicheleinheiten abholen. Da hätte er doch mal ans Fenster klopfen können 😁.

Herzliche Grüße
Brigitte

Rosi65


Ja, liebe Roxanna, das Anklopfen wäre bestimmt sehr hilfreich gewesen, aber sicher wollte er mich nur nicht stören.😊
Menschliche Blicke habe ich vereinzelt auch schon mal gespürt, aber niemals zuvor die eines Tieres.

Viele Grüße
  Rosi65

 


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