Am Stadttor.jpg


So oder so…

Viel hat er gesehn, der Wandersmann
auf seinem Weg durch die Lande,
kommt abends bei einem Städtchen an
zur lichtmilden blauen Stunde,

sieht vor dem Tor einen greisen Mann
mit altersgütigen Augen,
zu diesem tritt er grüßend heran,
um freundlich ihn zu befragen:

„Wie sind die Menschen in dieser Stadt,
wird gut man behandelt als Gast?
„Sag’ du mir erst, wie waren sie dort,
im Städtchen, wo gestern du warst?“

„Sie waren freundlich, ein jeder hat
nett gegrüßt und mich empfangen“,
„Genau so sind sie in dieser Stadt,
wirst hier es gleichsam vorfinden.“

Der Fremde dankte dem alten Mann,
ging schwingenden Schrittes durchs Tor,
er sah sich alles ganz genau an,
fand rundherum Gastfreundschaft vor.

Zu später Stund’ ein anderer kam,
auch er sieht den Greis vor dem Tor,
schlürfenden Schrittes tritt er heran,
schreit lauthals dem Alten ins Ohr:

„Wie sind die Menschen in dieser Stadt,
wird gut man behandelt als Gast?
„Sag’ du mir erst, wie waren sie dort,
im Städtchen, wo gestern du warst?“

„Dort waren sie mürrisch, jeder hat
den anderen nicht verstanden.“
„Ich fürchte sehr, auch in dieser Stadt
ist das genauso vorhanden!“

...................................

So findet ein jeder dasselbe Ding
eben so, wie er es sehen will –
in den Gedanken allein liegt es drin,
der Persönlichkeit Herzensprofil.


© Syrdal 2017
 

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Kommentare (12)

taralenja1.11.

hallo syrdal,
da gibt es doch ein sprichwor t"wie man in den wald hineinruft, so schallt es heraus!" finde ich so wahr. wenn die putzfrau oder eine pflegerin bei mir waren und sie wollen wieder gehen, bedanke ich mich immer (!!!) bei den betreffenden. und wenn die antwort kommt "doch nicht dafür" sage ich, dass für mich nichts selbstverständlich ist. und ich habe (inzwischen) einen sehr guten kontakt zum personal.
ich finde, dass du in deinen gedichten immer die richtigen worte findest. und ich danke dir für das teilhaben lassen.
einen schönen herbsttag wünscht dir
taralenja1.11.

Syrdal

@taralenja1.11.

Aber ja, taralenja, dieses altbekannte Sprichwort – ich hatte es weiter unten schon mal angeführt – bezeichnet eine (zumeist) zutreffende Form menschlicher Begegnungen. Der Freundliche wird immer auf Freundlichkeit stoßen, der unfreundlich Mürrische allerdings wird kaum Freundlichkeit erfahren.
Und jeder, der von dir Dank bekommt, wird sich ganz sicher darüber freuen und kommt gerne in dein Zimmer. Genau so habe ich es auch erfahren, als ich vor einiger Zeit über knapp zwei Monate im Krankenhaus verbringen musste. Möge dir stets und immer Freundlichkeit entgegen kommen, dann strahlt auch draußen das milde Herbstlicht gleich viel wärmer…

Ermunterndes Licht bis hinein in dein Zimmer und Freude mit all den guten Menschen um dich herum wünscht dir
Syrdal  

ladybird

Lieber Syrdal,
eine solche Situation erlebt man eigentlich im täglichen Umgang mit seinen Mitmenschen ? Je nach dem wie sie angesprochen werden, reagieren sie oft genauso auch zurück...
Oftmals fehlt es an der Höflichkeitsform : bitte und danke , diese wird auffällig immer seltener...
vom sonnigen Herbst-Sonntag grüßt Dich
Renate

 

Syrdal

@ladybird

Wir aber, liebe Renate, bleiben bei dem, was tief und unzertrennlich in uns liegt: Höflichkeit und bitte und danke – auch wenn die Welt rundum noch so stumpf und stupide wird. Das müssen wir ja nicht mitmachen…

...meint mit lieben Sonntagsgrüßen
Syrdal  

indeed

Lieber Syrdal,

ich würde hier sagen: Achte auf deine Gedanken, denn sie bilden Worte und daraus entstehen Taten. Etwas abgewandelt, im Sinn aber gleichbedeutend.

Legt man einen guten Samen, pflegt ihn, wird auch etwas Gutes herauskommen. Das gilt auch für unsere Psyche. Es gibt derer so einige Gleichnisse.

Viele gute Gedanken und einen fröhlichen Guten Morgen zu dir von
Ingrid

 

Syrdal

@indeed

Liebe Ingrid, deine interpretierenden Gedanken treffen sehr wohl zu und freilich auch die Verbindung zu dem bekannten (dem Talmud zugesprochenen) Zitat: „Achte auf deine Gedanken…“

Doch ganz einfach und lebensnah gesehen, meint der Alte vor dem Tor: „Wie du in die Wald hinein rufst, so schallt‘s heraus!“ - Also: Wie man auf die Menschen zugeht, so verhalten sie sich. Und diese Erfahrung habe ich selbst auch immer wieder gemacht.

Mit Dank für deine inhaltsweisende Zugabe grüßt zum Sonntag
Syrdal  

indeed

@Syrdal
Lieber Syrdal! 
Das Zitat aus dem Talmud war lange Zeit mein Leitwort auf meinem Profil. Es kamen aber doch Stimmen auf, dass die Geister sich streiten, woher es ursprünglich kommt. Es ging hin bis auf die Worte von Buddha. Bin zum gleichen Ergebnis gekommen. So habe ich es dann entfernt und ist eigentlich auch gar nicht wichtig. Wichtig ist doch den Sinn zu erfassen und zu beherzigen. Es ist ja, in welcher Form auch immer es geschrieben wird, eine Wahrheit, um die man nicht herum kommt.

" Wie man auf die Menschen zugeht, so verhalten sie sich." Natürlich, im Allgemeinen darf man es so sehen. Selber teile ich die Erfahrung zwar auch, aber nur bedingt. Auch diese weniger schöne Erfahrung habe ich machen müssen, sogar hier im ST und das nicht nur einmal. Leider! 

Viele Sonnenstrahlen schicke ich von hier zu dir mit guten Wünschen für einen angenehmen Sonntag.
Ingrid


 

Syrdal

@indeed

Weil die tatsächliche Herkunft des bekannten Wortes umstritten ist, hatte ich auch die Klammer gesetzt. Doch ist der Ursprung ja eigentlich unbedeutend, der Sinn des Wortes ist das Wesentliche.

Und ja, liebe Ingrid, es gibt immer mal wieder auch enttäuschende Erfahrung im Miteinander. Diese aber sehe ich als bedauerliche Ausnahme. Ich buche sie ab unter „Man muss nicht jeden lieben…“ und gehe ohne Groll meinen freundlich-heiteren Weg weiter.

Die Sonnenstrahlen sind in Fülle angekommen – rundherum unter blauem Himmel. Ein wahrer „Sonntag“!
Danke sagt herzlich
Syrdal  

Manfred36

Wie versteht sich das:
Erbfeindschaften, Fremdenhass?
Jeder tut's in sich !

Syrdal

@Manfred36

Nun, lieber Manfred, ob hier Erbfeindschaft oder gar Fremdenhass eine Rolle spielt, möchte ich eher nicht annehmen. Es geht vielmehr darum, ob man offen und mit Zutrauen auf die Menschen und Begegnungen zugeht oder misstrauisch und verklemmt. - Das liegt in den Antworten des alten Mannes vor dem Tor...

...meint Syrdal  

BerndMichaelGrosch

Genau so liegen oft die Dinge der Welt - ist alles relativ 😃

Syrdal

@BerndMichaelGrosch

Aber ja, die Dinge dieser Welt und des Lebens liegen stets
so oder so…
 


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