Sommertraum aus alter Zeit


Sommertraum aus alter Zeit

Nachdem wir im Krieg alles verloren hatten und Vater als vermisst galt, musste Mutter nun schauen, wie sie ihre beiden Kinder, 4 und 10 Jahre alt, über die Runden bringen und vor allem neues Mobiliar heranschaffen konnte. Wir besaßen gerade mal zwei wackelige Betten, eine alte Stehlampe und einen Couchtisch, an dem wir auf dem Boden sitzend oder kniend unsere Suppe aßen. Und natürlich einen Kohleherd, auf dem diese Suppe zubereitet werden konnte.
Klar, dass eines Tages Mutter den angebotenen Job als Sekretärin bei einem Rechtsanwalt sofort annahm.
Meine kleine Schwester kam in ein Kinderheim und ich blieb mir zu Hause selbst überlassen.
 
Auch der August im Jahr 1947 war unglaublich heiß. Nach Recherchen im Internet las ich „37 Grad“.
 
An einem solchen Tag ließ ich wieder Schulaufgaben und alles andere liegen, als mich die Freundinnen zum Spielen abholten. Und wie so oft, war dann die "Kull" unser Ziel.
Die "Kull" war ein ehemaliger Steinbruch, von Sträuchern und wilden Blumen überwuchert. Ein wunderschöner, romantischer Ort. Hier summten die Bienen, flogen Schmetterlinge und liefen Hasen herum.
(Noch heute wird mir warm ums Herz, wenn ich daran zurück denke.)

Das Interessanteste aber waren die vielen Stellen, an denen Leute immer wieder Schutt abluden. Dort gingen wir auf Suche nach Scherben von buntem Porzellan und blumigen Tapetenresten, fanden alte Töpfe und sogar ein angerissenes Foto von Hitler. Aus herumliegenden Steinen und Brettern bauten wir kleine Tische und Stühle, um damit unter den Sträuchern kleine Wohnungen auszustaffieren. Die Tapetenreste und Porzellanscherben wurden als Dekoration an Zweigen befestigt, ebenso das Foto von Hitler.
Diese kleinen lauschigen Wohnungen unterm Blätterdach besaßen sogar ein Klo. Wir hatten ein Loch gebuddelt und drum herum alte Ziegelsteine gebaut, sodass das Klo auch bequem genutzt werden konnte. Und es wurde oft genutzt.
Die erste eigene Traumwohnung….

 
 


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Kommentare (10)

Muscari

Ihr Lieben,

jetzt wird es aber allerhöchste Zeit, mich für Eure freundlichen Kommentare und Herzspenden zu bedanken.
Gerade in diesen heißen Tagen kommen wir immer wieder Erinnerungen an ähnliche Zeiten vor vielen Jahren.
Und da man sowieso nur herum schleichen kann, setze ich mich lieber an meinen Lappi und schreibe, schreibe, schreibe.

Es stimmt, dass wir damals viel kreativer waren als das heute der Fall ist.
Es gäbe da noch unendlich viele Beispiele.
Und so sage ich nochmals Danke und grüße Euch herzlich.
Andrea

JuergenS

auch diesen Beitrag würde man doch im Forum auch gerne lesen, es haben ja so viele reflektiert. Wenn was bindet, dann doch solche Erlebnisse erzählen und nachempfinden, die in blanker Armut entstanden.

Sonne_k.png

indeed

Liebe Andrea,
diese Fantasie aus nichts sich eine Welt zu schaffen, besitzen Kinder auch heute nach überall dort, wo es nichts anderes gibt.
Ich finde es toll, dass ihr euch eine Wohnung gebaut habt. Habt wahrscheinlich auch Vater, Mutter und Kind gespielt. Das haben wir als Kinder auch getan, wobei meine Interessen schwerpunktmäßig anderer Natur waren. Ich spielte sehr gut und sehr viel mit dem Ball - alle möglichen Ballspiele und meistens war ich unter den Gewinnern. 
Ja, die Erinnerungen, jetzt kommen eine Menge in mir auf, die nichts mit deinem schönen Blog zu tun haben. 
Deshalb danke ich dir jetzt hier an dieser Stelle für deinen interessanten Beitrag und grüße dich sehr herzlich.
Ingrid

protes

ja, da tauchen erinnerungen auf
ohne spielsachen zu spielen
und ideen zu haben aus nichts was zu machen
da kann man übrigens sehen, dass nichts halt doch was ist
es gab keine langweile und die meisten waren gesund
und vor allem schlank .
es ist gut solche erinnerungen zu haben
liebe andrea
hade
 

ladybird

Ja, genau,liebe Andrea...
Deine "Traumwohnung" erinnert mich an unsere "Traumwohnungen"die wir uns in den Trümmern "bauten".....und dann "Vater-Mutter und Kind" spielten....das kleine Jüppchen war dann der Vater....
wie unbesorgt und glücklich wir doch waren.....erst später erfuhren wir, dass auf diesem Trümmergrundstück noch Granaten usw. gefunden wurden.....
Danke sehr für Deine Inspiration meiner so schönen Erinnerungen
mit Gruß von
Renate

Tulpenbluete13

Liebe Andrea,

es ist doch erstaunlich wie wenig man als Kind braucht um spielen zu können.... Das ist (fast) eine Geschichte aus einer anderen Welt... und ich kann mir sehr gut vorstellen daß Du bei dem einen oder anderem Steinhaufen daran erinnert wirst.....

Mich hat Deine Geschichte an einen Heckenrosenbusch erinnert den wir (Kinder) immer als unsere Stube "benutzten" und es darin gemütlich machten..... Es war einfach herrlich..wir hatten ein Dornröschenschloß...
Das ging ziemlich lange..bis  eines Tages ein Mensch seine Notdurft darin verrichtete und dann war auf das Dornröschenschloß im wahrsten Winne des Wortes gesch.....
Entschuldige bitte...aber so war es..

Deine Geschichte hat mir sehr gut gefallen und ich konnte es mir so richtig bildlich vorstellen.
Danke dafür.

Ein schönes Wochenende wünscht Dir
Angelika☀️🌸

Syrdal



So kärglich und notbeladen unsere frühen Kindheitsjahre auch waren, es waren glückliche Jahre: Keine Bomben, keine Flucht und plötzlich ungemein viel Freiheit. Wir konnte mit allem spielen, in Trümmern, in verlassenen Kellern, im Wald und sonst wo und niemand hatte ständig Angst, dass uns etwas passieren könnte…
Heute werden die Kinder nicht einmal alleine zur Schule geschickt, sie müssen mit dem Auto hingefahren werden, weil der Schulweg zu gefährlich für die zarten Kindlein sein könnte. Wie sich doch die Welt verändert hat...

...schaut sich mit ziemlichen Unverstand an und grüßt artig
Syrdal

 

nnamttor44

@Syrdal  
Es ist schon wahr, dass die Eltern heute leider ihre Kinder mit ihrem Pkw zur Schule fahren. Wenn es weite Wege sind, ist es ja irgendwie noch verständlich. Ich erinner mich gut an meine diversen Schulwege in einer Kinderzeit. Da war auch eine 12 km lange Fahrradfahrt Samstags zum Wochenende vom Internat eine Selbstverständlichkeit für mich 11-Jährige. Doch die Zeiten haben sich gravierend verändert.

Max Mama verlegte ihre Firma extra in die Nähe der Grundschule, die der Junge seit zwei Jahren besucht, damit er den einen Kilometer nach ein paar Einübungstage auch alleine bewältigen konnte. Es musste keine Straße überquert werden. Aber recht schnell kam er ein wenig ängstlich mittags in die Firma. Ein Mann hatte ihn eingeladen, mit ihm einkaufen zu gehen, um dem Jungen Schokolade zu schenken ...

Damit war seine Freiheit, den Schulweg allein zurückzulegen vorbei. Max hat sich zwar nicht darauf eingelassen, aber es zeigt dennoch, welche Gefahren auch auf kurzen Schulwegen auf die Jüngsten lauern.

Es gäbe so viel über dieses Thema zu berichten, weiß nachdenklich

Uschi

Manfred36

Ich war fast in derselben Situation und im selben Alter wie du. Nur mit dem Unterschied, dass da noch eine alte, überwiegend anderweit genutzte Schreinerwerkstatt war, wo man alles aus den Schuttablagen verarbeiten konnte, zumindest zeitweise. Auch Munition. Da war der Kreativität kein Ende.

Rosi65

Liebe Andrea,

auch in meiner Kinderzeit gab es noch solche verwilderten Gebiete, teilweise mit Trümmerresten, die uns magisch anzogen. Hier, in der Natur, konnten wir wunderbar unsere Freiheit beim Indianerspielen ausleben. Wir waren Forscher und Entdecker wenn wir mit Steinen, Blättern und Stöckchen spielten. Manchmal auch Kanal- und Brückenbauer, falls sich gerade größere Regenpfützen anboten. Damit formten wir uns unsere eigene kleine Welt. Gibt es eine schönere Grundlage, um damit die Fantasie eines Kindes anzuregen?

Deine Erfahrung zeigt, dass Kinder auch mit den einfachsten Dingen wunderbar spielen können.

Herzliche Grüße
   Rosi65
 


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