Wie zu erwarten war, machen sich bereits jetzt, wenige Wochen nach dem Tod der Queen, manche Leute daran, über die genaue Todesursache zu spekulieren. Das Königshaus ist nicht besonders hilfreich dabei, diesen Spekulationen entgegenzuwirken. So veröffentlichte es die Todesurkunde der Queen, in der "Old age" also das Alter bzw. Altersschwäche als Todesursache angegeben wird. 

Ja, mit 96 darf man auch mal gehen. Wieso überhaupt? Wieso erst mit 96? Wieso nicht schon nach einem Tag? Wieso überhaupt auf die Welt kommen und diese ganze Mühsal durchmachen, um am Ende doch bestattet zu werden? 

Schöner wäre gewesen, wenn auf dem Totenschein sowas wie "Das Leben hat sich gerundet" stehen würde. Oder knapper: "Fulfilled life" oder: "Mission accomplished" oder: "Graduation", meinetwegen "Bacherlor's" oder "Master's Degree". 

Es gibt tatsächlich Leute, sogenannte Nahtod-Erfahrene, die behaupten, es gebe ein Jenseits mit unterschiedlichen Räumlichkeiten. Je nachdem, welche Note man in diesem Leben erzielt habe, würde man nach dem Tod in einen unterschiedlichen Raum gesteckt, um sich dort fortzubilden. Das lässt sich weder beweisen noch widerlegen. Man muss es als Erfahrungswert so stehen lassen. 

Ich selber kann mir unter dem Tod nichts vorstellen. Wie denn auch? Vorstellungen sind an ein funktionierendes Gehirn gebunden. Wenn dieses ausfällt, sind keine Vorstellungen, Erwartungen, Hoffnungen, Fiktionen mehr möglich. Nahtoderfahrene berichten von Erinnerungen. Vom sogenannten Lebensrückblick, in dem sie nicht nur über den moralischen Wert ihrer Handlungen Bilanz ziehen, sondern auch in die Haut der Menschen schlüpfen, die unmittelbar von jenen Handlungen betroffen waren. Von Hoffnung und Erwartung ist selten die Rede. Im Jenseits scheint nur die Vergangenheit eine Rolle zu spielen.

Was ist die Vergangenheit eigentlich? Ist sie identisch mit meinen Leistungen? Und falls ja: Was gilt als Leistung? 

Ich erinnere mich nochmal an meinen alten Schulkameraden, der ein ausgezeichneter Maler ist, aber nichts daraus macht. Soweit ich weiss, hat er noch nie sein eigenes Geld verdient. Zunächst war er drogenabhängig und jetzt verbringt er seine Tage damit, Yogabücher zu lesen und Sozialhilfe zu beziehen. Familie hat er keine, Freunde wahrscheinlich auch nicht. Ein gutmütiger Mensch ist er; er hat das Herz auf dem rechten Fleck. Vielleicht ist er sogar zu gutmütig für diese Welt. 

Wie auch immer: Was gilt als Leistung in diesem Fall? Streng genommen hat dieser Mann nichts geleistet. Die Schule hat er vorzeitig abgebrochen, Ausbildung hat er keine, Arbeit auch nicht. Wie wird sein Jenseits aussehen? Ein schwarzes Loch? Gar die Hölle? Was ist mit seiner Gutmütigkeit? Er hat keinem Lebewesen etwas zuleide getan. Zählt das als Leistung? 

Die Queen hat zeitlebens auch von den Steuereinnahmen gelebt. Und nicht nur das: Sie hat sich aus der Politik rausgehalten. Üppige Banketts mit Staatschefs aus aller Welt hat sie sich im Namen des Commonwealth von der arbeitenden Bevölkerung finanzieren lassen. Ihre ganze Nachkommenschaft auch. Man feiert sie jetzt für ihre politische Neutralität und zeigt Bilder von ihr aus jungen Jahren, in denen sie Reifen wechselt und Automotoren repariert. Was ist da die Leistung? Die Weiterführung der Tradition? Die Liebe zu Hunden und Pferden? Die Enthaltung in politischen Dingen? Die Schweiz ist ein neutrales Land. Dass da ein Monarch mit Diamantenkrone und Hofstaat herumläuft, ist undenkbar. Wer behauptet, politisch neutral zu sein, muss die politische Neutralität erstmal auf sich selbst anwenden. Heisst: abwählbar sein. Dort, wo Neutralität zu Absolutismus wird, ist sie eben keine Neutralität mehr, sondern eine Art Ideologie; man nutzt die Neutralität als Vorwand, um immun zu sein. Ja, Immunität trifft es im Falle der Queen wohl besser als Neutralität. Ist das eine Leistung? 

Ich habe vor ein paar Jahren eine schöne Zeichnung von Werner Tiki Küstenmacher gesehen, die den Lebensplan illustrieren soll. Darauf ist eine Raupe zu sehen, die einen Schmetterling auf eine Leinwand zeichnet und darunter "Mein Plan" schreibt. Dabei kriechen Raupen einfach herum. Niemand würde auf die Idee kommen, dass sie einen wunderschönen Schmetterling in sich tragen. 

Tja. Ich glaube, dass dieses Bild dem Sinn von Leben, Sterben und Tod viel näher ist als unser landläufiges Leistungsdenken. Wir Menschen tragen wohl etwas in uns, das wohl erst durch den körperlichen Tod wirklich wird. Der Tod als Mittel zum Zweck. Dass der Zweck des Todes darin besteht, sich über Gewesenes die Haare zu raufen, glaube ich nicht. Die Vergangenheit ist sowas wie der Auspuff, aber nicht der Sinn unseres Lebens. Ein Schmetterling, der der Sinn der Raupe ist, lässt sich weder von dieser ableiten noch bewusst herstellen. Sobald unser innerer Schmetterling fertiggestellt ist, ist es für uns Zeit zu gehen. Wie und wozu er entsteht und warum ausgerechnet in uns werden wir vielleicht nie erfahren. Wir sind einfach das Gefäss dafür und haben zu warten, bis das Werk vollendet ist.

Lassen wir uns also überraschen. Mit Vorfreude und Neugier auf den Tod zu blicken kann bestimmt nicht verkehrt sein. 


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Kommentare (2)

Distel1fink7

Ich habe meine Eltern, meinen Bruder, meinen Ehemann,
meinen Sohn , innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit, zu Grabe
getragen.

Mein Enkelsohn hat ein Stipendium an einer TU bekommen.
Die ist allerdings in Hintertupfingen, d.h. für ihn ein Zimmer,
ein Apartment  muss her,. Ich helfe mit Geld,. Er dankt mir
und schämt sich ein bisschen.,

Spontan kommt mir über die Lippen,  LEBEN ist wichtiger
als STERBEN. ( Damit meine ich die Versorgung meiner
leiblichen Hülle im Todesfall ) Vorgesorgt habe ich dennoch.

So ist das für mich.

Toll geschrieben hast Du das Sandra1975

Distel1fink7

Sandra1975

@Distel1fink7  
Vielen Dank für deinen Kommentar, liebe Distelfink7. 
Ein Kind zu verlieren stelle mir als sehr schmerzhaft vor. Dass du jetzt deinem Enkel unter die Arme greifst, zeugt von Edelmut und Verantwortungsgefühl. Ich bewundere dich. 
Ich verstehe deinen Kommentar so, dass es wichtiger ist, wie wir im Leben miteinander umgehen als die Gedanken, die wir uns dann nach dem Tod machen. Das würde ich absolut unterschreiben. 
Viele Grüsse
Sandra


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