Sterntaler

Autor: ehemaliges Mitglied

Alle Kinder haben wohl neben ihrem normalen, alltäglichen Leben ein mehr oder weniger verborgenes Leben in einer Traumwelt, wo es Drachen, Ritter, Prinzessinnen, Hexen, Zauberer, Monster, Außerirdische usw. gibt, und wo sie allerlei Abenteuer erleben.

Da meine Eltern beide in gewisser Weise auch zeitlebens Träumer waren, hinderten sie mich nie daran, meine Phantasien voll auszuleben.

Die einzige Person in der Familie mit überaus stark entwickeltem Realitätssinn war wohl meine Oma, die dafür sorgte, dass wir anderen "auf dem Teppich" blieben!

Und bei mir waren es die Spielgefährten, die "Kinderbande", die meinen Sinn für die "Wirklichkeit" wach hielten,....obwohl sogar unser Anführer Heinz meine Träumereien gern mal gnädig aufgriff und zu Spielen umfunktionierte!

Die Ideen dazu kamen mir durch die Geschichten, die Mutter mir vorlas, oft auch durch meinen Vater, der mit uns allerlei Ausflüge unternahm in wunderschöne Landschaften, in denen die Geschichten, die Mutter vorlas, Gestalt anzunehmen schienen.

Auch unser Garten verwandelte sich in meiner Phantasie in eine Traumlandschaft, das Haus in ein Schloss, der Keller in ein finsteres Verließ usf.

Mein Vater spielte mit mir "Sterntaler". Er ließ die Sterntaler (aus Pappe mit Gold- und Silberpapier beklebt) vom "Himmel" fallen, und ich fing sie mit dem Kleid auf.

Die ganze Kinderbande spielte mit Begeisterung "Peterchens Mondfahrt". Ich war eines von den "Sternchen" mit einer attraktiven Kopfbedeckung: ein wieder aus Pappe ausgeschnittener mit Goldpapier beklebter Stern mit einem Loch darin, damit er auf den Kopf passte.

Natürlich hatten wir – wenigstens die Mädels – auch goldene Bälle, wie die Prinzessin im "Froschkönig", nur musste die Bronzeschicht immer wieder erneuert werden.

Eine Zeitlang liefen wir alle als Engelchen im Garten umher, mit angeschnallten goldenen Flügeln. Einer namens Peter war nicht etwa Petrus, sondern der Teufel; sah klasse aus mit Hörnern und Teufelsschwanz und einer Harke in der Hand. Der Liebe Gott war natürlich Heinz mit goldenem Papp-Heiligenschein. Die Leute, die in unseren Garten blickten, lachten uns aber aus; darum hat der Liebe Gott das Spiel bald abgeblasen, denn er blamierte sich nicht gern.

Im allgemeinen lernen Kinder viel dadurch, dass sie wenigstens in jungen Jahren die Eltern nachahmen, d. h. zum Beispiel, Mädchen möchten kochen und spülen und putzen (solange sie nicht helfen müssen, spätestens dann lässt das stark nach!). Ich kann mich aber nicht erinnern, dass ich jemals Neigung zu diesen Tätigkeiten verspürt hätte. Vielleicht liegt es daran, dass auch meine Mutter das alles zwar t a t, aber nie mit Begeisterung und immer etwas geistesabwesend!

Und auch mein Vater tat seine Arbeit wohl nur aus Pflichtbewusstsein, er identifizierte sich nicht mit ihr. Er liebte die Natur, die Wälder, Blumen, Tiere und uns, seine Kinder, und malte leidenschaftlich gern.

Sicher war es für meine Oma nicht leicht, dass man alles Organisatorische und Praktische ihr aufbürdete. Es drängte sie in eine Rolle hinein, die sie zu dominantem Verhalten nötigte, was wiederum manche häuslichen Konflikte zur Folge hatte.

Vielleicht hätte sie Tochter und Schwiegersohn einfach mal "machen lassen" sollen. Aber das war ihr zu riskant.

Jede Generation macht ihre eigenen Fehler.
Ich habe keine Kinder. Wer weiß, was ich für Fehler gemacht hätte. Sicher nicht wenige.
Meine Eltern und auch meine Oma haben wie alle Menschen vieles richtig und einiges falsch gemacht. Ich verstehe sie jetzt und liebe sie für alles!

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Kommentare (1)

outofspain schöne Einblicke in deine Kindheit hast du uns geschildert. Gut, dass du eine so unbeschwerte Kindheit hattest, aus der du, wie mir scheint, deine Phantasie auch heute noch schöpfst. Kommt uns zugute,prima! ^^

Gruß Mo.

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