Tanzstunde mit Petitcoat und Ballerinas


Man schrieb das Jahr 1957 und ich durfte "standesgemäß" eine Tanzschule besuchen. Eigentlich liefen diese Arrangements immer zwischen den örtlichen Gymnasien ab und so war der Standesdünkel auch gerettet. Omi hegte arge Bedenken, sie war seit ihrem 60-ten Lebensjahr, als Rentnerin in die BRD gezogen und wohnte bei uns in Zweibrücken/Pfalz.
Die Begrüßung in der Tanzschule glich einer "Fleischbeschau" und jeder drückte sich mehr oder weniger in der Ecke rum. Meine Klassenkameradinnen und Freundinnen bildeten sofort wieder einen Haufen und jeder guckte sich nach einem Jungen aus. Aber denkste: wir saßen uns alle gegenüber, die Mädels rechts, die Jungen links und dazwischen die Tanzfläche. Das Programm wurde gestartet: das Tanzschulehepaar legte eine flotte Sohle aufs Parkett zur Einstimmung. Mein Widerstandsgeist fing an zu rumoren und dann kam auch noch die Ansage, daß sich die "Herren" eine "Dame" auswählen sollten. Na aber, doch nicht mit mir, ich stand auf und lief auf einen Jungen zu, den ich schon öfter im Sportverein als Handballer gesehen hatte. Er war nicht hübsch und auch nicht groß, ein irgendwer, schlicht und unauffällig. Aber der konnte sich bewegen. Die Wahl wurde wiederholt und ich blieb artig sitzen, er auch. Jedenfalls, wir haben uns als Tanzpartner gefunden und feierten wirklich Jubelfeste. Die Absprache bei den Jungs kannte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, abgesprochen war abgesprochen. Der eine, der mir so gefiel, das war ein steifer Holzklotz, der andere dem ich gefiel, das war ein überspannter Möchtegern. Nix für mich. Ich brauchte einen beweglichen Kumpel, mit dem man Pferde stehlen konnte. Unsere Tanzerei lief zur Hochform auf - vom Tango bis zum Rock'n Roll, alles bühnenreif. Unser Tanzschulen-Ehepaar erkannte unser Talent und wir durften zu Wettbewerben. Omi zeterte und machte mal wieder alles kaputt. Somit traten wir nur noch als Showeinlage bei internen Feierlichkeiten auf, aber der Petitcoat mußte her. Meine Handarbeitslehrerin, die gab mir den grandiosen Tip: das nähen wir in der Schule. Gesagt, getan, es wurde ein gelber 3 Stufenrock und ein ebensolcher Petitcoat. In Stärke eingelegt und trockengebügelt und das Ding stand von alleine. Omi saß auf dem Küchenstuhl und drehte Däumchen: oh Mächen, Mächen, das nimmt ein schlimmes Ende mit dir. Ja, die passenden Schuhe bekam ich von unserem Wohnungsnachbarn, einem Schuh-Designer der Firma Dorndorf, einen Ballerina-Schuh in hellgelben Lackleder mit Riemchen über den Spann. Der Nachbar, Gogges genannt, hatte aufgepaßt und so ging es los zum nächsten Turnier. Die Schuhe klackten, der Rock wippte, die Stimmung war in Hochform, noch ein Küßchen von hier und dort und Gogges und seine Frau standen im Publikum. Das war ein Fest der Explosionen, wir tanzten mit allen Einlagen der Raffinessen und wurden zum Siegerpaar gekürt. Zum Ende der Tanzstunde gab es den berühmten Abschlußball. Ich bekam ein hellgelbes Tüllkleid angezogen, dessen Farbe mir überhaupt nicht stand, die Haare auch noch aufgebogen mit Dauerwellmittel, was furchtbar stank. So zog ich los - zum Formationstanz. Das ging ja noch, der Einzeltanz, auf den wir uns so freuten und mich die Klamotten ewig störten, vergaß ich dann, als die Musik ertönte. Wir tanzten und tanzten bis zum letzten Ton und wurden gefeiert als bestes Tanzpaar der letzten Jahre. Von nun ab liefen wir Hand in Hand in Zweibrücken rum und übten alle möglichen Hüftschwünge und Überwürfe und wurden immer wieder zu Veranstaltungen eingeladen.
Und heute tut mir meine Hüfte weh bei zu langem Laufen. Mensch verdammt, wo bleibt die Beweglichkeit, wo gibt es die zu kaufen?
In diesem Sinne
dat Moni-Finchen

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Kommentare (8)

anjeli wirklich schade, dass Du keine Fotos von deinen Kleider eingestellt hast. Ich hätte sie
bestimmt schön gefunden, denn ich kleide mich auch manchmal wie ein Paradiesvogel.

Dass du so tanzen konntest, das finde ich ganz toll. Weißt Du denn, was aus deinem Tanzpartner von einst, geworden ist?

Ich kann leider nicht so gut tanzen, bin etwas eigenwillig und lasse mich nicht gerne
führen.

Vor ein paar Jahren habe ich mal eine Schnupperstunde Salsa absolviert. Ich hatte drei
Wochen lang erhebliche Knieprobleme und habe dann für mich festgestellt - das war nichts und wird auch nichts werden.

anjeli
Ela48 diese Erinnerungen angeregt von Dir, hat mir sehr viel F'reude bereitet.
Hier ein Foto von meiner Tanzstunde. Mittelball.

lieber 'Gruß, ElaTanzstunde/Ela(Ela48)


In meinem damaligen Traumkleid "rosa"*s
Ela48 Köstlich, Deine Erinnerungen. Sie haben mich zum Lachen gebracht, weil ich ähnliche Erfahrungen gemacht habe.
"Mein" toller Junge: Ein großer, blonder, schmaler, schlaksiger..Aber er tanzte wie ein junger Gott*s
Ich müsste direkt mal ein Bild von meinem Mittelball oder Abschlussball raussuchen und einstellen.
Heutzutage ist er immer noch groß, aber mächtig an Gestalt geworden,ein Brauereidirektor*lach.
Hast Du auch noch ein Foto von Deiner Tanzstunde??
Besonders lieber Gruß an finchen *schmunzel
Ela
dethleffs ...wenn man Deine Tanzschulerlebnisse liest.
Bei mir war es 1956, ich besuchte eine in Wien sehr bekannte Tanzschule, die es übrigens auch heute noch gibt.
Donnerstag war mein regulärer Tanzschultag, nur einmal musste ich für die bevorstehende Schularbeit lernen, ich holte tagsdarauf die Stunde nach.

Und da traf ich SIE. Und blieb ihretwegen bei diesem Freitagnachmittagskurs "hängen".
Wir besuchten nach diesem Grundtanzkurs weiter die Kurse bis zum Goldkurs, machten einige Jahre später einen speziellen Boogiekurs und auch noch einige Jahrzehnte danach frischten wir unsere Tanzschritte in einem Paare-Kurs wieder auf.

Ja - und übrigens, in einigen Monaten feiern wir unsere Goldene Hochzeit.
finchen Hallo Christine
na Du, da war was los. 5-mal auf den Hintern gelandet und 5-mal wieder aufgestanden, bis es in Perfektion klappte. Die Eltern meines Tanzpartners waren sehr geduldig und jedesmal wenn ein Rums das Haus erschütterte, kamen sie um erste Hilfe zu leisten!! Und weiter ging's. Wir konnten es zum Schluß, wenn auch mit Schmerzen. Die Leichtathleten hatten alles in Griff.
Gruß Moni-Finchen
nixe44 nur besuchte ich keine Tanzschule, meine Mutter konnte es nicht finanzieren.
Es war auch nicht nötig, meine ersten Tanzschritte(Walzer) bekam ich im Turnverein
vermittelt, da war ich ca. 12 Jahre alt.
Da ich die Jüngste von 6 Schwestern war, erübrigte sich die professionelle Tanzhilfe.

Die Liebe zur Musik und Tanz ist geblieben.
Ich bin mit Eintritt des Rentenalters in einer Seniorentanzgruppe(Formationstanz)
organisiert und mit Leib und Seele dabei.
LG von der hüftschwingenden
nixe-Monika

omasigi wenn man Deinen Bericht liest,
liebes Finchen,
auch bei uns wurde in der Handarbeitsstunde ein Petticoat geschneidert.
Da Jungsueberschuss war inder Klasse meiner Freundin, wurde ich eingeladen
mit ihrer Klasse die Tanzstunden zu absovieren.
Ich tanze auch heute noch gerne.........aber viele Schritte sind vergessen.
Also ich war damals so mittelmaessig.
Aber so wie Du es geschildert hast, so wars halt eben.
gruessle
omasigi
Medea Finchen, Finchen,
was kommen da für Erinnerungen wieder hoch -
Mit meinem Schulfreund Waldemar tanzte ich wie verrückt, bis er
die Balance verlor und wir beide auf dem glatten Parkett ausrutschten.
Oh war mir das peinlich. Doch der Gute zog mich wieder hoch
und weiter gings. Bloß mit dem Überschlag klappte es nie ....


M.

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