Tineff


SO WERDE ICH SCHREIBEN WENN ICH
EINMAL RICHTIG ERWACHSEN SEIN WERDE
 
Ich will eine wahre Aussage treffen: dieser Text handelt nicht von einer paradiesischen Sauerei, die das tatsächliche lustige Geschehen als „unerlaubtes Beißen in einen Apfel“ verschleiern und so für die sehr schlichten katholischen Gemüter jugendfrei machen will, sondern – von mir. Es könnte sein – rein statistisch gesehen ein sehr unwahrscheinlicher Fall - dass ich als deutscher Mann von echtem Schrott und Korn, der zur gesunden Erziehung mit Kruppstahl abgeledert wurde, eines schönen (?) Tages, nachdem ich mich erfolgreich bemüht habe, älter zu werden, auch erwachsen werde. Für diese, schon rein statistisch betrachtete Unwahrscheinlichkeit – welcher echt deutsche Mann wird schon erwachsen, wenn er älter wird? - habe ich mir einige exquisite Vorsätze gefasst. Mit diesen bis zu dieser Stelle rätselhaften Gedankengänge will ich Sie nicht allein lassen, ich weiß doch, Sie können damit nichts anfangen, vielmehr befleißige ich mich, mich mit ein paar Erläuterungen auch für geistig in das Vorschulalter regredierte Soapglotzer annähernd verständlich zu machen. Das Alter, in dem ich mich als Sohn mit meiner Mutter, trotz deren täglicher Fassadenbewurforgie nicht mehr sehen lassen konnte, habe ich schon seit Dekaden hinter mir gelassen. Meine Freunde hatten mir damals mit klaren Worten keinen Sand in die Augen gestreut, sondern reinen Wein eingeschenkt, wobei sie die Worte gebrauchten: „Deine Alte ist kein Erektionserreger mehr“. Das war nun wirklich nicht die feine englische Art sich auszudrücken, aber peinlich genau beobachtet. Aber damit Sie die soeben in dürftigen Andeutungen skizzierten Zusammenhänge richtig verstehen, nach Mamas altersgerechtem Dahinscheiden kann sie mir nicht mehr die Wäsche besorgen und die herzigen rehäugigen Akne-Youngsters, die früher Teenager genannt wurden, kichern mir hinterher statt feuchte Augen zu kriegen – ihr Kichern hat den gleichen Bedeutungsinhalt wie die damaligen klaren Worte meiner Freunde -, wenn sie zufällig in der Fußgängerzone den Anblick von mir schreibendem Gruftie erhaschen, der bei ihrem Anblick ziemlich rehäugig wird. Was einfach blöd aussieht, das stimmt schon. Nun nähere ich mich ohne weiter zu zögern noch zu zagen, sondern im Sauseschritt der Erklärung. Die erwähnten erlesenen Vorsätze sind von mir nur für den sehr unwahrscheinlichen Ausnahmefall vorgenommen, dass ich richtig erwachsen werde, also nicht nur den biologisch definierten altersmäßigen Lebensabschnitt erreiche, doch bis dahin wird sich noch manche junge Frau – im Gegensatz zum Zustand einer Jungfrau, mit der sich der ziemlich bekannt gewordene Dichter Heinrich Heine beschäftigte - nach der Besichtigung durch mich das blonde Haar kämmen können, denn einem ziemlich weit verbreiteten Gedankengut zufolge setzt man „erwachsen“ mit „sittlicher Reife“ gleich. Ich hoffe, dieser erste Höhepunkt meines Textes ist bei Ihnen rübergekommen.
Mit meinen extravaganten Ankündigungen für den soeben geschilderten unwahrscheinlichen Ausnahmefall will ich Sie nunmehr nicht länger im Dunkel stehen lassen und Sie dort auf die Folter spannen, denn was hilft eine feinsinnige Einleitung in tiefe Gedanken, wenn ihr keine tiefen Gedanken folgen? Es wäre vegetarische Liebe ohne kernigen Saft und knackigen Fettrand, die sich mit dem Mümmeln von ökologisch einwandfreiem Verpackungsmaterial zufrieden gibt.
Das Kerngehäuse meiner Vorsorge für das Leben eines richtigen Erwachsenen lässt sich leserfreundlich sehr übersichtlich – genauso wie es der Verstand der (rein statistisch gesehen) Mehrheit der deutschen Erwachsenen ist -, in vier Kernthesen formulieren.
a) Ich werde täglich, auch an Werktagen, meine Fingernägel von schwarzen Rändern und gleichfarbigem Darunterbefindlichem reinigen.
b) Ich werde mich dazu durchringen, öfters zum Friseur zu gehen.
c) Ich werde auch ansonsten jede Menge dafür tun, dass ich „ordentlich“ (im Sinne meiner lieben Frau) werde.
d) Ich werde eine einzigartige Megasupersoap, auf Anhieb ein von Preisen überhäuftes Meisterwerk schreiben, die mit wohlgesetzten Worten voll den Puls des Lebens, an dem die Zeit nagt, schreiben. Sie wird zeitgleich unter der geschminkten Oberfläche meiner brillanten Sprachkunst die ungeschminkt deutsche Seele im Tiefsinn gründelnd für die des Lesens mächtigen Leserinnen und Leser durchdämmern lassen. Obendrein wird mein opus magnum serientauglich für das Klonierungslabor der Unkultur, das Fernsehen sein, denn ein von purer Scheiße lebender Schreiberling ist dringend auf die Tantiemen der Flachsinnproduzenten angewiesen, um seinen trockenen Riesling als Dämmerschoppen zu finanzieren. Mit einem Wort: meine Arbeit wird das Synonym für die Trostlosigkeit der ödesten Art sein.
Hoffentlich habe ich mir nicht zuviel vorgenommen, wenn ich als richtiger Erwachsener ein solches einsam-erhabenes Werk der Menschheit schenken will. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Ich nehme aus wohlerwogenen Gründen, die Sie mit mir teilen werden, an, nähere intime Bekenntnisse meinerseits zu a) und b) würden Sie ziemlich degoutant finden. Ich bewahre sie daher in meinem Herzen auf und erspare der Öffentlichkeit solchen Sozial-Exhibitionismus. Auch fehlt mir der Besitz einer Webcam, um den Voyeurismus der in drei Streifen auf einem ausgebreiteten Badetuch couchgelagerten Wegwerfware zu befriedigen. Ihre brennende Neugier auf c) finde ich wiederum so total absolut degoutant wie das Eigentliche an den Verbrauchsartikeln der wöchentlich neuen Superstars, die die Nutzungsdauer von Pampers (und deren Unterhaltungswert) haben, also nach einmaligem Gebrauch als wertloser Restmüll entsorgt werden. Ich kann und will nicht so geschmacklos sein, meine liebe Frau in der Öffentlichkeit bloßzustellen. Einigen wir uns also auf d), dem ich auf dem Fuß folgend nähere Erläuterungen zukommen lassen möchte.
Nach dieser einfachen und übersichtlichen Exposition des Plots zu meiner grandiosen total schwulen Megaprozess, den ich mit meiner ungeheuerlich explodierenden Kreativität wie die Folgen - jedoch auf ungleich höherem Niveau – eines geplatzten Parisers mit Kitzlerstreichler aus Hyänenfell freizusetzen gedenke, sollte ich wider alle Vernunft einmal vernünftigerweise so sittlich gereift sein wie ein in den Ruhestand zu ausgehungerten Nonnen in Pflege gegebenen, nach Gottes weisem Ratschluss impotent gewordener Kirchenfürst, liegen ohne lange Suche der Ort der Handlung meines Meisterwerkes und der grobe Handlungsrahmen für die dort handelnden Personen fest. Es wird eine Arztpraxis sein. Nach nur kurzem Zögern habe ich mir diese originelle Entscheidung abgerungen, denn die dortigen Ausscheidungen sind zwar weder wortgewaltig noch von der Seelentiefe geprägt, erfolgen aber serienmäßig, und sind deshalb äußerst flachsinntauglich. Damit ist die Garantie gewährleistet, dass ich in den Genuss der staatlichen Kulturfördergelder komme und quotenmäßig für das Fortschreiten des geistigen Deliriums der Bevölkerung sorge. Ich benenne das telegenetisch total voll coole Etablissement – es handelt sich natürlich um eine Gynäkologenpraxis, die auch die Kinder magisch anzieht – mit „Praxis Dr. Pinkelmann“. Hallöchen hallo, ein echt genitaler Einfall, Sie haben das sofort geschnallt. Schon mit diesem fernsehtauglichen Taufnamen, wie er locker nur aus meiner Feder fließen kann, habe ich die Tiefenschicht der deutschen Seele der absoluten Mehrheit der Quotentrottel total berührt. In einer Gynäkologenpraxis ereignissen sich die Eingebungen und Einsichten in die Tiefen der Untiefen ebenso zuverlässig auf unterstem Niveau wie der Schwachsinn, den Stefan Raab und die anderen Moderathoden in der Glotze absondern. Ein Zustand der nationalen Kulturträger, der jedes Beginnen eines Hinterfragens postwendend als untauglichen Versuch entlarvt, weil die dort herumdrösigen geistigen Bambipreisträger im Kopf so gehaltfrei wie der ausgelutschte Adel in der BUNTEN sind.
Dr. Pinkelmann besitzt selbstverständlich neben seinem standesgemäßen Silberhaar einen statuskennzeichnenden silberfarbenen Porsche S 911 nebst zahlreichen Blondinen (etwas völlig anderes als blonde Frauen) als benutzungsheischende Bewunderinnen, deren Plappern eine besonders abscheuliche Anwendung von menschenverachtender Gewalt darstellt, in die er regelmäßig Einsicht nimmt. Unter diesen nimmt seine sehr sehr blonde Gattin Tanja - wenn sie den Mund aufmacht ist das Ergebnis dieses Tuns von negativ reziproker Bewunderungswürdigkeit wie das Öffnen ihres Brustgeschirrs - eine der Abgelegten von einem ehemals nationalen Balltreter - einen Logenplatz ein, der seit ihrem Eintritt in das Faltenalter dahinschmilzt wie Botox unter dem Einfluss von ultravioletten Gammastrahlen. Sie hat sich seit ihrer Anfangszeit als Karbolmäuschen – oftmals den Liegesitz des Porsche S 911 nutzend -, zur Gynäkologengattin mit nostalgischen Zwischenaufenthalten bei dem soeben Erwähnten und seinen Kumpeln emporgeschlafen. Eine voll fette Traumkarriere mit dem vollen Puls des Lebens, an dem die Zeit erst dann zu nagen beginnt, wenn Dr. Pinkelmann so viel Geld gescheffelt hat, dass sich trotz seines dann ereichten Golf-Alters, in dem sich sein Handikap beim Einlochen drastisch verschlechtert, sehr junge und sehr blonde Blusenluder für ihn interessieren. Der Problemknoten beim Golf-Porsche-Silberhaar scheint unentwirrbar, reicht aber für die ersten 86 Folgen des von mir geplanten  läufigen Schwachsinns. In der 87. Folge taucht dann der schwer enttäuschende Kaplan Johannes auf und verkehrt andauernd in der wahnsinnig witzigen Familie im gehobenen Einfamilienhaus. Er stellt für die Familie einen untröstlichen Schicksalsschlag dar, da sich herausstellt, dass er ganz normal ist, er steht auf Mädchen, unter die er mehrfach zu liegen kommt und sitzt ab und zu auch auf Tanja, was zu den bekannten Mutter-Tochter-Problemgesprächen führt.
Um mit dem krass halbdebilen Unfug den soap-opera-abusern eine helle Freude zu bereiten, werde ich die Türen und Tore meiner ungebändigten Kreativität öffnen. Klar, das Prunkstück von Kulturschnalle Tanja würde spielend für 41 – 48 weitere Folgen für die Unterschichtenkultur jede Menge Stoff hergeben, doch hat das Fernsehen kürzlich schon die Schwitzattacken der menopausigen Vulvaaufpoliererinnen unter der Regie der ultrawitzigen Doris abgegrast und ich will entscheidend mehr und Größeres mit meinem Jahrhundertseller bewirken. Deshalb werde ich Dr. Pinkelmann zusätzlich zu seinem Pflatschwork Tanja noch mit einem zeitgeistigen Familienpatchwork ausstatten. Der Silberhaarige hat zwei ihm bekannte Kinder in die Ehe mit Tanja eingebracht. Im Verlauf der Serie entdeckt er freudig nach und nach noch das eine oder andere Exemplar, das er bisher nur als Zahlvater kannte, sich jedoch auch als biologischer Vater wähnte, von Angesicht zu Angesicht. Jede Menge telegener Anlass, um die herzigen Früchte des fremden Einspritzgutes in die Arme schließend zur Kenntnis zu nehmen, und die Quotensüchtigen zum ergiebigen Verschütten eines Meeres von Tränen zu stimulieren.
Damit sind alle Voraussetzungen erfüllt, damit meine am Puls der Zeit erschütternd schlagende Meisternovelle bei der quotenrelevanten Fangemeinde der 11 – 92 Jährigen Abend für Abend ein heiteres Ratespiel vor dem Flachsinnschirm abspielt. Was werden Dr. Pinkelmann und seine sehr sehr blonde Gattin Tanja in der nächsten Sülzenfolge entdecken? Dass Udo, der in der vorletzten Folge als Neuentdeckter für die „Überraschung des Abends“ zuständig war, sich als Schwuli outet, und in den Armen seiner Mutter hemmungslos sein Herz ausschüttet? Dass Verena, die Tanja seit der 69. Folge als eine ihr seither auch persönlich bekannte Mehrfachbedienung von Dr. Pinkelmann kennt, als neuerdings bekennende Lesbe bekannt wird? (Schwulis und Lesben gehören zum Pflichtrepertoire des Soapquarks, damit die Heteros nicht diskriminiert werden.)
                                                                                                                              
Mehr dazu, wird an dieser Stelle nicht verraten.
 


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Kommentare (5)

ehemaliges Mitglied

Lieber Sam,

kaum ist die Lindenstrasse Vergangenheit, und die
Schwarzwaldklinik längst vergessen, gibt es auch schon
einen Nachfolger: Dr. Pinkelmann und Konsorten!!

Lieber Sam; nutze den Aschermittwoch und erforsche dein
Gewissen. Erbitte die fehlende sittliche Reife vom...ä...... ä.....
(du weißt schon). Gehe in dich und schäm dich gebührend.

Sei milde gegrüßt
Arni
 

Sam 2

Lieber Arni,

ä ... ä ...., du meinst wohl in Abwandlung von Bernstein:

Die schärfsten Kritiker der Strolche,
sind selber solche.

Oder:

Die schärfsten Kritiker des Daddlers,
sind ...
nein, mir gehen die  Reime aus.

Herzliche Grüße
Sam 2

Manfred36

Gehen die Dinge etwa in dieser Weise durch deinen Kopf?

Willy

Genial!

(Nur ganz kurz; ich habe vor vier Jahren meinen Fernseher verschenkt, sehe aber gelegentlich, meist Sport, auf meinen PC – über Internet. Im Übrigen sind die Fernsehsender zum Ballungsgebiet von Homosexuellen und Lesben geworden. Das wäre mir an sich einerlei, wenn nicht eben besonders Homosexuelle alles weit über Normalmaß hinaus hoch puschen müssen, bis hin ins Alberne und Geschmacklose. Dazu kommen noch die Geschichtsverfälscher, Lügner …)

Sam 2

Lieber Willy,

sag bloß, die Normalen (im Sinn von Gauss) wären normal. Sie goutieren bis "hin ins Alberne und Geschmacklose" jedes hochgepuschte Gekröse.

Morgen ist Aschermittwoch,  doch die Narren daddeln gewiss weiter.

Herzliche Grüße
Sam 2


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