„Lichtmess besoffen – lässt alle Zukunft offen!“



„Lichtmess besoffen – lässt alle Zukunft offen!“

Kurioses und Historisches um einen früheren Zinstag

In Sachsen dürfte fast Jedem der Spruch „Wenn es Lichtmess stürmt und schneit, ist das Frühjahr nicht mehr weit“ bekannt sein. Bei unseren Vorfahren war der 2. Februar einer der sogenannten Lostage. Der Hauptgrund dürfte darin gelegen haben, dass an diesem Tag erstmals im neuen Jahr eine Reihe von Verbindlichkeiten fällig wurden. Hauptabnehmer der Zinsen und Steuern war die Kirche. So wurde in der Zeit der Naturalwirtschaft das Abgaberegister für Eier und Hühner überprüft und für das Jahr eventuell neu festgelegt. „Gebt ihr mir reichlich Eier, wird das ganze Jahr nicht teuer!“, sollen damals die Pfarrer gesagt haben.

Da nach 1600 alle Naturalabgaben an die Kirche in Geld umgewandelt wurden, war der Tag ein Zinstag moderner Art geworden. Denn es ging nicht mehr nur um die traditionellen Abgaben, sondern auch um die Zinsen aus Kreditgeschäften. Bis zum Aufkommen von Banken und Sparkassen im 19. Jahrhundert war die Kirche der größte Geldverleiher in unserer Region. An diesem Tag wurde zumindest über Zins und Tilgung gesprochen und dann zum Gerichtstag öffentlich gemacht. Es sei der Kreditnehmer bezahlte bereits die fälligen Raten. Da im Ottendorfer Spruchbuch steht: „Lichmess im Suff, lässt das Morgen uff!“ Woraus man schließen kann, dass mancher Zeitgenosse das fällige Geld lieber erst einmal in der Schänke verbrauchte.

Gefunden habe ich auch ein ländliches Lied, das sich mit dem Spinnverbot zu Lichtmess befasst. Bis zu diesem Tag musste alles Spinngarn verbraucht sein. Am Vorabend trafen sich die jungen und älteren Frauen in der Spinnstube. Der letzte Rocken wurde mitgebracht und in der Nacht zu Lichtmess auf den Misthaufen gestellt. Neben dem Wunsch, dass nun der Hahn weiterspinnen solle (die Männer sollten nun mal erfahren, wie langwierig die Arbeit zur Herstellung von Leinwand sei), war auch damit schon das neue Jahr im Blick.

Das Lied lautete vom Text her: „Maid nun spinne, spinne, spinne – sonst nimmt dich der Ma‘ ins Gerinne – und gibt dir lauter Wassersupp‘. Und biste labbsch mit wenig Pupp, dann gibt’s noch extra Läppersupp.“ Es deutet eben eindeutig darauf hin, dass eine junge Frau, die es nicht bis zum Termin schafft, nur den „Mann im Mond“ (früher Ma‘ genannt) bekommt. Und dass Ungeschicktheit beim Spinnen wenige Einkünfte verheißt, deswegen die Wasser – oder Läppersuppe.

Der Flachs- und Hanfanbau war im Radeberger Land bis in das 19. Jahrhundert eine tragende Säule der Landwirtschaft. Im Medinger Mägdebuch steht sogar der Satz: Flachsarbeit ist eine schöne landwirtschaftliche Arbeit. Zugleich wird darauf verwiesen, dass gesponnenes Garn oder die fertige Leinwand auch als Mägdelohn vergeben wurde. Zu Lichtmess musste man viel Mist auf die vorgesehenen Felder für den Flachsanbau fahren und dick auftragen. Dann konnte der kommende Frost und die Luft dem Mist wenig anhaben, jedoch Schnee und Regen die wertvollen Elemente des Mistes in den Boden einbringen. Dies war wiederum bedeutsam für die spätere Qualität des Flachses. Übrigens fand dieses Brauchtum unserer Gegend auch 1791 Eingang in ein damaliges Fachbuch der landwirtschaftlichen Ökonomie. Positiv beeinflussen konnte den Anbau auch das Ausbringen geweihten Wassers, das Ausbringen von Salz oder wenn sich der Bauer die Haare zu Lichtmess abschneiden ließ. Diese Haare musste man dann mit dem Mist auf das Feld bringen.

Natürlich war Lichtmess auch der 40. Tag nach Weihnachten, der Tag der Kerzenweihe und der Beginn des Bauernjahres. Hierzu gibt es in der einschlägigen Literatur viele Hinweise. Mit dem vorliegenden Text wollte ich jedoch mehr auf die unbekannte Seite früheren Brauchtums hinweisen.

haweger

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Kommentare (3)

Clematis bei uns hieß es:
Lichtmess bei Tag ess.

So wusste man, dass die Sonne ihre Bahn wieder höher zieht und das Vesperle abends bei Tageslicht stattfinden konnte.

Ja, die Zahl 40 ist wie genormt im biblischen Ablauf.
In diesem Zusammenhang hab ich sie auch noch nicht
gesehen.

lieben Gruss
Clematis
Allegra lieber Haweger, Deine historischen Betrachtungen und
Reisen in die Vergangenheit.
Ich wuchs in Hessen auf dem Land auf.
Dort wurde an Lichtmess die längste Wurst angeschnitten.

Allegra
omasigi es muhaben.ss ja in DE alle seine Ordnung haben.
Ich fand Deine Erzaehlung von damals sehr interessant. Doch denke ich seit dem hat sich nicht viel geaendert.
Da gibt es die Erfindung des Finanzamtes und bei den Schuldzinsen wird immmer noch kraeftig zugelangt.

Danke fuer Deine PN und die Geschichte
Sigrid

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