"Und dann hat dat hier plötzlich ganz doll geschneit..."


"Und dann hat dat hier plötzlich ganz doll geschneit."

"Komm schnell gucken, hier ist gerade Kino!" rief mir Andre mit lauter Begeisterung zu, und winkte mich schnell zu sich heran. Alles drängte sich an den weit geöffneten Fenstern und schaute neugierig auf die laute verkehrsreiche Straße hinunter.
Eigentlich hatten wir uns hier getroffen, um Mutters alte Wohnung auszuräumen. Für morgen war nämlich der Sperrmülltermin datiert. Einige der zerkleinerten Möbelteile standen schon unten vor dem Haus, als ich eintraf. Schön ordentlich, nach Brettgrößen sortiert, erinnerte der Aufbau an eine müde Soldatentruppe, die erschöpft an der Hauswand lehnend pausierte.

"Was ist denn hier los?" wollte ich wissen, denn alle waren ganz außer Rand und Band.
Plötzlich verstand ich die helle Aufregung, denn man hatte eben eine Wette abgeschlossen.
Die Wettzeit lief bereits, als ich zum Mitgucken ans Fenster trat.
In welcher Geschwindigkeit, so stellte sich hier die große Frage, würde Mutters alter Fernseher wohl weg sein? Der Durchschnittstipp lag bei 15 Minuten. Dazu hatte man das uralte defekte Gerät aus dem Keller geholt, gesäubert  und hübsch präpariert. Da die Fernbedienung und die Beschreibung noch vorhanden waren, wurden diese mit Klebeband an der Vorderseite des Gerätes befestigt, erfuhr ich (Gut, dass Mutter alles schön aufbewahrte). Danach stellte man den Oldie, gut sichtbar, an der vorderen Sperrmüllfront ab. Jetzt, in der ersten Reihe positioniert, war das Gerät absolut nicht zu übersehen. Nun harrten wir alle gespannt aus.

"Aber jetzt, jetzt hält einer!" brüllte jemand begeistert.
Das wollte ich mir nicht entgehen lassen und beugte mich ganz weit aus dem Fenster, um besser sehen zu können. Tatsächlich, aus einem Auto sprang ein Mann heraus, schnappte sich den Fernseher und verstaute ihn hurtig in seinem Kofferraum. Dann gab er Vollgas und fuhr fast bei roter Ampelschaltung über die Straßenkreuzung.
"Nur 12 Minuten, ich hab gewonnen!" triumphierte Andre laut. Was für eine lustige Szene. Großes Gelächter folgte ihr. Ja, das war schon echtes Kino! Allerdings erinnerte es mich wohl eher an eine lustige Muppetshow.
Aber gerade deshalb empfand ich ebenfalls  großen Spaß und lachte fröhlich über diese gelungene Aktion. Einmal natürlich über den verrückten Autofahrer, und zum anderen, über meine Brüder und meine Bekannten. Als gestandene Männer hatten sie sich, wie es schien, kurz in ihre Jugendzeit zurückentwickelt und zeigten mir, wenn auch nur für einen Moment, ihre pfiffigen Lausbubengesichter. Ach war das schön!

Doch dann wurde wieder ernsthaft gearbeitet, denn es gab noch viel zu tun. Mit der elektrischen Säge wurden die großen Schränke zerkleinert, damit man die Teile besser nach unten transportieren konnte.
Da die Wohnung in der dritten Etage lag, wurde unsere körperliche Fitness extrem gefordert.

Ich kümmerte mich vorwiegend um die vielen Bücher und Grünpflanzen, um sie in Mutters neue Wohnung zu transportieren. Bald platzte mein Auto fast aus allen Nähten. Es wirkte jetzt wie ein kleines fahrbares Gewächshaus auf Rädern. Außen blau und innen ganz grün.

Im Treppenhaus holte mich einmal der starke Andre ein. Er trug den schweren Klotz von Radiator wie ein Handtäschchen vor sich her. Dieser Radioator musste extra entsorgt werden. Leider weiß ich bis heute nicht, was Andre damit gemacht hat. In dem ganzen Trubel hatte ich vergessen nach seinem Verbleib zu fragen.
In der ersten Etage wohnte Ali mit seiner Frau Fatima. Zur Zeit machten sie aber gerade Urlaub in ihrem Heimathaus. Ich vermisste ihre Straßenschuhe, die sonst ordentlich vor ihrer Eingangstür standen. Stattdessen stand dort jetzt eine große Bodenvase. Sie war gefüllt mit kleinen bunten Teppichrollen.
Das war neu. Als ich mir gerade dieses Kunstwerk näher anschaute, kam Manni mit einer Ladung Sperrmüll die Treppe herunter geschlendert. Er trug den zusammengerollten Korridorläufer lässig unter seinem Arm. Ohne ein Wort zu sagen steckte er diesen Teppich zu den anderen in die Bodenvase. Als ich ihn fragend anschaute grinste er mich nur breit an:"Passt!"

So langsam drängte sich mir die Frage auf...hatten die etwa alle irgend etwas geraucht???

 
Am nächsten Vormittag rief ich ungeduldig im Blumenladen, gegenüber der Altwohnung, an.
Ich wollte mich nur kurz nach dem Verbleib des Sperrmülls erkundigen.
Die Ladenchefin meldete sich freundlich am Telefon.

Als sie meine Stimme erkannte, jammerte sie im schönsten Ruhrgebietsdeutsch sofort los: "Herrdumeinslebens! Ich kann Ihnen sagen, Frau G., so watt hab ich noch nicht erlebt.Wie die Vandalen haben die hier gestern noch rumgehaust. Allet aufgerissen und verstreut. Die Klamotten lagen sogar bis aufe Straße rum und wurden von den Autos platt gefahrn! Dat warn bestimmt so an die dreissich Leute, die sich da rumgeschubst haben.

Mir wurde vor Schreck ganz heiß und konnte deshalb nur stammeln: "Ja, und dann?"

"Haben die Männer vone Stadt aber vorhin allet wechgemacht. Mit dem großen Schredderauto ging dat ja allet ratz fatz." Plötzlich lachte sie hell auf und ihre Stimme prustete mir ins Ohr: " Und dann hat dat hier plötzlich ganz doll geschneit. Federn...wie bei der Frau Holle, sach ich Ihnen. Alles voll davon. Die Stadtmänner, die Straße und sogar die Autos...alles voller weißer Federn. Ne, wat war dat schön!  Echt jetz, meine Kundin und ich habn hier richtich Tränen gelacht."

So langsam dämmerte es bei mir. Ach du meine Güte! Das konnten nur die alten Federbetten gewesen sein. Hatte Mutter sie vielleicht in die blauen Müllsäcke gestopft? Die fleißigen Männer vom Entsorgungsbetrieb konnten das schließlich nicht wissen, und fütterten wohl ahnungslos ihr gefräßiges Superschredderauto damit.
 Herrlich, was für eine supercoole Kinoszene!  Und ich, seufz... war leider nicht dabei.                                                                                           

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Kommentare (6)

Rosi65

Für die vielen angeklickten Herzchen bedanke ich mich recht herzlich bei:

                                                                                    
Christine62, Bluesopa, nnamttor44, Muscari, Roxanna, indeed und Tessie.                                     
federherz.jpg

Muscari


Das war ja die reinste Gaudi. Kann es mir in etwa vorstellen. Und für die Beteiligten lustig allemal. Hast Du toll beschrieben.
Doch kamen mir dabei auch Gedanken an die Auflösung meiner Wohnung, ja des ganzen Hauses, die irgendwann mal fällig sein wird.
Aber diese Gedanken möchte ich unbedingt noch verdrängen.
Mit herzlichem Gruß,
Andrea

 

Rosi65

Liebe Andrea,

das größte Problem bei dem Umzug war eigentlich meine Mutter, die von der großen Wohnung in eine 48m² kleinen Seniorenwohnung gezogen ist.
Eine Parterrewohnung im Grünen mit großem Balkon, Einbauküche, Notfallalarm und begehbarer Dusche.
Da sie nur einen Teil der Möbel mitnehmen konnte, wurden viele Tränen vergossen. Nach einem Unfall konnte sie nur noch mit Mühe die vielen Treppen steigen. So war es natürlich die beste Lösung. Trotzdem, vom Herzen her, hatten wir alle ein schlechtes Gewissen.

Im eigenen Haus hat man noch die Möglichkeit sich einen Treppenlift einbauen zu lassen. Außerdem, falls schon ein Pflegegrad vorliegt, bekommt man Hilfe von einer sozialen Einrichtung, die zur täglichen Hilfestellung ins Haus kommt.Das ist für die Pflegeversicherung kostenmäßig günstiger als ein Platz im Pflegeheim. Du kannst, liebe Andrea, also ruhig in Deinem Haus weiter wohnen bleiben.

Das wünscht Dir von ganzem Herzen
              Rosi65
 

Roxanna

Da kann man mal sehen, liebe Rosi, wie unterhaltsam und aufregend so eine Wohnungsräumung sein kann. Die ganze Straße hatte etwas davon Tränen lachen. Danke für diese unterhaltsame Geschichte und das Schmunzeln darüber am Abend. Ich hatte alles bildlich vor meinem inneren Auge.

Herzliche Grüße
Brigitte

Rosi65

Ja, liebe Roxanna, ein bischen Spaß muss natürlich auch sein, trotz der Arbeit. Viele Dinge gehörten nicht auf den Sperrmüll und mußten separat entsorgt werden (Lampen, Farbeimer, Glasscheiben der Bilder,Bücher, Koffer und Leitern). Ich musste alle Sperrmüllartikel auflisten und an die Terminvergabestelle telefonich durchgeben. Und obwohl der Koffer und die Leiter angeblich nicht zum Hausrat gehören, habe ich diese Teile trotzdem vors Haus gestellt. Vielleicht konnte sie noch jemand verwenden.
Ich war jedenfalls froh, dass alles weg war.

Liebe Grüße
 Rosi65 

Roxanna

@Rosi65  

Natürlich, liebe Rosi, kommt bei der Wohnungsauflösung trotz des Spaßes auch Trauer auf. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt, der nicht ganz freiwillig, sondern körperlichen Gebrechen geschuldet ist, und man muss so vieles loslassen. Ich kenne das auch. Als ich die Wohnung meiner Mutter aufgelöst habe war das auch sehr schwer.
Ich wünsche deiner Mutter, dass sie sich gut einleben und dort, wo sie jetzt ist, wohlfühlen kann.

Herzlichen Gruß
Brigitte


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