Unter den Rathausarkaden


Ein kalter Morgen im November. Ein Mann im Rollstuhl wird von einem Kumpel unter die Arkaden gefahren, dort treffen sich bei fast jedem Wetter die Berber der Stadt. Der Rollstuhlfahrer ist nur mit Hose und Jacke bekleidet und friert sichtlich. Sie ist auf dem Weg zur Arbeit, sieht diesen armseligen Menschen und kann den Gedanken an ihn den ganzen Tag nicht verdrängen. Am nächsten Morgen nimmt sie eine ihrer diversen Wolldecken und hält Ausschau nach dem Rollstuhlfahrer. Der ist bereits abgestellt worden. Sie grüßt freundlich, nimmt die Decke und hüllt den Mann damit ein. Der läßt es apathisch geschehen. Sie will gehen, da sieht er sie an und murmelt: danke schöne Frau. Das wird Ihnen vergolten.


Hermann auf Arbeit
Zu den fünf oder sechs Berbern, die unter den Arkaden sitzen, gehört ein gelbbrauner Schäferhund, ein freundliches Tier. Sie hat sich angewöhnt, ihm täglich einen kauknochen mitzubringen und einen kurzen Schwatz mit den Männern zu halten. Eines Tages vermißt sie den Hund und fragt nach ihm. "Hermann ist auf Arbeit" wird ihr beschieden.
In der Mittagspause schlendert sie durch die City. In einer Passage sitzt einer aus der Gruppe mit dem Hund. Der kommt ihr schwanzwedelnd entgegen.
"Was macht Ihr denn hier?", fragt sie.
"Hermann und ich sind auf Arbeit" wird ihr beschieden und auf das Sammelkörbchen mit einigen Münzen verwiesen.


Das reelle Mettbrötchen
Es gibt immer wieder Empfänge, bei denen kunstvoll belegte Häppchen oder Canapees übrig bleiben - sie hat mit der Küche vereinbart, daß diese in Alufolie eingepackt und ihr ausgehändigt werden. Später bringt sie diese Päckchen den Berbern unter den Arkaden. Ob es für solche Fälle eine Dienstanweisung gibt, weiß sie nicht und will es auch gar nicht wissen.
Die Männer freuen sich jedes Mal sehr über diesen unverhofften Imbiß.
Nach einiger Zeit sagt einer der Männer:
"Sie bringen uns immer so leckere Sachen, aber über ein reelles Mettbrötchen würde ich mich noch mehr freuen."



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Kommentare (3)

ruttel
ruttel
Mitglied

Liebe medea. Was für eine Freude muß das für den Mann im Rollstuhl gewesen sein, als er von einer schönen Dame in eine warme Decke gehüllt wurde. Ich wohne in einer Großstadt und habe auch schon manchen, dieser armen Menschen, Essen gekauft. Nur Geld gebe ich ihnen nicht, weil sie es sofort für Rotwein ausgeben.
Deine Artikel gefallen mir. Mach weiter so und laß dich von niemand beirren.
ruttel
ehemaliges Mitglied
Die Geschichte erinnert mich daran, wie ungern ich in ein "feines" Restaurant gehe. In Paris war ich mal ganz chic essen. Ich sah merkwürdige Kreationen auf meinem Teller, suchte nach dem eigentlichen Essen, bezahlte für diese Miniportiönchen, die es in drei Gängen gab, also drei Gabeln voll, mit viel Geld und mußte das Restaurant hungrig verlassen. Hätte mir da jemand eine Stulle Brot mit Käse oder Mettwurst gereicht, es wäre für mich das Gourmetessen schlechthin gewesen.

Linta
Linta
Mitglied

Eine andere brachten Obdachlosen unter der Stadtbrücke Brötchen und Fleischwurst.
Doch sie schienen keinen Appetit zu haben. "Ein Kasten Biere wäre nicht schlecht" war die
klare Ansage.
ninna

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