Vater und Sohn.

Sie standen am Hamburger Hafen, schauten den Schiffen nach und ueberlegten sich, welches ihr naechstes Ziel sei. Irgendwann landeten ihre Gedanken immer bei einem Schiff, das sicher bis hin nach Australien fahren wuerde. Und sie malten sich das Land aus, das so weit weg und noch so unerforscht war. Er las alles ueber dieses Land und wenn sie am Hafen standen, erzaehlte er seinem Sohn, wie es sein koennte. Und bevor sie wieder zu Mutter zurueckgingen, sagte er immer:“Wenn du mit der Schule fertig bist, fahren wir nach Australien.“
Er war elf Jahre, als sein Vater in den Krieg musste und er erinnert sich heute noch genau an den Sommer, als sein Vater auf Heimaturlaub kam. „Junge,“sagte er,“lass uns an den Hafen gehen und ein bisschen traeumen.“

Das war sein letzter Urlaub. Er kam nicht mehr zurueck. Kurz vor Ende des Krieges starb auch seine Mutter und er kam zu Oma und Opa aufs Land. Er war immer sehr gerne bei ihnen. Aber diesmal hatte er Panik. Was ist, wenn Papa zurueckkommt und keiner ist da. Oma und Opa erzaehlten ihm immer wieder, dass Papa als erstes zu ihnen kaeme, wenn er sah, dass zuhause alles zerstoert war. Er hatte es eingesehen, dass es so sein wuerde. Aber im Unterbewusstsein war immer das Gefuehl, Papa findet mich nicht.

Er war 18 Jahre, als Papa ihm im Traum sagte:“Wir treffen uns in Australien.“ Und damit kamen die Erinnerungen. Nun war sein ganzes Denken, wie komme ich nach Australien. Er musste warten, bis er 21 Jahre alt war. Oma und Opa lebten noch. Sie konnten ihn verstehen und sie sparten alle fleissig, damit sie das Geld fuer die Ueberfahrt zusammenbekamen.

Als das Schiff in Melbourne im Hafen anlegte, wartete er auf irgendeine Eingebung, ein Gefuehl, das ihm sagte, was er nun in diesem ihm so fremden Land machen sollte. Nichts, er fuehlte sich leer. In einer deutschen Mission fand er Hilfe. Er freundete sich mit einem Mann an, der schon 25 Jahre im Land war und nach einiger Zeit erzaehlte er ihm, welche Probleme er hatte. Denn immer noch war in seinem tiefsten Inneren der Gedanke, dass er seinen Vater treffen wuerde.

Die Mission kuemmerte sich um die Ureinwohner im weiten Umkreis und er ging gerne mit raus zu ihnen. Die Ureinwohner waren weit verstreut und sie hatten lange Strecken mit den Pferden zurueckzulegen. Die Mission war nicht so reich, dass sie sich ein Auto erlauben konnten. Bei diesen unwegsamen Gebieten waren Pferde auch viel besser.

Die Dialekte der dortigen Staemme hatte er schnell gelernt. Dadurch hatte er das Vertrauen der Leute gewonnen und sie nahmen ihn auf ihren Wanderungen mit. Ein paar Wochen waren sie dann unterwegs, orientiert wurde sich an der Natur, ernaehrt von der Natur und sie fanden immer etwas zu essen und auch zu trinken. Das hatte seinen Koerper gestaehlt und seine Gedanken geheilt, dieses kurze Zusammenleben mit der Urbevoelkerung, die eins ist mit der Natur und zufrieden mit sich selbst.

Als er zurueck zur Mission kam, war er ein anderer Mensch. Voller Tatendrang konnte er sein Leben in die Hand nehmen. Spaeter hatte er eine Schafsfarm kurz vor dem Outback, Frau und zwei Kinder. Heute lebt er im Retirement Resort ganz in unserer Naehe und wenn er uns besuchen kommt freuen wir uns jedesmal, denn er ist ein ganz lieber Mensch und ein angenehmer Gesellschafter. Er jedoch wartet in zufriedener Ausgeglichenheit hier auf das Ende seines Lebens und auf das Wiedersehen mit seinem Vater in einer anderen Welt.



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Kommentare (2)

elise52
elise52
Mitglied

die ich gerne gelesen habe.

LG Gerda
floravonbistram
floravonbistram
Mitglied

offenes Ende der stillen Geschichte und doch rundet sie sich.
Danke dafür Flo

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