Vergiss was gewesen


Vor über 20 Jahren sind wir unseren Lieblingswanderweg zum ersten Mal gegangen. Er befindet sich im Harz, zwischen der Bergstadt St. Andreasberg und Sonnenberg. Ein schmaler Pfad nur, begrenzt von einem ins Tal springendem Bächlein auf der einen Seite und auf der anderen von einem ziemlich steilen Abhang, bewachsen von Sträuchern, Quietschen (Ebereschen) und kleinen Fichten, so dass der Blick ungehindert über das weite Tal wandern konnte.
Wunderschön!

Nach halbstündigem Aufstieg plötzlich eine Biegung, ein winziger Wasserfall - eigentlich mehr ein Fällchen - und davor ein uraltes Eisengeländer zum Schutz, von denen es im Harz hunderte gibt. Darauf stand in akkuraten, ebenmäßigen Buchstaben:

"VERGISS WAS GEWESEN - DENK NICHT MEHR AN EINST"

Ich war sofort fasziniert. Diese Worte klangen für mich wie eine wunderbar harmonische Melodie. Alles stimmte und mir war, als hätte ich diese Worte schon oft gehört oder gesprochen. Stammten sie von einem berühmten Dichterfürst? Wenn ja, von wem? Waren sie aus einem Sonett von Shakespeare? Ich wusste es nicht, und ich weiß es auch bis heute nicht.

Von nun an gingen wir diesen Weg in jedem Jahr mehrere Male und immer, wenn wir in der Nähe des kleinen Falles mit dem Schutzgitter kamen, freute ich mich und war seltsam berührt. Warum, habe ich nie ergründen können, aber meine Phantasie machte jedes Mal Purzelbäume.

Und Immer fragte ich meinen Mann, weißt du, was dort geschrieben steht? Nicht ein einziges Mal konnte er mir diese Frage beantworten. Offenbar spürte nur ich diesen sonderbaren Zauber.

So vergingen die Jahre. Der Weg veränderte sich. Die Bäume am Abhang wurden höher, was leider den herrlichen Blick über das Tal behinderte. Das Tief "Lothar" sorgte dafür, dass der Weganfang plötzlich ganz hell wurde, weil alle hohen Fichten in einer einzigen Nacht vom Sturm gefällt wurden. Und die Schrift auf dem Eisengitter verblasste mehr und mehr, und im letzten Jahr wusste ich, beim nächsten Mal würden alle Buchstaben verschwunden sein. Ich war traurig, denn wieder war etwas vorbei.

Genau so war es. In diesem Herbst war auch der kleinste Hauch der Schrift verschwunden. Das Geländer war absolut leer und nur ein wenig rostig. Nichts, aber auch gar nichts mehr deutete darauf hin, dass hier über 20 Jahre lang meine Phantasie Kapriolen geschlagen hatte.

Gedanken versunken stand ich da, bis mich plötzlich die Stimme meines Mannes aus meinen Träumen riss. Er sagte klar und deutlich: "VERGISS WAS GEWESEN - DENK NICHT MEHR AN EINST" .

PippaDer Harz(pippa40)


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Kommentare (7)

pippa Liebes Marlenchen, liebe Tilli,
ich bedanke mich bei Euch, dass Ihr meine Geschichte gelesen habt - immerhin gibt es hier so unendlich viel zu erkunden.
Nein Tilli, all das Schöne, was man erlebt hat, sollte man wirklich nicht vergessen, aber stets in der Vergangenheit zu leben ist sehr ungesund. Ich jedenfalls danke jeden Morgen meinem Schöpfer, dass ich l e b e .
Liebe Grüße von Eurer Heidi
tilli Liebe Heidi !
Manchmal sind es so viele Geschichten die man im ST zu lesen bekommt,
das irgendwie man nicht alles liest.
So habe ich erst heute deinen Spaziergang gelesen. Es war für mich, als würde ich mit meinem Mann dort sein.Die Bäume im Harz sind doch so schön.Das Foto was du eingestellt hast.Aber ich muss zu der Aussage deines Mannes doch sagen, man soll nicht vergessen was gewesen war. Denn diese Erinnerungen geben Kraft, weiter zu leben, es war doch so schön mit ihm dort zu spazieren.
Grüße Tilli
marlenchen deine erstlingsgeschichte gerne gelesen,
freu mich auf die nächste von dir!
du schreibst so erfrischend, als wäre man selbst dabei gewesen,
liebe grüße für dich vom marlenchen
pippa Danke, dass Du meinen Erstling gelesen hast. Es ist komisch, ich hatte nie das Bedürfnis nach zu forschen, woher die Worte kommen. Die Phantasie war ohgne das Wissen einfach schöner
LG von Heidi
pippa liebe Beate,
ich hoffe, dass ich all die Geschichten, die in meinem Kopf sind, einmal aufschreiben werde.
LG von Deiner Heidi
ladybird ist lesenswert,konnte mir das wandern dort auch gut vorstellen,da ich "etwas" Harz kenne.Zu Deinem Spruch gibt es noch eine zweite Zeile,Du mußt nur den Spruch in Deine Suchmaschine eingeben,dann öffnen sich Seiten,schau mal rein,vielleicht findest Du noch etwas,jedenfalls wünscht es Dir,Renate aus Köln
dottoressa danke für diese wunderschöne Geschichte und das tolle Foto!
"Vergiss was gewesen - denk nicht mehr an einst" ist ein gutes Lebensmotto für alle, die nicht vergessen und vergeben können. Man lebt tatsächlich unbeschwerter wenn man es tut.

Dein Bild von dem verblassten Schild zeigt uns auch die Vergänglichkeit der Dinge und den Lauf der Natur, des Lebens.

Danke! Ich freu mich schon auf Deine nächste Geschichte!
Liebe Grüße
Deine Beate

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