Verlass dich bloß nicht auf Google!


So sehr uns auch ein Umzug in eine kleine Stadt vor den Toren Berlins lockte, so schreckte uns doch der Blick auf Google Maps ab. Genau auf dem zum Kauf ange­botenen Grundstück war nämlich eine Rewe-Filiale eingezeichnet. Das konnte doch nicht wahr sein, dass man uns ein Haus auf dem Gelände eines Supermarkts andre­hen wollte! Wir stellten uns vor, wie von morgens bis abends Autos auf den Park­platz fahren und Leute die Türen beim Aus- und Einsteigen knallen. Das schien aber noch nicht alles an Belästigung zu sein, denn Supermärkte mussten ja auch be­liefert werden, was möglicherweise mitten in der Nacht geschieht. An einen erhol­samen Nachtschlaf war da jedenfalls nicht zu denken.
Bevor ich das Angebot des Maklers unserem Schredder überantwortete, ließ ich mich jedoch von meiner Frau dazu überreden, einen Sonntagsausflug zu machen, um die Gegebenheiten vor Ort in Augenschein zu nehmen.
Dort angekommen, stellte sich die Situation glücklicherweise völlig anders dar. Auf dem Grundstück, das wir kaufen wollten, gab es kein REWE, sondern es handelte sich um ein ganz normales Einfamilienhaus mit der Hausnummer 25, das von ei­nem Garten umgeben war. Von einem Supermarkt war nichts zu sehen. Das nächs­te Grundstück hatte die Hausnummer 25 A und war ebenfalls mit einem kleinen Haus bebaut. Ging man in dieser Richtung weiter, so passierte man ein Senioren­heim mit den Hausnummern 25 B - D und danach ein stark verwildertes Wäldchen ohne Hausnummer, bis man schließlich nach etwa einem halben Kilometer ein Ein­kaufszentrum mit je einer Rewe- und Aldi-Filiale sowie weiteren Geschäften er­reichte. Dieses Zentrum hatte die Hausnummern 25 E - H. Alle Gebäude besaßen den Charme von Volksarmee-Kasernen, die sie tatsächlich früher auch gewesen waren, wie wir später erfuhren, aber das störte uns nicht. Wichtig war nur, dass sie sich nicht auf dem Grundstück befanden, das wir erwerben wollten.
Beruhigt kauften wir das Haus, zogen ein und freuten uns, dass wir es künftig ru­hig und gemütlich haben würden und trotzdem sogar zu Fuß einkaufen gehen könnten, wenn wir wollten. Wir ahnten noch nicht, was uns alles bevorstand.
Es begann damit, dass eines schönen Tages ein großer LKW vor unserem Grund­stück hielt. Sein Fahrer öffnete die Ladebordwand und begann Paletten mit Milch, Zucker, Nudeln und dergleichen abzuladen. Als ich erstaunt an das Gartentor kam, fragte der Lieferant, wohin er denn die Ware bringen solle. Meine Verwirrung war groß, denn wir hatten gar keine Lebensmittel bestellt. Auch fehlte uns die Lager­möglichkeit für diese Mengen. Ich verweigerte deshalb die Annahme, aber da zeig­te mir der Fahrer seinen Lieferschein und ich musste zugeben, dass darauf unsere Adresse stand. Da jedoch als Empfänger die Firma REWE vermerkt war und unse­rem Haus die entsprechenden großen roten Buchstaben fehlten, konnte ich ihn davon überzeugen, die Ware zu dem 500 Meter entfernten Supermarkt zu bringen. Er entschuldigte sich damit, dass er neu auf dieser Strecke sei und sich nach Google Maps gerichtet hätte.
Zum Glück wurden es im Laufe der Zeit immer weniger ortsfremde Fahrer, die die Geschäfte belieferten und so konnten wir hoffen, endlich Ruhe vor unerwünschten Lieferungen zu haben.
Nach einem Jahr wurde das Einkaufszentrum umgebaut. Die alten Gebäude wur­den abgerissen und an ihrer Stelle sollten moderne Konsumtempel entstehen. Das würde sicherlich nicht nur für uns eine Verbesserung werden, sondern auch für das Verkaufspersonal, dachten wir und freuten uns darüber.
Die Freude wurde allerdings getrübt, als eines Tages ein Betonmischer vor unserem Haus anhielt und der Fahrer Anstalten machte, seine Ladung bei uns loszuwerden. Zum Glück fragte er mich vorher, wohin er den Beton pumpen solle. Ich sah ihn entgeistert an, denn was sollten wir mit so einer Fuhre. Als der Fahrer meine ab­wehrende Haltung bemerkte, wurde er sehr ungehalten und beschimpfte mich mit einem wohl unter Bauarbeitern üblichen Vokabular in gehobener Lautstärke. Er war nicht davon abzubringen, dass wir den Beton bestellt hätten und ihn demzu­folge auch abnehmen müssten. Zum Beweis zeigte er mir den Lieferschein und ich erkannte, dass wieder der alte Fehler gemacht worden war. Wohl, weil der Super­markt von Google falsch eingezeichnet worden war, hatte die Baufirma als Liefer­adresse die Hausnummer 25 angegeben. Zum Glück gelang es mir noch rechtzeitig, den Kraftfahrer davon zu überzeugen, den Beton zur nahegelegenen Baustelle zu bringen, anstatt unseren Vorgarten damit zu versiegeln.
Leider war dies nur der Beginn der Fortsetzung der Geschichte der verkürzten Hausnummern und des falschen Standorts. Ständig kamen nun Lieferanten mit Steinen, Kabelrollen und anderen Baumaterialien, um sie bei uns abzuladen. Wenn ein LKW in der Nähe unseres Hauses stand, und sein Fahrer verzweifelt mit einem Lieferschein von Haus zu Haus lief, wussten wir stets sofort, dass wir eingreifen mussten, bevor der arme Kerl vollendete Tatsachen schaffte und seine Ware bei uns ablud. Ein geschlossenes Gartentor hinderte die Lieferanten leider auch nicht, denn mithilfe des meist vorhandenen Krans konnten sie ihre Ladung einfach über unse­ren Zaun hieven.

Weil uns diese ständigen Diskussionen furchtbar nervten, nutzte ich die Korrektur­möglichkeit von Google Maps und teilte dort mit, dass die Supermärkte sowie die Baustelle die Hausnummern 25 F - H hätten. Google dankte mir daraufhin, ver­sprach meinen Änderungswunsch zu prüfen und zu bearbeiten. Einige Wochen später wurde mir mitgeteilt, dass der Fehler in der Karte behoben worden sei.
Nun meinten wir aufatmen zu können, denn das Einkaufszentrum war endlich an der richtigen Stelle eingezeichnet. Dafür musste ich jedoch feststel­len, dass sich laut Google Maps jetzt eine DHL-Packstation am Ende des neben un­serem Grundstück verlaufenden Waldweges befinden sollte.
„Na, da wird ja wohl niemand so dumm sein und dort sein Paket abholen wollen“, lachte ich, aber es dauerte gar nicht lange, da fuhr der erste Postkunde mit seinem PKW in diesen Waldweg. Wir konnten aus dem Fenster beobachten, wie er ausstieg und auf der Suche nach der Packstation zwischen den Bäumen hin- und herirrte, um schließlich aufzugeben. Danach versuchte er auf dem schmalen Weg seinen Wagen zu wenden. Es dauerte nicht lange, da hatte er sich in dem matschigen Bo­den festgefahren. Der Fahrer meinte nun, sich mit Vollgas aus der misslichen Lage befreien zu können, was ihn jedoch noch tiefer in den Schlamassel trieb. Wollten wir den heulenden Motor und den Auspuffqualm nicht länger ertragen, so blieb uns nichts anderes übrig, als dem Steckengebliebenen zu helfen. Das gelang uns auch unter großen Mühen, wobei wir hinterher aussahen, als wären wir soeben ei­nem Schlammbad entstiegen. Mit letzter Kraft wiesen wir dem Postkunden den Weg zur Packstation, die sich ebenfalls auf dem Gelände des Einkaufszentrums be­fand, dann gingen wir duschen.


Also hatte ich wieder etwas zu beanstanden und sandte Google den nächsten Änderungswunsch. Bis dieser umgesetzt war, dauerte es vier Wochen. In dieser Zeit hatten wir nicht nur etliche Rettungseinsätze für festgefahrene Autos auf besagtem Waldweg, sondern mussten auch einige Menschen mehr oder weniger höflich un­seres Grundstücks verweisen, da sie offensichtlich vermuteten, dass unser Haus die Packstation sei. Manche versuchten sogar, uns unter Androhung von körperlicher Gewalt zur Herausgabe ihres Pakets zu nötigen.
Nachdem Google endlich auch diese Änderung durchgeführt hatte, atmeten wir auf. Jetzt sollten doch wohl alle Menschen die schon fertiggestellten Supermärkte, die Packstation und auch die noch bestehende Baustelle finden, sodass wir unbe­sorgt verreisen konnten.

Als wir nach zwei Wochen Ostseeurlaub wieder nach Hause fahren wollten, akti­vierte ich Google Maps zum heimwärts Navigieren. Dabei bemerkte ich zu meinem Schreck, dass jetzt das gesamte Einkaufszentrum einschließlich der Baustelle in un­serem Garten eingezeichnet war. Nichts Gutes ahnend traten wir den Heimweg an.
Nachdem wir unser Grundstück in der Dunkelheit erreicht hatten, wollte ich das Tor öffnen, um unser Auto in die Garage zu fahren, was mir jedoch nicht gelang, denn ganz dicht hinter dem Tor in der Einfahrt befanden sich viele Paletten mit Gehwegplatten. Links und rechts davon standen zwei Torhäuser, die sich bei nähe­rem Hinsehen als Dixi-Toiletten erwiesen.
Als ich mich entsetzt umdrehte, um zum Auto zurückzukehren, prallte ich fast mit einer fremden Frau zusammen. Sie deutete auf unser Domizil und fragte mich dann erstaunt: „Sagen Sie bitte, ist das hier das Futterhaus?“


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Kommentare (11)

Wilfried

Kurzes Update:

Die Häuser sind inzwischen fertiggestellt, sodass keine Baumaterialien mehr bei uns abgeliefert werden. Auch wissen die Fahrer inzwischen alle, wo Rewe und Aldi sind.

In den neuen Häusern wohnen nun Menschen und die bestellen sich vieles per Internet. Deshalb klingeln jetzt ständig Pizza-Lieferanten und Paketboten bei uns und es ist sehr schwer, ihnen klarzumachen, dass sie ihre Lieferung noch am Seniorenheim und dem Wäldchen vorbeitransportieren müssen, um sie dem Besteller übergeben zu können.
Die entsprechenden Dialoge mit den meist schlecht deutsch sprechenden Lieferanten wären ebenfalls wert, aufgeschrieben zu werden.

Vielleicht werde ich etwas davon in einem meiner nächsten Bücher unterbringen.

tergea

Bin begeistert! Einfach köstliche Story! Danke dafür!

ahle-koelsche-jung

Ohweia, Schilda ist überall; oder handelt es sich um einen neuen Ostfriesenwitz?  😅
Aber ich habe gern über diese Story gelacht, sowas braucht man in der heutigen Zeit.

VG a-k-J

Syrdal


Vorschlag zur Lösung des Problems:

Ware und Material stets unwidersprochen abladen lassen, keinesfalls den Empfang quittieren und alles dann über Ebay-Kleinanzeigen meistbietend an Selbstabholer gegen Bargeld ohne Quittung verscherbeln. Das könnte in diesem Fall zu einer willkommenen Dauereinnahme führen - steuerfrei versteht sich…

...meint Syrdal

Muscari


Eigentlich wollte ich Dir ein Herzchen schenken.
Aber das macht man doch nur, wenn etwas gefallen hat.
Denn das, was Du berichtest, ist alles andere als lustig.
Bis auf die Bemerkung:
„Sagen Sie bitte, ist das hier das Futterhaus?“ oder auch dass Du Deinen Beitrag unter "Humor und Satire" eingestellt hast.

Da kann ich nur mein Beileid aussprechen.
Ich finde es katastrophal, dass dies alles auf das Konto von Google Maps geht.

Trotzdem wünsche ich Euch, dass allmählich Ruhe einkehrt und sich das alles zum Positiven wendet.

Mit herzlichem Gruß von
Andrea

Juttchen

Lieber Wilfried,
so viel unerwünschter "Besuch" kann schon nervig sein. Aber nehmt es mit Humor, so wie wir. Über die Frage nach dem "Futterhaus" konnte ich herzlich lachen.
Einen netten Samstagabend wünscht
Jutta

werderanerin

Da bleibt nur die Frage für mich...wohnt ihr immer noch dort...😉

Kristine

Wilfried

@werderanerin  Ja, denn für ein neues Haus fehlt es an dem nötigen Kleingeld.

werderanerin

Aber, lieber Wilfried, sie es positiv, du kennst derweile alle möglichen LKW Fahrer aller Art...aber stell dir mal vor, ihr kommt aus dem Urlaub und die Einfahrt ist völlig mit Material blockiert...oh oh..., vielleicht nutzt du das ja, dich als "Einweiser" einstellen zu lassen...nicht verzagen !


Herzlichst

Kristine

Virginia

Wieder köstlich zu lesen! Ich kann vor lauter Lachtränen kaum noch etwas sehen 😂😂

LG
Virginia

Klara39

@Virginia  Das liest sich sicher amüsant und köstlich und ist auch
gut geschrieben - aber durchmachen möchte ich es real nicht müssen!
Klara


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