Verzauberte Liebe
Jungfer im Grünen

Verzauberte Liebe

In der Laube dort im Garten
traf sich Hans, des Keuschlers* Sohn,
mit der Gretel, der so zarten
Tochter des reichen Patron,
der die Liebschaft bald entdeckte
und darob erzürnet war,
sogleich er alle Kontakte
streng verbot dem jungen Paar.
Ach wie zehrten sich die beiden
auf in sehnsuchtsvollem Schmerz,
unerträglich wurd’ das Leiden,
es zerbrach ihnen das Herz.

Nach dem Hans wollt’ Gretel schauen,
schlich sich leis’ zur Laube hin,
denn sie wollte fest drauf bauen,
diese Sehnsucht quäle ihn
ebenso, dass auch er ausschaut
nach der wunderschönen Maid –
sein Gretchen war ja doch die Braut,
die er gerne hätt’ gefreit.
Seit dem Morgen, ach so lange,
hinterm dichten Grün versteckt,
schaut sie aus, im Herzen bange,
ob sie ihren Hans entdeckt.

Tief im Tal am schmalen Wege
voller Sehnsucht schmerzgeplagt,
harret Hans auf seine Liebe
viele Stunden und er klagt:
Hört ihr Götter hoch im Himmel,
schaut herab auf unsre Not,
helfet rasch, ihr guten Engel,
sonst erleiden wir den Tod.“
Dieses Flehen vernahm Flora –
Schutzgöttin der Pflanzenwelt –
kam herab zur Erde und sah,
was die Liebenden so quält.

Gleich verwandelte sie Gretel
in die „Jungfer im Grünen“*
und sodann wurde der Hansel
eine Ranke mit Blüten,
die man kennt als „Hans am Wege“
auch als „Vogelknöterich“ –
so erfüllte sich die Liebe,
blütenschön fanden sie sich!

© Syrdal 2016

Vogelknöterich.jpg
Vogelknöterich


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(Gedicht gestaltet nach einer österreichischen Sage.)

Erklärungen:
*Keuschler = Kleinhäusler; Bewohner einer „Keusche“, der sich als Knecht verdingte und nicht in den Bauernstand einheiraten durfte.
*Jungfer im Grünen (Nigelle damascena)= einjährige Pflanze aus der Familie der Hahnenfußgewächse mit blauen, auch weißen Blüten
*Vogelknöterich (Polygonum aviculare) = einjährige, meist niederliegende, ziemlich unscheinbare krautige Pflanze mit kleinen weißen oder rötlichen Blüten

 

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Kommentare (7)

Juttchen

Lieber Syrdal,
die Jungfer im Grünen habe ich auch in meinem Garten und sie sät sich jedes Jahr ganz zuverlässig selbst aus. Sie macht die Beete so schön romantisch und ist mit rosa Rosen ein wunderschöner Anblick.
Ich danke Dir fürs Einstellen und wünsche Dir noch einen netten Abend. Liebe Grüße von
Jutta

Syrdal

@Juttchen

Liebe Jutta. dann hast Du alljährlich wiederkehrende Freude an der „Jungfer im Grünen“… und ganz bestimmt gibt es irgendwo ganz in der Nähe auch den „Hans am Wege“, den liebreichen Vogelknöterich.

Mit Dank für Deine freundlichen Worte grüßt zum Sommerabend
Syrdal  

Heidi Grünwedl

@syrdal  ich kannte mal ein tibetisches Märchen, darin wurden aus dem Liebespaar so 2 Steine, aus denen Wasser hervorquoll und die Landschaft fruchtbar machte, sodass die Leute wieder leben und ihre Gärten bepflanzen konnten. Das ist so ähnlich, gibt' s wohl in mehreren Kulturen in ähnlicher Art.

Liebe Grüße

Heidi

Syrdal

@Heidi Grünwedl

Die Schönheit und das Geheimnis der Steine, das ist sicher auch eine hübsche Geschichte… Es gibt solche in allen Kulturen der Welt, freilich in verschiedenen Versionen.

Danke und Grüße von
Syrdal 

Heidi Grünwedl

@Syrdal  leider weiß ich nicht mehr, wie das tibetische Märchen hieß. Tut mir leid, aber du hast recht, es gibt diese Geschichte in vielen Kulturen schon öfters.

Liebe Grüße

Heidi

Pan

Eine "zauberhafte" Begegnung mit einem bezaubernden Ausklang -
ein gelungenes  Bild,

meint nachdenklich
Horst

Syrdal

@Pan

Ach ja, lieber Horst, immer wieder begeistert mich, welch schöne und auch hintergründig inhaltsschwere „Geschichten“ uns in Märchen, Sagen und auch in historischen Berichten und Erzählungen aus längst vergangenen Zeiten erhalten geblieben sind. Und diese hier hat mich sogleich animiert, sie in Gedichtform nachzuerzählen – eine Geschichte, die in der Tat nachdenklich machen kann…

Mit Dank für Deine Anregung grüßt zum Sommerabend
Syrdal  


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