Vorsicht , Gefahr !

Am gestrigen Abend erst von einer dreimonatigen Asienreise zurückgekehrt, bin ich noch rechtschaffen müde und verschlafen – auch aufgrund der Zeitverschiebung -, als ich durch meine Hausklingel aus dem Schlaf gerissen werde.
Ein Blick auf meinen Wecker bestätigt mir, dass tatsächlich Jemand wagt, mich zu einer unchristlichen Zeit – es ist Fünf Uhr dreißig Früh – aufzuwecken!
- `Zimmermann ́, so mein erster Gedanke. –

Meine Stimmung sinkt auf den Nullpunkt. Ich spähe durchs Fenster und sehe ein fremdes, bärtiges Unikum auf der Straße, Welches nun erneut den Klingelknopf am Hoftor betätigt.
`Wer kann das wohl sein? Vermutlich ein Bettler, der Hilfe benötigt. ́
Gutherzig, wie ich nun einmal bin – und gleichzeitig erleichtert, dass es sich ausnahmsweise doch nicht um meinen Freund Zimmermann handelt, ziehe ich meinen Bademantel über und begebe mich ins Freie. Den Geldbeutel hatte ich in eine der Bademanteltaschen gesteckt.

Gut, dass du wach bist“, höre ich eine mir bekannte Stimme sagen. Erstaunt blicke ich nach rechts und links die Straße entlang. Da ist Niemand sonst. Dann erkenne ich ihn.
Es ist Zimmermann! Aus dem Dreitagebart ist ein wilder Dschungel geworden.
Wie schaust du nur aus ?“ Ich öffne das schmiedeeiserne Hoftor . „Komm herein !“
Doch Zimmermann wehrt ab:
Nein, nein ! Du musst sofort mit mir kommen ! Zieh dir Etwas an, dann fahren wir zu mir. Du musst mir helfen ! Ich kann mein Haus nicht betreten.... Los, beeile dich !“
Damit schiebt er mich zurück in meine Hofeinfahrt. -
Ich gehorche, ziehe mir Etwas an und fahre das Auto aus der Garage.

Nach drei erholsamen Monaten hat mich die Wirklichkeit in Gestalt meines durchgedrehten Freundes wieder eingeholt.
Der vermeintliche Bettler weigert sich stur, mir irgendwelche Auskünfte zu erteilen. – Erst wenn wir bei ihm Zuhause angekommen sind, will er sprechen. Ich kenne ihn und lasse ihm seinen Willen.

Als Erstes fällt mir ein gelbes Zelt auf, welches in seinem rückwärtigen Garten aufgeschlagen ist. Diesmal scheint es wirklich etwas Ernsthaftes zu sein, wobei er meine Hilfe braucht.
Zu selbigem Zelt lenkt er nun seine Schritte, wobei er mich mit sich zieht. Er zwingt mich, meine Schuhe auszuziehen und mich in das Innere des Zeltes zu begeben.
Ich staune. Es ist komplett eingerichtet! Selbst ein Gaskocher fehlt nicht. - Gespannt setze ich mich nieder und warte auf seine Geschichte. Jedoch muss ich mich zunächst wieder erheben, um ihm das Gewünschte und so dringend Benötigte aus dem Haus zu holen.

Ich denke, du kannst dein Haus nicht betreten,“ will ich wissen.
Richtig; deswegen sollst ja du die Sache erledigen; ansonsten hätte ich dich wohl kaum hierher geholt !“

Ich werde misstrauisch. - Was befindet sich in diesem Haus ? - Ein Löwe ; ein Eisbär ..? -
Ihm ist alles zuzutrauen!

Du brauchst keine Angst zu haben. Das Haus ist in dem gleichen Zustand, in dem es schon immer war. Geh’ in mein Badezimmer und hol’ mir eine Tube Zahnpaste aus dem Spiegelschrank. Heute ist Sonntag und die Geschäfte sind geschlossen. Also kann ich mir keine kaufen.“

Es verschlägt mir die Sprache. - Eine Tube Zahncreme ! Dafür wirft er mich um diese Zeit ....
Ich glaube es nicht ! Zimmermann erkennt meinen Ärger und versucht, mich zu beschwichtigen:
Anschließend werde ich dir alles erzählen. Jetzt geh’ und hole mir meine Zahnpaste !“
Wieder gehorche ich. -- -- Ich Hornochse, - ich Rindvieh, - ich ... ich..., ...alter Esel !
Ich könnte mich ohrfeigen!

Nach Erledigung meines Auftrages darf ich mich endlich in Zimmermanns Zelt niedersetzen und auf den Anfang seiner Geschichte warten..... und so erfahre ich denn die ganze schreckliche Wahrheit:

Mein Freund Zimmermann ist übergeschnappt !!
Aus einer Zeitschrift hat er entnommen, dass in unserem Lande die meisten Unfälle im eigenen Heim geschehen,ist losgelaufen und hat sich dieses überdimensionale Zelt gekauft sowie (schäbigerweise) einen Nachbarjungen bezahlt, welcher ihm die notwendigen Sachen aus dem Haus bringen musste!

Auf meine Frage, warum er denn nun auch noch ein Gestrüpp von Bart sein Eigen nenne, erfahre ich, dass er sich anfänglich schon noch rasierte, aber aus Furcht vor einer Verletzung vorsichtshalber keine Klinge mehr in den Apparat einlegte....

Da Zimmermann von Beruf Erbe ist und somit viel Zeit (mangels vernünftiger Beschäftigung) im Haus verbrachte, ist es selbstredend umso schlimmer für ihn, selbiges nicht mehr betreten zu können !
Ich beeile mich, zurück nach Hause zu kommen ....

(Aus: ‚Mein Freund Zimmermann...wie er leibt und lebt‘
von B. Mich. Grosch)


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