Wald und Feld verspielt








Wald und Feld verspielt
 
Selbst von den Uralten kann keiner sagen,
zu welcher Zeit dies einstens geschah:
Graf Reinhard durchstreifte den Wald zum Jagen,
erlegte Wildtiere, die er dort sah
im schönen Land zwischen Diemel und Weser,
in dem es Hirsche und Wildschweine gab,
zur Jagdfeier leerte er manchen Becher
und hielt seine Diener ständig in Trab.
 
Auch war er maßlos dem Glücksspiel verfallen,
das oft er mit Herrschaftsleuten betrieb,
freute sich über Gewinne beim Spielen,
Verluste waren ihm aber nicht lieb,
doch diese ereilten ihn immer wieder,
sie machten bald seinen Geldbeutel leer,
also beorderte er seine Diener:
„Holet geschwind silberne Leuchter her!“
 
Auch diese verlor er beim nächsten Spiel,
danach bald auch Teller, Becher, Besteck,
er setzte sein Jagdrecht samt Wildbret ins Ziel,
doch das nahm die neue Spielrunde weg.
Jetzt bot er Teppich, Möbel, sogar sein Bett,
der Graf verzweifelte, hoffte gebannt,
doch die Spielbrüder waren zu ihm nicht nett,
hatten kein Mitleid als er verarmt wankt.
 
Sein Glück wollt’ Graf Reinhard mit Macht erzwingen,
er setzt seine Felder und Landschaften,
damit söllt’ ihm der Gewinn nun gelingen –
doch wär ein Verlust nicht zu verkraften.
Nun kam es genau so, wie es kommen muss,
die Würfel zeigten: Alles verloren,
für Reinhard war das eine sehr harte Nuss,
vorbei war es mit „Hochwohlgeboren“!
 
Verspielt war nun alles, was er je besaß,
das hatt’ jetzt der Bischof von Paderborn,
auch hülf keine Reue, dass er sich vergaß,
denn diese brächte ihn doch nur in Zorn,
der schlaue Graf Reinhard griff zu einer List,
um all Verlorenes noch zu retten,
er bat den Herrn Pastor um gnädige Frist,
dann würd’ er alles an ihn abtreten.
 
Ein letztes Mal wollte er nochmal ernten,
der Bischof hat ihm das gütig gewährt,
sogleich ließ der Graf die Felder abbrennen
und befahl: „Stecket Eicheln in die Erd’,
auf dass hier entstehe ein uriger Wald
mit hohen Ästen und stolzen Kronen
auf windstarken Stämmen mächtiger Gestalt
mit Kraft von hundertjährigen Bäumen.“
 
Es wuchs nun ein Eichenwald langsam heran,
aber der Erzbischof musst’ erfahren –
er konnt’ es kaum glauben – eine Ernte kann
erstmals erfolgen in fünfzig Jahren,
doch das hat der Gottesmann nicht mehr erlebt,
er starb und ging ein in Himmels Frieden.
Genau dieses hatte der Graf angestrebt,
so war ihm sein Spielverlust geblieben.
 
Geschehen ist dies vor sehr vielen Jahren,
keiner der Alten weiß wann ganz genau,
doch kann man aus alten Büchern erfahren,
die List des Grafen war überaus schlau,
sein Hab und Gut konnte er sich bewahren,
dennoch: das Schicksal ereilt’ auch ihn bald –
dem Waldgebiet gab man etliche Namen,
heut’ nennt man es denkwürdig „Reinhardswald“!
 
© Syrdal 2019
 
.......................................
 
Der Reinhardswald ist ein über 200 Quadratkilometer großes Waldgebiet mit mehrhundertjährigen stattlichen Eichen im Norden des Bundeslandes Hessen, verbunden und bekannt durch eine Vielzahl von Sagen und Legenden, vor allem auch durch die Märchensammlungen der Gebrüder Grimm und die mitten im Reinhardswald liegende, als Dornröschenschloss bekannte Sababurg.


 

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Kommentare (9)

Syrdal


Mein Dank für das feine   
Herz 
geht heute an
Delia

Roxanna
Christine 62
Carola
Angelika
mit freundlichen Grüßen von
Syrdal

indeed

Lieber Syrdal,

eine Sage ist so gut wie die andere, die du uns hier vorstellst. Mir gefallen sie bisher alle und ich mag diese alten Sagen auch sehr. Wenn man ein wenig hinterfragt, so kann man seine Fantasie richtig ausleben und sich vieles vorstellen - wie es damals war und was sich geändert hat oder nicht usw.
Mir bleibt nur übrig, dir ganz herzlich zu danken für diese schöne lyrische Kost..
Ganz liebe Grüße von
Ingrid

Syrdal


Liebe Ingrid,
eigentlich sollte man sich weit öfter und viel intensiver mit den uns überkommenen Geschichten und Sagen aus vergangenen Zeiten beschäftigen, denn wohl in jeder steckt nicht nur der Augenzeugenbericht über markante Geschehnisse, sondern auch manch Lerreiches, das uns Heutigen durchaus Wegweiser für unsere Wegesstrecke sein kann. Interessant ist es allemal, und wenn es nur Geschichten um die Bezeichnung von Fluren, Wäldern und Landschaften geht. Oft könnte man ganze Bücher darüber schreiben, wenn man nachverfolgt, wie Namen entstanden sind und sich im Laufe der Zeit dann verändert haben. Erst kürzlich hatte ich die Sage vom Eisernen Landgraf hier eingestellt, der seine edlen Vasallen wegen schlimmer Vergehen gegen die Bauernschaft gezwungen hat, ein steiniges Feld als Zugpferde zu beackern. Dieses Feld gibt es nahe der Wartburg noch heute und wird seitdem als „Edelacker“ bezeichnet. – Doch wer weiß das wohl heute noch...?
 
Wenn Dir und anderen Lesern meine bescheidenen Verse zu historischen Überlieferungen gefallen, ist es mir eine wirklich große Freude. – Dafür dankt mit lieben Grüßen
Syrdal
 

Rosi65

Lieber Syrdal,

den Ablauf der Sage, von Dir so wunderbar in Versform gereimt, kann ich mir bildlich gut vorstellen.Der Graf war sehr unklug, den wenn er bei hohen Spieleinsätzen seine geistige Geschicklickeit mit Alkoholkonsum gemindert hat, dann war das Verlieren eigentlich schon vorprogrammiert.


Gerade zufällig entdeckt: Eine Sondermarke mit einer schönen Eiche vom Reinhardwald!

                                           briefmarke.jpg
Viele Grüße
  Rosi65

Syrdal


Liebe Rosi, Deine schöne Briefmarke passt ja allerbestens, zeigt sie doch eine der urwüchsigen Eichen, derer es im Reinhardswald noch viele gibt.
 
Habe mich über Deine Beigabe zum Thema sehr gefreut
 
Danke und abendliche Grüße von                   
Syrdal

Roxanna

Interessant ist das zu lesen, wie alles eine Wende genommen hat und der Graf, der seiner Spielsucht verfallen war, doch noch etwas retten konnte. Und so hat er einen Wald hinterlassen, der sicher imposant ist mit diesen alten Eichen. Hoffentlich bleibt dieser Wald noch lange erhalten. Denn, wie ich gelesen habe, steht es auch um die Eichen nicht gut. Ich bewundere immer wieder, lieber Syrdal, welche Arbeit du dir machst, um uns alte Sagen in Gedichtform näherzubringen. Danke und herzliche Grüße

Brigitte

Syrdal


Es ist eine Sage... Ob sie einen wahren Hintergrund hat, man weiß es nicht. Aber die Geschichte steht seit langem für eine der verschiedenen Theorien zur Namensgebung für das große, teils urwaldähnliche Waldgebiet, in dem es viele statliche und sehr alte Bäume – Buchen und Eichen – gibt. Sie leiden freilich wie alle Bäume unter den klimatischen Veränderungen. Es bleibt zu hoffen, dass sie stark genug sind, sich gegen die Unbilden der sich verändernden Wetterlagen wehren zu können, denn sonst wäre es wirklich ein sehr großer Verlust.
 
Dir, liebe Brigitte, danke ich für Deine Gedanken zu Thema und Gedicht. Es freut mich, dass es dich angesprochen hat...
 
Liebe Grüße zum Abend                  
Syrdal
 

Muscari

Da hast Du eine spannende Geschichte in Gedichtform geschrieben. Habe sie mit angehaltenem Atem gelesen.

So geht es heute noch Vielen,
die ihr Hab und Gut verspielen.
Doch schlau wie der Graf wird keiner sein,
denn der besaß Felder und Landschaft allein.

Doch leider fällt mir nichts mehr ein,
drum lasse ich das Dichten sein.
Trotzdem möchte ich Dir mit meinem
kläglichen Reim-Versuch danken, dass ich diese schöne Sage kennen lernen durfte. 
Andrea
Lächeln


 

Syrdal


Es ist immer wieder faszinierend, solche alten Geschichten und Sagen zu erfahren. Für mich sind sie nicht selten Anregung und Vorlage für die Wandlung in ein Gedicht. Schön, wenn es dir und anderen gefällt...
 
...mit Dank für deine Zuschrift grüßt
Syrdal
 


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