Waldi und der Nasenfisch


Waldi und der Nasenfisch

Waldi und der Nasenfisch
 
„Schuhuhuuuu! Schuhuhuhuuu!“ tönt es schaurig über das Sumpflochtal. Richtig unheimlich klingt das: „Schuhuhuuu! Schuhuhuuu!“. Doch die Tiere des Waldes fürchten sich nicht. Sie wissen, das ist nur der Waldkauz Waldi. Der hat bis 2018 in dem Loch oben in der uralten Hohlen Buche gewohnt.
 
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Leider gab es ein arges Unwetter. Der Sturm rüttelte so lange und stark an der Hohlen Buche, bis ihr oberstes Stockwerk abbrach. Mit lautem Krachen stürzte es auf den Boden und zersprang in tausend Stücke. Waldis schöne Wohnung gab es nicht mehr.
 

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Er musste sich einen neuen Schlafplatz suchen. Zum Glück fand er wieder einen gemütlichen in einem anderen alten Baum.
Aber seine guten Freunde von vorher fehlen ihm. So fliegt Waldi regelmäßig zur Hohlen Buche zurück, setzt sich auf ihren dicken Seitenast und erzählt ihr die spannendsten Neuigkeiten aus dem Tal.
„Stell dir vor, was ich heute Nacht erlebt habe: Ich lauschte gerade nach einer Maus auf dem Boden, als ich oben am Hang einen jämmerlichen Klageton hörte. Was war das denn? So etwas hatte ich noch nie gehört! So tief und so traurig! Also flog ich hin. Da lag unser Freund Nasenfisch, du weißt schon, dieser dicke Felsbrocken, neben seinem Weg und weinte jämmerlich. 

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`Was ist denn mit dir los, lieber Nasenfisch?´ fragte ich ihn. Ganz verweint sah er mich an, lächelte aber schon wieder tapfer. `Ach, weißt du, Waldi, ich bin hier so alleine. Du besuchst mich zwar immer und auch die anderen Tiere des Waldes. Außerdem unterhalte ich mich mit meinen Freunden, den Bäumen um mich herum. Aber immer nur im Flüsterton. Genau wie jetzt. Meine normale Stimme ist für euch alle viel zu laut. Ihr würdet zu Tode erschrecken. Doch so ein großer Felsen wie ich, möchte auch mal mit seinesgleichen reden können, in voller Lautstärke. Aber schau dich um, hier gibt es nirgends noch so einen Riesenbrocken wie mich.´ Schon drang wieder ein abgrundtiefes, trauriges Grummeln aus seinem tonnenschweren Bauch hervor.
Mir zerbrach es fast das Herz. Also versprach ich ihm, nach einem anderen Riesenfelsen Ausschau zu halten.“
 
Die Hohle Buche knarrte leise. Bedächtig wiegte sie ihre Äste hin und her. Dabei knarzte sie voller Mitgefühl: „Weißt du was? Mir hat mal ein Rabe erzählt, dass es ein paar Täler weiter einen Riesenfelskopp gibt. Vielleicht möchte der sich ja auch mal mit seinesgleichen unterhalten?“
 
Waldi musste eine Weile suchen. Doch dann entdeckte er ihn. Wie ernst der arme Kerl dreinschaute! 

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Doch als ihm Waldi von dem Riesen-Nasenfisch erzählte, lachte er plötzlich über das ganze Gesicht: „Mannomann, das wäre schön! Ja, mit dem würde ich gern mal Kontakt aufnehmen!“ Ach je, auch dieser Felsen flüsterte nur ganz leise und vorsichtig. „Doch wie soll das gehen? Wir würden mit unseren dröhnend lauten Stimmen alle Tiere und Menschen um uns herum zu Tode erschrecken!“
Da hatte Waldi eine Idee. Er setzte sich auf die dicke, lange Felsennase seines neuen Freundes. Und dann beratschlagten sich die beiden miteinander.
Danach flog er wieder zurück und erzählte dem Riesen-Nasenfisch von seinem neuen Freund und ihrem Plan. Als er wieder zur Hohlen Buche flog, lächelte der Nasenfisch glücklich und erwartungsvoll vor sich hin.
 
Doch es vergingen noch Wochen, bevor sich die beiden Felsen endlich über alle Täler hinweg unterhalten konnten. Es dauerte und dauerte und alle warteten. Bei einem heftigen Sommergewitter war es dann endlich soweit. Gerade als ein Blitz aufzuckte, rief der Riesen-Nasenfisch mit seiner dröhnenden Stimme: „Hallooo, Felskopp, hörst du mich?“ Die Lautstärke war so erschreckend, dass die Menschen den Kopf einzogen und schnell in ihre Häuser verschwanden. Wumm-wummmm! Wie das dröhnte und krachte und nachhallte! Es war so laut, dass selbst der Donner erschrak und für einen Moment die Luft anhielt. „Hohohooo, hier bin ich, mein Freund!“ antwortete der Felskopp kein bisschen leiser: „Hohohohooo, ich höre dich!“ Wumm und krach! So ging es eine ganze Weile hin und her. Es wurde lauter und lauter und dröhnte so schrecklich und bedrohlich, dass den Menschen vor diesem Gewitter angst und bange wurde.
 
Nur Waldi und die Hohle Buche lauschten ganz vergnügt dem Dröhnen und Krachen. „Wer hätte das gedacht“, kicherte Waldi, „dass Felsen eine derart laute Stimme haben?“ „Tja,“ meinte die Hohle Buche, „fast könnte man meinen, das wäre Gewitterdonner.“ Darüber lachten beide so herzhaft, dass Waldi auf seinem Ast hin- und herhüpfte und plötzlich vor Lachen herunterfiel.
 
8.1.2021
 

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Kommentare (12)

lillii

So sind sie , die Stimmen de Natur, sie wollen auch gehört werden,
Gäbe es doch so einen Übersetzer wie den Waldi für uns Menschen, der unsere Worte  richtig  zu deuten wüsste, es gäbe mehr Verständnis füreinander.
eine Geschichte zum Nachdenken, liebe Rosmarie

Danke und liebe Grüße
von Luzie
 

2.Rosmarie

Liebe Luzie,

deine Antwort bewegt mein Herz! Wenn diese von dir angesprochene Chance wirklich in der Geschichte enthalten wäre, dann wäre das wundervoll!
Ich sehe es nämlich auch so, dass eines der großen Ziele von uns Menschen sein könnte, mehr Verständnis füreinander zu finden und uns entgegenzubringen. Die Welt lächelte sicher ein bisschen breiter...

Dir vielen lieben Dank und ebensolche Grüße
Rosmarie

Roxanna

Das ist eine schöne Geschichte, liebe Rosmarie, die man sich gerne erzählen lässt, vielleicht sogar als Gute-Nacht-Geschichte. Sie ist anrührend und einfach zum lächeln. Ich habe sie sehr gerne gelesen.

Herzlichen Gruß
Brigitte

2.Rosmarie

Liebe Brigitte,

wie schön, dass du meinst, diese Geschichte könnte auch eine Gute-Nacht-Geschichte sein! Ja, das würde mich sehr, sehr freuen!

Für mich sollten Kindergeschichten immer so sein, dass sie das Herz berühren und ein bisschen heile Welt vermitteln. Manchmal braucht man einfach ein Pflaster auf die Wunden des Lebens - Kinder erst recht.

Herzlichen Dank und liebe Grüße
Rosmarie

Muscari


Super nette Geschichte und auch die Fotos sind herrlich !!
Danke sagt
Andrea

2.Rosmarie

Liebe Andrea,

vielen lieben Dank für dein so positive und herzliche Antwort!
Ich bin ein bisschen eine "Waldfrau", also eine, die in der Natur immer gut auftanken kann. Dadurch sehe ich manchmal etwas, was sich für ein entsprechendes Bild eignet...

Dir einen schönen Tag und liebe Grüße
Rosmarie

indeed

Liebe Rosi,
spannend geschrieben und wirklich sehr schön. Diese Geschichte sollte man Kindern vorlesen, die vor einem Gewitter Angst haben. Es würde evtl. helfen, Ängste abzubauen.

Dankeschön für die Freude und wünsche einen schönen Abend.

Ingrid

2.Rosmarie

Liebe Ingrid,

deine positive Antwort freut mich sehr! 
Auf die Idee, dass überängstliche Kinder durch diese "Erklärung" vielleicht weniger Angst vor einem Gewitter haben könnten, bin ich noch gar nicht gekommen. Aber du hast recht: Positive emotionale Botschaften treffen manchmal direkter und leichter ins Herz als alle rein rationalen Zusprüche.

Vielen lieben Dank an dich und liebe Grüße
Rosmarie

 

Monalie

 Das ist eine nette Geschichte mit schmunzeln  gern gelesen, lieben Gruß Mona

2.Rosmarie

Liebe Mona,

ganz herzlichen Dank, dass du meine Geschichte gern lesen mochtest und dass sie dich sogar zum Schmunzeln bringen konnte!

Liebe Grüße
Rosmarie

WurzelFluegel

So kann es kommen,
da haben wir uns also ein Leben lang geirrt, wer bei einem Gewitter, die ganz wilden Donner macht. green.gif

Nette Geschichte, Rosmarie!
lieben Gruß
WurzelFluegel

2.Rosmarie

Liebe WurzelFluegel ,

ja, erst jetzt durch deine launige, nette Antwort wird auch mir klar, wer beim Gewitter die ganz wilden Donner macht! Himmel, manchmal brauche ich lange, bis ich schalte!

Dir ganz lieben Dank und ebensolche Grüße
Rosmarie


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