...was hat sie sich dabei gedacht?


heute geht es mir nicht besonders gut, wie immer wenn es trüb ist weiß ich nicht so richtig was ich mit mir anfangen soll, einerseits versuche ich meinen allgegenwärtigen Depressionen mit "Aktionismus" zu begegnen, andererseits fehlt mir der Sonnenschein, der mir die nötige Kraft dazu gibt. Ich bin jetzt für 10 Tage zuhause im schönen Allgäu, hier wo ich mich sehr wohlfühle, der Blick vom Balkon, rundherm grün einfach toll ... meine Pflanzen auf dem Balkon sind auch schön gewachsen obwohl ich sie doch so vernachlässigt habe ...da ich sowieso schlecht gelaunt bin werde ich jetzt meinen "Papierestapel" sortieren, all das was immer in die Ablage wandert da es zu schade zum wegwerfen ist (vielleicht kann man es ja noch einmal brauchen) die große Kiste für Papiermüll steht neben mir und ich beginne zu sortieren ... die "Guten" in die Ablage die "Schlechten" ins Altpapier .... plötzlich verharre ich, in der Hand halte ich das Bild einer sehr guten Freundin, eine Momentaufnahme - die mir noch immer wieder große Trauer bereitet ... Christa eine gute Freundin, wir sind uns in keiner Weise ähnlich und trotzdem gedanklich und gefühlsmäßig sehr nah, auch sie leidet unter Depressionen - geht kaum aus dem Haus - festes Ritual in unserer Freundschaft ist es geworden das wir uns jede Woche einmal treffen, Kaffee trinken - klönen - meist fahre ich zu ihr - sie ist so taff das ich manchmal ganz neidisch schaue - aber dabei auch so unbeholfen, jedenfalls für uns ist diese wöchentliche "Kaffezeit" ein willkommenes "muss". Christa lebt in ihrer Welt, mit 50 hat sie beschlossen nicht mehr leben zu wollen - Magersucht - Tablettenmissbrauch - Alkohol - zahlreiche Klinikaufenthalte folgen - wir tauschen uns ständig aus, ich versuche ihr Mut zu machen, sie aus ihrer selbstgewählten Einsamkeit zu reißen und ich denke das ist mir ab und zu ganz gut gelungen. Mehrmals ruft sie mich an wenn sie wieder mal "ZUVIEL" genommen hat, jedesmal gelingt es mir den Arzt hinzuschicken. Ich denke mein Bauchgefühl hat gelernt "Alarm" von blinden "Alarm" zu unterscheiden.
Nun kurz vor meinem 58. Geburtstag bin ich wie immer am Donnerstag bei Christa, sie unterbreitet mir einen Vorschlag. " Du Christine, ich möchte für dich am Samstag zu deinem Geburtstag ein schönes Frühstück bereiten, so wie Du es magst - stundenlang frühstücken - mit vielen leckeren Häppchen - mit Käse und Trauben, mit Lachs und Ei mit lauter tollen Köstlichkeiten " ...das wird mein Geschenk an dich sein. Ich freue mich riesig und verspreche an meinem Geburtstagstag pünktlich da zu sein. Der Samstag kommt, voller Vorfreude fahre ich zu Christa, es erwartet mich eine wunderschöne Geburtstagstafel - mit viel Liebe und Sorgfalt gedeckt - wir schmausen und klönen - gegen Mittag fahre ich wieder nachhause. Christa hat mir einen Teil von dem festlichen Essen eingepackt - der Samstag geht vorbei, der Sonntag - wir telefonieren, ich erinnere Christa an die Termine der kommenden Woche und ich muss sagen, ich habe ein komisches Bauchgefühl, denke noch, morgen rufst du die Hausärztin an .... doch dazu komme ich nicht mehr, am Montag Vormittag erreicht mich die Nachricht das Christa tot ist - Suizid - ich bin verzweifelt, mache mir Vorwürfe - und dann - kommt mir der Schnappschuss, den ich an meinem Geburtstag mit dem Handy gemacht habe in den Sinn, ich drucke das Bild aus - so wie es jetzt vor mir liegt - und sehe eine Christa, die schon am Geburtstag "nicht mehr dabei" war, noch mehr Vorwürfe und Fragen die mir niemand beantworten kann ... es wird erst besser, als ich zu ihrem Grab gehe, ich schimpfe mit ihr "warum hast du das getan" "wieso hast du dich von mir verabschiedet und mir keine Chance gegeben mich auch von dir zu verabschieden" aber ich sehe auch das Christa ganz verschmitzt lächelt und sagt "ätsch ich hab dich ausgetrickst" ... dieses Jahr - am Geburtstag "danach" habe ich wieder darüber nachgedacht und so wird es mir wohl an jedem Geburtstag gehen ... die Wut ist dem Andenken an die schöne gemeinsame Zeit gewichen ... ich freue mich mehr denn je am Leben und so war ihr Freitod nicht umsonst, er hat mir die Augen geöffnet für die Schönheit des Moments ...
... das Bild in meiner Hand .... vertreibt meine Missstimmung und schlechte Laune, ich ziehe mich an und gehe raus in den Wald, mit all seinen Leben, Gerüchen, Lauten und Eindrücken ...
Danke
Christine

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Kommentare (5)

tilli
tilli
Mitglied

Es geht so nah.Alles was man erlebt ist eigentlich für uns eine Lehre.
Schön,das du jetzt jede Minute deines Lebengeniessen wirst.Die Freude die Schönheit der Natur,wird dich jetzt intensiver begleiten.
Viele Grüße Tilli
piggi
piggi
Mitglied

Geschichten wie diese gehen mir sehr nahe. Da kommen Gedanken der Hilflosigkeit hoch, auch wenn man nicht unmittelbar davon betroffen ist.
Wenn der Lebenswille fehlt findet man immer einen Weg sich vom Leben zu trennen, ohne das der Aussenstehende unmittelbar davon etwas mitbekommt.
Hilfesuchende kündigen ihre Suizidabsichten meistens an als Alarmsignal und um nach Hilfe zu schreien, nicht so die, die wirklich abschließen wollen mit dem Leben.

Deine Freundin hat sich von Dir verabschiedet auf ihre Art, Du hast ihr verziehen und das ist gut so. Jetzt kannst auch Du aufatmen und die Welt wieder mit anderen Augen sehen, während Deine Freundin von oben auf Dich aufpasst.
Ich wünsche Dir ein Leben voller Zuversicht.
Liebe Grüße
Birgit
Christine1951
Christine1951
Mitglied

... für deine Worte, ich schreibe ja, "Sie hat mir die Augen geöffnet für die Schönheit des Moments" ... und es ist gut das ich in der Hektik des Seins immer wieder, besonders an meinen Geburtstagen ... weiß wie schön das Leben sein kann... viel sensibler gehe ich mit den Beschwernissen aber auch schönen Dingen des Alltags um ...und wenn ich am Grab stehe ... sehe ich immer ihr verschmitztes Lächeln ...und schöpfe neue Kraft für mein Leben
Christine
anjeli
anjeli
Mitglied

einen Menschen, der nicht mehr leben will, mit aller Macht aufzuhalten.
Jeder Mensch ist für sich selbst verantwortlich.
Christine, ich sehe in dem Geburtstags-Frühstück auch eine Verabschiedung von deiner
Freundin Christa. Schuldgefühle brauchst du dir nicht einreden. Du bist nicht schuld,
weil du nicht für ihr Leben verantwortlich bist.
Bestimmt wollte Christa nicht, daß du dir Vorwürfe machst. Du konntest die Selbstötung
nicht verhindern, du hättest sie Tag und Nacht bewachen müssen.
Gut finde ich, wenn du sagst sie hätte dich ausgetrickst. Das zeigt mir, daß du ihre
Entscheidung angenommen hast.

Ich wünsche dir, auch das positive zu sehen, sagt anjeli/ulla
ehemaliges Mitglied
das deine Freundin sich auf ihre art Verabschiedet hat mit dem tollen Frühstück,
und mache Dir keine vorwürfe, das gehen auch wenn man Sterben will ist nicht einfach
und wie sollte man einem Fraund sagen der Tag kommt bald ich bin soweit, jeder würde einen aufhalten wollen. Das leiden Tag für tag das zurück ziehen in sich, wer weiss wirklich um das warum des anderen, das du nun die Tage so hell seine kannst und eine freude hat , ist doch sehr viel.
Es gibt immer mehr Menschen die in sich gehen und diese Welt nicht mehr verstehen , und dann sich selber auch nicht mehr.
Ich wollte schon gerne als Kind nach Hause gehen, mir war klar das ich auf dieser Welt nicht zu Haus bin, das geht bei heute so, aber ich muss auch sagen das ich nun darüber so alt wurde, es gibt da immer eine heimlich liebe in mir, zu gehen.
Aber ich mag diese Welt und ihre natur, aber leider mag ich nicht das oberflächliche dieser Welt, und ich meine den Menschen ansich der immer mehr sich selber verliert.
Christa ist nun weg, und ich denke sie wird dort sein wo Sie gut aufgehoben ist.


Ich wünsche mir sehr das dein Leben nun hier mehr als schön sein wird....


Diro


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